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Der Vulkankrater von Quilotoa

Wir starten früh am Morgen, als die Straßen Quitos noch unbefahren sind und die Sonne gerade erst über die östlichen Vulkane geklettert ist. Unser Weg führt uns in den Süden der Stadt zu einem großen Busterminal, das wie eine Mischung aus Raumschiff und Schwimmhalle aussieht. Dabei bestaunen wir die Ausdehnung Quitos, das von seiner Nord- bis zu seiner Südgrenze 50 Kilometer misst und dessen Häuser im Süden immer mehr Armut erkennen lassen.

Wenig später sitzen wir, das heißt neun andere Spanischschüler und ich, auf den Bänken eines ortsüblichen Busses, der sich laut und abgasreich aus den südlichen Ausläufern der ecuadorianischen Hauptstadt kämpft. Es geht hinab in ein Tal, das sich immer noch mehr als zwei Kilometer über dem Meeresspiegel befindet und sich im Schoße zweier Vulkanstraßen dahin windet.

In den folgenden dreißig Minuten stoppt der Bus alle paar Meter und eine Meute von Straßenverkäufern mit Äpfeln, Getränken, Kugelschreibern oder Wunderheilmitteln steigt zu. Mein Mit-Sprachschüler Paul hat seinen Rucksack im Gepäckfach über unseren Köpfen verstaut. Als gerade eine besonders große Kolonne von Verkäufern den Bus wieder verlässt, liegt auf einmal sein Rucksack auf dem Boden – offen und durchwühlt. Niemand von uns hat etwas gesehen. Dabei waren wir gewarnt worden, dass Taschendiebe in den Bussen sehr professionell vorgehen. Dass sie aber so schnell sind, hätte niemand von uns für möglich gehalten. Doch wir haben Glück im Unglück. „Wäre etwas Wertvolles drin gewesen, hätte ich ihn bestimmt nicht ins Gepäckfach getan“, sagt Paul mit einem Lachen, das seinen Schock nicht ganz verbergen kann.

Nach zwei Stunden Fahrt über die Panamericana erreichen wir den Verkehrsknotenpunkt Latacunga. Eine Stadt, die vor lauter Bussen wie unserem und anderen stinkenden und hupenden Fahrzeugen fast aus den Nähten zu platzen droht.

In Latacunga verlassen wir die asphaltierte Hauptverkehrsstraße und fahren über eine schmale Staubpiste hinauf in die westlichen Andenkordilleren. Je weiter wir uns von der Panamericana entfernen, desto ländlicher wird unsere Umgebung. Auch die zusteigenden Fahrgäste verändern sich. Hut tragende Männer mit zerfurchten Gesichtern und Frauen mit Kopftüchern, die Kartoffelsäcke oder Kleinkinder auf dem Rücken tragen, drängen bei jedem Halt in den Bus. Wir fahren mit ihnen durch Dörfer, die trotz (oder gerade wegen) der zerfallenen Häuser am Straßenrand die Romantik von Authentizität ausstrahlen.

Die Reise endet im 80-Seelen-Dorf Quilotoa. Der Himmel ist Wolken verhangen und uns fährt ein Wind in die Glieder, den wohl nur 3.800 Meter hohe Berglandschaften auf ihren Schultern tragen. Die Bewohner Quilotoas leben vor allem vom Tourismus. In kleinen Ateliers kann man bunte Bilder kaufen, die auf gespannte Lama-Häute gemalt wurden. Das vorherrschende Motiv der Künstler: die Kraterlagune von Quilotoa mit dem Cotopaxi-Vulkan im Hintergrund.

Wenige Schritte vom Dorf entfernt kann man bereits in den vier Kilometer breiten Vulkankrater hinab schauen, der 400 Meter weiter unten die Farbe des Himmels spiegelt. Nach unserer Ankunft wandern wir am Kraterrand entlang und kämpfen mit der Höhenluft, die alles doppelt so anstrengend zu machen scheint. Entschädigt werden wir von grasenden Lamas und der Aussicht in weitläufige Täler, in denen die Mais- und Getreidefelder und manch einsamer Bauernhof der indigenen Bewohner die einzigen Keime des Lebens im sonst brachialen Hochland zu sein scheinen.

 

Beim abendlichen cerveza am Kamin strecken wir schließlich unsere müden Glieder aus und erzählen Geschichten. Gegen 21 Uhr ist das eine Bier im Schädel angekommen und uns wird bewusst, dass rote Blutkörperchen es hier oben in der Höhenluft etwas schwerer haben.

Nicht nur der Alkoholtransport geht gemächlicher als im Tal voran: mit Einbruch der Dunkelheit ist das Leben in Quilotoa erstarrt und draußen breitet sich die anbrechende Andennacht aus.

Am nächsten Morgen geht es nach einer frostigen Nacht, in der ich auch unter drei Wolldecken noch friere, hinab in den Krater. Der Himmel hat aufgeklart und die pralle Höhensonne steht bereits über unseren Köpfen. Am Ufer der Lagune im Vulkankessel wartet ein staubiger Sandstrand mit einigen Kajaks. Wir rudern aufs Wasser hinaus und sind auf einmal von allen Seiten von grünlich glitzerndem Wasser und irreal hohen Felswänden umgeben. Zum ersten Mal begreifen wir, dass hier einst die Natur herrschte, auf Skalen, die uns bedeutungslos erscheinen lassen.

Der Aufstieg zurück zum Rand des Kraters verläuft steil und schweißtreibend. Für acht US-Dollar hätte man die 400 Höhenmeter auf dem Rücken eines Esels zurücklegen können. Doch wir verzichten. Oben angekommen blicken wir noch einmal zurück über die geisterhafte Lagune unter uns und die zackigen Berge jenseits des Kraters.

Wenig später sitzen wir im Bus und die Kraterlagune erscheint uns wie ein vergangener Traum, so rasend schnell jagt der adoleszente Fahrer den heulenden Klapperbus zurück ins Tal. Mein Sitz hat sich aus seiner Verankerung gelöst und bei jedem Bremsvorgang rechne ich damit, durch die Frontscheibe zu fliegen. Doch alles geht gut. Nachdem wir erneut zwei Stunden durch ländliche Dörfer gerast sind, erreichen wir die Panamericana. Kurz vor Quito erspähen wir dann sogar den schneebedeckten Cotopaxi am Horizont, den 5.800 Meter hohen Nationalvulkan Ecuadors. Im rötlichen Schein der Abendsonne winken wir ihm zum Abschied zu, ehe uns die Stadt aufs Neue verschluckt.

Nach Einbruch der Dunkelheit sind wir am Busterminal. Smog hängt in der Luft, Scharen hupender Autos mit grellen Lichtern ziehen an uns vorbei. Unsere Beine sind taub vom langen Sitzen und dem Lauf um den Vulkan.

Bei meiner Gastfamilie erwarten mich ein kaltes Essen und Spanischvokabeln. Der Drang, sofort wieder aus der Stadt zu fliehen und Vulkane zu besteigen, ist stark. Doch bevor ich Taten folgen lassen kann, falle ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.