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Die Passion in Sevilla: Der „Heilige Mittwoch“

 

1. Tod am Nachmittag

Du starbst als mein Erlöser
Und ich war Dein Träger,
Ich trug Dich auf dem Altar,
Du hast das Kreuz getragen,
Und beide sind wir aus Liebe gestorben.
(José Portal Navarro, Gestorben: 26. März 1986)

Bruderschaft San Bernardo

So etwa lautet die Übersetzung einer Gedenktafel am Alfalfa-Platz in Sevilla. Viele Menschen laufen gedankenlos an ihr vorbei und wenn ein Besucher stehen bleibt und die Widmung liest, weiß er oft nicht, worauf sich dieser Text bezieht. Vor 19 Jahren, am „Heiligen Mittwoch“ der Karwoche 1986, erlitt genau an dieser Stelle José Portal Navarro, einer der 29 Träger (Costaleros) unter der Last der Altarbühne (Paso) des Christus von San Bernardo während der Prozession einen tödlichen Herzinfarkt. Er wollte gerade mit seiner Mannschaft diesen Altar, der knapp zwei Tonnen wiegt, erneut anheben, als es passierte. Es ist möglich, dass sein Todeskampf nicht sofort bemerkt wurde, denn unter dem Paso stehen die Träger so dicht, dass er nicht stürzen konnte. Und es herrscht völlige Dunkelheit. Denn die Träger sind hinter dicken Samtvorhängen verborgen, damit für das Publikum die Illusion gewahrt bleibt, die Altarbühne bewege sich wie von selbst. Die Träger sehen also weder, was unter dem Paso geschieht, noch wohin sie gehen – sie werden vom Capataz, dem Lenker des Paso, dirigiert. Als man den Todgeweihten endlich unter dem Paso hervorzog, war es wahrscheinlich schon zu spät. Denn wer Sevilla kennt, weiß, dass in den engen Altstadtgassen und bei den Menschenmengen, die sich zur Zeit der Karwochen-Prozessionen dort drängen, für einen Notarztwagen kaum ein Durchkommen ist. Mehrere als „Nazarenos“ Verkleidete aus der Prozession und ein Arzt aus dem Publikum trugen den Sterbenden bis zur nächsten Avenida, doch er starb, bevor man das Krankenhaus erreichte. Die Gedenktafel ist also diesem Helden der Bruderschaft San Bernardo gewidmet, der aus dem Leben schied, während er seinen Christus trug.

23. März 2005 um 15.00 Uhr in der Calle Gallinato: Wir wollen heute die Prozession von San Bernardo nicht auf der Plaza de la Alfalfa erwarten, sondern sind in die Nähe der Kirche gegangen, aus der sie kommt. Es empfiehlt sich, die Prozession in ihrem Stadtviertel zu sehen, da die Stimmung hier an Euphorie kaum zu übertreffen ist. Wir treffen gerade noch rechtzeitig ein. Von irgendwo findet ein trauriges Trompetensolo seinen Weg durch die Frühlingsluft und schon sieht man am Ende der engen Gasse ein goldenes Glitzern. Erstaunlich schnell biegt nun der tonnenschwere Paso mit dem gekreuzigten Christus um die Ecke. Als er aus dem Schatten kommt und Sonnenlicht auf ihn fällt, erstrahlt die ganze Altarbühne in einem Goldglanz, der die Augen blendet. Um diesen Effekt noch zu untermalen, setzt das ganze Orchester mit schmetternden Trompetenfanfaren ein. Nun weiß auch der Letzte im Viertel, dass es Zeit ist, ans Fenster zu treten, um das sakrale Spektakel zu betrachten. Der Paso nähert sich schwankend im Rhythmus der Musik. Da er fast die ganze Breite der Gasse ausfüllt, sieht es aus, als ob er die Zuschauer vor sich her schiebt. Endlich wird er zum Stehen gebracht. Gebannt richten sich alle Augen nach oben, wo am Kreuz der „Christus des Heils“, so sein offizieller Name, leidet. Es ist eine Statue von klassischer Schönheit, ein Meisterwerk des Barockbildhauers Andrés Cansino von 1669. Die weit ausgebreiteten Arme des toten Erlösers vor dem blauen Himmel ergeben ein dramatisches Bild. Obwohl diese Skulptur mit ihrem Realismus in allen anatomischen Details die Menschlichkeit dieses Leichnams aus Holz vorführt, geht doch eine geheimnisvoll überirdische Macht von ihr aus. Das laute Stimmengewirr wird zum Flüstern, und als mein Blick von der Statue auf die Zuschauer gleitet, stehen viele starr, mit entrücktem Blick meditierend. Es ist, als ob diese Skulptur aus Zedernholz für die Betrachter nicht nur ein Symbol, sondern wirklich Christus der Erlöser sei. Heilskonkretismus – mit diesem kalten Begriff würden Theologen dieses Verhalten definieren. Doch damit können sie nicht die Magie dieses Augenblicks erfassen, vor dieser barocken Bildgewalt wird jedes Wort klein und glanzlos…

