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Für Profis gibt es immer Jobs

Das Kolpinghaus in Asuncion als beruflicher Wegbereiter

Wer gut ausgebildet ist, der findet auch einen guten Job, meistens jedenfalls. Doch in Paraguay gibt es keine Ausbildung durch Unternehmen. Während die Menschen schlecht geschult vor sich hin dümpeln, fehlt den Firmen qualifiziertes Personal. Kolping schließt diese Lücke mit seinem erfolgreichen Ausbildungsinstitut.

Der Arbeitsplatz von Victor Figueredo ist über und über mit den Einzelteilen auseinander genommener Mobiltelefone bedeckt. Gerade setzt er sorgfältig eine neue Platine ein. Der 32jährige ist schon seit einigen Jahren stolzer Besitzer dieser Smartphonereparaturwerkstatt, aber erst letztes Jahr hat er gelernt, wie die einzelnen Ersatzteile eigentlich heißen. „Ich hatte mir alles, was ich kann, selber beigebracht. Im Internet recherchiert, wie es geht und dann einfach ausprobiert. Aber irgendwann kam ich damit nicht mehr weiter“ erzählt er. Ein Freund empfahl ihm das Kolping-Ausbildungsinstitut. Das sei gut und die Kosten erschwinglich. „Vier Monate lang bin ich jeden Samstag hingegangen und habe mich zum ersten Mal strukturiert mit Theorie und Fachbegriffen auseinandergesetzt. Das war anstrengend, nicht nur, weil es viel zu lernen gab, sondern weil mein Geschäft während dieser Zeit ja weiter laufen musste. Da musste ich schon einige Nachtschichten einlegen um die Arbeit nachzuholen.“

Einen solchen Platz in einem Kolping-Kurs zu bekommen, wird in Asuncion immer schwieriger. Jedes Jahr nehmen 5.000 Schüler an den Kursen für Elektronik, Auto- und Motorradmechanik, Klimatechnik und Metallarbeiten teil. Das sind doppelt so viele wie noch vor fünf Jahren. Das Institut stößt an seine Kapazitätsgrenzen. Paraguay entwickelt sich rasant, ausländische Firmen drängen auf den Markt und suchen händeringend nach qualifizierten Mitarbeitern. Doch in Paraguay ist eine fundierte Ausbildung nahezu unbekannt, die Menschen bringen sich vieles selber bei oder lassen sich in der Nachbarschaft ein paar Handgriffe erklären. Das reicht meist nicht, um einen wirklich professionellen Service anbieten zu können. Weil sie selber keine Ausbildungsstrukturen haben, schicken auch große Firmen ihre Mitarbeiter und Subunternehmer zur Weiterbildung zu Kolping. So wie der Mobilfunkanbieter Tigo.

Unter der Aufsicht seines Lehrers erklimmt Edgard Peralta die an einen Strommast gelehnte Leiter und sichert sich oben angekommen erst einmal mit einem Karabinerhaken. Er arbeitet schon seit zwei Jahren als Mobilfunktechniker, doch erst hier bei Kolping hat er so grundlegende Dinge wie Arbeitssicherheit gelernt. „Klettergurt, Handschuhe, Helm – ich wusste gar nicht, dass das wichtig ist“, meint er und sein Ausbilder Esteban Eduarte versichert, dass es in Paraguay einfach aus Unkenntnis viele leicht vermeidbare tödliche Arbeitsunfälle gibt. Edgard ist ein wenig nervös, heute ist die Abschlussprüfung seines zweiwöchigen Kurses. Nur wer die besteht, darf weiter für die Tigo arbeiten. Doch er sieht die Fortbildung auch als Chance: „Am Anfang war es ziemlich hart, denn es gab wirklich eine Menge zu lernen. Aber dann lief es immer besser und jetzt fühle ich mich zum ersten Mal sicher bei dem, was ich da mache und bin froh, dass ich mich dieser Herausforderung gestellt habe.“

