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Eine Oase der Ruhe

Die Serra de l’Albera in Katalonien

Nebelschleier liegen über einem der „Estanys (Seen) de la Jonquera“, das Schilfrohr wiegt sich im Wind. Obwohl nur 40 Minuten von den stark bevölkerten Stränden in Roses und Empuriabrava an der nördlichen Costa Brava entfernt, gleicht die Landschaft hier in der „Serra de l’Albera“ eher dem schottischen Hochland.

Die 25 Kilometer lange Bergkette bildet den östlichen Ausläufer der Pyrenäen, der sich zum Mittelmeer hinunterzieht, wo die Brandung mehrere Buchten in den Fels geformt hat. Hier liegen die kleinen Orte Llança und Colera sowie der Grenzort Portbou, bekannt durch das Denkmal für den deutsch-jüdischen Philosophen Walter Benjamin, der sich an diesem Ort 1940 auf der Flucht vor den Nazis und ihren spanischen Häschern das Leben nahm.

Seit dem Pyrenäenfrieden von 1659 verläuft hier die französisch-spanische Grenze, die gleichzeitig das katalanische Kultur- und Sprachgebiet teilt.

Eingebettet zwischen den Gipfeln des Puig Neulós (1.257 m), des Puig dels Pastors (1.167 m) und des Puig Jorda (753 m) liegt das vom Katalanischen Parlament 1986 größtenteils zum Naturpark erklärte Gebiet von Albea. Der Park misst 4.200 ha und schließt zwei Naturschutzgebiete ein: eines zum Schutz der Buchen- und Eichenwälder in der Nähe des „Coll dels Emigrants“. Das andere beherbergt am Oberlauf des Flüsschens von Valleta die letzte natürliche Population der mediterranen Landschildkröte in Spanien.

Die Seen von La Jonquera liegen außerhalb der offiziellen Grenzen des Naturparks aber innerhalb eines Landschaftsschutzgebietes, in dem ausgedehnte Spaziergänge durch eine wunderschöne Landschaft möglich sind, bei denen man selten auf andere Menschen trifft; eher schon auf Kuhherden, die mit großen Glocken behängt in der freien Natur weiden und im Frühjahr und Herbst auch auf viele Zugvögel, die hier Zwischenstation einlegen.

Da die „Serra de l’Albea“ über niedrige Pässe verfügt, war sie schon immer ein Durchreise- und Siedlungsraum für verschiedene Völker. Davon zeugen u.a. die Überreste römischer Straßen. Die ältesten Spuren menschlicher Besiedlung reichen jedoch in die Jungsteinzeit zurück. Die von Granitgestein geprägte Landschaft beherbergt viele Zeugnisse der Megalithkultur.

Über das gesamte Gebiet verstreut finden sich Dolmen und Menhire, wie der Dolmen „Solar d’en Gibert“ im Gebiet der Gemeinde Rabós.

Hier hat man bei Ausgrabungen Scherben von Gefäßen, Teile einer goldenen Kette, grüne Schmucksteine und bearbeitete Schiefertafeln gefunden hat. Bevor wir tiefer in den Naturpark eindringen, machen wir einen Abstecher zur Burg von Requesens. Die letzten sechs oder zwölf Kilometer – je nachdem, ob man in Cantallops oder St. Climent losfährt – geht es über Sandpisten, die an manchen Stellen einem für die Stadt konstruierten PKW viel abverlangen. Die Ursprünge der Burg liegen im Dunkeln. Ein erster Bau stammt wohl aus dem 11. Jahrhundert. Die Burg an sich erinnert mit ihren verwinkelten Sälen und Gemächern an ein verwunschenes Märchenschloss, Überbleibsel einer Ende des 19. Jahrhunderts durchgeführten Renovierung im verspielten Stil der Romantik. Leider hat man ihr im vergangenen Jahrhundert übel mitgespielt – zuletzt tobte sich eine Garnison Francos hier aus – so dass der Besucher heute nur noch ahnen kann, welcher Prunk hier einst zur Schau gestellt wurde. Aber schon die Aussicht über die Berge und die Ebene des Empordà lohnt die Fahrt.

Für Wanderer und Radfahrer empfiehlt sich eine detaillierte Karte des Parks von Albea, die im Informationszentrum in Esbolla oder im Touristenbüro von La Jonquera erhältlich ist. Es existieren auch kleine Faltblätter mit ausgearbeiteten Touren.