Mit einem heftigen Ruck heben jetzt die Träger die goldstrahlende Bühne wieder an, wobei die meterhohen, filigranen Kerzenleuchter zittern, als ob sie im nächsten Moment abbrechen würden. Begleitet von Trommelwirbeln, scheint der Paso über dem wogenden Menschenstrom zu schweben.

Die Augen des ganzen Viertels schauen ihm nach. Es ist der wichtigste Tag des Jahres für San Bernardo, das einzige Altstadtviertel Sevillas, das „Extramuros“ liegt, denn jede Familie ist in der Bruderschaft, die 1748 gegründet wurde und über 4.000 Mitglieder hat, vertreten. Die Hälfte von ihnen geht mit in Sevillas drittgrößter Prozession, die immer mehr zu einem Identitätsmerkmal dieses vernachlässigten Stadtbezirks geworden ist. Denn Spekulantentum, der Abriss ruinöser Prachtbauten sowie gesichtslose Neubauten haben dem Viertel übel mitgespielt und viele Bewohner mussten San Bernardo verlassen, weil sie die teuren Mieten nicht mehr bezahlen konnten. Doch am“Heiligen Mittwoch“ kehren alle zurück, verwandeln sich für die Prozession in „Nazarenos“ und legen das violette Gewand und die schwarze, unheimlich wirkende Kapuzenmaske an, um den Christus des Heils oder die Jungfrau der Zuflucht zu begleiten. Die Madonna, die diesen viel versprechenden Namen trägt und mit ihrem Paso die Prozession beschließt, wird gerade in die Gasse hereingetragen, die zum Nadelöhr wird. Gendarmen müssen die Flut der Zuschauer wie eine Welle vor sich herschieben, um dem Paso einen Weg zu bahnen. Denn viele wollen der Madonna mit dem dunklen Gesicht, eine der schönsten Sevillas, nahe sein, möglichst die Silberstäbe ihres Baldachins berühren – das soll Glück bringen. Und so setzt die Virgen del Refugio, dicht bedrängt von der glühenden Verehrung ihres Volkes, einer Schönheitsgöttin der Antike gleich, ihren Triumphzug Richtung Kathedrale fort.

17.00 in der Calle Santiago: Eine endlose Doppelreihe von Nazarenos mit schwarzen Tunikas und weißen Umhängen defiliert durch die Straße Santiago nahe der historischen Stadtgrenze. Diese Prozession der Bruderschaft La Sed, die erst 1969 gegründet wurde, hat einen unglaublich weiten Weg zurück zu legen. Ihre Kirche liegt in der Neustadt, noch hinter dem Fußballstadion. Dementsprechend bewunderswert ist der Enthusiasmus der Beteiligten, die15 Stunden unterwegs sind: Start 12.00 mittags, Rückkehr zur Kirche um 3.00 nachts. Nicht nur die lange Zeit wird dabei zum Problem, sondern auch Temperaturunterschiede: oft von über 30° Grad tagsüber bis 10° Grad in der Nacht. Besonders die Costaleros, die den Cristo de la Sed (Christus des Durstes) tragen müssen, sind nicht zu beneiden – allerdings verfügen sie über mehrere Mannschaften, die sich beim Tragen abwechseln. Seinen seltsamen Namen erhielt diese Statue, weil es sich um einen „sprechenden Christus“ handelt. Im Gegensatz zum Christus von San Bernardo, der als Toter dargestellt ist, schmückt dieser hier noch lebend das Kreuz – und mit geöffnetem Mund, als ob er zu den Betrachtern sprechen würde. Die Bruderschaft hat sich entschieden, dass er den fünften der sieben Sätze, die Christus am Kreuz sagte, ausspricht: „Ich habe Durst“ (Tengo Sed).

