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Kein Weg führt nach Belchite

Ich denke, ich war einfach nicht darauf vorbereitet. Es war ja auch keine Reise nach Belchite, sondern eine Reise, die an Belchite vorbeiführte. Ganz natürlich, unangestrengt. Es gab ja auch kein Zeichen, kein Schild, keinen Hinweis darauf.

Zunächst ist es der seltsam verwitterte Kirchturm, der dem von Osten kommenden Reisenden das „alte Dorf“ ankündigt. Wenn man nicht weiß, wofür Belchite steht, wird man sich wundern, wie scharf der Zahn der Zeit hier in der wüsten Einöde Aragonien sein muss. Denn der Kirchturm sieht wirklich nicht gut aus: das, was einst pixliger Mudéjar-Stil war, ist heute so grob gerastert, wie es durch den Verlauf der Jahrhunderte einfach nicht erklärlich ist. Das, so denkt man, kommt einem spanisch vor.

Was einem jedoch viel eher spanisch vorkommen sollte, ist die Tatsache, dass nirgendwo geschrieben steht:

Absolut nicht antike Ruinen
aus einem Krieg, in dem wir
uns alle gegenseitig umgebracht haben.
Nach 200m links rein!

Denn das ist Belchite: ein nicht sehr lebendiges Mahnmal der Zerstörungswut des spanischen Bürgerkrieges.

Die Ruinen von Belchite führen mit brutaler Klarheit vor Augen, welch destruktive Kraft Kriege haben. Wir Deutschen sind den Gedanken zwar gewohnt, dass viele unserer Städte nach Kriegsende völlig zerstört waren, aber eine Sache sind Photos und eine andere ist das Durchlaufen eines riesigen Trümmerhaufens, der einmal ein nettes kleines Dorf in Aragonien gewesen sein mag.

Betritt man das alte Dorf von Norden her, so überblickt man an der Seite des alten Konventes des Heiligen Augustin das Schlachtfeld. Würden dort nicht noch ein paar Gebäudereste stehen, so könnte man meinen, auf einer überdimensionalen Geröllhalde zu stehen. Wege scheinen sich durch Erosion in die Schuttberge eingefressen zu haben. Ein überdimensionales Modell der Kriegszerstörungen; in Farbe. Man kennt die Bilder, aber man hat sie nicht verstanden, kann sie nicht verstehen. Auch in Belchite nicht, wo halbe Häuser nach Opfern einer Abrissbirne aussehen. Wo man auf einem Schutthaufen den Geist des kleinen Borchertschen Jungen aus „Nachts schlafen die Ratten doch“ beinahe sehen kann. Und mehr als froh über das kleine „beinahe“ ist.

Auch Belchite ist nur ein schwacher Abglanz dessen, was damals hier passiert ist. Es ist nur das Skelett des allgemeinen Wahnsinns und wer vermag schon aus ein paar Knochen die ganze Bestie zu rekonstruieren?

Es sind nicht mehr viele da, die davon in erster Person erzählen können, denn das Dorf ist bereits vor 68 Jahren zerstört worden. Die republikanischen Truppen waren auf dem Weg nach Zaragoza, die sie den faschistischen Aufständlern unter Franco wieder abnehmen wollten.

Auf dem Weg lag das bis dato unbekannte Dörfchen. Während rundherum Siedlungen wie Codo und Quinto recht schnell aufgaben, verschanzten sich in Belchite 13 Tage lang rund 2000 Soldaten (Tendenz fallend) und spielten Helden. Die Gegenseite, auch nicht faul, entlud über dem Städtchen, was sie so an Bomben zur Verfügung hatte. Bis nach besagten zwei Wochen aus Belchite das geworden war, was es heute ist: ein großer Schutthaufen.

Franco war – so hörte ich – so stolz auf das „heldenhafte“ Verharren der Seinen, dass er befahl, das Dorf nicht neu zu errichten, sondern ein anderes nebenan zu bauen. „El pueblo viejo“ sollte fürderhin als unaufgeräumtes Mahnmal dienen, als kleine und historisch korrektere Ergänzung des Tals der Gefallenen, nehme ich an. Letzteres ist ein pathetisch großes Mahnmal südlich von Madrid, an dem wer’s mag noch heute den erhobenen rechten Arm live erleben kann. Ich bin dem caudillo (wörtlich übersetzt Köpfchen, was kaum unzutreffender sein könnte) ungern Dank schuldig, aber halte die seine für eine wirklich blendende Idee, wenn auch aus anderen Gründen. Ein Aufenthalt in Belchite sollte zur Pflichtveranstaltung für alle Soldatenfreiwillligen gemacht werden, nur damit sie mal ne Idee bekommen. Das wird natürlich nicht geschehen, denn Spanien ist auf diesem Auge nach wie vor blind. Die in der Übergangszeit selbstverordnete Stillhaltepolitik dauert im Wesentlichen bis heute. Kleine kosmetische Maßnahmen wie das Entfernen von Franco-Statuen auf öffentlichen Plätzen (man stelle sich das mal bei uns vor!) geraten da schon zu politisch waghalsigen Abenteuern und werden deshalb mitten in der Nacht durchgeführt.

In Belchite gibt es nicht ein einziges Schild, das von der Geschichte des Dorfes spricht. Ein großes Kreuz in dessen Mitte ist ganz offensichtlich von den Gewinnern des Bürgerkriegs aufgestellt worden, aber irgendwann dann jeglichen Schriftzuges beraubt worden – so nehme ich jedenfalls, ähnlichen Beispielen folgend, an. Positiv formuliert ist Belchite naturbelassen. Aber so naturbelassen, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass hier gewartet wird. Gewartet darauf, dass mit den Letzten auch die Erinnerung sterben möge.

Auf einer Kirchentür steht in Kreide frei übertragen:

Altes Dorf von Belchite,
kein Geschrei von Kindern.
Und auch die Lieder unsrer Eltern
werden nicht mehr in dir klingen.