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Impressionen aus der Extremadura I: Cáceres – Trujillo

Konquistadoren, Störche und Käse

Wir rollen im extrem klimatisierten Bus durch sanft hügelige Steineichenwälder, dick eingepackt, obwohl es draußen über 30° Grad heiß ist. Von Sevilla am frühen Morgen aufgebrochen, haben wir vor einer halben Stunde die Grenze zur Extremadura überquert. Dies ist das Land arkadischer Einsamkeiten, eine der am dünnsten besiedelten Regionen Europas mit nur 24 Einwohnern pro Quadratkilometer (zum Vergleich: Deutschland 229). Nachdem wir die Sierra Morena hinter uns gelassen haben, wird die Landschaft flacher, fast savannenartig, aber durch die reichlichen Regenfälle im Winter ist alles sehr grün; üppig gelb blühen Ginsterbüsche zwischen den weit auseinander stehenden knorrigen Eichen.

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Plötzlich taucht ein riesiges Werbeplakat am Straßenrand auf. Das Motiv gleicht einer aufgehende Sonne, ist aber Käse, genauer gesagt der berühmteste, wahrscheinlich der teuerste Käse der Extremadura – und mit Sicherheit der mit dem höchsten Fettanteil (Die Schätzungen schwanken zwischen 90 und 95 %). Es ist die „Torta del Casar“, die uns wie eine goldgelbe Verheißung auf allen Wegen durch die Extremadura verfolgen wird – bis wir schließlich schwach werden.

Zunächst aber verdrängt die nahende Ankunft in Cáceres die Gedanken ans Essen. Dabei sind die ersten Eindrücke enttäuschend, denn Cáceres soll das spanische San Gimignano sein und die Erwartungen sind hoch.

Aber wie so oft in Spanien muss man sich erst durch einen Gürtel hässlicher Neubauten kämpfen, um zur monumentalen Altstadt vorzustoßen. Endlich ist sie durch ein paar dunkle Türme zu erahnen und bald stehen wir auf der schönen Plaza Mayor. Die rechte Seite des Platzes wird von der alten Stadtmauer gebildet. Besonders auffällig ist der Bujaco-Turm, ein maurisches Bollwerk, das auch in Marrakesch stehen könnte. Wir steigen rechts die Treppe empor und durchqueren den Arco de la Estrella, einen barocken Torbogen. Dahinter erwartet uns endgültig eine andere Welt. War die arkadengesäumte Plaza Mayor mit ihren Renaissance- und Barockhäusern schon beeindruckend, so herrscht hier Mittelalter pur. Die wuchtigen Geschlechtertürme aus düsterem Bruchstein, die aus dem 14. und 15. Jahrhundert stammen, sind weniger hoch und spektakulär als in San Gimignano.

Trotzdem ist die Atmosphäre in diesen labyrinthischen engen Gassen, die nur ein kleines Stück Himmel offen lassen, sehr authentisch. Diese unheimlich wirkenden Gemäuer wären eine ideale Filmkulisse für jeden historischen Kinofilm und in der Tat wurde hier z.B. Ridley Scotts Kolumbusstreifen „1492“ gedreht.
Namen und Symbolen, die auf die Entdeckung und Eroberung Amerikas verweisen, begegnet man in der Extremadura, der „Tierra de los Conquistadores“ und auch hier in Cáceres auf Schritt und Tritt.
In diesem Moment gehen wir am Palacio de los Moctezuma vorbei, der im 16. Jahrhundert von Mestizen erbaut wurde, genauer von den Nachkommen eines der Soldaten von Cortés, der eine Aztekenprinzessin geehelicht hatte.

Es fällt schwer, einen bestimmten Palast oder eine Kirche aus diesem harmonischen Architekturensemble hervorzuheben. Denn das Weltkulturerbe Cáceres ist eher ein Gesamtkunstwerk ohne dominierende Hauptsehenswürdigkeit. Wenn ich trotzdem einen Lieblingsplatz nennen müsste, so wäre es die Plazuela de San Jorge mit der Freitreppe und der darüber thronenden Doppelturm-Fassade der Kirche San Francisco Javier. Der finstere Palast gegenüber der Kirche präsentiert eine architektonische Kuriosität: im 3. Stock befindet sich ein imposanter Balkon vor dem Fenster – aber ganz ohne Boden! Ob er wohl die Funktion hatte, ungeliebte Gäste von dort im freien Fall nach unten zu befördern?

