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Jazzszene (12/2017)

Viele junge Talente, kaum Auftrittsmöglichkeiten, innovative Label, erfolgreiche Festivals und kaum Finanzierung, das alles kennzeichnet die Situation im Land.

Jeder Portugiese, der Jazz liebt oder mit ihm zu tun hat, kennt die Sendung „Cinco minutos de Jazz“, die der Jazzkritiker Jose Duarte (*1938) zunächst von 1966-1975 täglich im privaten Sender „Rádio Renascença” präsentierte.

Das Radioprogramm, das dann von 1984-1993 auf „Rádio Comercial” ausgestrahlt wurde und seither bei „Antena 1” läuft, ist die dienstälteste Sendung in Portugal und erhielt im Jahr 2014 eine Auszeichnung als bestes Programm. Duarte präsentiert dort vom New Orleans-Jazz bis zum Free-Jazz alle Stile und hat so sehr viele Portugiesen überhaupt erst mit dieser Musik bekannt gemacht, wie Inês Cunha bestätigt, die Präsidentin des Vereins „Hot Clube de Portugal“ (HCP), dem wiederum ältesten noch bestehenden Jazzclub in Europa. Dort bestreiten damals wie heute vor allem einheimische Musiker den Großteil des Programms: „Wir veranstalten von Do.–Sa. Konzerte mit derselben Band, meistens Portugiesen, da wir Ausländer kaum bezahlen können. Di. und Mi. haben wir Jam Sessions mit den Schülern der verschiedenen Jazz-Schulen. Ich kann selten die Musiker von dem bezahlen, was an der Kasse reinkommt. Das Gute ist, dass die rund 400 Vereinsmitglieder monatlich ihre Beiträge zahlen, das hilft sehr“, sagt Inês Cunha, „leider haben wir auch wenig Geld für Werbung, um z.B. Touristen zu erreichen. Wir betreiben unsere Website, versenden Newsletter und einige Flyer an Hotels etc. und seit vier Jahren machen wir ein halbjährliches kostenfreies Magazin, ‚HOTnews’, das in einer kleinen Auflage (300 Stück) zunächst auf Papier und dann online erscheint.“ Rund 90 Gäste passen bei Konzerten in den Club, der modern wirkt, in schlichtem Grau gestrichen, mit einer kleinen Außenanlage über deren Theke ein riesiges Foto hängt, auf dem (fast) alle Aktiven der Jazzszene Lissabons zu sehen sind.

Die aktuelle Situation der Jazzszene Portugals ist bedenklich: Einerseits gibt es viele gute junge Musiker, andererseits kaum Auftrittsmöglichkeiten im Land: „In Porto findet man einige Jazz-Bars und eine Schule, in Cascais und einigen anderen Städten unregelmäßig geöffnete Clubs, in Coimbra entsteht gerade eine Szene, in Lissabon lässt es der wachsende Tourismus zu, dass es verschiedene Bars u.ä. gibt, wo an bestimmten Wochentagen Jazz gespielt wird, abwechselnd mit Fado, Salsa u.ä., aber ich kenne außer dem HCP keinen Club in ganz Portugal, der sich exklusiv dem Jazz widmet. Unsere Jam-Sessions sind da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, es gibt zu viele junge talentierte Musiker“, sagt Inês Cunha.

Zu den „jungen, talentierten Musikern“ zählen z.B. die Trompeterin Susana Santos Silva mit ihrem Quintett, José Dias mit seiner Gruppe „Magenta“, das „Lisbon Underground Music Ensemble“ (L.U.M.E.) oder das “Qrquestra Jazz de Matosinhos”. Immerhin existieren momentan sieben Labels im Land, auf denen auch Portugiesen ihre Alben veröffentlichen: „Creativ Sources“ (u.a. „IKB Ensemble“, Gonçalo Almeida, Pedro Sousa), „JACC“, „Portajazz“, „toap“ (tone of a pitch; u.a. Susana Santos Silva), „Sintoma“ (u.a. „Magenta“, José Dias Quarteto), das neu gegründete HCP-Label und das international erfolgreiche Label „clean feed“.

