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La Feria de Abril in Sevilla: ein rauschhaftes Frühlingsfest

Neben der Semana Santa von Sevilla stellen wir nun das zweite große Frühlingsfest der andalusischen Hauptstadt vor: die Feria de Abril, die seit zwei Jahrhunderten jedes Jahr exakt zwei Wochen nach Ostern beginnt, diesmal also am 29. April. Sieben Tage und Nächte ein dionysischer Rausch, in dem Ströme von Sherry fließen und im Rhythmus von lokalpatriotischen Sevillanas Absätze „geopfert“ werden. Jeder echte Sevillaner muss sich am Montag nach der Feria erst einmal neue Schuhe kaufen – oder er hat nicht wirklich gefeiert.

feria4Überall in den Bars hängen seit Wochen die folkloristischen Plakate, die das Großereignis ankündigen. Die Sorge der Tanzwütigen gilt vor allem dem Wetter, das auch in Sevilla im April sehr wechselhaft sein kann. Der Frühlingsregen ist der große Feind, denn er verwandelt die Festwiese mit der provisorischen Zeltstadt in eine Schlammwüste. Bei zu großer Hitze dagegen würden die Tänzerinnen in den schweren Flamenca-Kleidern zu schnell ins Schwitzen geraten.

Diese pompösen Rüschenkleider sind zwar schön anzusehen, aber sehr unbequem, da sie etwa 10 Kilo wiegen (die ganz barocken Exemplare können sogar noch schwerer sein). Daher keimt jedes Jahr auf´s neue die Hoffnung: kühl und trocken soll es sein!
Wenn man sich mit einer Sevillanerin zur Feria verabredet, sollte man den frühestmöglichen Zeitpunkt wählen. Denn abgesehen davon, dass in dieser Stadt Pünktlichkeit als äußerst unschick gilt (nur hässliche Damen pflegen diese), muss man in der Festwoche die lange Prozedur der Kleidanprobe und des Frisierens der Haarpracht mit Nelken und sonstigem Schmuck mit einkalkulieren.

feria5Mit Beginn des Spektakels ist die riesige Altstadt plötzlich ausgestorben. Denn seit knapp zwei Jahrzehnten ist der Standort der Feria nicht mehr neben der Plaza de España, sondern am Rande des wenig attraktiven Neubauviertels Los Remedios auf der anderen Seite des Flusses. Bei der Ankunft schreitet man zunächst durch einen pompös-kitschigen Triumphbogen aus Pappmaché, der jedes Jahr ein anderes Monument Sevillas symbolisiert. Um Punkt Mitternacht passiert es dann: „El Alumbrao“ – „die Erleuchtung“. Diesmal keine mystische wie in der Sevillaner Semana Santa, sondern eine sehr profane: die Festbeleuchtung, bestehend aus Millionen von bunten Glühbirnen und Lampions, wird auf einen Schlag angeschaltet. Und das nach dem Münchner Oktoberfest zweitgrößte Volksfest der Welt kann beginnen. In Spitzenzeiten drängen sich hier bis zu 1,5 Millionen Menschen. Eine Woche lang verlagert sich Sevilla in diese künstliche, vergängliche Stadt aus Pappe und Zeltstoff. Das ganze Areal ist mit lehmgelbem Sand – Albero – bestreut und darauf erheben sich nun in engen Gassen über 1000 „Casetas“ (Festzelte) unterschiedlicher Größe und warten auf Besuch. Man lasse sich durch den niedlichen Anblick dieser Casetas, von denen manche wie Puppenhäuschen wirken, nicht beirren.

Diese fragilen Bauten müssen strenge bürokratische Vorschriften erfüllen, und jeder „Besitzer“ eines solchen Einwochen-Zeltes hat hohe Gebühren an die Stadtverwaltung zu zahlen. Die Miete einer Caseta ist ein teures Vergnügen, aber ein sehr prestigeträchtiges.

Daher werden fast 90 % der Casetas von großen Familien oder Firmen betrieben. Hier muss nun mit einer romantischen Illusion aufgeräumt werden.

Die Feria de Abril ist keine öffentliche „Flamenco-Party“, bei der ganz Sevilla auf der Straße tanzt – auch wenn man solch schöne Szenen hier ab und zu erleben kann. Obwohl die Tourismus-Branche damit wirbt, ist das eher die Ausnahme. Denn die Feria ist keine Folklore-Veranstaltung für Touristen, sondern ein Fest von Sevillanern für Sevillaner. Und das findet trotz aller Ausgelassenheit eher im privaten Ambiente einer „Geschlossenen Gesellschaft“ statt. Einem normalen Touristen bleibt der Eintritt in die Zelte der reichen, aristokratischen Sevillaner verwehrt. Es sei denn, er kennt irgendjemand, der irgendjemanden kennt, der mit irgendjemandem verwandt ist, dem die Caseta gehört. Es ist allemal einen Versuch wert, dem Türsteher zu sagen, dass man ein Vetter oder Freund von „Paco“ sei, um Einlaß zu erhalten (jeder dritte Sevillaner heißt Paco), selbst wenn sich bei weiteren Nachfragen die nähere Beschreibung von „Paco“ dann schwierig gestaltet. Denn in den kleineren privaten Casetas sind Stimmung und Musik am besten, weniger anonym als in den öffentlichen Festzelten. Und auch der Wein pflegt besser und teurer zu sein, z.B. exquisiter Manzanilla aus Sanlúcar (der trockenste Weißwein der Welt) statt Supermarkt-Fino.

