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Die Pampa ist Pleite

Über Hunderte von Kilometern erstrecken sich hinter Buenos Aires Kornfelder und freie Weideflächen, die Pampa scheint sich endlos bis weit hinter den Horizont zu erstrecken. Riesige Rinderherden tummeln sich in der grünen Einöde, begleitet nur von ein paar Gauchos und ihren Hunden. Das milde Klima macht Stallungen überflüssig. Ein Meer von Ocker und Goldgelb deutet an, daß Weizen, Mais, Soja und Sonnenblumen zur Ernte bereit sind. Argentinien, die Kornkammer Südamerikas und Heimat des weltbesten Rindfleisches, scheint gesegnet mit Reichtümern.

Doch der idyllische Eindruck täuscht gewaltig. Die Stimmung unter den argentinischen Landwirten ist gedrückt. Zwar konnte durch vermehrten Einsatz von Kunstdünger und ausgewähltem Saatgut die „grobkörnige“ Ernte in den neunziger Jahren enorm gesteigert werden, doch die Weltmarktpreise für die vier wichtigsten Getreidearten sind tief gefallen. Weizen und Mais bringen kaum halb so viel ein wie noch 1996, Sonnenblumen und Soja haben 30 bis 40 Prozent eingebüßt.

Die freie Marktwirtschaft, unter dem kürzlich ausgeschiedenen Präsidenten Menem zur Norm erhoben, scheint die Landwirte, wo immer man hinhört, arg gebeutelt zu haben. Gemeinsam mit den Obstbauern in Rio Negro und Mendoza, den Reispflanzern im Norden, den Baumwollproduzenten im Chaco-Gebiet, den Zuckerindustriellen im Nordwesten und den Schafwollfarmern Patagoniens klagen sie über den Preisverfall, den Druck der Steuerbehörden und die hohen Gebühren. Gleich dreifach wird auf Grundbesitz, oft mehrere zehntausend Hektar umfassend, Steuern erhoben, von der Bundesverwaltung, der jeweiligen Provinz und der Gemeinde. Zudem haben sich seit der Privatisierung des Nationalstraßennetzes die Transportkosten maßlos verteuert.

Vorbei die goldenen Zeiten der staatlichen Subvention und des Protektionismus, als die Bauern noch der ganze Stolz des Landes waren. Jeglicher Widerstand gegen die restriktiven staatlichen Maßnahmen blieb bisher erfolglos, obwohl sich sogar die noble Sociedad Rural, der mächtige Dachverband der argentinischen Großbauern, im letzten Jahr den übrigen Organisationen des Sektors anschloß und protestierte. Der gesamte Agrarsektor wurde daraufhin bestreikt, in den Getreidehäfen und auf dem großen Viehmarkt von Liniers in Buenos Aires, wo normalerweise bis zu 10 000 Rinder täglich gehandelt werden, herrschte gähnende Leere.

Inzwischen haben Argentiniens Landwirte einen riesigen Schuldenberg angehäuft, der ihnen nicht nur den Schlaf, sondern auch ihren Besitz raubt: In den letzten Jahren mußten etwa 100 000 Landwirte aus dem Mittelstand aufgeben.

Aus Protest gegen die Zwangsversteigerungen hat sich unter anderem die „Bewegung kämpferischer Landwirtinnen“ (MML) gebildet. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, die Vertreibung der Bauern durch die Gläubigerbanken zu verhindern. So trifft man sie inzwischen dort, wo die verschuldeten Haziendas unter den Hammer kommen. Lucy de Cornelis, die Gründerin, erzählt: „Wir mobilisieren zahlreiche regionale Interessensgenossinnen, und wenn die Auktion beginnt, stimmen wir gemeinsam die Landeshymne an. Viele der Teilnehmer brechen daraufhin in Tränen aus, und die Zwangsversteigerungen müssen abgebrochen werden.
Es ist jedoch nicht anzunehmen, daß diese Art des Widerstandes auf längere Sicht von Erfolg gekrönt sein wird. Den einmal eingeschlagenen Kurs der neoliberalen Wirtschaftspolitik wird auch der neue Präsident de la Rúa weiterverfolgen. Der Wettbewerb geht weiter, noch mehr landwirtschaftliche Betriebe werden schliessen müssen und den gauchos droht die Arbeitslosigkeit, denn die Rinderherden werden der Produktivität zuliebe zunehmend die grünen Pampaweiden gegen Ställe eintauschen müssen.