Jedoch hapert es in Portugal am Vertrieb, wie Inês Cunha weiß: „Bei Ketten wie FNAC findet man nichts, es geht nur über Konzerte oder online. Und es gibt einen Laden in Lissabon, „Dargil“, wo man portugiesische Jazz-CDs kaufen kann.“ Und seitdem die einzige Jazz-Zeitschrift des Landes, die 2005 geborene „jazz.pt“, wieder verschwunden ist (es gab auch schon früher Versuche, wie „O papel do Jazz“ oder „All Jazz“, aber alle scheiterten), hat der Jazz neben einigen Zeitungsartikeln fast nur noch online ein Forum, denn auch Radio und TV beschäftigen sich selten mit ihm.

Allerdings begann der Abstieg des Jazz nach den Goldenen Jahren nach der Revolution (1974) schon viel früher wie Saxophonist Carlos Martins, der das Festival „Festa do Jazz do São Luiz“ leitet, erzählt: „Vor 20 Jahren gab es zwar noch viel Geld, aber die Festivals etc. begannen, vor allem ausländische Musiker einzuladen bzw. auf Pop- und Rockmusik umzustellen. Und von den portugiesischen Jazzern erhielten nur noch die zwei, drei bekanntesten Auftrittsmöglichkeiten. Und dann kam es noch schlimmer, denn die Stadtverwaltungen dachten sich, wozu brauchen wir Jazz, wenn wir einen Popstar buchen können oder eine tolle Oper, diese Jazztypen sind sowieso oft seltsam, erzählen komische Sachen etc. Ein Bürgermeister, der sonst keine Chance hatte in die Presse zu kommen, konnte mit einem Festival sein Gesicht auf die erste Seite bringen, um so eher, wenn internationale Stars auftraten. Und so kam es, dass auf mit öffentlichen Geldern finanzierten Festivals schließlich keine Portugiesen mehr spielten. Deswegen gründete ich erst ‚Lisboa in Jazz‘, nur für Portugiesen, die allerdings ausländische Gäste einladen konnten, dann schließlich 2002 ‚Festa do Jazz do São Luiz‘. Dazu holte ich Luis Hilário (vom HCP) ins Boot, der die Verwaltung übernahm.“

Die Festivallandschaft hingegen zeigt sich stabil und vielfältig. Die Website www.jazzfests.net listet für das Jahr 2014 14 Festivals in Portugal (inkl. der Azoren und Madeira), von kleinen, nationalen Eintagesveranstaltungen („Estarrejazz“) bis zum internationalen „Cool Jazz Fest“, wo auch schon Popstars wie Sting aufgetreten sind. Seit 10 Jahren richtet zudem das Goethe-Institut ein Festival aus, „Jazz im Goethe Garten“.

Und die Besucherzahlen für Konzerte (aller Art) haben sich in Portugal zwischen 1990 und 2009 mehr als verzehnfacht. Hoffnung macht auch, dass sich seit dem Jahr 2010 die Bewegung „Jazz-Hop Portugal“ um Projekte kümmert, in denen Jazz und Hiphop fusionieren.

Um die Situation dieser peripheren Musik in einem peripheren Land zu verbessern, aber auch um die Tradition des Jazz aufzuzeigen und die verschiedenen Generationen verstärkt zusammen zu bringen – einen Zweck den auch die 1. Veröffentlichung des neuen HCP-Labels verfolgt (siehe Rezension) – veranstaltete der HCP in Zusammenarbeit mit dem „Centro Cultural Vila Flor“ in Guimarães von Mai 2014 bis Mai 2015 einen Zyklus von Diskussionen und Konzerten zum Thema „Histórias de Jazz em Portugal“. Die beiden Jazzjournalisten António Curvelo und Manuel Jorge Veloso luden 16 bekannte heimische Musiker zu Gesprächen ein – darunter Maria João, der Saxophonist Pedro Moreira, der Pianist Carlos Azevedo oder der Bassist Carlos Bica, der in Berlin lebt und dort mit seinen Projekten – u.a. der Band „Azul“ – Erfolge feiert, – und ließen danach deren Kompositionen von jungen Talenten spielen. Am darauffolgenden Abend sprachen die beiden mit jungen Musikern und der „Altstar“ gab ein Konzert. Eine sehr gute Idee, die der Jazzszene hoffentlich verstärkte Aufmerksamkeit bringt.

Fotos: Torsten Eßer

TIPP:
Torsten Eßer. „Fünf Minuten Jazz“. Portugals Jazzszene gestern und heute (Jazzpodium 4/ 2015)