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Eigenversorgung statt Almosen

Für die verarmte Landbevölkerung Panamas sind Lebensmittel kaum zu bezahlen. Doch wer ein Stückchen fruchtbares Land besitzt, kann sich selber versorgen. Man muss nur wissen, wie.

Der Rauch des offenen Herdfeuers brennt in den Augen. Während Nicasia Perez mit der einen Hand in dem verbeulten Topf rührt, wedelt sie mit der anderen die Rauchschwaden weg. Sie würde nicht auf die Idee kommen, über den Rauch des Kochfeuers zu klagen. Im Gegenteil, sie ist froh, dass er sie heute schon zum zweiten Mal beißt und es am Abend noch einmal tun wird. „Noch vor zwei Jahren hatten wir nicht genug zu essen. Es war eine schwere Zeit, die Kinder weinten vor Hunger. Mein Mann ging als Tagelöhner zu einem reichen Rancher, aber das Geld, das er da verdiente, reichte einfach nicht.“

Nicasia Perez lebt in der Provinz Veraguas, gut fünf Autostunden nördlich von Panama City. Die Hauptstadt Panamas ist eine glitzernde Metropole mit einem ganzen Wald von Hochhäusern, mit einer nagelneuen Promenade, mit kostenlosem WLAN und Fitnessgeräten, Fahrradwegen und Behindertenparkplätzen. Dank des Kanals und der vielen Banken ist Panama nach Chile das reichste Land Lateinamerikas. Eigentlich müssten hier drei Mahlzeiten täglich für jeden Einwohner eine Selbstverständlichkeit sein. Doch der Reichtum konzentriert sich in der Hauptstadt. Schon ein paar Kilometer außerhalb scheint es, als wäre man auf einem anderen Kontinent. In das Panama von Nicasia Perez führt statt einer Straße ein holpriger,  ausgewaschener Weg und es gibt weder eine Telefonleitung noch Strom. Hier lebt die 43-jährige mit ihrem Mann und drei ihrer sechs Kinder in einer Hütte aus ungehobelten Holzbrettern. Nur eines erinnert hier an die Hauptstadt: der Preis für Lebensmittel. Wegen der langen Wege kosten sie im Dorfladen oftmals sogar mehr als in den Supermärkten Panama Citys.

Der Weg von Nicasias Hütte zur ihrer Nachbarin führt über ein Brett, das über einem Bach liegt und dann einen steilen, matschigen Pfad hinauf. Und: er führt durch ein Feld. Das ist neu. Vor zwei Jahren hat Nicasia mit Hilfe ihrer Nachbarn angefangen, den einen Hektar Land, den sie besitzt, zu bewirtschaften. Pablo Miranda zeigte ihr, wie sie auf dem Brachland Bohnen, Yucca und Bananen anbauen konnte. „Ich habe von den Promotoren gelernt, dass man nur gesund bleibt, wenn man auch Gemüse und Obst isst. Und dass mein Land mir das schenkt, wenn ich es richtig pflege und wertschätze. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nichts, absolut nichts über gesunde Ernährung und den Feldanbau gewusst.“

„Ich möchte mit Euch darüber reden, wie viele verschiedene Dinge unsere Erde hervorbringt“, beginnt Generosa Franco den heutigen Workshop. Im Schatten des Vordachs ihrer Hütte hat sie auf einem großen Tisch mehr als 20 verschieden Früchte, Kräuter und Samen ausgebreitet. Sie beginnt, die Namen aufzuzählen und zeigt sie noch einmal auf dem handgemalten Plakat an der Wand. Unter jeder einzelnen Zeichnung steht in sauberer Schulmädchenschrift die Bezeichnung der Pflanze. Generosas Enkelin hat das Plakat beschriftet, die 58-Jährige selbst kann gerade einmal ihren Namen schreiben. Aber sie kennt Anpflanzmethoden, die Bedeutung von Regenwürmern, kann organischen Dünger ansetzten und sogar aus Heilpflanzen Mittel gegen Kopfschmerzen und Bauchkrämpfe herstellen. Alles, was Generosa und Pablo über den Feldanbau wissen, haben sie in den letzten drei Jahren bei PRODESO gelernt. Die panamesische Partnerorganisation von „Brot für die Welt“ hat das Paar und 60 weiter interessierte Landbewohner zu Promotoren ausgebildet, die nun ihr Wissen an ihre Nachbarn weiter geben.