2. Ein Engel wird zur Jungfrau
21.00 in der Calle San Vicente: Überraschend schnell ist die Nacht hereingebrochen und an den Palästen und Häusern des aristokratischen Stadtviertels San Vicente leuchten die alten Laternen auf.

Bruderschaft-Siete -Palabras

Eine würdige Kulisse für die feierliche Prozession der „Siete Palabras“ – der Bruderschaft der Sieben Worte Jesu, die bereits im 16. Jahrhundert gegründet wurde. Wie Nachtgespenster nähern sich die weiß gekleideten Nazarenos durch die dunkle Gasse und lautlos schiebt sich – immer heller glitzernd – der silberne Paso des Kreuz tragenden Christus heran.

Sein Kreuz wirft einen bizarr vergrößerten Schatten auf die Wände der Häuser. Die Christusstatue im violetten Gewand ist ein Werk von Felipe de Ribas (1641) und mit ihrer gebückten Haltung und anderen Details ein gutes Beispiel für den Naturalismus des Sevillaner Barocks.

Leider wird dieser Paso viel zu schnell vorbei getragen. Aber diese Prozession ist die einzige am Mittwoch der Karwoche, die sogar drei Pasos aufbietet. So biegt bereits die nächste Altarbühne um die Ecke. Die Passionsszene mit dem schönen mystischen Namen „Siete Palabras“ zeigt Christus, wie er an seine Mutter Maria und an den heiligen Johannes folgende Worte richtet: „Frau, siehe Dein Sohn… und Du sieh Deine Mutter…“ Damit fordert er Maria und Johannes auf, nach seinem Tod wie Mutter und Sohn zusammen zu bleiben.

Nach etwa weiteren hundert Nazarenos zieht auch der dritte Paso an uns vorbei: die schmerzensreiche Jungfrau unter einem Baldachin aus massivem Silber. Meine deutsche Begleiterin kommentiert spontan: „Diese Madonna sieht irgendwie komisch aus.“ Recht hat sie. Wenn den Zuschauern diese Jungfrau sonderbar vorkommt, so liegt das daran, dass sie früher ein „Mann“ war. Geschaffen wurde sie im 19. Jahrhundert eigentlich als Engel, bevor der Bildhauer Manuel Escamilla, da die Bruderschaft dringend eine Madonna brauchte, diesen Engel einfach zur Jungfrau ummodellierte. Die Schönste ist sie nicht geworden. Vor zwei Jahren gab es in der Bruderschaft der Sieben Worte eine Kampfabstimmung, ob diese Madonna nun durch eine neue und schönere ersetzt werden sollte. Dies wurde jedoch mit knapper Mehrheit abgelehnt und so wird diese Engelsmadonna weiter an jedem Heiligem Mittwoch durch die Straßen getragen.

3. Das Kreuz im Weihrauchnebel
22.00 in der engen Gasse mit dem kuriosen Namen „Cuna“ (Wiege). Jeweils eine Reihe Zuschauer drückt sich eng an die Wände der Häuser – mehr Platz steht nicht zur Verfügung, denn schon erscheinen Nazarenos in braunen Gewändern, die Franziskanerkutten ähneln, mit dem Leitkreuz ihrer Prozession. Die Bruderschaft des „Cristo del Buen Fin“ (Christus des guten Endes), ursprünglich 1593 von der Zunft der Gerber gegründet, stand immer unter dem Einfluss der Franziskaner und hat ihren Sitz bis heute im Kloster dieses Ordens. Diszipliniert schreiten die beiden Reihen der Nazarenos voran und halten dabei die Kerzen so, dass sie sich kreuzen. Ein unheimliches Bild, wie diese finsteren Boten der Ewigkeit unerbittlich vorrücken und die Gasse in Besitz nehmen. Durchdringende Trompeten erklingen – da taucht am Ende der Gasse der düsteren Kapuzenmänner der golden leuchtende Paso auf mit hoch geschwungenen Kerzenleuchtern.

