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Eine Reiseimpression aus Chile

Kann man Stille hören?

Ob man Stille hören kann? Was für eine törichte Frage werden die meisten wohl spontan antworten. Wir bis dato mit Sicherheit auch. Doch in diesem Moment waren wir gar nicht mehr so sicher. Als langjährige Freunde hatten wir es uns zur Angewohnheit gemacht, halbwegs günstige Flugverbindungen zu nutzen, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viele spektakuläre Gegenden dieser Welt abseits üblicher Touristenpfade zu besuchen. Ja und nun saßen Wolf und ich an einem Geröllabhang, waren einigermaßen außer Puste und, obwohl die Lufttemperatur nicht über dem Gefrierpunkt lag, auch etwas vom Aufstieg ins Schwitzen geraten. Noch nie waren wir bislang in einer solchen Höhe gewesen und unsere Körper rebellierten leicht, wohl um zu zeigen, dass sie weiteres Nachobensteigen ablehnen würden. „Ist dir klar, dass wir von hier oben auf den Mont Blanc spucken können?“ „Ehrlich gesagt, mache ich so was aus Prinzip nicht und zweitens glaube ich, dass der einfach zu weit weg ist.“ War er auch, denn wir befanden uns in Chile, auf einem Berg weit oberhalb des Geysirfelds von El Tatio, mit herrlichem Blick auf die Bergkette der Anden und die Atacamawüste mit einem ihrer gewaltigen Salzseen.

Dieser nicht ganz ernst gemeinte Dialog ließ uns jedoch gewahr werden, wie unangenehm unsere Stimmen die uns umgebende Stille störten. Bislang war das nicht aufgefallen. Erst hatte das laute Spektakel der Geysire in unseren Ohren, dann das Keuchen beim Anstieg und unsere Schritte im Geröll für entsprechende Geräuschkulisse gesorgt. Doch nun hatten sich unsere Körper beruhigt, wir saßen ausgestreckt auf den Steinen und da fiel sie uns erstmalig auf – diese fast unwirkliche, regelrecht unnatürlich wirkende Stille, die weder durch Wind noch Tiere oder sonst irgendetwas gestört wurde. Nur unsere Worte wirkten wie Donnerschläge und wir empfanden sie hier genauso passend wie einen papierraschelnden Zuhörer in einem klassischen Konzert! Und so schwiegen wir und jeder vertiefte sich in seine eigene Betrachtung dieser uns umgebenden grandiosen Szenerie.

Grandios ist ein zu geringes Wort, um zu beschreiben, wie diese Berge auf uns wirkten. Der strahlende Sonnenschein tauchte einige der kegelförmigen Berggiganten in ein wahres Farbenspiel von hell und dunkel, von bunt und schwarz. Auch glaubten wir kaum unseren Augen zu trauen, als wir in einiger Entfernung einen Vulkankegel entdeckten, aus dem tatsächlich Rauchschwaden aufstiegen. Zuerst dachten wir, es seien Wolken oder eine wie auch immer entstandene optische Täuschung. Später, zurück in der Wüstenoase San Pedro, bestätigte jedoch ein einheimischer Kenner unsere Wahrnehmung. „Ihr habt wahrscheinlich den Volcano Patana gesehen“, erläuterte er uns völlig unaufgeregt, „ihr dürft nicht vergessen, ihr befindet euch hier in einer der geologisch aktivsten Zone der Erde“. Haben wir nicht, aber das tatsächliche Wirken dieser Kräfte so real zu erleben, hat uns dann doch einigermaßen überrascht.

Oben auf dem Berg konnten wir jedoch unsere Blicke vorerst kaum lösen von diesem permanenten Wechsel der Farben, der im Zusammenspiel von Mineralien, Salzen und Sonnenstrahlen zu einem wahren Feuerwerk eskalierte. Hier gab es die Stille auch noch in allen Farben!

„Wir sollten absteigen und den Gipfel vergessen“, so Wolf mit einigem Bedauern in der Stimme und mit traurigem Blick auf die gar nicht mehr so weit nach oben ragenden Bergflanken. „Sehe ich genauso, dazu sind wir weder ausgerüstet, noch reicht die Zeit“, meinte ich zustimmend. Seltsamerweise gehören wir zu der Gattung von Menschen, die, wann immer sich die Gelegenheit bietet, auf Berggipfel steigen müssen, obwohl wir im Flachland zuhause sind. Aber vielleicht ist gerade dies der Grund für unser stetiges Streben bergan!

