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Guayas und Kill

Liebe in den Zeiten der Conquista

Neben den herkömmlichen spanischen Namen lateinamerikanischer Städte, gibt es eine Reihe deren Bezeichnung indianischen Ursprungs sind. Von diesen springt einer ganz besonders ins Auge: Guayaquil. Guayaquil ist einer der wichtigsten Häfen der pazifischen Küste Südamerikas, sowie Wirtschafts-Metropole Ekuadors; Umschlagplatz von 50 % des Exportes und 75 % des Importes des ganzen Landes.

Es gibt zahlreiche Interpretationen über Bedeutung und Herkunft des Wortes Guayaquil. Eigentlich aber handelt es sich um zwei zusammen gesetzte Begriffe aus der Quechua-Sprache. Präziser aus dem Dialekt zweier bedeutender Prä-Inka Kulturen, die bis heute in Ekuador ihre Spuren hinterlassen haben: der Mochica und der Puruhá. Erstere verbreitete sich entlang der heutigen peruanisch-ekuadorianischen Küste. Letztere entstammt der Region um den Vulkan Chimborazo, dem Hochland Ekuadors.

Guayas und Kill sind die beiden Begriffe, von denen hier die Rede ist. Sie bilden den Namen der ekuadorianischen Stadt, die von dem Konquistador Sebastián de Benalcázar im Jahr 1535 gegründet wurde.

Zunächst hieß die Stadt Santiago de la Culata, belegt in den Manuskripten der Stadtratssitzung von Quito von 1539. Erst 1542 wird der Name der Stadt in Guayaquile oder Guayaquill geändert. Ihre endgültige Bezeichnung erhält sie im Jahr 1547: Guayaquil.

Offensichtlich brauchten die spanischen Eroberer eine gewisse Zeit, sich mit der indianischen Namensgebung anzufreunden.

Guaya war eine weit verbreitete Puruhá-Vokabel in der Region. Und so bildet sie den Stamm vieler noch heute aktueller Wörter in Ecuador und Peru, wie Guayacón (frittierte Fladen aus Kochbananen), Guayasca (ein Kater nach reichlich Alkoholgenuss), Guayaca (süße Maisspeise im Bananenblatt), Guayahanga (extrem starke Regenfälle)…Die volkstümliche Überlieferung berichtet, Guayas sei nicht nur der Name des Ortes und dessen Flusses, dem heutige Guayaquil, sondern auch des letzten regierenden Kaziken in jenem Gebiet.

Innerhalb des politisch-sozialen Regimes des Stammes Puruhá-Mochica, übernahm die Ayllu oder Familie, d.h. das Volk, den Namen des Häuptlings: Guayas war der Name des Kaziken, des Ortes und des Dorfes zugleich, wie die Überlieferung bestätigt.Kill, andererseits ist eine Mochica-Vokabel, die eine Göttin oder Nymphe bezeichnet.

Sie galt als die Schöpferin der Wasserquellen, Flüsse und deren Bewohner.Die Überlieferung berichtet auch, dass Kill der Name der Lebensgefährtin Guayas gewesen sei.

Eine unter den Indianern weit verbreitete Gewohnheit war die Vereinigung der Namen des Häuptlings mit dem ihrer Götter. Aus der Vereinigung von Guayas und Kill scheint also das Wort Guaya-Kill oder Guaya-Kille entstanden zu sein, welches sich unter spanischem Einfluss zum heutigen Guayaquil weiterentwickelte.

Schon früh formte sich eine romantische Legende um den Kaziken Guayas und seine Geliebte Kill, die bis heute als Symbol leidenschaftlicher Liebe und indianischen Widerstandes gegen die spanische Conquista gilt.Die Legende erzählt, dass sich Guayas und Kill entschieden, ihre Leben zu opfern, als sie ihr Dorf zerstört sahen und sich unter spanischer Herrschaft wiederfanden.

Für beide war es ehrenvoller, den Freitod zu wählen, als voneinander getrennt in Knechtschaft zu leben: Vor den erschreckten Augen der spanischen Ankömmlinge erhält Kill von Guayas den Todesstoss in die Brust. Daraufhin stürzt sich dieser zusammen mit der Leiche seiner Geliebten in die Tiefe des Flusses Guayas.

Guayaquil ist heute eine fortschrittliche, laute und lebensfrohe Stadt mit subtropischem Klima. Eine Stadt mit üppiger Flora und Fauna und ein Gebiet, dass als eines der wichtigsten Ökosysteme des Landes gilt. Der Fluss Guayas, der Wasser reichste Fluss der amerikanischen Pazifikküste, und seine kleinen Brüder führen über 1500 Kubikmeter pro Sekunde Süßwasser mit sich.

Eine Stadt mit einer raschen demographischen Entwicklung und über zwei Millionen Einwohnern. Arbeitslosigkeit und ihre Konsequenzen beschäftigen die Guayaquileños. Wie in den meisten großen Städte Lateinamerikas gibt es enorme soziale Unterschiede. Trotzdem schaffen es diese unterschiedlichen Schichten miteinander zu leben, wissend, dass sie auf einander angewiesen sind.
So wie auch Guayas nicht ohne seine Kill weiter leben konnte.