Aber auch ohne Tanzeinlage in einer Privat-Caseta bietet ein Rundgang durch das festlich geschmückte Areal genug unterhaltsame Impressionen für Besucher. Schon am frühen Nachmittag, beim Flanieren durch die künstlichen Gassen, vorbei an historischen Pferdekutschen und üppig – wie für den „Laufsteg der Gäule“ – dekorierten Pracht-Pferden, von denen viele schöner als ihre Reiter sind, kann man den einen oder anderen Frühschoppen zu sich nehmen.

Denn wie sagte schon der berühmte Sherry-Baron Pedro Domecq: „Mejor una a las once que once a la una“ (Besser ein Gläschen um elf Uhr morgens als elf um ein Uhr nachts). Sehr entspanntes Ambiente. Autos sind out, der wahre Macho präsentiert sich wie für ein Osborne-Reklame-Foto mit Cowboy-Stiefeln auf einem strahlendweißen Andalusier-Hengst, auch wenn man ihm ansieht, dass er auf dem geliehenen Gaul höchstens 5 Minuten sitzen und kaum reiten kann. Ob er damit also den Kastagnetten klimpernd vorbeistolzierenden, aufgerüschten „Flamencas“ imponieren kann, bleibt zumindest offen.

Falls man bis zum Abend noch in keine Caseta eingeladen wurde, bleiben immer noch die 10% der öffentlichen Zelte, die von politischen Parteien, Fanclubs oder einzelnen Stadtvierteln errichtet wurden. Man sagt, dass die Stimmung in den Zelten der Kommunistischen Partei (Izquierda Unida) und der andalusischen Nationalisten (Partido Andalucista) besonders gut sei. Nach so vielen verlorenen Wahlen mündet deren Fatalismus wohl in Frohsinn. Olé! Und als letzte Zuflucht bleibt das riesige Zelt der Sevillaner Stadtverwaltung („Ayuntamiento“). Hier kommt man auch als Tourist auf seine Kosten. Es gibt relativ viel Platz zum Tanzen und die Blicke der Kenner, die den zugereisten Dilettanten bei ihren kläglichen Sevillanas-Versuchen und amateurhaften Torero-Ruder-Bewegungen zusehen, sind weniger streng als in den kleinen Casetas. Außerdem kann man sich schließlich Nacht für Nacht steigern und den Tanzstil den Einheimischen anpassen.

Wenn man endlich in die Geheimnisse dieses uralten, wunderbaren Tanzes (der die volkstümlichste Unterform des Flamenco bildet), eingeweiht ist, können Sevillanas süchtig machen. Ab dem siebten oder achten Glas Manzanilla werden einem die Augen geöffnet: man erkennt, dass die Magische Zahl der Sevillanas die 4 ist. Es gibt stets 4 Strophen, die jeweils in 4 Schrittfolgen mit 4 Schritten unterteilt sind (die eröffnende Salida ausgenommen). Und so langsam findet man auch an den eigenwilligen Texten Gefallen, die in skurrilen Metaphern bis zum Exzess die Schönheit Sevillas feiern, z. B.

Sevilla es de chocolate
y la Giralda es de piñonate
la Torre del Oro es
de caramelo…

Sevilla ist aus Schokolade
und die Giralda aus
Pinienkernkuchen
und der Goldturm
ist aus Karamel…

Sevilla es un jardín florido
de brillante colorido
y entre azucenas la Macarena…

Ganz Sevilla ist ein blühender Garten
aus strahlenden Farben und
zwischen weißen Lilien
die Jungfrau Macarena…

Aber wer solche Verse zu süßlich und engelshaft findet oder wer keinen Crash-Kurs in Sevillanas belegen will, um sich auf der Feria wohlzufühlen, für den gibt es ein reichhaltiges Alternativ-Programm: die Hölle. „La Calle del Infierno“ ist eine riesige Kirmes, bei der man sich wirklich Mühe gegeben hat, die lautesten, schrillsten und am meisten Schwindel erregenden drehenden Höllenmaschinen aus aller Welt zusammen zu tragen. (Als ob die Sevillanas-Drehungen und der Manzanilla-Rausch nicht schon genug Schwindel verursachen würden!)

Es ist dringend anzuraten, die „Straße der Hölle“ zum Auftakt einer Feria-Nacht zu besuchen und nicht zum Schluss, nachdem man eine Flasche Sherry genossen hat. Auf jeden Fall sollte man sich aber um Mitternacht vom Riesenrad hoch drehen lassen und die grandiose Aussicht genießen, solange die Monumente Sevillas noch angestrahlt werden.

Danach hat man bis 6 Uhr morgens Zeit, sich dem gnadenlosen Rhythmus der Sevillanas hinzugeben und der Tanzpartnerin immer tiefer in die schwarzen Augen zu blicken. Bis am siebten Abend das Spektakel um Mitternacht abrupt endet: „El Apagón“. Mit einem Schlag wird es ganz dunkel, werden die Millionen Laternchen ausgeschaltet und das bacchantische Treiben ist plötzlich vorbei. Dafür gehen dann in der eine Woche lang schlafenden Altstadt Sevillas kurz nach Mitternacht endlich wieder die Lichter an.