In diesem Moment jedoch waren wir ehrlich genug, uns einzugestehen, dass wir an unsere Grenzen gestoßen waren. Jede andere Entscheidung wäre unvernünftig, wohl auch gefährlich gewesen. Und so freuten wir uns, den im wahrsten Sinne des Wortes „Höhe(n)punkt“ unserer Reise erreicht zu haben, der immerhin höher lag als der höchste Punkt unserer europäischen Heimat!

Dies geschafft zu haben, erfüllte uns zusätzlich mit fast kindlichem Stolz, denn ursprünglich wollten wir „nur“ das Geysirfeld von El Tatio besuchen, doch wie gesagt, der innere Drang auf einen der schönen Berge zu steigen…

„Wenn ihr die Geysire richtig erleben wollt, heißt es früh aufstehen“, hatte man uns in San Pedro erklärt. „Nur bei Sonnenaufgang erlebt man die Geysire in all ihrer Pracht“. Was uns einleuchtete, da El Tatio mit seinen 4.290 Höhenmetern das höchstgelegene Geysirfeld der Welt ist. Und das Entstehen der Fontänen hängt natürlich sehr vom physikalischen Wechselspiel von Kälte und Wärme ab. Wenn das Wasser aus den umliegenden Schneefeldern durch das poröse Gestein sickert und an der Nahtstelle zu heißem unterirdischen Vulkanmagma aufgeheizt wird, steigt es wieder nach oben, um über Kanäle unter massivem Druck an die Oberfläche zu entweichen. Und wegen der kalten Außentemperatur schießen die Fontänen unter gewaltigem Zischen kurz nach Sonnenaufgang aus ihren Verstecken. Wir hatten es geschafft, pünktlich zum Sonnenaufgang in El Tatio zu stehen.

Überrascht waren wir, dass außer uns kein weiterer Besucher an diesem frühen Morgen den Weg hier herauf gefunden hatte. Schließlich war uns das Geysirfeld als Besuchermagnet geschildert worden. Wenn wir allerdings an die Fahrt zurückdachten, konnten wir schon verstehen, dass nicht jeder das Wagnis eingehen wollte. Ohne ortskundige Führung in stockdunkler Nacht über steinige Pisten und vereiste Wasserläufe und das in einem Fahrzeug, das mit stetig ansteigender Höhe seine Leistungsbereitschaft dank einer immer mehr vom rechten Zeitpunkt abweichenden Zündung, merklich abbaute, war wohl nicht jedermanns Sache. Dass wir die stockdunkle Nacht im Nachhinein für uns als segensreich empfanden – nicht nur wegen des fantastischen Sternenhimmels und des freien Blicks auf das viel besungene Kreuz des Südens – hing einzig mit der Tatsache zusammen, dass uns die Scheinwerfer nur den Blick auf die vor uns liegende Piste ermöglichten, die all unsere Aufmerksamkeit erforderte. Der Blick zur Seite blieb im Dunklen verborgen. Als wir im aufkommenden Tageslicht die Abgründe neben der schmalen Piste sahen – schweißnasse Hände wären uns an diesem Morgen sicher gewesen! Jetzt erst verstanden wir, warum man uns empfohlen hatte, den „Canon del Diabolo“ äußerst vorsichtig zu befahren. Einige zertrümmerte Autowracks am Grunde der Schlucht zeigten drastisch warum.

Doch dies alles war vergessen, als langsam, sich immer mehr steigernd das Schauspiel der Geysire begann. Kein anderer Regisseur als die Natur selbst konnte ein solches Drama besser in Szene setzen! Wohl über fünfzig größere und kleinere Fontänen schossen unter vielfachem Tosen und Zischen nach oben, um dann wieder in der eigenen Gischt zusammenzustürzen. Wassertropfen glänzten und funkelten in den Strahlen der aufgehenden Sonne und verzauberten die Luft mit einem Blendwerk aus allen Farben des Regenbogens. Doch damit nicht genug: Der Boden aus dem die Geysire emporstiegen, blubberte und wabberte, Pfützen und Wasserläufe wurden von aufsteigenden Gasen in ein wild bewegtes Etwas verwandelt. Die Erde, gezeichnet von vielfarbigen Mineralablagerungen, bizarr geformt durch Kamine und Abbrüche, sowie jede Menge grüner Algenkolonien, gab dem ganzen Bild, gemeinsam mit dem Panorama der umliegenden Berge eine einzigartige, großartige Kulisse.

