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Hopfiges: inedit – unveröffentlicht

inedit ist eine Kreation des El-Bulli-Teams, angeführt vom Drei-Sterne-Molekularkoch Ferran Adrià. Es ist ein Bier für die Gastronomie, ein Bier, das dort, wo der Wein als idealer Begleiter zu bestimmten Speisen versagt – Saurem, Meeresfruchtigem, vor allem aber der Artischocke – einspringt.

Ein Lückenfüller im positiven Sinne. Edel und extrem ausgewogen, ein Geschöpf, das schon lange in den Köpfen seiner Schöpfer spukte und nun endlich in Zusammenarbeit mit der katalanischen Brauerei Damm zum Leben erweckt werden konnte.

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inedit Estrella Damm aus Barcelona

Verkostung 1

Ein riesengroßer Fehler war es, vor der Verkostung auf die offizielle Website zu schauen. Wenn Männer im gestandenen Alter gelassen wichtig und allwissend daher reden, liegt ein Hauch grenzenloser Selbstüberschätzung in der Luft; entweder in Bezug auf den Inhalt oder die Außenwirkung der Protagonisten. In den drei auf Spanisch und Englisch präsentierten Initiationsvideos erklären Ferran Adrià, seine beiden Super-Sommeliers und sein Restaurantleiter einer jugendlich, smarten Journalistin die Schöpfung. Bestimmt und geschwollen. Das gesprochene Wort scheint Gesetz.

inedit

Ich begebe mich also eher skeptisch in den Supermarkt und greife mir ein paar Flaschen: 0,75 Liter für 3,95 Euro. Und genau im Preis liegen sowohl Genickbruch als auch Stärke inedits – wie sich später in der Runde der Verkosterinnen und Verkoster noch zeigen sollte.

Unter Laborbedingungen – 4-8% Temperatur, Weißweinglas, nüchternem Magen – lasse ich mir die erste Flasche munden. Das Biergemisch schmeckt sehr fruchtig, weich und im Abgang eindeutig süßlich nach Lakritze. Und ehrlich gesagt: zum zweiten und dritten Glas muss ich mich zwingen. Alle weiteren Flaschen des mit Orangenschale, Koriander und Lakritze angereicherten Verschnitts aus Tipo Pilsener und Weißbier bleiben unberührt.

Verkostung 2

So kann ich nicht über inedit schreiben. Ich suche mir daher zur erneuten Verkostung Beistand aus der Gruppe der durchschnittlichen Genussmenschen und gieße ein. Dieses Mal herrscht eine freudig-gelassene Nachmittagsstimmung bei warmem Februarwetter auf der Dachterrasse als ich mit der Flasche und vier baskischen Weingläsern zum Biertest bitte. Hier nun die unzensierten Gedanken der Gaumen, wobei der Bierpreis den Gästen bekannt ist:

Perlig – und ja es prickelt. Erinnert an Champagner. Auch die Form der Flasche. Sehr edel und weich. Lecker, nicht für den täglichen Gebrauch, aber zu bestimmten Anlässen.

Riechen tut’s gut. Schmecken sehr mild – mir fehlt das Herbe des Hopfens. Aber durchaus rund. Extraordinär.

Erinnert an Berliner Weiße.

Stimmt! Mit Waldmeister. Geradezu krautig.

Viel Frucht ja, aber eher rote Johannesbeere und Himbeere.

Als Aperitif könnte ich mir das inedit vorstellen.

Genau. Als Aperitif. Im Restaurant vielleicht mit geräuchertem Tunfisch.

Stimmt als Aperitif. Aber pur. Pur als Aperitif!

Und wie sieht es mit dem Preis aus? Würdet ihr vier Euro für eine Flasche im Supermarkt bezahlen?

Mich darfst du das nicht fragen. Wenn ich Bier trinke, dann gerne herb und viel.

Für einen Euro die Flasche würde ich manches Mal darüber nachdenken.

Für Einladungen könnte ich es mir vorstellen, aber bei dem Preis lieber in einen guten Wein investieren.

Soweit die Einschätzungen und Gedanken der einzelnen Gourmets. Gesagt werden muss an dieser Stelle, dass ich von einer abschließenden Bewertung im Sinne der caiman-Scala Abstand nehmen möchte, da inedit nicht zu den Kategorien Wohlfühlfaktor (Hängematte), Tageszeitunabhängigkeit, Faktor Hang over und Völkerverständigung passt.

inedit Estrella Damm
inedit Estrella Damm aus Barcelona

Zudem möchte ich auf unsere Einführung in die Kolumne Hopfiges verwiesen: Entgegen den konventionellen Verkostungsmethoden legen wir Wert auf das individuelle Empfinden der Situation und Atmosphäre am jeweiligen Ort des Biergenusses.

inedit hätten wir gerne im Restaurant unserer Wahl oder lieber noch im El Bulli selbst verkostet. Im Restaurant unserer Wahl führen sie inedit nicht. Im El Bulli war es uns leider nicht vergönnt, einen Tisch zu ergattern. Die Wartezeiten sollen bis zu drei Jahre betragen haben. Ferran Adrià hat sein El Bulli auf der Cap de Creus daher vorübergehend geschlossen mit den Worten: „Wir haben ein Monster geschaffen, und es war an der Zeit, es zu bändigen.“

Als Liebhaberin des gemeinen Bieres, egal ob mit oder ohne kulinarische Begleitung, kann ich nur hoffen, dass inedit als weiteres Ferran Adrià-Monster zukünftig keine hohen Wellen schlagen wird, die alles über Jahre ans Herz Gewachsene aus den Eckkneipen spülen könnte.

Written by dirk klaiber

dirk klaiber

dirk klaiber, geb. 1969, lebt in berlin, ist herausgeber des online kultur- und reisemagazins caiman.de / internet: www.caiman.de

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