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Kunst & Kuche

Sevilla lädt ein zur Messe der Kloster – Knabbereien

Es ist mal wieder soweit. Wie jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit lädt Sevilla ein zu einer Gaumenfreude der ganz besonderen Art: zur Messe der „Kloster-Süßwaren“.
Aus diesem Anlass präsentieren die zahlreichen Klausurklöster Sevillas ihre köstlichen handgefertigten Naschwerke, die heute oft die einzige Einnahmequelle bilden. Diesmal findet diese außergewöhnliche Demonstration konditorischer Kunstfertigkeit nicht wie üblich im barocken Erzbischofspalast statt, sondern in der riesigen Kathedrale von Sevilla. Vom 3. – 6. Dezember verwandelt sich also dieses 1402 –1506 erbaute größte gotische Bauwerk der Welt in einen Gourmet-Tempel. Zwischen dem mit 28 Metern höchsten Altar, einem goldstrahlenden Gebirge, und dem Schutzengel von Murillo werden sehr vergängliche kleine Kunstwerke aneinandergereiht.

kunst6Viele dieser von frommen Händen nach uralten, oft noch arabischen Rezepten hergestellten klösterlichen Kalorienbomben sprengen mühelos alle vorhandenen Kilojoule-Tabellen und manche sind süßer als Zucker. Aber allen Diätzeitschriften zum Trotz: der Andrang der Liebhaber solcher Genüsse wird groß sein und mit Wartezeiten vor der Puerta de los Príncipes muss gerechnet werden.

Aber auch allen, die in einer Mischung aus Adventsstimmung, Appetit Süßes und Sehnsucht nach Süden sofort einen Last-Minute-Flug nach Sevilla buchen wollen, aber nicht können, kann geholfen werden. Sie brauchen nicht auf die Klosterknabbereien zu verzichten, denn eigentlich kann man sie auch entspannter an anderen Tagen erwerben. Man sollte jedoch keinesfalls den „bequemen Weg“ wählen und diese raren Köstlichkeiten mit Topzuschlag in der Delikatessen-Abteilung des „Corte Inglés“, im gräßlichsten Gebäude Sevillas erstehen. Vielmehr empfiehlt es sich, bis zu den Quellen zurückzugehen.

Denn in einem Klausurkloster in Sevilla kann jeder Tag ein „Día de los Dulces del Convento“ sein, und man erhält dort dieselben Produkte billiger und in – weiß Gott – spektakulärem Ambiente. Also nicht den Besuch der dazugehörigen Kirchen und Kreuzgänge versäumen und zudem einen meditativen Blick auf die Orangenbäume in den Klostergärten werfen.

Daher der Caiman-Vorschlag: ein Nachmittag mit Kunst & Kuchen im von uns ausgewählten Kloster Santa Paula, dem schönsten und am besten erhaltenen Baukomplex dieser Art. Es liegt aber verborgen im dichten weißen Gassengewirr des Macarena-Viertels.

Etwas ratlos stehe ich mit einer kleinen Gruppe kunsthungriger Touristen vor dem schweren dunklen Holztor unterhalb der schönen Espadaña („Glockenwand“), die ca. 1620 entstand. Denn obwohl die Öffnungszeit für Besichtigungen mit 16.30 – 18.30 Uhr angegeben ist, ist das Tor verschlossen. Abwechselnd betätigen wir nun einen uralten Türklopfer, bis letztendlich jemand den Klingelknopf entdeckt, ganz versteckt angebracht, als ob man sich dieses Zugeständnisses an die Moderne schämen würde. Man braucht auch jetzt noch etwas Geduld. Eine kleine alte Dame, ganz in Schwarz, öffnet das Tor zunächst nur einen Spalt und schaut vorsichtig heraus. Als sie unsere friedliche Absicht und das aufrichtige Interesse an Kirchenkunst & Kuchen erkennt, geht ein strahlendes Lächeln über ihr runzliges Gesicht, und sie bittet uns hinein. Wir befinden uns im Klostergarten, der links begrenzt wird von Wohnhäusern. In einem dieser wohnt wahrscheinlich auch unsere Kirchenführerin, denn zum Orden gehört sie nicht. Sie führt uns durch einen kleinen „Paradiesgarten“, vorbei an Kräutern, Blumen und Zypressen.

Auf mindestens 80 Jahre kann man ihr Alter schätzen, sie geht gebückt und wirkt fast zerbrechlich, aber energisch gebietet sie nun der Besuchergruppe, den Blick nach oben zu wenden.
Und was sie nun sehr fachkundig erklären wird, ist wohl das schönste Kirchenportal Sevillas, das von der Straße aus nicht eingesehen werden kann. Unsere sympathische Führerin vermittelt lebhaft gestikulierend die kunsthistorischen Besonderheiten des Portals von Santa Paula.

