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Gemeinsam sind wir stark

Kaffeekooperative Union Huista

Es ist das Herzstück des Dorfes: ein Gewirr aus Rohren, Becken, freien Flächen und grünen Maschinen. Besorgt fragt Letitia Cano Armas den Techniker, ob auch alles in Ordnung sei. Denn wenn diese simple, aber gut durchdachte Anlage nicht einwandfrei funktioniert, dann gerät ihre Gemeinschaft in Schwierigkeiten. Der Techniker lächelt – alles ok. Die Männer können anfangen die Säcke vom Pickup zu laden und den Kaffee in einen großen Wasserbehälter zu kippen. Wenn die Maschine durchhält und das Wetter mitspielt, dann kann in den nächsten Wochen die Ernte geschält, gewaschen und getrocknet werden, dann ist das Überleben des Dorfes für ein weiteres Jahr gesichert – auch wenn Hurrikan Stan im Oktober an einem einzigen Tag fast die Hälfte der Kaffeepflanzen zerstörte.

Die Anlage, der Pickup, der Lastwagen, der kleine Laden – das alles gehört nicht einzelnen Besitzern, sondern der Kooperative Union Huista. Was auch immer hier im Dorf zu sehen ist, ist Gemeinschaftsgut.

„Weil wir alles teilen, haben alle viel. Nur gemeinsam können wir solche Geräte anschaffen und halten“, erklärt Letitia. Die 38-jährige ist augenblicklich die demokratisch gewählte Präsidentin der Kooperative.

Die Gemeinschaft ist jung, entstanden aus den Wirren des Bürgerkrieges. Bis 1983 lebten die Familien in einem Dorf im Norden Guatemalas und gerieten im Bürgerkrieg zwischen die Fronten der Guerilla und der Regierungstruppen. Sie flohen nach Mexiko und kehrten 18 Jahre später in ihre Heimat zurück, so wie Tausende andere. Die UNO stellte den guatemaltekischen Flüchtlingen Gelder zur Verfügung, mit denen Land gekauft wurde. Union Huista erhielt zehn Quadratkilometer, die einst einem deutschen Großgrundbesitzer gehörten. Noch vor sieben Jahren gab es hier nicht viel mehr als ein paar Ruinen. „Wir haben das alte Herrenhaus niedergerissen und dort eine Kirche errichtet“, erinnert sich Letitia, die mit anderen Frauen der Kooperative am Wochenende in der nächstgelegenen Stadt Tortillas verkauft, um endlich eine Jungfrau für ihr Gotteshaus anschaffen zu können. Oberhalb der Kirche stehen 125 kleine wellblechgedeckte Häuschen im sozialistischen Einheitslook.

Gut 1.000 Menschen leben heute von dem Land am Fuße des Feuervulkans, der ständig kleine Rauchwolken ausstößt. Hier haben sie alles, was sie zum Leben brauchen: sauberes, mineralhaltiges Quellwasser, fruchtbare Böden, sogar Bergregenwald – eine ideale Gegend um Kaffee anzubauen.

Es ist kühl und schattig in der Parzelle. Üppig grün wuchern die Blätter des Kaffees, darunter hängen die roten Kaffeefrüchte. Letitia reißt eine nach der anderen ab und wirft sie in ihren Korb. Es ist zwar ihre Parzelle, doch sie arbeitet hier nicht alleine, sondern gemeinsam mit den Genossen. „Ich trage nur die Verantwortung für dieses Stückchen Land“, erklärt sie, „aber es gehört uns allen, und wir alle bekommen das Geld aus dem Kaffeeverkauf. Also helfen auch alle gemeinsam bei der Ernte, wenn einer alleine es nicht schaffen kann.“ Der jüngste Erntehelfer ist gerade mal zehn Jahre alt – nur wenn auch die Kinder mithelfen, ist die Arbeit zu bewältigen. Und Dank des gemeinschaftlichen Pickups müssen die 45 Kilo schweren Säcke mit dem geernteten Kaffee nicht eine Stunde lang bis zu der Verarbeitungsanlage getragen oder vor Ort von Hand durch eine kleine Schälmaschine gedreht werden.

