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La Paz: Über das Chaos hinweg schweben

In Bolivien entsteht das dichteste Seilbahnnetz der Welt

Verstopfte Straßen und Staus, gesundheitliche Belastung durch Abgase und Lärm – das sind die Begleiterscheinungen vom Leben in der Stadt. Und das längst nicht nur bei uns, sondern noch viel gravierender in Entwicklungsländern, wo die Metropolen chaotisch und ungeplant und vor allem rasend schnell wachsen.

Die Hauptstadt von Bolivien versinkt im Verkehrschaos. Inzwischen leben zwei Millionen Menschen im Großraum La Paz. Bislang besteht der öffentliche Nahverkehr hauptsächlich aus Minibussen, die zu tausenden die viel zu engen, steilen Straßen verstopfen. In der Rushhour bewegt sich auf den Straßen der Metropole fast nichts mehr.

„Jetzt gerade ist eigentlich ein gutes Beispiel. Es ist halb neun am Morgen, das ist DIE Stoßzeit, da stockt es überall. Und wenn wir gleich noch im Innenstadtzentrum vorbei kommen, wird man feststellen, da geht dann fast gar nichts mehr“. Torsten Bäuerlein ist unterwegs zu einer Baustelle. Er ist 35, ein dynamischer junger Mann in winddichter Outdoorjacke, darüber eine Warnweste. Der Göttinger hilft dabei mit, den öffentlichen Nahverkehr komplett neu zu strukturieren. Eine U-Bahn oder eine Metro kann man hier nicht bauen, denn La Paz liegt in einem Talkessel und ist umgeben von steilen Hängen. „Es gibt innerhalb der Stadt bis zu 1000 Meter Höhenunterschied. Da hat sich der Einsatz von Seilbahnen geradezu aufgedrängt, um die die Straßenkapazität zu entlasten“, so Bäuerlein.

 Und so entsteht in der bolivianischen Hauptstadt La Paz im Moment das dichteste städtische Seilbahnnetz der Welt. Fünf Linien sind schon in Betrieb, sechs weitere im Bau, Pläne für noch mehr Linien werden wohlwollend diskutiert. Für die Stadtbewohner bringt der Teleférico, wie die Seilbahn genannt wird, eine enorme Erleichterung im Alltag. „Der Teleferico spart viel Zeit. Wofür man mit dem Bus mindestens eine Stunde braucht, das schafft die Seilbahn in 20 Minuten. So sehr hat sich das geändert!“ Leocardia Alave Suri sitzt entspannt in einer Gondel und blickt über das Chaos unter sich hinweg auf den majestätischen, schneebedeckten Illimani. Sie schwebt fast lautlos und völlig ruhig über der Stadt, nur, wenn die Seilbahn eine Stütze passiert, rattert es etwas. Leocardia Alave Suri, ist Marktverkäuferin, sie lebt in El Alto, der Schlafstadt von La Paz, die gut 500 Höhenmeter oberhalb des Zentrums liegt. Die Serpentinen runter ins Tal sind durch die vielen Pendler chronisch verstopft.

Doch nicht nur wegen der Zeitersparnis fährt sie gerne mit der Gondel. „Es ist zudem noch eine schöne Spazierfahrt. Man hat eine tolle Aussicht, es ist sauber und leise, ganz anders als im Bus, wo man so eingeengt ist.“

Gebaut wird der Teleférico von der österreichischen Firma Doppelmayr, die längst nicht mehr nur Skilifte und Seilbahnen in den Alpen, sondern inzwischen auch immer mehr städtische Verkehrsmittel baut. Torsten Bäulerein arbeitet hier als Projektmanager. Was unterscheidet eine Seilbahn in den Alpen von der in einer Stadt? Eigentlich nichts, sagt er. Nur der Bau ist wesentlich komplizierter.

Torsten Bäuerlein steht mit einem Helm auf dem Kopf vor einer Baustelle, auf der direkt neben einem Haus gerade ein Kran ein riesiges Metallteil in die Luft hebt. Hier wird momentan eine Stütze zusammen gebaut. “Wenn wir auf der Alm arbeiten, dann montieren wir auch gerne mit Hubschraubern. Diese ganzen Segmente von Stützen, die mehrere Tonnen wiegen, die kann man mit einem Hubschrauber anfliegen und dann montieren. Das ist etwas, was in einer Stadt nicht möglich ist, zumindest nicht in einer Stadt wie La Paz, denn hier sind die meisten Dächer Wellblechdächer und der starke Abtrieb der Rotorblätter würde diese Wellblechdächer in alle Richtungen wegwehen.“ Außerdem müsste man die Menschen, die in den Flugschneisen des Hubschraubers leben, evakuieren. Auch die Platzierung der Stützen ist auf der grünen Wiese wesentlich einfacher als in der Stadt. Das technische Büro von Doppelmayer berechnet, wo ungefähr die Stützen stehen müssen. Innerhalb der Achse kann sie ein paar Meter vor oder zurück versetzt werden. Als oberste Priorität gilt, dass keine Häuser weichen müssen. Torsten Bäuerlein zeigt uns eine Stütze, die halb auf dem Bürgersteig, halb auf die Straße gesetzt wurde, so dass weiterhin die Bürgersteigkapazität verwendet werden kann und auch die Straßenkapazität so gering wie möglich beeinflusst wird.