Bruderschaft-Cristo-del-Buen-Fin

Sofort bevölkern sich Balkone und Zuschauer drängen sich hinter jedem Fenster bis in die obersten Stockwerke, Omas stellen ihre Sherrygläser ab, Kinder werden hoch gehoben, damit sie den nahenden Paso besser sehen können. Zwischen den sehr hohen Leuchtern, auf einem Hügel roter Nelken erhebt sich der gekreuzigte Christus des Guten Endes, eine beeindruckende Skulptur des Barockbildhauers Sebastián Rodríguez von 1645. Dichte Weihrauchschwaden treiben vor ihm her, während er, begleitet von donnernden Posaunen, immer näher rückt. Genau vor uns wird der Paso angehalten – so dicht, dass uns die Costaleros auf die Füße treten.

Das goldene Schnitzwerk, die aufgetürmten Nelken, alles zum Greifen nah. Jemand zwängt sich an uns vorbei, um den Trägern dort unten Wasser zu reichen, für einen Moment werden die Samtvorhänge weggeschoben und Arme strecken sich aus dem Dunkel nach dem Wasserkrug. Schräg über uns scheint der Gekreuzigte sich nach unten zu neigen. Die Gespräche sind verstummt, tiefes Schweigen umgibt das Kreuz. Auch das Publikum auf den Balkonen verharrt ergriffen und reglos, wie eine Konstellation von Statuen. Nur ein kleiner Junge, festgehalten von seinem Vater, versucht, vom Balkon aus das Kreuz zu berühren, doch es gelingt ihm nicht. Jetzt wird der Paso wieder emporgehoben und zieht weiter, verliert sich schemenhaft im Weihrauchnebel und Wolken bedecken den Vollmond.

4. La Lanzada – Eine Lanze brechen für die Gotik
23.00 an der gleichen Stelle in der Calle Cuna. Die Nacht ist vorgedrungen und im Licht der Laternen huschen Nazarenos mit cremeweißen Tunikas und purpurroten Kapuzen vorbei. Sie gehören zur 1596 gegründeten, aristokratischen Bruderschaft „La Lanzada“, deren Prozession direkt auf „El Buen Fin“ folgt. Dramatisch hallende Trommelwirbel und Trompeten kündigen bereits den ersten Paso an. Am Ende der Gasse ein entferntes Glitzern, das langsam näher kommt und sich in einzelnen Lichtpunkten auflöst. Es ist die größte Altarbühne des Tages, ein monumentaler Paso de Misterio.

Infokasten: Typen von Pasos bei der Semana Santa
Paso de Cristo: Auf diesem ist Christus allein zu sehen, entweder das Kreuz tragend (dann „Nazareno“ genannt) oder als Gekreuzigter

Paso de Palio: Auf diesem steht die Jungfrau Maria allein (oder in Begleitung des heiligen Johannes) unter einem reich verzierten Baldachin (Palio = Baldachin)

Paso de Misterio: Auf diesem ist stets eine Gruppe von mehreren Skulpturen zu sehen, die eine Szene des Kreuzweges Christi darstellen, z.B. seine Gefangennahme, das Verhör vor Pilatus oder Herodes oder die hier präsentierte Szene des Lanzenstichs.

Im Rhythmus der Trommelwirbel schwankt dieses kleine Gebirge aus Goldglanz und flackernden Lichtern, das beinahe die ganze Breite der Gasse ausfüllt. Und man könnte annehmen, dass dies beim Wachsen und Werden dieser Stadt tatsächlich der Maßstab war: eine Gasse in der Altstadt Sevillas muss gerade so breit sein, dass ein Paso der Semana Santa hindurch passt, ohne mit Laternen oder Balkonen zu kollidieren. Dieser Misterio von La Lanzada ist nicht nur durch seine Größe außergewöhnlich, sondern auch durch seinen Stil. Im barocken Sevilla ist ein so konsequent (neo)gotisch gestylter Paso die Ausnahme. Leider wird er jetzt schnell vorbei getragen und erst 30 Meter hinter uns angehalten. Wir müssen uns an den Zuschauerreihen entlang drängen, um ihn zu betrachten. Das Schönste an der vergoldeten Altarbühne sind die filigranen, gotischen Kuppeltürme und die Engelsfiguren.