Ihren Kaffee verkauft Union Huista an den Dachverband Fedecocagua, ein Zusammenschluss von 148 Kaffeekooperativen aus ganz Guatemala. Fedecocagua exportiert 30 Prozent des Kaffees an den Fairen Handel in aller Welt, in Deutschland an die gepa.

Die Organisation stellt den einzelnen Kooperativen Agraringenieure zur Verfügung, die beraten, wie man Ertrag und Qualität des Kaffees steigern kann, vergibt Kredite und Vorschüsse auf die Ernte. Vor allem aber macht der Dachverband unabhängig von den gefürchteten Coyoten. „Bevor wir unseren Kaffee an Fedecocagua verkauft haben, waren wir auf diese Art Aufkäufer angewiesen. Die haben den Preis diktiert und manchmal haben sie gar nicht bezahlt. Jetzt fühlen wir uns gerecht behandelt.“

Die Kooperative hat viel vor in den nächsten Jahren: Die Schule soll ausgebaut werden, und sie wollen unbedingt einen Fußballplatz anlegen. „Damit die Kinder sinnvoll beschäftigt sind“, erklärt Letitia. Vor allem aber wollen sie investieren. An eine Forellenzucht haben sie gedacht, und an ein Wasserrad, zur Stromgewinnung. Bienenvölker wollen sie anschaffen und Kühe züchten. „Um all das, was wir vorhaben, umsetzten zu können, brauchen wir noch viel mehr Mitglieder. Es ist ein gutes Gefühl, dass die Farm auch unsere Kinder ernähren wird“, sagt Letitia. Erst mal aber fangen sie klein an. Ihr neuestes Projekt: Eine Regenwurmzucht. „Wir wollen in Zukunft nur noch organischen Kaffee anbauen, ohne chemischen Dünger. Denn können wir an den Fairen Handel verkaufen und so mehr Geld verdienen.“ Stolz präsentiert Letitia den ersten Sack Humus, den die Würmer produziert haben. „Das reicht für 30 Kaffeepflanzen.“

Die Mitglieder der Kooperative Union Huista sind sehr zufrieden, wie sich alles entwickelt hat. „Noch vor wenigen Jahren hatten wir nichts, waren wir Flüchtlinge ohne Land und ohne Einkommen. Heute fühlen wir uns reich“, sagt Letitia, während sie auf einem einfachen Holzofen Tortillas backt. Nach unseren Maßstäben ist „reich sein“ etwas ganz anderes, aber in einem Land wie Guatemala, indem 80 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben, sind die Mitglieder der Kooperative tatsächlich wohlhabend. Und um eine Errungenschaft der Kooperative würde Union Huista von jedem deutschen Dorf beneidet werden: Der Pool. Im letztes Jahr reinigten alle zusammen das ehemalige Schwimmbad des Großgrundbesitzers von Laub und Erde, leiteten frisches Quellwasser durch das Becken und schufen so einen Platz, an dem sich die Familien am Wochenende treffen. Die Kinder vergnügen sich mit den Vätern im Wasser, während die Mütter unter einem großen Baum das Picknick vorbereiten. „Dieses Dorf ist das Paradies.“

Doch all das kann kaum über die Wunden hinwegtäuschen, die der Bürgerkrieg in die Seelen gerissen hat. An eine Hauswand haben Kinder die Geschichte des Dorfes gemalt.

Bilder von Soldaten, die Menschen erschießen, von Flucht und Baracken. Jede Familie hier hat Angehörige im Krieg verloren. Auf der kleinen Plaza vor der Kirche wird den Gästen aus Deutschland zu Ehren ein Tanz vorgeführt. In traditionellen, handgewebten Kostüm tanzen alte Frauen zu einem traditionellen Lied mit neuem Text: „Sie töteten unsere Eltern, sie töteten unsere Söhne. Aber wir müssen in die Zukunft blicken. Gemeinsam werden wir es schaffen.“