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Ein Tag mit Oscar

Koordinator eines Kolpingverbandes – das klingt auf Anhieb nicht nach einem besonders aufregenden Beruf. Doch wer einen Tag mit Oscar Vargas in den Vororten der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires verbringt, erlebt wie spannend und vor allem erfüllend die Arbeit im Kolpingverband sein kann.

Der Wagen steht, mal wieder. Der Stau rund um Buenos Aires ist legendär und kostet Millionen Menschen jeden Tag viele Stunden Lebenszeit. Doch Oscar Vargas lässt sich nicht davon beeindrucken, zückt das Telefon und ruft den ehemaligen Bischof von Quilmes an. ob er ihm da in einer Sache helfen könne? „Er stammt aus Deutschland und ist mit Kolping aufgewachsen“, erklärt Oscar. „Wenn ich irgendetwas von einem Pfarramt brauche, dann legt er immer ein gutes Wort für uns ein.“

Oscar Vargas, 34 Jahre alt und studierter Biologe, ist ein echter Tausendsassa, ein Strippenzieher, der überall seine Kontakte und immer eine Idee hat, wen er anrufen und fragen könnte, ganz gleich um was es geht. Seit Jahren bekleidet er die Stelle als Leiter von Kolping im Großraum Buenos Aires und seit der charismatische junge Mann hier seinen Job angetreten hat, ist das Kolpingwerk in einer Geschwindigkeit gewachsen wie nirgendwo sonst auf der Welt. „Ich gründe jedes Jahr eine neue Kolpingfamilie.“ Für einen Augenblick blitzt Stolz über diese Leistung in seinen Augen auf. „Dieses Jahr entsteht unsere siebte, hier in diesem Viertel.“ Oscar zeigt auf die am Straßenrand stehenden, bescheidene Häuschen, fast schon Hütten, an denen sich die Autokolonne langsam vorbei schiebt. Jedes Jahr eine Kolpingfamilie zu gründen, das bedeutet eine unglaubliche Menge an Papierkram, Telefonaten und Besprechungen. Anträge müssen gestellt und Gelder beschafft werden und ganz nebenbei sind da ja auch noch die übrigen Kolpingfamilien zu betreuen. Doch wer eine Kolpingfamilie gründen will, muss vor allem eines können: Menschen für eine Sache begeistern. Und das kann Oscar wie kein zweiter.

Als Oscar nach langer Fahrt im Kolpingbildungszentrum von Quilmes, einer Vorstadt von Buenos Aires, ankommt, ist es fast, als sei der Familienvater heimgekehrt. Jeder im Raum will ihn begrüßen, kurz mit ihm sprechen und Oscar nimmt sich Zeit für jeden einzelnen. „Die Menschen suchen einen Ort, an dem sie gebraucht und respektiert werden, einen Ort, an dem sie Gemeinschaft finden.“ Oscars Kolping-Zentren sind solche Orte. Es sind Ersatzfamilien, an denen man die täglichen Sorgen vergessen kann und gemeinsam an einer größeren Sache arbeitet.

Tägliche Sorgen, davon gibt es viele in den Vorstädten von Buenos Aires. Das Leben ist teuer und die Gehälter niedrig, 16 Stunden täglich in zwei unterschiedlichen Jobs zu arbeiten, das ist hier völlig normal. Es ist eine Welt, in der sich Ehepartner oder Eltern und Kinder nur zwischen Tür und Angel sehen, in der Familien unter der hohen Belastung zerbrechen und man die Nachbarn höchstens vom Sehen kennt, weil sie nie daheim sind. Inmitten der geschäftigen Betriebsamkeit bleibt der Einzelne einsam zurück, vor allem Ältere, deren Kinder aus dem Haus sind.