La-Lanzada

Die Passionszene des Lanzenstichs, die dort oben dargestellt wird, ist hoch dramatisch: der Schmerz der Jungfrau angesichts des leblosen Leibs Christi am Kreuz, die Tränen des heiligen Johannes, der den Tod seines Freundes betrauert, und die aggressive Muskelanspannung des römischen Legionärs Longinos im Moment des Lanzenstichs – und im Kontrast dazu das gläubige Staunen in seinem Gesicht, als er das Blut sieht, das aus der Wunde des toten Jesus rinnt. Die harmonische Komposition dieser Szene ist beeindruckend, vor allem wenn man bedenkt, dass hier sieben Skulpturen aus vier verschiedenen Jahrhunderten zusammen geführt wurden: vom weinenden San Juan aus der Werkstatt von Pedro Roldán (Ende 17. Jahrhundert) bis zum Römer mit Pferd vom neuen Star der Sevillaner Bildhauerszene, José Antonio Navarro Arteaga (2000).

Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung stemmen die Costaleros die ganze Kreuzwegszene in die Höhe und schleppen ihre gut drei Tonnen schwere heilige Last weiter. Da nähert sich vom anderen Ende der Calle Cuna schon der Palio mit gotisch designtem Baldachin. Der Capataz läßt den Paso direkt vor uns absetzen. Das Gemurmel verstummt, wie hypnotisiert blicken die Zuschauer auf das hübsche Gesicht der Madonna unter der Sternenkrone. Unruhig flackern die Kerzen im Nachtwind und malen tanzende Schatten auf das Rot des Baldachins.

Ein kleines, vielleicht dreijähriges, Mädchen mit schwarzen Zöpfen schaut vorwitzig unter den Paso, wo einer der Träger den Vorhang ein Stück beiseite schiebt. Erschreckt weicht die Kleine zurück, als der Costalero sein verschwitztes Gesicht aus der dunklen Unterwelt des Paso herausstreckt. Er lächelt sie an und legt dann den Zeigefinger auf den Mund – die Stille dieses Moments soll gewahrt bleiben. Nach ein paar Sekunden des Zweifels – soll sie nun doch schreien oder nicht? – lächelt das Mädchen zurück. Und wir sind sicher: dieser starke, dunkelhäutige Costalero mit dem hübschen Lächeln wird das erste Idol in ihrem Leben und sie wird diesen Augenblick nie vergessen. Doch dann reißt die Mutter sie aus ihren Träumen, nimmt sie auf den Arm, damit sie die Madonna besser betrachten kann.

5. Das programmierte Wunder
Kurz vor Mitternacht vor dem Postigo-Stadttor im Viertel El Arenal. Eine dicht gedrängte Menge, in der ein paar Ungeduldige hin und her schubsen, wartet auf den Höhepunkt, die schönste Szene des „Heiligen Mittwoch“. Die Prozession der 1693 gegründeten und noch heute sehr populären Bruderschaft „El Baratillo“ hat Verspätung. Der Name, reichlich unfromm, bedeutet soviel wie Trödelmarkt. Im 16. Jahrhundert, der Epoche des Sevillaner Wirtschaftswunders, war in diesem Stadtviertel der Hafen angesiedelt und daneben etablierte sich ein großer Markt, auf dem die Schätze aus Amerika gehandelt wurden. Und im Schatten des großen gab es bald einen kleinen Markt, auf dem auch billige oder gefälschte Waren angeboten wurden und dort entstand die Kapelle, in der die Bruderschaft gegründet wurde. Sie liegt direkt neben der Stierkampfarena, weshalb viele Sevillaner sie scherzhaft „Bruderschaft der Toreros“ nennen.

Die Doppelreihe der lichtblau gewandeten Nazarenos hat Mühe, sich einen Weg durch die Zuschauer zu bahnen. Blasmusik und eine Welle von Applaus kündigen den lang erwarteten Paso der Piedad an. Erstaunlich schnell und wie von unsichtbaren Lotsen gezogen, gleitet er einer goldenen Barke gleich über das Meer aus menschlichen Körpern. Hoch auf dem Hügel roter Nelken, umrahmt von verschnörkelten Laternen, thront die wunderschöne Pietà.