Fasziniert nahmen wir diese Bilder in uns auf und nach etwas mehr als einer Stunde beendete der geheimnisvolle Regisseur mit der höher steigenden Sonne diesen ersten Akt, um sogleich einen zweiten einzuleiten, der uns bekannterweise auf den Berg hinauf ziehen ließ. Beim Gang über das Geysirfeld kalauerten wir schon wieder herum. „Eigentlich der ideale Ort, um eine „heiße Sohle aufs Parkett zu legen“, so unsere Erkenntnis, nachdem wir in teilweise 50 Grad warmes Wasser getastet hatten.

In San Pedro hatte man uns vorher gesagt, wir würden uns in El Tatio fühlen, als hätten wir den „Vorhof zur Hölle“ betreten. Doch wir hatten eine weit weniger martialische, eine erheblich angenehmere Empfindung. Für uns war das tosende Feld viel mehr ein „Dampfbad der Engel“. Dabei dachten wir nicht zuletzt an die „Schöne von Chile“, die wir nicht weit von hier entfernt, doch leider nur noch als Mumie, im Museo del Norte des belgischen Paters Le Paige kennen gelernt hatten. An prächtigen Nachfolgerinnen im ganzen Lande mangelte es jedoch wahrlich nicht und diese mit dem Traumspektakel der Fontänen in Verbindung zu bringen, erschien uns wesentlich sympathischer als teuflische Gesellen hier anzusiedeln!

Der Rückweg führte uns am Salar de Atacama vorbei, einem riesigen Salzsee, in dem der Bodensee wohl mehrfach Platz finden dürfte. Eine kurze Zwischenrast in einem winzigen Ort unweit von Toconao ließ uns erkennen, dass die bisherigen Anstrengungen des Tages doch einige Wirkungen zeigten. Vor allem galt es, unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Ob dies hier gelingen würde, schien im ersten Moment fraglich, da wir nicht einen einzigen Einwohner sahen. Doch Gott sei Dank war dieser Eindruck trügerisch. Und was für nette Leute wir trafen! Sie halfen sofort. Während einer von uns ob der immer noch recht frostigen Temperaturen herrlich warme Pullover aus Alpakawolle erstand, kam der andere mit gut gefüllten Wasserflaschen zurück. Breit grinsend verkündete Wolf stolz: „Ich habe sogar einen eisgekühlten Six-Pack Bier dabei.“ Es faszinierte mich immer wieder, wie es meinem Reisegefährten gelang, ohne die geringsten Kenntnisse der Landessprache, ein halbstündiges Gespräch mit den Einheimischen in dieser Einsamkeit über die „Fragen des Universums“ wie er es gern sagt, zu führen. Na ja, diese Fragen wurden nicht gelöst, aber das Bier im Ergebnis der Diskussion tat gute Dienste bei der Wiederherstellung unserer körperlichen Leistungsbereitschaft.

Der Salzsee selber wirkte mit seinen Ablagerungen wie schneebedeckt. Auch die wechselnden Farbschattierungen auf Grund des Mineralgehaltes bildeten wiederum ein beeindruckendes Gemälde. Aber diesmal wurde dies alles noch übertroffen von dem Bild der rosafarbenen Flamingos, die zu Hunderten in den flachen Lagunen standen und den ganzen See bevölkerten. Und wieder diese Stille!

Selbst als einige Dutzend der Flamingos davonflogen, verursachte der Flügelschlag kein hörbares Geräusch. „Sag mal, ist es hier nicht noch stiller, als da oben?“, so meine ernst gemeinte Frage. „Wenn du nicht weiter derartige Fragen stellst, dann wohl mit Sicherheit“, war die ernsthafte Erwiderung meines Reisegefährten. Und so schwiegen wir ein weiteres Mal an diesem Tage, ließen uns verzaubern und gefangen nehmen von der einzigartigen Szenerie.

Wenn zwei Typen wie wir, die ansonsten soviel zu bereden haben, mehrmals an einem Tage in ergriffenes Schweigen verfallen, nur um die Ruhe der Gegend nicht zu stören, dann muss diese schon außergewöhnlich beeindruckend sein. Und seit unserem Besuch in Chiles fantastischem Norden wissen wir es genau: Stille kann man tatsächlich hören!

Fotos: Bernd Küpperbusch