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Der kleine Kuba Verführer

Santiago de Cuba – die heimliche Hauptstadt (Buchauszug)

Santiago ist ohne Zweifel die bunteste, quirligste und karibischste Stadt Kubas, und schon bei der Ortseinfahrt macht eine Leuchtreklame mit einem das Gewehr zum Himmel reckenden überlebensgroßen Fidel Castro unmissverständlich klar, dass es immer auch die rebellischste Stadt Kubas war sowie die Wiege aller Revolutionen, die auf kubanischem Boden stattfanden.

Dabei macht das im Vergleich zu Havanna überschaubare Städtchen mit seinen pastellfarbenen Häuschen, den schmalen, steilen Straßen und den idyllischen Plätzen keineswegs einen martialischen Eindruck, ganz im Gegenteil. Man spürt sofort die karibische Lebenslust und das ansteckende Temperament der Santiagueros, die offenbar alle den Rhythmen des Son verfallen sind.

Kein Wunder, denn auch dieser Nationaltanz wurde in Santiago geboren. Die Heimat der Troubadoure, der Dichter und Revolutionäre zeigt sich selbstbewusst, charmant und gastfreundlich, vorausgesetzt, man hat es nicht allzu eilig und lässt sich auf den Rhythmus der Stadt und ihrer Bewohner ein. Allerdings wird man auch rasch feststellen, dass die rund 350 000 Santiagueros nicht in rosigen Verhältnissen leben – die Versorgungslage ist im äußersten Südostzipfel Kubas noch schwieriger als in Havanna.

Havanna ist überhaupt ein Reizwort in Santiago

Die Konkurrenz zwischen den beiden Städten ist uralt und begann, als Santiago den Hauptstadttitel an Havanna abgeben musste. 1514 von Diego Velázquez gegründet, durfte sich Santiago von 1524 bis immerhin 1549 Hauptstadt nennen, dann war es mit dem amtlichen Glorienschein vorbei. Trotzdem entwickelte sich Santiago zu einer wohlhabenden Stadt, deren Reichtum unter anderem auf die Kupfermine El Cobre zurückging. Eine andere Einnahmequelle war der Menschenhandel – Santiago war zeitweise der größte »Umschlagplatz« für Sklaven. Auf dem kleinen Cayo in der Hafenbucht wurden die Afrikaner zusammengepfercht und anschließend in die Kupfermine, auf die Zuckerplantagen Zentralkubas und auf andere karibische Inseln gebracht.

Immer wieder warfen die Engländer von Jamaika aus begehrliche Blicke auf das reiche Santiago und versuchten mehrfach, die Stadt einzunehmen. Nicht zuletzt um sie abzuwehren, wurde 1640 auf dem hohen Felsen neben der Hafeneinfahrt die Festung El Morro erbaut. Der Panoramablick auf die grün bewaldeten Hänge der Sierra Maestra, die Hafenbucht mit dem Cayo Granma und das Karibische Meer ist atemberaubend.

1662 kamen schließlich die Engländer, besetzten die Stadt einige Monate lang und brannten sie teilweise nieder. Seit dieser Zeit besitzen die Santiagueros ein kleines englisches Teehaus am Parque Céspedes. Ende des 18. Jahrhunderts wurde auf der Nachbarinsel Haiti die Republik ausgerufen und 30 000 französische Pflanzer flüchteten mit ihren Sklaven nach Kuba. Die meisten ließen sich in Santiago nieder, legten Kaffeeplantagen an und brachten französisches Savoir-vivre in die Stadt – und die Angst vor weiteren Sklavenaufständen.

Der Zuckerboom füllte die Stadtkasse zwar unablässig mit neuen Goldmünzen und ermöglichte den Bau hübscher Herrenhäuser, wie das prächtige Tivoli- Theater und schaffte somit eine kulturelle Blüte – doch er basierte auf Sklavenarbeit. Aufstände in der Kupfermine und auf den Plantagen waren an der Tagesordnung, und die rebellierenden Sklaven fanden bei den liberalen Intellektuellen Santiagos, die von den Ideen der Französischen Revolution begeistert waren, Unterstützung.

Santiago und die Unabhängigkeitskriege

Als Céspedes im nahen Bayamo 1868 den ersten Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien ausrief, schlossen sich ihm viele Santiagueros an, darunter Tausende entlaufene oder freigelassene Sklaven. Auch im zweiten Unabhängigkeitskrieg waren die Provinz Oriente und die Metropole Santiago von großer Bedeutung. Bis heute setzen sich die Santiagueros immer wieder gegen Bevormundung und Unterdrückung zur Wehr. Und wenn die Feiern zum 40. Jahrestag der Revolution am 1. Januar 1999 nicht in Havanna, sondern vor dem Rathaus in Santiago stattfanden, so hat auch dies seinen historischen Grund.

1953 hatten Fidel und Raúl Castro zusammen mit Revolutionären aus Santiago die Moncada-Kaserne der Stadt gestürmt. Zwar scheiterte der Angriff und die meisten Beteiligten wurden ermordet, doch gilt »Moncada« als Auftakt der Revolution. Drei Jahre später, nach seinem Aufenthalt im Gefängnis und später im Exil, kehrte Fidel Castro mit Che Guevara und 80 Rebellen wieder nach Oriente zurück. Ihr Guerillakampf in der Sierra Maestra wurde von den Santiagueros massiv unterstützt und schließlich war Santiago die erste Stadt, in die die Rebellen am 1. Januar 1959 siegreich einzogen.


Der kleine Kuba Verführer

Ulli Langenbrinck • Pascal Violo (Autor*innen)

ISBN: 978-3-7343-1092-8
Preis: 14,99 Euro

Erhältlich auf www.bruckmann.de und im Buchhandel