Für Kolping sind diese Kurse im Auftrag von Unternehmen eine wichtige Einkommensquelle. Bisher war das Ausbildungsinstitut vor allem abends und samstags mit Schülern belegt, die sich in ihrer Freizeit weiterbilden wollten. Das reichte bei den gut ausgestatteten Lehrwerkstätten nicht, um kostendeckend zu arbeiten, zumal die Abendkurse auch nicht zu teuer sein dürften – sonst wären sie für diejenigen, die sie dringend brauchen, nicht mehr zu bezahlen. „Wir mussten uns etwas einfallen lassen, um aus dieser Schieflage heraus zu kommen“, erzählt Olaf von Brandenstein. „Die Kurse für Mitarbeiter von Firmen haben uns da sehr geholfen. Wir orientieren uns mit unserem Angebot genau an den Bedürfnissen der Unternehmen und lassen uns die Weiterbildung der Mitarbeiter gut bezahlen. Die Gewinne fließen in die Ausbildung der Abendschüler.“ Um das Institut auch tagsüber vollständig auszulasten, hat Olaf von Brandenstein ein technisches Gymnasium gegründet. „Das ist eine private Schule, die etwa in der mittleren Preiskategorie liegt. Aber ich würde sagen, vom Ausbildungsniveau her sind wir top“, ist sich der Kolping-Chef sicher.

Die Schule entwickelte sich mit ihren Schwerpunkten Informatik und Automechanik von Anfang an zu einem Erfolgsmodell. Für die 15jährige Ana Karolina war es keine Frage, dass sie hier ihr Abitur machen würde. Ihr Vater besitzt eine größere Autowerkstatt, die Tochter soll mal übernehmen und dazu möglichst gut ausgebildet sein. „Kolping hat einen sehr guten Ruf und die Ausstattung ist ausgezeichnet. Man kann zwar auch woanders lernen – aber nicht so gut!“, meint sie und schiebt sich die Schweißerbrille wieder vor das Gesicht. Derzeit verhandelt der Leiter von Kolping Paraguay über eine Kooperation mit dem Bildungsministerium. Wenn das klappt, wäre das ein großer Erfolg, der es Kolping ermöglichen würde, für weitere 1.500 Abendschüler subventionierte Kurse anzubieten.

Ana Karolinas Schulgeld trägt dazu bei, dass es für Schüler wie Victor Figueredo, die ihre Weiterbildung selber bezahlen müssen, erschwingliche Kurse gibt. Rund 200 Euro hat ihn sein Kurs gekostet. Für den Kleinunternehmer war das zwar ein dicker Brocken, aber die Investition hat sich gelohnt. „Jetzt kann ich meinen Kunden erklären, was bei ihrem Gerät das Problem ist. Sie haben jetzt mehr Vertrauen in meine Arbeit und das spricht sich rum. Das Geschäft läuft richtig gut, seitdem ich bei Kolping meinen Kurs belegt habe“, erzählt der alleinerziehende Vater eines siebenjährigen Sohnes. Sein Einkommen ist um ein Drittel gestiegen, einen Teil des Geldes hat er in technische Hilfsmittel investiert, von deren Existenz er erst durch Kolping erfahren hatte. „Ich bin den anderen in der Gegend jetzt weit voraus. Sie schicken mir sogar die Smartphones, bei denen die Reparatur für sie zu kompliziert ist“. Der Stolz auf das Erreichte ist dem Kleinunternehmer deutlich anzumerken. Er plant schon für die Zukunft: „Ich will Mitarbeiter ausbilden und weitere Werkstätten aufmachen. Aber vorher belege ich noch einen Elektronikkurs bei Kolping, damit ich auch das noch besser verstehe.

Tipp: Katharina Nickoleit hat u.a. einen Bildband Paraguay verfasst, den ihr im Verlagshaus Würzburg erhaltet.