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Eliseo Parra – Musik aus den vier Spanien (11/2003)

Der Sänger und Gitarrist Eliseo Parra hat ein neues Album herausgebracht, das nun auch in Deutschland erschienen ist. Auf ihm vereint er mit seiner Band die verschiedenen regionalen Musiktraditionen Spaniens und kleidet sie in ein modernes Gewand.

Eliseo Parra kennt keine Grenzen, nicht auf der Landkarte und nicht im Kopf. In Kastilien-León, einer der am dünnsten besiedelten Regionen im Norden Spaniens, ist er geboren. In der kargen Landschaft der zentralen Hochebene kam er schon früh mit traditioneller Musik in Berührung, sowohl mit der Kastiliens als auch mit den eher keltisch geprägten Klängen Galiziens. Nach der Schule verschlug es den Sohn einer Andalusierin zum Studium nach Barcelona. Dort begann er in Rock und Jazzgruppen zu singen und zu spielen. Er bewunderte die Gruppe Los Sirex, die katalanischen Rolling Stones.

Erfahrungen, die der Interpret traditioneller Musik heute nicht missen möchte: „In dem Moment, in dem ich ein Stück neu komponiere, kommt automatisch alles aus mir heraus, was ich in meiner Musikerkarriere gelernt und erfahren habe – aus meiner Zeit in Rock- und Jazzbands ebenso, wie meine Liebe zur Salsa.

Das Gleiche gilt für die traditionellen Melodien. Ich bearbeite sie unter dem Eindruck dieser langen musikalischen Erfahrung“.

Feldforschung in Spaniens Folklore

Irgendwann auf seinem musikalischen Weg begann Eliseo Parra mit traditioneller Musik zu experimentieren und sie ließ ihn nicht mehr los. Er erforschte die verschiedenen musikalischen Traditionen Spaniens: „Ich habe bis heute zwölf Jahre Feldforschung auf dem Gebiet der Folklore betrieben, in Bibliotheken und Archiven und natürlich auch vor Ort, bei den alten Sängern“. So entwickelte er sich zu einem der ausgewiesenen Experten für diese Musiken, obwohl er nie Musikwissenschaft studiert hat. Der Gesangs- und Perkussionslehrer hat verschiedene traditionelle Lieder- und Gedichtbücher in die Musik transkribiert, so zum Beispiel Cuentos de la tradición oral madrileña, und sich auch mit sephardischen Gesängen beschäftigt. Aber er beschränkt sich nicht auf die Theorie, sondern spielt viele der wieder entdeckten Perlen für seine Alben ein. Bei seiner Neubearbeitung respektiert er immer die Melodie, den Rhythmus und den Text der Stücke, gibt ihnen jedoch ein neues Arrangement und eine neue Instrumentierung.

Diese Arbeit erfordert viel Phantasie, denn in den meisten Fällen existieren keine Tondokumente oder Sänger mehr, die die alten Lieder noch beherrschen. Dann behilft sich Eliseo Parra auf pragmatische Weise: „Es ist schwierig, solche Stücke zu interpretieren, denn es sind ja nicht nur die niedergeschriebenen Noten, die eine Melodie ausmachen, sondern auch der Flair, die Akzentsetzungen usw. Viele Dinge kommen in einer Melodie zusammen, wenn man sie hört. Ich vergleiche die gefundenen Lieder immer mit heutigen Liedern aus der gleichen Region und nähere mich so den historischen Originalen an“. Besonders spannend sind Stücke, die auf vermeintlich nicht-urspanischen Gesängen wie der Habanera aus Kuba oder dem Corrido aus Mexiko basieren. Dabei handelt es sich um so genannte ida y vuelta-Lieder, deren Rhythmen zunächst von Spanien nach Lateinamerika gelangten, später dann in modifizierter Form ins Mutterland zurückkehrten und wieder in die dortige Folklore eingingen.

In allen Sprachen Spaniens zuhause

Auf seinem neuen Album Viva quien sabe querer finden sich traditionelle Lieder aus Zamora oder Andalusien, katalanische Weisen und kantabrische Romanzen. Schon der erste Song, Fulgida luna, spiegelt die Vielfalt der musikalischen Orientierung von Eliseo Parra wider: Es handelt sich um eine Polka von den kanarischen Inseln, gespielt auf alten Instrumenten wie Mandola und Harmonium sowie Percussion aus aller Welt. Eliseo Parra singt in allen vier Sprachen Spaniens, obwohl er Galizisch nur passiv und Baskisch gar nicht spricht.

Entgegen der Vermutung, dass die verschiedenen Volksgruppen vielleicht beleidigt seien, wenn ein Außenstehender ihre Folklore interpretiert, berichtet Eliseo Parra, dass sie es sehr schätzen: „Sie sind stolz, dass ein Kastilier in ihrer Sprache singt“. Obwohl er ein einheitliches Programm für alle seine Auftritte hat, variiert er es von Region zu Region und singt mal mehr, mal weniger in der einen oder anderen Sprache.

Sein Publikum setzt sich aus den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen und Altersklassen zusammen. Im Publikum entdeckt Eliseo Parra Hippies und Punker neben Rentnerpärchen und Schülern. Auch vielen kleinen Kindern gefällt seine Musik. Er erklärt sich das mit dem „genetischen Erbe“, zu dem seiner Ansicht nach auch musikalische Elemente zählen, die der jungen Generation die traditionellen Klänge vertraut erscheinen lassen. Aber auch ohne diese Gene kommt seine Musik gut an. Vor allem in West- und Nordeuropa hat Eliseo Parra in den letzten 20 Jahren auf vielen Festivals gespielt und das Publikum begeistert: „Die Leute dort sind respektvoller und haben weniger Vorurteile gegenüber der Musik, was zählt ist ihre Qualität. Es gibt auch weniger Berührungsängste.

Ich erinnere mich an ein Jazz-, Rock- und Folk- Festival in Tonder, Dänemark, wo wir gespielt haben. Das ist in Spanien unmöglich. Dort gibt es für jede Musik ein eigenes Festival, man mischt die Stile nicht“. Da Eliseo Parra die Atmosphäre und Emotion von Live-Auftritten besonders schätzt, wurden einige Stücke des neuen Albums gemeinsam mit der Perkussions-Gruppe Tactequete live in einer Piano-Bar in Madrid eingespielt, andere live im Studio aufgenommen. So klingt die traditionelle Musik noch authentischer. Bald wird Eliseo Parra auch wieder live in Deutschland zu hören sei. Hingehen lohnt sich!

Fotos: amazon.de