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Die spanische Eroberung Teneriffas (01/2005)

Der König von Taoro: Ein historischer Roman von Horst Uden

Horst Udens historischer Roman behandelt ein sowohl in der wissenschaftlichen Fachliteratur als auch im Bereich der Belletristik erstaunlich vernachlässigtes Thema: die Eroberung Teneriffas durch die Spanier. Während die kleineren Kanarischen Inseln (Gomera, Hierro, La Palma) quasi im Handstreich von den Konquistadoren besetzt wurden, gab es in Gran Canaria, vor allem aber in Teneriffa, der größten Insel des Archipels, einen Eroberungskrieg, der sich über ein halbes Jahrzehnt hinzog.

Der König von Taoro

Alonso Fernández de Lugo, der zuvor schon La Palma erobert hatte und in Agaete (Gran Canaria) residierte, nahm Teneriffa nach mehreren Schlachten gegen die kanarischen Ureinwohner, die Guanchen, für die spanische Krone in Besitz. Die Guanchen waren zwar von stattlicher Größe und mit herkulischen Körperkräften ausgestattet, konnten aber mit ihren Keulen und Lanzen wenig gegen die überlegenen spanischen Eisenschwerter, Feuerwaffen und Kanonen ausrichten.

Horst Uden konzentriert sich bei seiner Darstellung auf die entscheidenden drei Jahre 1493 – 1496, in denen die drei wichtigsten Schlachten stattfanden: die Niederlage der Spanier in der Schlucht von Acentejo, die Schlacht von La Laguna (erster Sieg der Spanier) und der entscheidende Sieg an dem Ort, den die Spanier später La Victoria nannten.

Gleich zu Beginn der Lektüre des „Königs von Taoro“ wird der heutige Leser zuerst mehr oder weniger irritiert sein, denn der Stil des Autors Horst Uden ist für die MTV-Generation gewöhnungsbedürftig.

In der Wortwahl präsentiert sich dieser historische Roman (erstmals veröffentlicht 1941) eher „altmodisch“, nicht frei von Pathos und mit einer ungewohnt poetischen Prosa. Das mag für manche Leser zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Zugang zu diesem Buch erschweren. Mir persönlich gefällt dieser poetische, oft in Metaphern schwelgende Stil – zumal Uden sich damit auch an den feierlichen Sprachstil der Epoche annähert, über die er schreibt. Er eröffnet den Roman mit den Worten: „Strahlend enttauchte die Sonne dem blutroten Weltmeer und zerteilte die flüchtigen Morgennebel…“

So beginnt die Beschreibung des (zumindest damals noch) paradiesischen Orotava-Tals, vor dem bereits Humboldt ergriffen stand. Indem er metaphorisch die Schönheit der Landschaft zelebriert, möchte der Autor wohl auch die Naturverbundenheit der Ureinwohner betonen. Sein Stil ist wohl Geschmackssache, aber eines kann niemand Horst Uden absprechen: eine sorgfältige Recherche der (spärlichen) historischen Quellentexte. Sein Roman orientiert sich sehr genau an den historischen Daten und Fakten. Und für alle, die etwas über die Geschichte ihres Urlaubsziels Teneriffa erfahren wollen und denen Geschichtsbücher zu langweilig sind, ist diese spannende Darstellung ein idealer Einstieg.

Obwohl zum größten Teil aus der Sicht der besiegten Guanchen und mit viel Sympathie für die kanarischen Ureinwohner geschrieben, ist die Schilderung von Uden weniger einseitig als anfangs befürchtet. Er begeht nicht den Fehler, die spanischen Eroberer pauschal anzuprangern. Denn im Verlauf der Geschichte beschreibt er auch offen die negativen Seiten der Guanchenherrschaft, insbesondere die Uneinigkeit ihrer in kleine Fürstentümer zersplitterten Gesellschaft, die auch die Keimzelle ihres Untergangs war. Denn wie in Mexiko (Tlaxcalteken) und Peru konnten sich die Spanier auch auf Teneriffa mit Gegnern des mächtigsten Guanchenherrschers Mencey Bencomo (des „Königs von Taoro“) verbünden – was entscheidend zu ihrem Sieg beitrug. Und wie in Mexiko und Peru starben die meisten Einheimischen Teneriffas nicht durch den Eroberungskrieg, sondern durch Krankheiten: in diesem Fall hauptsächlich durch die 1495 ausbrechende Pest, die Horst Uden folgerichtig in die Handlung einbaut.

Alonso Fernández de Lugo, Anführer der spanischen Konquistadoren und erster Gouverneur von Teneriffa, war wohl weniger machtbesessen und habgierig als Pizarro oder Cortés. Uden beschreibt ihn jedenfalls mit Anflügen von fairer Ritterlichkeit, echtem Christianisierungseifer und moralischen Skrupeln. Gar so etwas wie Sympathie für die Spanier flackert auf, wenn der Autor die „Unzertrennlichen Zwölf“ beschreibt, zumindest werden die allzu menschlichen Schwächen (Trunksucht, Völlerei) dieser engsten Vertrauten des andalusischen Konquistadors mit augenzwinkerndem Verständnis und viel Humor dargestellt.

Uden vergisst nicht, die wichtige Rolle der Religion gebührend zu berücksichtigen: er beschreibt sowohl das alte Guanchen-Heiligtum – die Höhle von Taganana mit ihrem „Orakel“ – als auch das neue katholische Sakralzentrum: die Mariengrotte von Güímar, aus dem später der heutige Wallfahrtsort La Candelaria wurde.

Abgesehen von der manchmal leicht verwirrenden Chronologie der Erzählung – man beachte die Rückblende („Intermezzo“), die vor der Schlacht von La Laguna noch einmal die vorherige Eroberung Gran Canarias zusammenfasst, ist auch der Spannungsbogen entlang der historischen Eckdaten gut gestaltet.

Insgesamt ist der außergewöhnliche Roman von Horst Uden ein Muss für jeden wirklich interessierten Teneriffa-Besucher, der mehr will als 14 Tage Strand und Wellen. Historisch fundiert und spannend werden die entscheidenden Jahre der spanischen Eroberung und auch zum Schluss noch kurz deren Folgen dargestellt. Kurzfristig ging es zumindest den adligen Guanchen unmittelbar nach 1496 gar nicht so schlecht: die ehemaligen Stammesfürsten erhielten Grundbesitz zugeteilt und es gab viele Eheschließungen zwischen Spaniern und Guanchen. Aber spätestens in der folgenden Generation wurde vielfach das Eigentum der Guanchen unter allerlei Vorwänden von der Inquisition eingezogen, viele Guanchen wurden als „Ketzer“ verurteilt oder starben an der Syphilis. Einige erzielten aufgrund ihrer körperlichen Konstitution Höchstpreise auf dem Sklavenmarkt von Sevilla oder wurden – wie Mencey Bencomo – als Jahrmarkt-Attraktion durch Europa herumgereicht, wo diese blonden, hünenhaften Muskelmänner aus Teneriffa von zahlendem Publikum bestaunt wurden.

Selbst wenn Udens Kritik an spanischer Willkür und Inquisition am Ende zu pauschal ausfällt: es bleibt sein Verdienst, im „König von Taoro“ das Schicksal des Guanchenvolkes aus dem Nebel des Vergessens herausgeholt und spannend verpackt präsentiert zu haben.

Und es ist dem Engagement der Verlegerin Verena Zech zu danken, dass dieser interessante Teneriffa-Roman von 1941, der schon in Vergessenheit zu geraten drohte, nun zu Beginn des 21. Jahrhunderts neu publiziert worden ist.