Es handelt sich um eine einzigartige Mischung aus gotischer Spitzbogenform, mudejarem Dekor, Sevillaner Azulejo-Kunst, plateresken und italienischen Renaissance-Elementen.
Der Schöpfer dieses originellen Kunstwerkes kam aus Pisa: Niculoso Pisano entwarf es im Jahre 1504 unter Mithilfe des Sevillaner Bildhauers Pedro Millán. Die Gruppe ist begeistert: das platereske Wappen der Reyes Católicos aus weißem Marmor, die phantasievollen, 500 Jahre alten Azulejos, die sieben Heiligen-Medaillons (das zentrale ist ein aus Florenz importiertes Werk aus glasierter Terrakotta von Andrea della Robbia), und die „Galerie der Keramik-Englein“, mit der Pisano das Portal gekrönt hat.

Die liebenswürdige Abuelita kramt einen riesigen Schlüssel hervor. Mühsam geht sie uns voran und muss dann alle Kraft aufwenden, um dieses uralte Schlüsselmonstrum im Schloss umzudrehen. Hilfe aber würde sie stolz ablehnen. Vor unseren Augen öffnet sich ein wahres Schatzkästlein. Die Klosterkirche ist klein und einschiffig, eine typisch sevillanische „Iglesia de Cajón“ („Kastenkirche“). Aber – wie unsere weise Führerin mit verschmitztem Lächeln erläutert: was man durch die einfache Architektur an Geld einsparen konnte, wurde für die umso üppigere Dekoration ausgegeben. Zunächst wird der Blick auf den großzügig vergoldeten, barocken Hauptaltar von 1730 gelenkt. Noch sehenswerter jedoch sind die älteren Seitenaltäre („Johannes-Altäre“) von Felipe de Ribas und vor allem die beiden zentralen Skulpturen von Johannes dem Täufer und Johannes Evangelist, die 1637/38 vom großen Sevillaner Meister Juan Martínez Montañés, dem spanischen Michelangelo, geschaffen wurden. Außerdem lenkt die alte Dame unsere Aufmerksamkeit auf die außergewöhnlichen Azulejos mit eindeutig weiblichen (!) Engelsdarstellungen und wirft plötzlich eine Münze in einen Kasten. Unwillkürlich geht der Blick nach oben, wo der grandiose Mudéjar-Artesonado (geschnitzter, teilweise vergoldeter Dachstuhl aus Zedernholz) von 1623 für 30 Sekunden angestrahlt wird. Wer ihn länger betrachten will, muß eine 100-Peseten-Münze opfern.

Nach soviel Gold, Engeln und Heiligen, meint die Abuelita hätten wir uns Kuchen und Marmelade verdient. Sie löscht das Licht und erklärt die Führung für beendet. Auf die Frage, warum dieses Schmuckstück einer Kirche so gut erhalten sei, erwidert sie prompt „¡Mucha limpieza!“ („Sauberkeit!“) und macht eine energische Staubwedel-Bewegung.
Wieder draußen im blendenden Nachmittagslicht, weist sie uns die Tür zu Museum und „Süßwarengeschäft“ und fordert uns liebevoll auf, Kräuter aus dem Klostergarten mitzunehmen. Beim Abschied erhält die Abuelita, der Gott noch ein langes Leben schenken möge, ein wohlverdientes Trinkgeld. Das gibt sie dann gleich weiter an ihren Enkel (oder Urenkel?), der sofort angelaufen kommt und wohl schon weiß, dass es nach jeder Führung etwas zu holen gibt.

Im eigentlichen Klostergebäude führt uns eine Nonne des Hieronymiten-Ordens zielstrebig zum kleinen Laden. Die Wahl fällt schwer zwischen dunkler Feigen- und Bitterorangenmarmelade, Anis- und Zimttörtchen, Keksen und zartgelbem Orangenblütengelee fällt schwer.
Danach sind wir wieder aufnahmebereit für sakrale Kunst und schlendern durch Renaissance-Patio und Kreuzgang mit wunderbaren, oft gar nicht fromm wirkenden Azulejo-Bildern, wie z.B. einem grinsenden Bacchus von 1617.
Zum Schluss führt uns die ehrwürdige Nonne noch durch die drei Säle des Museums, wo es kostbare Raritäten zu sehen gibt: ein mexikanisches Barockgemälde der Virgen de Guadalupe, eine Originalhandschrift der Heiligen Theresa von Ávila, ein „Heiliger Hieronymus“ des italienischen Barockmalers Luca Giordano und ein sehr schöner „Erzengel Michael“ des madrilenischen Malers Eugenio Cajés.
Es bleibt zu wünschen, dass sich auch die anderen Klöster Sevillas am geschickten Marketing-Konzept der Nonnen von Santa Paula orientieren: der Vermarktung eigener Süßigkeiten in Kombination mit Kultur. Die meisten von ihnen hätten genug Kunstschätze, um mühelos ein Museum mittlerer Größe zu füllen.