Direkt angrenzend an die Kirche steht die renovierungsbedürftige „Casa de las Cigüeñas“, das „Haus der Störche“. Die Störche bauen ihre Nester aber keineswegs nur auf dem Dach dieses Hauses, sondern sie haben die ganze Stadt erobert, sind beinahe schon zu einer Plage geworden. Denn in Cáceres gibt es so viele Störche wie anderswo Spatzen. In der Stille der Altstadt, die nur ab und zu durch Glockenschläge unterbrochen wird, kann das Geklapper der Storchschnäbel in manchen Momenten durchaus zur Lärmbelästigung werden. In Scharen fliegen die schwarzweißen Lieblinge der Touristen mit eleganten Flugbewegungen über den Dächern von Cáceres und auf jeder Turmspitze thront ein Storchennest. Es gibt Kirchendächer, die mehr als ein Dutzend der zentnerschweren Nester tragen müssen. Vor zwei Jahren ist in einem Dorf der Extremadura ein Mann durch ein herabstürzendes Storchennest erschlagen worden. Dass Storchennester in der stressfreien Extremadura die zweithäufigste Todesursache seien, ist aber wohl ein Gerücht.

So faszinierend sich Cáceres für den Besucher präsentiert, die Viertel innerhalb der Mauern wirken doch ein wenig wie eine sterile Museumsstadt. Doch zum Glück entdecken immer mehr Studenten die Altstadt und erfüllen sie mit Leben. Von den ca. 75.000 Einwohnern von Cáceres sind fast 10.000 Studenten (darunter viele ausländische). Das lebendige Zentrum der Stadt und Treffpunkt der Einheimischen ist die Plaza Mayor, zu der man nach dem Rundgang durch die Altstadt zurückkehren sollte.

Denn die Restaurants und Straßencafés sind hier weniger touristenorientiert, billiger und authentischer als „Intramuros“. Bevor wir die Weiterfahrt nach Trujillo antreten, stärken wir uns hier mit Lammfleisch und Ziegenhaxe.

Dann gleiten wir durch ein endloses Meer von savannenartigen Steineichenwiesen gen Osten. Bald erscheint am Horizont der imposante Burgberg von Trujillo. War die Altstadt von Cáceres schon eine stille Bastion des Mittelalters, so bedeutet Trujillo noch eine Steigerung.
Auf dem Weg zur Plaza Mayor kommt man an einem riesigen, sehr ruinösen Fenster losen Palast vorbei. Im Gegensatz zu Cáceres, das trotz seiner musealen Architektur durch die Präsenz der Studenten noch lebendig wirkt, scheint Trujillo weltentrückt. Abseits von allen wichtigen Verkehrswegen liegt hier der Altersdurchschnitt der höchstens 15.000 Bewohner deutlich höher. Der ganze Ort strahlt einen morbiden Charme aus und lebt verträumt in seiner gloriosen Vergangenheit. Man muss sich vor Augen führen, dass von diesem verschlafenen Schafdorf aus große Gebiete der Neuen Welt für Europa entdeckt bzw. brutal erobert wurden.

Dutzende der erfolgreichsten und skrupellosesten Konquistadoren kamen aus Trujillo: z.B. Francisco de Orellana, der wagemutige Entdecker des Amazonas. Als erster Europäer erkundete er 1541/42 den größten Fluß der Welt– mehr als 6.000 Kilometer. Zweifellos war es eine mutige Pionierleistung, sich einen Weg durch die unbekannte Welt des Regenwalds zu bahnen. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass Tausende von peruanischen Hochlandindios, die Gepäck und Proviant der Spanier tragen mussten, im feuchtheißen Dschungelklima starben. Von seiner zweiten Amazonas-Expedition 1546 kehrte der goldgierige Orellana nicht mehr zurück. Die Umstände seines Todes blieben ein Geheimnis der „grünen Hölle“.

Noch berühmter (und berüchtigter) ist ein anderer Sohn Trujillos. Der Schweinehirt Francisco Pizarro (1475 – 1541) machte seinem frommen Vornamen weiß Gott keine Ehre. Mit dem Makel der unehelichen Geburt behaftet, wurde er von seinem Vater, der ihn mit einer einfachen Magd zeugte, nie richtig anerkannt. Er war bereits 56 Jahre, als er sich 1531 an die Eroberung des Inkareichs machte.
Maßlos raffte er zusammen, was er bekommen konnte, als er mit nur 200 Söldnern – die im Gegensatz zu den hundertfach überlegenen Inka aber Pferde und Feuerwaffen besaßen – das „Tahuantinsuyu“ in Besitz nahm. Allzu bekannt die entscheidende Episode: nach der Gefangennahme des Usurpators Atahualpa kassierte Pizarro Lösegeld in Form von Goldschmiedearbeiten. Danach ließ er Atahualpa dennoch ermorden: durch die Garrote – für einen Kaiser die unwürdigste Form der Hinrichtung. Die grandiosen goldenen Kunstwerke gingen der Nachwelt für immer verloren, denn der Barbar Pizarro ließ sie zu Goldbarren schmelzen.