So z.B. von der Burg Requesens zum Kloster St. Quirze, von dort nach Colera oder Llança oder bis zum weiter entfernt liegenden Kloster St. Pere de Roda, einem der bedeutendsten romanischen Bauwerke des Empordà.

Das Benediktinerkloster St. Quirze de Colera ist eines von 30 romanischen und präromanischen Bauwerken in der Gegend. Im 8. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt, existieren seit 927 ausführliche Aufzeichnungen über die Geschichte des Klosters, das seinen Machtbereich bis zum 13. Jahrhundert stetig ausweiten konnte, im 14. Jahrhundert jedoch seinen Niedergang erlebte und seither verfiel. Heute sind noch Reste des Kreuzgangs, der Wirtschaftsgebäude und der Befestigungsanlagen zu sehen. Die 935 geweihte Basilika hingegen ist gut erhalten und wird in den kommenden Jahren restauriert. Auch die terrassenförmig angelegten Klostergärten sind teilweise noch erhalten. In den umliegenden Dörfern gibt es viele kleine Restaurants, in denen eine gute Küche geboten wird. Wenn es die gewählte Route erlaubt, empfehle ich jedoch das rustikale Lokal „Corral de St. Quirze“ direkt neben dem romanischen Kloster: Auf dem großen Holzkohlengrill werden deftige katalanische Würste, Rippchen oder Steaks gegrillt und mit Pommes Frites oder anderen Beilagen serviert.

Flora und Fauna der Serra de l’Albea sind sehr abwechslungsreich, mischen sich hier doch für die Pyrenäen typische, eurosibirische mit mediterranen Arten. 297 Tier-, darunter 205 Vogelarten, und etwa 1.700 Pflanzenarten gilt es zu entdecken.

Verschiedene Eichen (in den niederen Zonen vor allem die wirtschaftlich genutzte Korkeiche), Ulmen, Stechpalmen, einige Nadelhölzer, Wildrosen, Ahorn und Kastanien sowie ein dichtes Unterholz bieten vielen Tieren Lebensraum: Neben Wildschwein und Dachs, Mardern, Wild- und Ginsterkatze, Steinadler und dem seltenen Rötelfalken kann der geübte Beobachter auch verschiedene Echsen- und Schlangenarten sehen sowie die schon erwähnte Landschildkröte (Testudo hermanni hermanni) und die ebenfalls bedrohte Sumpfschildkröte (Emys orbicularis). Beide Arten werden in einer Aufzuchtstation nahe dem Ort Garriguella gepflegt, um die natürliche Population zu stärken, denn immer wieder sammeln Spaziergänger trotz absolutem Verbot die Landschildkröten ein, vernichten Hunde und Ratten die Gelege oder die Jungtiere oder reduziert ein verheerender Waldbrand – wie im Jahre 1986 – einen Großteil des Bestandes. Die Sumpfschildkröte wird vor allem durch die Ausbreitung der nordamerikanischen Rotwangenschildkröte bedroht, deren Exemplare ob ihrer Größe von genervten Terrarienbesitzern ausgesetzt wurden und sich nun fleißig vermehren. In der Station, die auch besucht werden kann, kümmern sich zwei Pfleger um die Tiere und stehen für Fragen zur Verfügung. Einmal dort sollte man einen Blick in die nebenan stehende, kleine romanische Kirche „Mare de Déu“ mit ihrem restaurierten Fresko werfen.

In den umliegenden Landschaftsschutzgebieten wird nach wie vor Landwirtschaft betrieben, hauptsächlich Wein- und Olivenanbau.

Bei den Weinen mit dem Herkunftsprädikat „Empordà-Costa Brava“ handelt es sich i.d.R. um junge Rotweine mit fruchtigem Charakter oder um milde Roséweine, die auch direkt vor Ort in verschiedenen Bodegas gekauft und probiert werden können. Daneben wird eine autochthone Rinderrasse, das Buchrind, welches ganzjährig unter freiem Himmel lebt und sich neben Gras hauptsächlich von Bucheckern ernährt, hier gehalten.

Im Sommer trocknen viele kleinere Gewässer in der Serra de l’Albera aus und die Trockenheit verwandelt große Teile des Gebietes in eine eintönige und heiße Landschaft. Darum sind Frühjahr und Herbst die besten Jahreszeiten für eine Wanderung durch diese großartige Landschaft.