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Gran Aventura Iguaçu

Die Nichte will die Wasserfälle sehen und gegen Besuch aus Deutschland und dessen Wünsche hat man keine Einwände zu machen. Wieso auch, Iguaçu ist auch bei fünftem oder sechstem Besuch noch wunderschön und aufregend. Wir fliegen also hin, ins Dreiländereck Brasilien – Argentinien – Paraguay, wobei das frühe Aufstehen nicht ohne Reklamationen seitens des Besuches abläuft. Aber normal. Im Landeanflug auf Iguaçu geht es kurz über paraguayisches Gebiet, wobei mein brasilianisches Handy mit nicht zu verachtender Lautstärke eine Welle von „Willkommen in Paraguay“-SMS abfeuert. Strafender Blick der Stewardess.

Das online gebuchte Hostel ist sensationell, ein traumhafter Campingplatz, der auch über nette Doppelzimmer verfügt. Sehr zu empfehlen, daher folgt der Link am Ende der Geschichte. Internet gibt es auch, weshalb die 14-jährige Nichte gleich erst mal per Facebook ihre Landung in Iguaçu an die Welt verkünden muss. Als ich dränge, los zu ziehen, da wir nur den heutigen Nachmittag und den morgigen Tag haben um alles anzuschauen, folgt eine ausführliche Diskussion über große Müdigkeit aufgrund frühen Aufstehens. Der Onkel spielt seine Autorität aus und man zieht los. Vier Stunden, das reicht perfekt für die brasilianische Seite der Wasserfälle.

Auf unserem Fußmarsch durch den Park hinab zu den Fällen lauern uns die ersten Schwärme von Quatis auf, wilde Nasenbären, die es auf alles Essbare abgesehen haben. Wild kreischend flieht die Nichte vor dem ungewöhnlichen Wesen. Es geht weiter hinab in die Schlucht. Auf der anderen Seite sehen wir die argentinischen Fälle, die weiß dampfend in die Tiefe fallen. Von Brasilien aus gelangt man über eine Brücke weit hinein in die Schlucht. Atem beraubender Blick über die Wasserkante, Dampf überall, die Kameralinse ständig nass. Aber die Nichte hat Spaß, die Fotos werden gut, was will man mehr?

Allerdings sind wir pitschnass und der Wind lässt uns trotz blauem Himmel und Sonnenschein frösteln. Unerklärlicher Weise haben die Restaurants schon um 16 Uhr geschlossen, obwohl uns doch um 17 Uhr der Hunger quält… zurück ins nahe gelegene Hostel (noch ein Vorteil) und ab an den Pool (noch ein Vorteil), wo wir leckere Hamburger mit Caipi für Onkel und Erdbeermilchshake für Nichte serviert bekommen (noch ein Vorteil). Via Facebook muss die Welt noch schnell über den ersten Tag an den Wasserfällen informiert werden („Schminke vor lauter Wasser verlaufen!“). WLAN im Hostel, noch ein Vorteil. (Ach ja?). Wie gesagt, der Link folgt gleich. Der Herbergschef informiert uns über eine Reisegruppe, die morgen früh vom Hostel aus nach Argentinien aufbricht. Ich trage uns in die Liste ein.

Am nächsten Morgen folgen Proteste ob des nochmaligen frühen Aufstehens mitten in den Ferien (8:45 Uhr, immerhin…). Um 9 Uhr geht es dann los, über den Grenzfluss und in die argentinischen Wälder. „Gran Aventura Iguaçu“ würde ich gerne machen, eine Tour mit dem LKW durch die Wälder plus anschließender Fahrt mit dem Boot bis unter die Wasserfälle. „Mir wird schlecht bei Bootsfahrten“, so der jugendliche Einwand. Ich buche trotzdem. Und – Volltreffer! Die Fahrt auf dem LKW kommt sehr gut an, schließlich fahren wir bequem durch den tollen Wald. Laufen wäre bestimmt nicht so toll gewesen…

Dann die Bootsfahrt. Schlecht wird ihr nicht. Dafür schreit sie vor Freude bei jeder Dusche unter den hart vom Himmel kommenden Wassermassen. Viel zu schnell ist der Spaß vorbei. Wir sind wieder pitschnass, aber das gehört halt dazu. Zu Fuß geht es weiter entlang der sich über Kilometer durch den Urwald ziehenden Wasserfälle. Spektakulär! Nur die dank des Wassers verlaufene Schminke und die ständig unsere Lunchpakete attackierenden Nasenbären sind Grund für Beschwerden.

Die Zeit rast dahin, wir müssen uns sputen um noch zum „Teufelsrachen“ zu gelangen, dem sensationellen Abschluss eines jeden Iguaçu-Besuchs. Es dampft und kracht, wenn die Wasser des Iguaçu-Flusses über die halbrunde Kante nach unten gelangen. Der Tag geht zu Ende, „gut dass wir einen ganzen Tag für die argentinische Seite hatten“, gibt der stets altkluge und besserwisserische Onkel von sich. Hunger und Müdigkeit breiten sich jetzt ungehemmt aus. Im Bus zurück nach Brasilien wird geschlafen. So verpasst man noch die heldenhafte Aktion des Onkels, der den liegen gebliebenen koreanischen Transporter wieder flott macht. „Wieso ist Dein Gesicht voller Öl“ ist der einzige Kommentar.

Zurück im Hostel / am Pool / gibt es wieder Hamburger mit Caipi / Erdbeermilchshake / Facebook und dann ab in die Federn. Am nächsten Morgen geht es früh los, zurück per Flieger nach São Paulo. „Schon wieder früh aufstehen, und das sollen Ferien sein…“ Immerhin gibt es am Flughafen WLAN. Brave New World? Gran Aventura Iguaçu!

Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Jonas de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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