Allerdings haben die Familien, die in diesem Haus wohnen, jetzt keine Aussicht mehr, sondern blicken aus ihren Fenstern direkt auf den Mast. Andere müssen damit leben, dass man ihnen von oben in den Garten blicken kann und bei vielen Menschen gleiten ständig die Schatten der Gondeln durchs Wohnzimmer.

In der Zentrale von „Mi Teleférico“, der Betreiberfirma der Seilbahn, ist sich die Sprecherin Fatima Sanchez Quiroga bewusst, dass nicht alle Einwohner von La Paz über die Gondeln glücklich sind. Aber: „Das sind Einzelfälle. Die meisten Bolivianer und auch die Besucher gratulieren uns zum Teleferico. Eine Autobahn würde einen viel größeren Eingriff für viel mehr Menschen bedeuten. Wir geben uns große Mühe, so wenig Menschen wie möglich umzusiedeln oder sonst wie zu beeinträchtigen.“

Wer doch weichen muss, erhält Ausgleichszahlungen. Auch wenn einzelne Personen Nachteile erlitten, so profitierten unterm Strich doch die meisten Pacenos sehr von der Seilbahn, sagt sie. „Wir waren selber überrascht, wie schnell sich die Menschen daran gewöhnt haben, mit der Seilbahn zu fahren. Wir haben jeden Tag rund 100.000 Passagiere. Die hatten wir schon ein paar Monate nach der Eröffnung!“

An manchen Tagen ist die Nachfrage noch deutlich größer. Wenn mal wieder eine der vielen Demonstrationen die Straße blockiert, geht außer der Seilbahn gar nichts mehr.

In jeder Gondel finden zehn Personen Platz. Jede der Linien kann pro Stunde und Richtung 3000 Passagiere befördern. Mit einem kleinen Trick lässt sich die Technik bei besonders hoher Nachfrage anpassen. „Dann fährt sie etwas schneller und der Abstand zwischen den Gondeln wird verkürzt. Dadurch kann man die Kapazität von 3000 auf 4000 Personen erhöhen“, erklärt Bäuerlein.

Eine Seilbahn ist dabei sehr energieeffizient. Wenn sich das Seil, an dem die Gondeln hängen, einmal in Bewegung gesetzt hat, läuft es den ganzen Tag in derselben Geschwindigkeit, so dass keine Energie durch Abbremsen und neues Anfahren verloren geht. Und für jede Kabine, die bergauf fährt, fährt eine bergab, so dass sie sich gegenseitig vom Gewicht her ausgleichen. Und weil sie mit Strom betrieben wird, entstehen keine Abgase. Besonders interessant ist für Städteplaner aber, dass eine Seilbahn in kürzester Zeit gebaut werden kann. „Die Linea rocha, die rote Linie, wurde in 14 Monaten aufgebaut. 14 Monate ab der Designphase, Fertigung in Europa, einmal um die ganze Welt schiffen, bis nach Bolivien, zusammenbauen, Bremstests durchführen und so weiter und dann in den öffentlichen Betrieb gehen. In 14 Monaten“, berichtet Bäuerlein begeistert.

Zum Vergleich: Der erste Teil der Linie 5 der Kölner U-Bahn konnte erst nach sieben Jahren Bauzeit eröffnet werden – und war zudem um ein vielfaches teurer. Wäre so eine Seilbahn nicht also auch etwas für uns in Deutschland?

Torsten Bäuerlein antwortet: „In ganz bestimmten Situationen kann die Seilbahn eine Lösung bieten. Wie zum Beispiel, wenn große Höhenunterschiede überwunden werden müssen, beispielsweise eine Universität, die auf einem Hügel liegt, die an eine Stadt anzubinden, einen Fluss zu überqueren – da hat dann eine Seilbahn im Prinzip denselben Nutzen wie eine Brücke.“

In Wuppertal, Hamburg und Bonn gibt es Pläne für Seilbahnen, doch sie umzusetzen ist in einem Land mit Planfeststellungsverfahren und Bürgerbeteiligung wesentlich langwieriger als in Bolivien. Dort spielen beispielsweise Überflugsrechte über private Grundstücke keine Rolle – hier müssen sie von jedem einzelnen Eigentümer erteilt werden. Außerdem verändert eine Seilbahn das Stadtbild. „Es ist möglich dass das in Europa bei einzelnen Projekten auch ein Hindernis darstellen kann, wie zum Beispiel die historischen Innenstadtkerne, die ja in den meisten europäischen Städten unter Denkmalschutz stehen, dort eine Station zu bauen oder Stützen hinzusetzen, ist schwieriger oder eben teilweise auch unmöglich“, sagt Bäuerlein abschließend.

In La Paz schweben die Gondeln über kolonialen Gebäuden aus dem 16. Jahrhundert, über großzügigen Villen der Oberschicht genauso wie über armseligen Hütten. Der Teleferico verändert nicht nur das Stadtbild, sondern ist zum neuen Wahrzeichen von La Paz geworden. „Ich bin stolz darauf. Früher gab es hier so etwas nicht. Und es ist wunderbar damit zu fahren. So als säße man in einem kleinen Flugzeug. Der Teleferico ist wirklich eine große Erleichterung“, erzählt Leocardia Sure Alavi.

Fotos: Christian Nusch

Titel: Bolivien Kompakt
Autorin: Katharina Nickoleit
ISBN: 978-3-89662-588-5
Seiten: 252
Verlag: Reise Know-How
6. aktualisierte Auflage 2017

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr unter:
www.katharina-nickoleit.de