Bruderschaft-El-Baratillo

Diese Passionsszene mit Maria, die den toten Körper ihres Sohnes im Schoß hält, ist eine der ergreifendsten Darstellungen der Semana Santa in Sevilla – und von erstaunlicher Harmonie, denn die Skulpturen von Maria und Christus stammen von zwei verschiedenen Bildhauern. Die Jungfrau ist ein Werk von Fernández Andes (1945), während die Christusstatue fünf Jahre später von Ortega Bru, dem wichtigsten Sevillaner Bildhauer des 20. Jahrhunderts, geschaffen wurde.

Inzwischen ist der Paso nur wenige Meter entfernt, direkt vor dem Bogen des Postigo-Stadttors abgesetzt worden. Die Plätze vor, hinter und unter dem Torbogen gehören zu den begehrtesten während der Karwochen-Prozessionen. Viele Zuschauer postieren sich schon mehr als eine Stunde vor der Prozession dort, lange bevor das Geschiebe um die Plätze im Innern des Tores beginnt. Dort kann wegen der Enge des Raums nur eine Zuschauerreihe rechts und links stehen. Leider ist durch die vielen überfüllten Bars hier im Arenal-Viertel der Geräuschpegel beträchtlich. Obwohl immer wieder jemand zur Ruhe mahnt und ein Zischen durchs Publikum geht, lässt sich sakrale Stille beim Anblick der Piedad nicht erreichen. Trotzdem versuchen wir, uns ganz auf Meditation zu konzentrieren, Eindrücke in der Erinnerung festzuhalten: das leise im Nachtwind wehende, strahlendweiße Leichentuch Christi, das vom leeren Kreuz herunter hängt, das tief traurige Gesicht der Madonna mit vor Schmerz gekrümmten Augenbrauen, der dahin gegossene Körper des Erlösers im Todesschlaf, schön und sehr realistisch modelliert in seinen anatomischen Details. Die in der Leichenstarre bizarr gekrümmten Hände greifen ins Leere, zu seinen Füßen liegen die Dornenkrone und eine Rose.

Da schwingt sich plötzlich eine weiße Taube flatternd in den Nachthimmel, die direkt aus dem Mantel der Madonna heraus zu fliegen scheint. „Ein Wunder!“, murmelt meine deutsche Begleiterin aufgeregt.

Ich beschließe, sie in diesem Glauben zu lassen und sie nicht darüber aufzuklären, dass dieses Wunder ein „programmiertes“ ist. Denn jedes Jahr entlässt die Bruderschaft El Baratillo an dieser Stelle, unmittelbar bevor die Pietà den Torbogen unterquert, eine Taube als Friedenssymbol aus dem blauen Mantel in die Freiheit.

6. Vollmondnacht der Todesschatten
1.00 nachts auf der Plaza Cristo de Burgos. Eine große, aber erstaunlich stille Menschenmenge wartet auf dem Platz im Herzen der Sevillaner Altstadt. Wie viele mögen es sein: 500, 1000 oder 2000? Sie sind nicht zu zählen, denn es ist absolut finster hier, die Gesichter ringsum kaum zu erkennen. Die Straßenbeleuchtung wurde vor dem Eintreffen der Prozession ausgeschaltet. So erwartet das Publikum im Dunkeln die kleinste Prozession des Tages – den feierlichen Trauerzug der 1888 gegründeten Bruderschaft Cristo de Burgos. Sie wird hier in ihre Heimatkirche San Pedro zurückkehren, die am anderen Ende des Platzes liegt. Ich blicke zum Himmel, der noch immer bewölkt ist. Die Äste der riesigen, Jahrhunderte alten Ficusbäume scheinen über uns wie Fangarme in die Nacht zu greifen.