Es mag jedoch ein Trost sein, dass der größte Teil der Pizarro-Sippe sich nicht lange des geraubten Reichtums erfreuen konnte und eines gewaltsamen Todes starb. Francisco Pizarro wurde 1541 in der Ciudad de los Reyes (Lima) von Anhängern seines Rivalen Almagro ermordet, sein Bruder Gonzalo wurde auf Befehl Kaiser Karls V. in Cuzco hingerichtet; nur Hernando Pizarro kehrte in sein Heimatdorf Trujillo zurück – mit einer Inkaprinzessin. Hier baute er den Palacio del Marqués de la Conquista mit spektakulärem platereskem Dekor und 12 Inkafiguren. Es ist bis heute das auffälligste Gebäude an der schönen Plaza Mayor, die jedes Wochenende von Touristen aus ihrem provinziellen Dämmerschlaf gerissen wird. Gegenüber, neben der Kirche San Martín, wacht über allem das scheußlich-martialische Pizarro-Denkmal (ich weigerte mich, es zu fotografieren). Als wir gegen acht Uhr abends die Treppe vor dem Denkmal hochsteigen, meldet sich der Hunger, aber wir beschließen, zuerst den Burghügel zu erkunden. Denn die blaue Stunde der Abenddämmerung ist der stimmungsvollste Moment dafür.

Hier erwartet uns das schönste Monument von Trujillo. Die Hauptkirche Santa María la Mayor ist ein Geheimtipp. Der romanisch-gotische Bau wirkt von außen wie eine festungsartige Gottesburg. Innen birgt sie eine Überraschung: einen der schönsten Hochaltäre Spaniens. Aus rotem, teilweise vergoldeten Holz, zeigt er 25 Gemälde des Renaissance-Malers Fernando Gallego (Ende 15. Jahrhundert).

Links neben dem Hauptaltar gibt es einen weiteren Schatz: einen kleinen Retablo mit zwei Johannes-Bildern (Täufer und Evangelist) des neben Zurbarán größten Künstlers, den die Extremadura hervorgebracht hat.
Der mystische Renaissance-Maler Luis de Morales, genannt „Der Göttliche“ (1500 – 1586) war einer der genialsten Maler des 16. Jahrhunderts, dabei im übrigen Europa nahezu unbekannt, weil er sein ganzes Leben in dieser entlegenen Region verbrachte.
Als wir in fast meditativer Stimmung die Kirche wieder verlassen, ist draußen die Nacht hereingebrochen. Durch fast völlig dunkle Gassen nähern wir uns dem letzten Programmpunkt: dem Castillo von Trujillo, das natürlich maurischen Ursprungs ist, aber nach der Reconquista im 13. Jahrhundert mehrfach erweitert und umgestaltet wurde. Es liegt auf dem höchsten Punkt der Stadt. Rechts sieht man tief unten die Lichter der Plaza Mayor, links geht der Blick in die endlosen, friedlich schweigenden Steineichenwälder, die im Licht des Vollmonds lila Schatten werfen. Eine unwirkliche Szenerie, der Welt entrückt, scheint dieser einsame Winkel im wilden Westen Europas. So alberne Sätze wie „Hier ist die Welt noch in Ordnung“ drängen sich förmlich auf. Aber Vorsicht ist geraten, denn im Winter können die Stille und Einsamkeit Trujillos unerträglich werden und die nostalgische Stimmung in diesen Arkadien könnte leicht in Schwermut umschlagen.

Nur der Vollmond leuchtet uns, als wir nun mit Mühe den Weg zurück zur Plaza Mayor finden. Der Wunsch nach einem üppigen Abendessen verscheucht die melancholischen Gedanken, die der Besuch des Burgbergs ausgelöst hat, und trotz meiner Proteste wegen des Namens betreten wir nun das Restaurant „Pizarro“an der oberen Plaza Mayor. Eine gute Wahl, denn die Küche ist weit besser als der Name und wirklich empfehlenswert.

Und zu guter letzt strahlt die Sonne auf unseren Tellern – in Gestalt des besten und kalorienreichsten Käses der Extremadura: die Torta del Casar.