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La Negra verabschiedet sich mit einem beeindruckenden Album (11/2009)

Es ist so, als wäre sie einfach von der Bildfläche verschwunden, dabei ist sie gerade jetzt in Argentinien präsenter denn je. Die Rede ist von Mercedes Sosa, jener Sängerin, welche die Argentinier liebevoll La Negra nennen und die sich so unermüdlich gegen soziale Ungerechtigkeit, Diktatur und für Demokratie einsetzte. Jetzt ist die Grande Dame der argentinischen Folklore Anfang Oktober diesen Jahres im Alter von 74 Jahren verstorben. Ihr musikalisches Vermächtnis jedoch wird noch lange in den Ohren und den Köpfen der Menschen herumspuken. Zu unvergesslich sind ihre Lieder wie Alfonsina y el mar, Gracias a la vida, Todo cambia oder La maza, die ihr nicht zuletzt auch zu weltweitem Ruhm verhalfen.

sosaDie Karriere der La voz de América nahm einen beispiellosen Verlauf. Nachdem sie bereits 1950 unter einem Pseudonym an einem Wettbewerb eines lokalen Radiosenders teilnahm und einen zweimonatigen Vertrag gewann, dauerte es immerhin 12 Jahre bis sie ihr erstes Album aufnahm (La voz de la zafra).

Der Durchbruch gelang ihr dann 1965 mit der viel beachteten Scheibe Canciones con fundamento. Es dauerte nicht lang und sie avancierte zur Hauptakteurin der Folklorebewegung Nueva Canión de Latinoamérica.

Ihre Lieder handeln vom harten Leben der Landbevölkerung, von Ungerechtigkeit, von Unterdrückung ebenso wie von Freude am Leben und der Liebe. Kein Wunder, dass diese politischen und sozialkritischen Aussagen nicht nur Gefallen fanden. Im Gegenteil: nach Videlas Putsch 1976 und der anschließenden Militärdiktatur wurden ihre Alben verboten und 1979 nahm man sie bei einem Konzert in La Plata von der Bühne weg in Gewahrsam. Es folgte drei Jahre im europäischen Exil in Paris und Madrid, ehe sie 1982 wieder nach Argentinien zurückkehrte.

Ihr musikalisches Werk scheint unerschöpflich. Knapp 50 Alben hat Sosa aufgenommen und arbeitete dabei auch mit illustren nationalen, wie internationalen Künstlern zusammen – vorzugsweise aus dem linken Spektrum: León Gieco, Charly García, Fito Páez, Víctor Heredia, dem zweifachen Oskargewinner Gustavo Santaolalla, den Kubanern Silvio Rodriguez und Pablo Milanés, Joan Baez und auch mit dem deutschen Liedermacher Konstantin Wecker.

Und auch wenn viele ihrer schier unzähligen Alben mehr als bemerkenswert sind, ausgerechnet das letzte, kurz vor ihrem Tod veröffentlichte Doppelalbum Cantora ist etwas ganz besonderes geworden. Vielleicht hat sie auch geahnt, dass sie nicht mehr allzu viele Alben wird machen können und sich aus diesem Grund alte und neue Weggefährten eingeladen, ganz einfach um Musik zu machen. So wechseln sich eigene Lieder in neuen Arrangements ab mit entliehenen Liedern, vorwiegend aus der Ecke des Rock Nacional Argentino. Allen gemein ist, dass sie im Duett vorgetragen werden. Deshalb singt Sosa dort mit Shakira ihren Welthit La maza und zusammen mit dem alten Weggefährten Léon Gieco den alten Hit Himon de mi corazón von der einstigen Band Andres Calamaros‘ Los Abuelos de la Nada.

Die Liste beitragender Künstler liest sich wie ein Who is Who der lateinamerikanischen Musik. Allerdings würde man der Scheibe nicht gerecht werden, wenn man ihr unterstellte, dass sie lediglich sämtliche Künstler zusammenbrachte, um ein Duettalbum zu sein. Sosas Stimme, so weit sie eigentlich von den modernen Arrangements entfernt zu sein scheint, dominiert und brilliert eindrucksvoll. Dabei scheut sie sich nicht, junge Musiker wie Juan Quintero und Luna Monti oder Dúo Nuevo Cuyo mit ins Boot zu holen. Die absolute Perle der ersten Scheibe ist allerdings Barro tal vez, ein Duett zusammen mit der argentinischen Ikone Luis Alberto Spinetta. Aber auch auf musikalisch ungewohntem Terrain wie etwa zusammen mit der Mexikanerin Julieta Venegas (Sabiéndose de los descalzos) oder dem Uruguayer Jorge Drexler (Sea) macht Sosa eine gewohnt gute Figur.

sosa_1Auch der zweite Teil hat es in sich. Mit Vicentico singt Mercedes Sosa Parao (ein Hit vom Panamaer Ruben Bladés) und mit Joaquín Sabina, jener Spanier, der Argentinien so liebt, wie seine eigene Heimat, Violetas para Violeta im Duett.

Aber auch Zona de Promesa von Gustavo Cerati oder O que será mit der Brasilianerin Daniela Mercury überzeugen. Doch auch hier ist das herausragendste Stück eines, mit zweifacher argentinischer Beteiligung: Desarma y sangra, ein Lied von Charly Garcías alter Band Serú Girán, das sie mit García in einer fragilen, orchestralen Version auf die Scheibe presste, die einem im Gedächtnis haften bleibt.

Abschließend bleibt nur zu sagen, dass dieses Doppelalbum rundherum gelungen ist. Für ein Von-Vorne-nach-Hinten-Durchhören ist sie vielleicht nicht ganz so geeignet, gerade wenn man die berühmten Folklore-Scheiben von Mercedes Sosa im Ohr hat. Die Bandbreite an Stilen und Liedern aus den verschiedensten Epochen geben ein wirklich buntes Potpourri ab. Vielleicht ist das aber gerade ein Einstieg für jüngere Hörer in die „wunderbare Welt der Mercedes Sosa“.