Print

Posted in:

Galerie der Kanarischen Volksbräuche (07/2006)

Ángeles Violán Acevedo / Rafael Arozarena Doblado

Sehr farbenfroh präsentiert sich dieses Buch. Dieser erste Eindruck wird sich auf jeder Seite des „Naiven Führers durch kanarisches Brauchtum“ (so der Untertitel) bestätigen. Sonnengelb leuchtet der Buchumschlag dem Leser entgegen und das Titelbild zeigt Frauen in traditioneller Tracht beim Legen der berühmten Blumenteppiche für die Fronleichnamsprozession in La Orotava.

Naive Malerei versetzt sicher nicht jeden in Entzücken. Aber dieser Führer durch naive Kunst der Kanaren ist auch nicht nur als Bilderbuch zu verstehen, sondern liefert in den Begleittexten und durch Auswahl der Motive ein breit gefächertes Hintergrundwissen, das Einblick in kuriose Besonderheiten des traditionellen Alltagslebens auf den Kanarischen Inseln und deren historische Wurzeln gibt.

Ángeles Violán Acevedo

Die Motive der kleinformatigen und knallbunten Gemälde von Ángeles Violán Acevedo sind neben der Darstellung von Volksfesten auf den Kanarischen Inseln auch Szenen aus dem Alltag und Arbeitsleben insbesondere der ländlichen Bevölkerung sowie traditioneller Berufe (Töpferinnen, Fischhändlerinnen, Milchfrauen).

Oft erzählen die Titel schon den Inhalt der Bilder. Eine Darstellung, die überschrieben wird mit den Worten „Mit meinem Liebsten unterm Mandelbaum“ oder „Mein Bruder spielt mit Schiffchen in der Bananenplantage“, bedarf eigentlich keines weiteren Kommentars. Aber manchmal scheinen sich die Bildkommentare des Dichters Rafael Arozarena Doblado der naiven Malkunst anzupassen. Im Text, der dem typisch kanarischen Landhaus gewidmet ist, schreibt er: „Die kanarische Frau ist glücklich mit diesem schlichten Heim. Feinfühlig und dankbar gegenüber dem fruchtbaren Boden schmückt sie das Haus mit kleinen Gärten oder Blumenbeeten, die der kanarischen Landschaft zusätzlichen Liebreiz verleihen…“

Es ist auffällig, dass die Künstlerin aus Teneriffa in ihren Bildern stets die Frauen in den Mittelpunkt rückt. Wenn vereinzelt Männer auftauchen, dann nur als „Nebendarsteller“ oder Randfiguren. Zum einen bleiben diese Frauenbilder zwar durchaus im traditionellen Verständnis der Geschlechterrollen in der nach wie vor eher konservativen Gesellschaft der Kanarischen Inseln verhaftet. Ein Bild mit dem programmatischen Titel „Papa spielt Domino mit seinen Freunden und Mama gießt die Blumen“ könnte manch moderne Feministin auf die Palme bringen. Zum anderen aber sind auch auf diesem Gemälde die Männer als schemenhafte Figuren an den Rand gedrängt, während die Frau als eigentlich Agierende im Zentrum thront. Ihr schönes Bild „Die universelle Frau“ kommentiert die Künstlerin im Nachwort: „Viele Generationen lang war die Frau, obzwar dem Mann kulturell untergeordnet, der Pfeiler, an dem das Leben zusammenlief … Ich möchte durch meine Arbeit dieser Frau eine Ehre erweisen, deren tägliche Arbeit selten wertgeschätzt wurde.“ Ángeles Violán möchte also den schwer arbeitenden kanarischen Landfrauen, Händlerinnen und Müttern in ihren Bildern ein Denkmal setzen.

Ángeles Violán Acevedo

Ein besonders interessantes Motiv aus dem harten Arbeitsalltag der Frauen auf den Kanarischen Inseln, der wenig mit romantischen Vorstellungen von Touristen zu tun hat, ist das Sammeln von Koschenille-Läusen.

Vor der Erfindung ähnlicher künstlicher Farbstoffe hatte sich die Zucht dieser karminroten Insekten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Kanaren zu einem bedeutenden Industriezweig entwickelt. Massenhaft wurden die Koschenille-Läuse in Pflanzungen von Opuntien (Feigenkakteen) gezüchtet und regelmäßig eingesammelt, um den einzigartigen Farbstoff („Lausblut“) in Kosmetika (Lippenstiften), Lebensmittel oder Alkoholika zu verarbeiten.

Neben Szenen aus dem harten Alltag gibt es natürlich auch viele Festtagsszenen im Werk von Ángeles Violán. Auf leuchtenden Bildern, die z.B. den Maikreuzen oder den Blumenteppichen anlässlich des Corpus Christi in La Orotava gewidmet sind, wird gezeigt, dass auf den Kanaren nach harter Arbeit auch heftig gefeiert wird. So ist die Strandparty zu Ehren des Heiligen Johannes ein schönes Motiv. Zum Fest der Sommerwende, am Abend vor der kürzesten Nacht des Jahres am 24. Juni, der „Noche de San Juan“ (Johannisnacht) ist es auf den Kanarischen Inseln wie in ganz Spanien üblich, mit der ganzen Familie am Strand bei Lagerfeuer und reichlich Weingenuss die Nacht durchzufeiern.

Mit der Darstellung solcher Traditionen bietet uns die Künstlerin, unabhängig davon, ob diese naive Malerei unseren Geschmack trifft, eine „Sammlung von Erinnerungen“, wie es der Dichter Rafael Arozarena treffend ausdrückt: „ein Museum der Gefühle“.

Ángeles Violán Acevedo

Die Künstlerin selbst sagt in der Einleitung über ihre Intention, dass ihre Bilder auch die „Sehnsucht nach einem einfacheren Leben“ ausdrücken sollen, nach einem naturverbundenen Leben, in dem man trotz harter Arbeit noch Zeit füreinander hat – und die Fröhlichkeit, bei der Arbeit zu singen.

Vielleicht werden durch dieses Buch auch einige Leser animiert, eines der farbenfrohen Originalkunstwerke (soweit noch verfügbar) zu erwerben. Das Werkverzeichnis der abgebildeten Gemälde sowie die Kontaktadresse der Künstlerin befinden sich im Anhang dieses kuriosen Kunstführers.

Kontakt zur Autorin:
Ángeles Violán, Apto. Correos 296, 38400 Puerto de la Cruz,
Tel. 0034-630605440

Galerie der kulinarischen Volksbräuche

Erschienen bei:
Zech-Verlag, Santa Cruz de Tenerife
Tel./Fax: 0034-922302596
Email: info@zech-verlag.com
www.zech-verlag.com

Fotos: Ángeles Violán