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Gottverlassenes Alemania im argentinischen Niemandsland

Mal ehrlich, wer besucht schon den aufregenden Norden Argentiniens, um sich dann seinen überaus positiven Eindruck mit einem etwas ungewöhnlichen Abstecher in eine Geisterstadt zu ruinieren? Nur weil die Siedlung zufällig genau so genannt wird, wie das eigene Herkunftsland?! Die Antwort: Ich, ich mache das sehr wohl.

Die Gegend zwischen den Städten San Miguel de Tucumán und Salta dürfte mittlerweile für Argentinienbesucher, die länger als drei Wochen Zeit haben, zum festen Standardtouristenrepertoire gehören. Schließlich kann man da entlang der berühmten Ruta 40 nicht nur die faszinierendsten Landschaftsformen der Valles Calchaquíes erleben, sondern auch ein unglaubliches Farbspektakel. Von Tucumán aus geht’s jedoch erst einmal auf der Bundesstraße 307 in Richtung Tafí del Valle, wo die reicheren Tucumanos oben in luftigen Höhen ihre kleinen Wochenendhäuser haben. Und schon der Blick von dort oben auf den Lago de Angostura ist den Ausflug wert. Die schneebedeckten Berge ringsherum bilden einen wundervollen Kontrast zu dem türkis schimmernden Wasser des Bergsees, wo ein paar Angler ihre Routen ausgeworfen haben. Und nach 30 weiteren Kilometern biegt man endlich auf die Ruta 40 ab, die längste nationale Straße Argentiniens.

Und auch ein paar Tage im Örtchen Cafayate sind durchaus empfehlenswert, kann man dort nicht nur jede Menge Weingüter besuchen, sondern auch die eindrucksvollen Gesteinsformationen der Quebrada de las Conchas. Wenn man an die unzähligen Sandsteinformationen wie den Frosch, das Amphitheater, den Teufelsschlund endlich passiert hat, dann ist es auf der Karte nicht mal mehr ein Fingerbreit nach Alemania.

Kein Schild zeigt die Ausfahrt an und wer zu schnell fährt, dem wird nicht einmal auffallen, dass außer der vorgelagerten Bushaltestelle überhaupt noch etwas Menschliches hinter den Bäumen liegt. Dabei muss man über eine mächtige Eisenbrücke in den Ort hineinfahren, der inzwischen fast so verlassen daliegt, wie eine Geisterstadt in einem schlechten amerikanischen Western. Von 1916 bis 1920 erlebte Alemania seine beste Zeit. Damals war der kleine Ort angebunden an die Eisenbahnlinie. Von Salta aus gelangten so Lebensmittel und andere Güter ins Tal. Im Gegenzug dürfte es vor allem Wein gewesen sein, der in dicken Fässern in die Provinzhauptstadt verfrachtet wurde.

Diese Zeiten sind jedoch schon lange vorbei. Seit über 30 Jahren fährt kein Zug mehr nach Alemania oder hinaus. Und mit dem letzten Zug verließen auch immer mehr Menschen den Ort, in dem es noch immer nicht überall fließendes Wasser gibt, der aber immerhin an das Stromnetz angeschlossen wurde.

Fünf Familien sollen es sein, die hier noch ausharren. Zu sehen bekommt man aber maximal Fernanda, die im alten Bahnhof Kunsthandwerk verkauft und die Mini-Bibliothek verwaltet. Ansonsten kann man sich höchstens mit den herumstreunenden Hunden unterhalten, die die fast unheimliche Ruhe durch ständiges Kläffen zu durchbrechen suchen. Lange Zeit war hier auch noch die öffentliche Schule in Betrieb. Weil es aber immer weniger Fernandas gibt, müssen die Handvoll Kinder mit dem Bus nach La Viña oder Coronel Moldes weiter nördlich gebracht werden. Wie lange sie noch aushalten will, darauf möchte sich Fernanda nicht festlegen. So lange das Geschäft mit den Artesanías noch etwas abwirft, so lange wird sie zusammen mit ihrem Mann und den beiden Kindern wohl noch hier bleiben. Zwar versuchen die Tourismusbehörden immer mal wieder Alemania als lohnenswerten Abstecher in ihre Broschüren aufzunehmen, aber die meisten kommen nur kurz, drehen eine Runde durch den Bahnhof, machen ein paar Bilder und fahren weiter – ohne Einkäufe zu tätigen.

Und dennoch kann ein Besuch sehr wohl lohnen, vor allem wenn die Hitze in der Hochebene unerträglich wird. Dann nämlich kann man unten am Fluss die Füße ins Wasser baumeln lassen und nach dem Genuss des mitgebrachten Rotweines und der darauffolgenden zweistündigen Zwangspause, hat man wieder Kraft genug, um noch eine kleine Wanderung durch die grüne, unberührte Umgebung zu machen. Wer ganz viel Zeit und Muße hat, der kann auch auf dem kleinen Campingplatz nächtigen. Aber nur, wenn er neben Zelt und warmem Schlafsack auch an die Verpflegung gedacht hat. Es gibt zwar in Alemania auch ein kleines Lebensmittelgeschäft, aber man darf sich dann weder über die geringe Auswahl ärgern noch wundern, wenn es geschlossen ist.

Woher unterdessen der Name der Geisterstadt kommt, weiß niemand so ganz genau. Eine Legende erzählt von Gleisarbeitern aus Deutschland, eine andere vom deutschen Architekten, der den alten Bahnhof geplant haben soll. Dabei fällt jedoch vor allem die unterschiedliche Betonung auf. Die nämlich liegt auf dem „i“. Und so hat das Dorf das Alemanía genannt, aber Alemania geschrieben wird nur noch bedingt etwas mit Deutschland zu tun.

Wahrscheinlicher ist daher vielleicht die dritte Version. Es soll nämlich in dieser Gegend einen alten Patron gegeben haben, der „Alemanía“ gerufen wurde. Ob der sich jedoch in Anlehnung an die Gleisarbeiter oder den Architekten selbst so nannte, oder die Wortähnlichkeit nach deren Herkunftsland mit einem betonten „i“ vermeiden wollte, bleibt ebenso ein Geheimnis wie die offenkundig falsche Schreibweise. Die jedoch hat bis heute Bestand.

Fotos: Andreas Dauerer