Die Erde in der Provinz Veraguas ist fruchtbar, es gibt genug Regen und unter der tropischen Sonne wachsen die Pflanzen so schnell, dass man ihnen dabei beinahe zuschauen kann. Wie kann es sein, dass Menschen, die hier ein Stück Land besitzen, hungern müssen? „Ich habe einfach nicht gelernt, wie man Lebensmittel anbaut“, versucht Nicasia Perez das zu erklären. „Meine Eltern wussten nichts vom Feldanbau. Sie waren ebenso Tagelöhner, wie wir es wurden.“ Nicasia gehört dem indigenen Volker der Ngöbe-Buglé an. Ihre Großeltern haben sich noch von dem ernährt, was sie im Wald fanden. Sie pflückten wild wachsende Früchte und gruben nach essbaren Wurzeln. Doch dann kamen die Rinderzüchter, rodeten den Wald und nahmen den Ngöbe-Buglé ihre Lebensgrundlage. Es gibt in den Dörfern einfach kein Wissen um den Anbau von Lebensmitteln, das von Generation zu Generation weiter gegeben werden könnte. Und so verdingen sich die Menschen hier heute für eine Handvoll Dollar als Tagelöhner. „80 Dollar hat mein Mann im Monat bei dem Rancher verdient“, erinnert sich Nicasia. Für 80 Dollar bekommt sie im Dorfladen 50 Kilo Reis. Das reicht kaum, um ihre achtköpfige Familie halbwegs satt zu bekommen. Und ist viel zu wenig, um sich ausgewogen und gesund zu ernähren. „Dabei sind Obst und Gemüse so wichtig für die Entwicklung der Kinder“, hat Nicasia von den Promotoren gelernt.

Weil die verarmte Landbevölkerung von ihrem Verdienst nicht leben kann, hat Panama ein staatliches Unterstützungsprogramm aufgelegt: jede bedürftige Familie erhält monatlich 50 US$ für Lebensmittel. Nicasia schnaubt bei dem Gedanken geradezu wütend durch die Nase. „50 Dollar? Die reichen gerade mal für zwei Tage, wenn es nicht nur Reis, sondern auch Gemüse und vielleicht ein bisschen Fleisch geben soll. 50 Dollar sind kein Ernährungsprogramm, sondern ein Witz!“

Doch seit ihre Nachbarn Generosa und Pablo die Workshops über Feldarbeit halten, ist Nicasia auf das Almosen nicht mehr angewiesen. Wer die verschiedenen Bohnen-, Mais- und Paprikasorten anbaut, die die Promotorin vor sich auf dem grob gezimmerten Tisch ausgebreitet hat und sich dazu noch ein paar Hühner hält, für den ist Mangelernährung kein Thema mehr. Mit dem, was sie hier lernt, kann Nicasia nicht nur ihre Familie ausgewogen ernähren, sondern sogar Geld für Medikamente einsparen. Heute lernt sie zum Beispiel, wie man aus Beifuß ein Mittel gegen Menstruationsbeschwerden herstellt. „Ihr nehmt eine Handvoll Blätter und übergießt sie mit kochendem Wasser. Lasst sie drei Minuten lang ziehen und seiht sie dann ab“, erklärt Generosa und Nicasia lehnt sich noch ein wenig weiter vor um wirklich nichts zu verpassen.

„Mein Leben hat sich sehr verändert, seit ich gelernt habe, mich selber zu versorgen.“ Am Anfang habe sie nicht geglaubt, dass das wirklich möglich sei, erinnert sich Nicasia. „Aber nach und nach lernte ich immer neue Pflanzenarten kennen und wie man sie anbaut. Inzwischen wachsen 15 verschiedene Produkte auf meinem Land. Vor zwei Jahren war es nicht ein einziges!“ Ihr kleines Stückchen Land wirft nicht nur genug ab, um die ganze Familie satt zu kriegen, Nicasia kann sogar Lebensmittel an die Nachbarn verkaufen – pro Tag bringt das ungefähr 10 Dollar ein, schätzt sie.

Ihr Mann hat seinen Tagelöhnerjob längst aufgegeben und arbeitet stattdessen auf seinem eigenen Stück Land. „Wir müssen nicht nur kaum etwas für Lebensmittel ausgeben, sondern verdienen auch noch plötzlich so viel wie nie zuvor.“ Ihr Geld legt Nicasia zukunftsträchtig an: „Meine älteren Kinder mussten die Schule früh verlassen um mitzuverdienen, aber jetzt können wir es uns leisten, unsere Tochter Ilsa Familienwissenschaften studieren zu lassen.“ Und die staatliche Unterstützung zum Kauf von Lebensmitteln? Die investiert Nicasia nun in Busfahrkarten und Bücher.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr unter:
www.katharina-nickoleit.de