„Mir fehlte etwas in meinem Leben. Kolping hat mir den inneren Frieden gegeben. Jetzt habe ich einen anderen Blick auf die Dinge und es gibt mir viel, bei Kolping Solidarität zu erleben.“ Omar Monzóns Stimme stockt, als er das erzählt. Aber es ist ihm wichtig auszudrücken, was Kolping für ihn bedeutet. Als er es geschafft hat, laufen dem Rentner Tränen über die Wangen. Oscar nimmt ihn fest in den Arm und Elida Nieva klopft ihm beruhigend auf die Schulter. Mit ihren 33 Jahren ist sie mit Abstand die Jüngste der Runde. „Ich kam in einem schwierigen Moment meines Lebens hier her, hatte große persönliche und gesundheitliche Probleme. Ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal das Kolping-Zentrum betrat. Ich sah Carlos und Angelita und fühlte mich zu Hause. Vom ersten Tag an. Und dafür möchte ich Euch danken“, sagt sie und blickt die beiden anderen Ehrenamtlichen an. Dann besinnt sie sich auf das, was sie eigentlich erzählen wollte. „Ich gebe hier im Zentrum Computerkurse – Internetrecherche, Emails schreiben, Dokumente anlegen, solche Dinge. Ich mache das ehrenamtliche, weil ich sehe, dass es bei uns viele Menschen gibt, die Probleme haben, die etwas lernen müssen um ein besseres Auskommen zu finden. Hier bei Kolping fühle ich mich nützlich und gebraucht.“

Ein Ehrenamtlicher nach dem anderen erzählt seine Geschichte und was für Aufgaben er bei Kolping übernommen hat. Da gibt es Spielgruppen für Kinder, Näh- und Elektrikerkurse oder Workshops, in denen alte Möbel restauriert werden. Jeder bringt seine unterschiedlichen Talente und Erfahrungen ein. Eines aber haben alle gemeinsam: Den Willen etwas zu bewegen. „Doch man kann nicht immer nur arbeiten und sich Sorgen machen“, bricht Oscar die Runde irgendwann ab. „Man muss auch gemeinsam fröhlich sein und das Leben spüren.“ Sagt es und holt seine Gitarre hervor. Dass Oscar so viele Menschen für Kolping begeistern kann, hängt gewiss auch mit seiner voll tönenden Stimme zusammen. Kräftig greift er in die Saiten und singt ein zugleich sehnsuchtsvolles und fröhliches argentinisches Volkslied. Unversehens wird getanzt, geklatscht und gesungen.

Mindestens einmal im Monat treffen sie sich, um zu feiern, jeder bringt etwas zu essen und zu trinken mit. Irgendein Anlass findet sich immer, und wenn es der Nationalfeiertag ist. „Bei unseren Festen mit Oscar lernen wir uns besser kennen und verstehen. Wir teilen unsere Freude und auch unsere Sorgen. Gemeinsam zu arbeiten und zu beten ist wichtig und schön. Aber man muss auch gemeinsam feiern können“, sagt Mirta Vera, Vorsitzende einer der Kolpingfamilien.

Es ist spät geworden und nach und nach verabschieden sich die Freiwilligen. Manche brechen zu einem nächtlichen Zweitjob auf, andere müssen am nächsten Tag früh raus. Auf Oscar wartet noch Arbeit am Computer, es sind Anträge zu schreiben und ein Treffen in der Stadtverwaltung vorzubereiten. Seine Tage dauern immer bis tief in die Nacht. Ob da denn Zeit für eine Familie bleibe?  Er wischt die Frage mit einer Handbewegung zur Seite und Mirta meint dazu „die braucht er nicht, er hat doch uns.“ „Ja“, sagt Oscar „Kolping ist die größte Familie der Welt.“

Weitere Zitate von Kolpingmitgliedern
Margarita Gutierrez: „Das Werk Kolpings ist wunderbar. Es gibt so viel: Liebe, Frieden, alles, was wir brauchen um zu leben. Hier bei Kolping geht es um die wichtigen Dinge. Wir helfen uns gegenseitig, wir unterstützen uns, reisen und feiern zusammen. Das ist das, worauf es ankommt.“
Angelita Vega: „Das größte Problem bei uns ist, dass die Menschen ihre Werte verloren haben. Kolping hilft uns, sie wieder zu finden. Wir selber finden sie hier und können so helfen, dass auch andere sie finden.“
Carlos de Pinto: „Ich hatte ein schweres gesundheitliches Problem und wäre fast gestorben. Gott hat mir die Chance gegeben, weiter zu leben. Dieses Geschenk will ich nutzen, in dem ich anderen Menschen helfe. Hier bei Kolping kann ich das tun. Kolping ist mein zu Hause. Hier habe ich Freunde und finde Frieden.“

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr unter:
www.katharina-nickoleit.de