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Fahrstuhl zum Arschlecken (05/2013)

Zwei Fälle für Olga Forever / Paco Ignacio Taibo II

Wenn meine Tochter etwas hasst, dann auf ein Handtuch gebettet zu werden. Doch was sollte ich machen, die Windel hatte wie so oft den Wassermassen nicht standgehalten. Solang sie schlief, war die Nacht friedlich. Mit dem Halbwach aber trübte sich ihre Laune und sie rückte mir unablässig und quengelnd näher und nach. So dass ich umständlich gekrümmt am Fußende dem Morgen entgegen kauerte. Als dann meine Liebste nach neun Stunden sanftesten Schlafes von der großen, trockenen Seite des Bettes herüberstöhnte, dass sie sooo verspannt sei, hatte ich nur noch einen Gedanken: Rein in den Fahrstuhl zum Arschlecken.

Olga Forever

Autor: Paco Ignacio Taibo II
Taschenbuch: 192 Seiten
Verlag: Edition Nautilus (1998)
ISBN-10: 3894012927 / ISBN-13: 978-3894012922

Seit Nächten herrschte Schlafentzug und als einzigen Trost blieb mir der Ritt durch die Straßen Mexiko-Stadts auf der Vespa Olga Forevers. Olga ist Journalistin, klein, gedrungen, Jungfrau, reichlich unverschämt, zynisch angehaucht, eine belesene Lumpenproletarierin, trinkfest, nicht korrupt, gutherzige Tante, verbunden mit der Stadt und Angehörige der Generation Vom Winde verweht. In Sachen Liebe hält sie es mit der Quantität und dem Platonischen.

Mit maximal 35 Stundenkilometern jagt sie Verbrecher, meist Polizisten, oder flieht vor ihnen. Ihre Bekannten stammen von der Journalistenschule, die sie vor nicht allzu langer Zeit besucht hat. Das sind junge, aus dem Leben gegriffen Menschen wie der Niño de Oro, der unkontrolliert furz und rülpst, wenn er spricht und vor Olgas Augen von zwei Bullen hingerichtet wird oder die Schwarze Witwe, die wunderschön ist. Leider sterben ihre Exfreunde, ohne dass die Witwe Notiz davon nimmt. Darunter auch die beiden hübschen Kommilitonen Olgas, die gemeinsam den Fahrstuhl zum Arschlecken wählen.

Olgachen – so nennt sie ihr kleiner Neffe, der nebenan wohnt und immer wenn seine Mutter auf Party ist, bei Olga reinschneit – löst den ersten Fall: Die fünf Koksnasen aus der Mittelschicht sind nicht bei einer gemeinsamen schwarzen Messe verendet, sondern durch Schüsse aus Polizei-Dienstwaffen. Die Opfer wurden von Polizisten entführt und gefoltert, mit dem Ziel ihren mageren Sold aufzubessern. Leider befand sich unter den Gekidnappten eine Anwältin, die die Folter nicht überlebte. So mussten auch die anderen vier dran glauben. – Aber so richtig scheint sich für Olgas Enthüllungsbericht, für den sie während ihrer Recherche viel Scheiße schwitzte, niemand zu interessieren.

Ende Roman 1/Nacht 1

P.S.: Olga tröstet sich auf ihrem Ritt durch die Stadt mit den unzähligen Botschaften an den Häuserwänden. Für sie die echten und wahren Nachrichten, die sie den Meldungen der Tageszeitung vorzieht. Folgende küre ich zu meiner persönlichen Losung des Tages:

Die Optimisten sind die, die glauben, dass diese Scheiße für immer ist.

Beginn Roman 2/Nacht 2

Eine weitere unsäglich fiese da schlaflose Nacht treibt mich erneut in die Straßen Mexikos. Weitere Tote gestalten ein wenig die Rahmenhandlung des zweiten Olga Forever Romans im selben Buch wie gestern. Olgachen erhält Besuch von ihrem 87-jährigen Großvater, den sie nur vom Hörensagen kennt. Der Großvater nistet sich bei ihr ein und trinkt und verhurrt das Geld seiner Nichte. Dafür revanchiert er sich mit brillanter Unterhaltung, die Olga das ein oder andere Mal den Eisengürtel um den Bier-Kühlschrank lockerer schnallen lässt. Während Olga die Vespa durch den Dschungel der von den Wänden strahlenden Weisheiten lenkt, hüllt sich der Großvater in die selbst gefertigte Franziskanerkutte und verfolgt Politiker und korrupte Mönche, einfach alle, die seinem geliebten Mexiko Schaden zufügen wollen.

Wieder deckt Olgachen auf: Der Mörder ist der Chef der Notenbank. Hahaha, lacht ihr Vorgesetzter bei der Nachrichtenagentur, in dessen Auftrag sie ermittelt hat. Und auch der zweiten Story mag er keinen Glauben schenken: Der „…Geschichte von einigen pfiffigen Pfaffen, die mit dem Innenministerium über die Anerkennung des Vatikans verhandeln und als Gegenleistung gefälschte Wahlzettel für die PRI hergestellt haben.“

Ende Roman 2/Nacht 2

P.S. 2: Neben Weisheiten und Unterhaltung nehme ich eine bedingt durch den Schlafentzug sehr treffende Passage aus Olgachens Leben mit zum Drucker und klebe sie mit Tesa auf die Fliesen neben dem Spiegel über dem Waschbecken:

Du bist hübsch, ein Hübschchen, ein hübsches Früchtchen, eine fruchtige Hübsche, ein hübsches Püppchen, Püppchenhübschchen sagte ich zu mir im Spiegel, dem Feind aller Morgenstunden, im Versuch, die schwarzen Ringe unter den Augen angesichts dessen, was sie da sahen, vor Scham zum Verschwinden zu bringen.

Nacht 3

In der dritten Nacht gibt es keine weitere Forever-Story. Ein neues Buch mag ich nicht beginnen, denn da ist noch etwas, was mir Olgachen mit auf den Lebensweg geben möchte. Ich blättere also noch mal vor und zurück, lese quer und blättere wieder vor und zurück. Ich werde nicht fündig.

Ich drehe mich um, schaue auf meine friedlich schlummernden Liebsten, die mich mit ihrer grenzenlosen Liebe beknutschen und verdrücken, um mich im gleichen Moment als Sünden-Büßer für ihre angeschlagene Laune mit Füßen zu treten. Und dann setze ich mich an den runden Küchentisch und schreibe Gründungsidee und Satzung des seit Jahren in meinem Herzen schlummernden Freitod-Clubs Fahrstuhl zum Arschlecken. – Danke Olgachen.

Cover: amazon

Written by dirk klaiber

dirk klaiber

dirk klaiber, geb. 1969, lebt in berlin, ist herausgeber des online kultur- und reisemagazins caiman.de / internet: www.caiman.de

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