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Im wilden Westen Brasiliens

Ra-ta-ta-ta-tata – Ra-ta-ta-ta-tata erschallt laut der erste Ruf. Gleich darauf kommt die Antwort – Ra-ta-ta-ta-tata – Ra-ta-ta-ta-tata. Eine andere Vogelstimme ist zu hören – Bem te vi – Bem te vi – Bem te vi. Wir werfen einen müden Blick auf die Uhr. Es ist kurz vor 5 Uhr in der Früh. Ein Blick nach draußen zeigt, dass zwischen den Bäumen ein erster heller Streifen am Horizont zu sehen ist. Das durchdringende Kreischen mehrerer Papageien in unmittelbarer Nachbarschaft enthebt uns einer Entscheidung. An weiteren Schlaf ist nicht mehr zu denken, und wir kriechen aus unseren Betten. Der morgendliche Vogel-Weckdienst im Pantanal funktioniert.

Nach zwei Stunden Fahrt über asphaltierte Straßen und einer weiteren Stunde auf holperigen Feldwegen sind wir gestern, von Campo Grande her kommend, in der Pousada Caiman im Süden des Pantanal gelandet.

Das Pantanal – der Name ist abgeleitet von „Pantano“ (Sumpf) – ist ein riesiges Überschwemmungsgebiet, das mit 230.000 Quadratkilometern große Teile der brasilianischen Bundesstaaten Mato Grosso und Mato Grosso do Sul einnimmt. Umgeben von Gebirgszügen hat das Pantanal die Form einer Schüssel.

Bewässert von verschiedenen Flüssen und entwässert nur vom Rio Paraguai, der im Westen die Grenze zu Bolivien bildet, füllt sich das Pantanal während der sommerlichen Regenzeit zwischen Oktober und April und leert sich dann langsam in der anschließenden Trockenzeit. Das gesamte Leben richtet sich nach diesen beiden Jahreszeiten – der „Cheia“ und der „Seca“. Sie sind auch die Grundlage für den Pflanzenreichtum und die Artenvielfalt dieser Region.

Wir haben den September für unseren Besuch gewählt. Die Landschaft ist trocken, dürr, staubig. Alles wartet auf Regen. Vom frischen Grün der „Cheia“ sind nur noch entlang der Flüsse, an den Lagunen und an den wenigen verbliebenen Wasserlöchern Spuren zu erkennen. Und dort drängt sich auch die Tierwelt, um ihren Durst zu stillen – für Tierbeobachtungen also eine ideale Situation.

Nachdem wir die Lebensgeister mit einigen Tassen Kaffee geweckt haben, klettern wir auf einen Lastwagen, der zum Safarifahrzeug umfunktioniert wurde und brechen in der Morgendämmerung auf. Noch herrscht angenehme Kühle. Zuerst führt der Weg ein kleines Stück an der Lagune entlang und dann in den lockeren Buschwald. Von der Ladefläche aus haben wir alles gut im Blick.

Am Uferrand spaziert eine Tacha, ein truthahngroßer Hühnervogel, wahrscheinlich unser Krawallhansel von heute morgen. Im seichten Uferwasser sind weiße Reiher auf Fischfang und auf den Wasserpflanzen rennen Teichhühner aufgeregt auf Futtersuche hin und her. Von der Spitze eines trockenen Baums aus beobachtet ein Falke mit weißem Kopf kritisch, was sich da so tut.

Im Gebüsch tummelt sich eine Gruppe von Quatis (Nasenbären), deutlich zu erkennen an ihren steil aufgerichteten Ringelschwänzen. Und ein Stück weiter vorne überqueren gerade Catetos, eine kleine Wildschweinart, die Straße und verschwinden im Wald.

Während wir langsam weiterfahren, informiert uns unser Guia über typische Pflanzen der Region und lenkt unseren Blick auf Dinge, die für Unkundige nicht zu entdecken sind: die etwas chaotisch angelegten Nester der Caturritas, der kleinen Papageien, das kunstvoll aus Lehm geformte Haus des „Joao de Barro“, des Töpfervogels und die Nisthöhle eines Spechts, der gerade aus seiner Behausung herausschaut.