Da – plötzlich ein silbern glänzendes Kreuz, das wie von selbst durch die Finsternis zu schweben scheint. Das Gemurmel in der Menge verstummt, und wie schlafwandelnde Schatten huschen die schwarz vermummten Nazarenos vorbei. Unruhig flackernde Kerzen beleuchten für ein paar Sekunden einzelne Gesichter in den Reihen der Zuschauer, bevor die Dunkelheit sie wieder verschluckt. Für einen Moment lässt eine Kerzenflamme die Augen eines Nazarenos hinter dem Schwarz aufleuchten – der einzige Teil seines Gesichts, der nicht von der Maske bedeckt wird. Wie mögen sie die Welt wahrnehmen, wenn sie aus der Anonymität ihrer Dunkelheit heraus in erwartungsvolle Gesichter blicken? Oder sind sie schon zu müde, um auf das Publikum rechts und links zu achten? Und wie wird das Ganze von oben, von den Logenplätzen der Balkone, aussehen? Eine dunkle Masse, in der man nur durch die Lichtpunkte der Kerzen die Nazarenos von den Zuschauern unterscheiden kann.

Virgen-de-la-Palma

Klänge von Oboen und Fagott durchdringen das flüsternde Stimmengewirr. Die schwarzen Schatten bilden eine Gasse – an ihrem Ende erscheint der Paso, in dessen Mitte – auch er nur ein düsterer Schatten – sich der gekreuzigte Cristo de Burgos erhebt. Da ziehen sich plötzlich, wie von einem überirdischen Regisseur dirigiert, die Wolken zurück und das bleiche Licht des Vollmonds gleitet über Platz. Ein erstauntes Raunen geht durch die Menge. Durch das Mondlicht erscheinen die Schatten der Nazarenos violett und der Körper des Gekreuzigten, dem vorher nur vier Grabesleuchten trübes Licht spendeten, wird deutlich erkennbar. Den gewohnten Prunk des Sevillaner Barocks sucht man hier vergebens: kein Goldglanz, keine geflügelten Putten – nichts mildert die asketische Strenge.

Nur das Kreuz – inmitten eines Hügels aus blutroten Nelken erhebt es sich in der Einsamkeit der Vollmondnacht. Und einsam erscheint der leblose Körper des Cristo de Burgos, 1573 vom Gründer der Sevillaner Bildhauerschule, Bautista Vázquez, geschaffen.

Die Sevillaner verehren diese zweitälteste Statue ihrer Karwoche sehr. Dieser gekrümmte Körper mit aufgeschlagenen Knien und auf die Brust gesunkenem Kopf ist ein naturalistisches Symbolbild menschlichen Leidens.

In diesem Moment werden die ersten Töne einer Saeta angestimmt – jenes in Flamenco-Manier gesungenen Klage-Gebets – vorgetragen von einer jungen Frau ganz in Schwarz, die sich über einen Balkon lehnt und beim Singen wild mit den Händen gestikuliert. Fast krampfartig scheint sie mit heiserer Stimme die langgezogenen Töne herausringen zu müssen. Dabei wechselt sie kunstvoll zwischen beängstigend leisen und durchdringend lauten Tönen und es gelingt ihr mühelos, ohne Mikrophon den ganzen Platz zu beherrschen. Abrupt beendet die dunkle Klagegöttin ihre Flamenco-Arie und verlässt fluchtartig den Balkon, denn für eine Saeta sollte man keinen Applaus erwarten. Als dieser sich dennoch zaghaft andeutet, wird er sofort durch ein zur Ruhe mahnendes Zischen erstickt, denn schon begleitet eine weitere Saeta, diesmal von einem älteren Mann gesungen, den Christus auf seinem Weg zum bereits geöffneten Kirchenportal. Und obwohl der Sänger seinen Vortrag noch nicht beendet hat, beginnt ein paar Balkone weiter schon der nächste und sogar noch ein vierter Saeta-Sänger sein Werk. Ein ganzes Festival von Klagegesängen für den einsamen Cristo de Burgos, den nicht einmal ein Engel begleitet, wie es in einem der Texte heißt. Langsam verschwindet er jetzt im Portal von San Pedro, als sich die Aufmerksamkeit wieder dem anderen Ende des Platzes zuwendet, wo endlich als Lichtgestalt in all der Düsternis die Virgen de la Palma erscheint.

Zu den Klängen des Trauermarschs „Madrugá“ (Morgendämmerung) nähert sie sich mit ihrer Kerzenpyramide unter rotgoldenem Baldachin.