Als der Wagen stoppt, ist Fußmarsch angesagt. Nach gut einem Kilometer durch den lichten Buschwald kommen wir an ein Wasserloch. Und da liegen sie – nebeneinander, übereinander, alte Veteranen und Jungtiere bunt gemischt, im Wasser und am Ufer – die Jacarés.

Mehr als hundert Kaimane sind an dieser Stelle versammelt. Wir nähern uns vorsichtig und erst als wir auf circa 3 Meter herankommen, gleiten die Tiere langsam ins Wasser. Nachdem wir verschiedene „Portraitaufnahmen“ von einigen besonders schönen Exemplaren geschossen haben, geht es zurück zu unserem Gefährt und in die Pousada.

Faulenzend am Pool und in der Rede (Hängematte) verbringen wir die heißen Stunden. Für den späten Nachmittag ist eine weitere Aktivität angesagt, diesmal zu Pferd. Unsere vierbeinigen Transportmittel warten bereits gesattelt. Und nachdem einige wichtige Details aus der „Bedienungsanleitung für Pferde“ geklärt sind, machen wir uns mit unserem Begleiter, einem echten Vaqueiro, auf den Weg. Querfeldein geht es, zuerst über einen grasigen Campo, dann hinein in den sperrigen und stacheligen Buschwald. Wir folgen unserem Pantaneiro, der – geschützt durch seine ledernen Beinschoner – stetig vorausreitet und sind froh, feste Jeans und Wanderschuhe angezogen zu haben.

Die Pferde sind ideal, um sich unbemerkt an scheue Tiere heranpirschen zu können. Das gelingt uns bei einem Tuiuiú und wir können ihn beim Fischen beobachten. Der Tuiuiú ist ein großer Storch mit schwarzem Kopf und roter Halskrause, das Wappentier des Pantanal und der größte in Brasilien lebende Vogel.

Aufmerksam spitzen wir die Ohren, als wir in der Ferne den krächzenden Ruf „Ara-ara“, „Ara-ara“ hören. Langsam und vorsichtig nähern wir uns der Stelle. Auf dem Ast eines riesigen Baumes sitzen zwei Hyazinth-Aras. Gleich daneben befindet sich ein Loch im Baumstamm, der Eingang zur Nisthöhle. Es ist ein wunderbarer Anblick, der sich uns im Fernglas bietet – das dunkelblaue Gefieder, der starke gebogene Schnabel und das von leuchtend gelben Federn umgebene große dunkle Auge. Das Pantanal gilt als einer der wenigen Plätze, wo man diese herrlichen Vögel in freier Wildbahn beobachten kann – und das tun wir ausgiebig.

Schließlich mahnt unser Führer zum Aufbruch, denn er möchte noch bei Tageslicht zurück im Camp ankommen. Wir reiten in einen Sonnenuntergang hinein, der den Himmel und die wenigen Wolken mit allen Farben vom leuchtenden Gelb bis zum dunklen, fast lilafarbenen Purpurrot bepinselt. Über uns ist heftiger Flugbetrieb. Die Vögel ziehen sich für die Nacht auf ihre Schlafbäume zurück.

Jede Vogelart hat ihren eigenen Schlafbaum, der, je nach Größe, Hunderten von Vögeln Platz bietet. Es dauert schon eine Weile und ist mit höllischem Lärm verbunden bis sich so eine Vogelgesellschaft für die Nacht organisiert hat. Wir kommen an einigen dieser Bäume vorbei und stellen dabei fest, dass bezüglich der Lautstärke die kleinen Papageien konkurrenzlos an der Spitze liegen.

Leicht Sitz geschädigt erreichen wir die Pousada. Aber nach einer heißen Dusche und einer kühlen Caipirinha sind wir regeneriert. Aus der Küche duftet es köstlich, unser Magen knurrt und wir freuen uns auf das Abendessen.

Doch bevor wir uns zum abendlichen Mahl niederlassen, werfen wir noch einmal den Blick gen Himmel. Wir sind überwältigt von der unendlichen Anzahl der Sterne, die mit bloßem Auge zu sehen sind. Die Milchstraße zieht sich als leuchtendes Band über den Himmel. Und das Licht des mit Sternen übersäten Himmels ist so stark, dass man im Freien ohne Lampe lesen könnte.

Im Schilf der Lagune ruft ein „Socó-boi“, eine große Rohrdommel, und läutet die Nacht ein.