Man spürt eine Erleichterung im Publikum, das aufzuatmen scheint, nachdem es beim Vorbeiziehen des Gekreuzigten den Atem anhielt. Die Madonna hat den tränenerfüllten Blick gen Himmel gerichtet und auch zu ihren Ehren wird von jedem zweiten Balkon aus eine Saeta angestimmt.

7. Die Madonna der Bäcker
Fast 3.00 nachts in der Calle Orfila. Zum Schluss darf nochmal richtig gefeiert werden an diesem Tag der Kontraste. Eine große Ansammlung von Zuschauern, darunter besonders viele Jugendliche, verfolgt mit Begeisterung die Prozession der populären Bruderschaft der Bäcker – Los Panaderos – die schon im 16. Jahrhundert gegründet wurde. Hier ist nichts vom asketischen Ernst des Cristo de Burgos zu spüren und es geht auch nicht sehr diszipliniert zu. Die Doppelreihe der Nazarenos, die nicht unwesentlich Verspätung hat, ist weit auseinander gerissen, oft bunt gemischt mit dem Publikum. Man sieht sogar Nazarenos (oder Nazarenas?), die mit einem Zuschauer Händchen halten oder – was nun wirklich verboten ist! – kurz die Kapuzenmaske anheben für einen flüchtigen Kuss.

Die Bruderschaft der Panaderos gehört zu den liberalsten in Sevilla, wofür auch die Tatsache spricht, dass in ihrer Prozession prozentual mehr weibliche Nazarenos mitgehen als in jeder anderen. Endlich gerät wieder Bewegung in die Reihen und pathetische Musik kündigt den letzten Paso an. Alles fiebert der beliebtesten Madonna des Tages entgegen, der Virgen de Regla. Schon biegt sie um die Ecke und eine leuchtende Wolke von Rosenblättern regnet von den Balkonen auf sie herab. Ihr Baldachin gehört zu den prächtigsten in Sevilla. Er wurde in der Manufaktur von Esperanza Caro 1930 aus blutrotem Samt mit filigraner Goldstickerei angefertigt. Auch die schöne Jungfrau selbst ist das Werk einer Frau: Luisa Roldán („La Roldana“), Spaniens berühmteste Barockbildhauerin, schuf sie in der Sevillaner Werkstatt ihres Vaters gegen Ende des 17. Jahrhunderts.

Über bizarr herunter gebrannte Wachskerzen hinweg schaut die Virgen de Regla als lichtbringende Hoffnungsträgerin auf ihr Volk und nimmt lächelnd alle Verehrung entgegen. Jeder will den Paso noch ein letztes Mal berühren. Dann lassen die Träger ihre Madonna unter dem Applaus des Publikums tanzen und drehen sie einmal im Kreis, denn sie muss rückwärts – mit dem Gesicht zum Volk – in die Kapelle getragen werden. Der Capataz springt mit völlig heiserer Stimme aufgeregt um den Paso herum und schreit seine Kommandos. Denn den hohen Baldachin durch das enge Portal zu dirigieren ist Zentimeter-Arbeit.

Endlich, nachdem der Capataz, schon am Rande einer Herzattacke, gerade noch die Kollision des Paso mit einer Ecklaterne verhindern konnte und seine Stimme endgültig verloren hat, scheint das Manöver zu glücken. Ruckartig geht der Paso und neigt sich gefährlich nach vorn, so dass man einen Moment lang glaubt, die Madonna stürze in die vor ihr brennenden Kerzen. Aber das Portal ist so niedrig, dass die Costaleros sie auf Knien hinein tragen müssen. Nun geht auch die hintere Hälfte nach unten, wankend bewegt sich der Baldachin nach innen. Mit Olé-Rufen belohnt die Menge diesen enormen Kraftakt. „In den Himmel mit ihr!“, ruft der Capataz und eine Welle der Begeisterung verabschiedet die Jungfrau, bevor sich die Türflügel schließen.

Überraschend schnell zerstreut sich die riesige Menschenmenge und verliert sich im laternenbeleuchteten Labyrinth der Altstadtgassen von Sevilla, die sich an diesem Tage in Kulissen für sakrales Barocktheater nach Jahrhunderte altem Regieplan verwandelt haben.

Fotos: Berthold Volberg