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Der andalusische Patio

Kleine Geschichte einer großen Erfindung

Wie alles Gute und Schöne, so hat auch der andalusische Patio seinen Ursprung im Vorderen Orient. Die Architekturhistoriker streiten nur darum, ob der heute für die Häuser Andalusiens so typische Innenhof in Persien oder auf der arabischen Halbinsel entstand.

Renaissance-Patio, Sevilla, Palast des Miguel de Mañara

Sicherlich aber entwickelten sich die architektonischen und dekorativen Besonderheiten des andalusischen Patio im Laufe der arabischen (711–1095 Córdoba/Sevilla, Dynastien der Omaijaden und Abbadiden) und der maurisch-berberischen Herrschaft (1095–1248 Sevilla, Dynastien der Almoraviden und Almohaden, bis 1492 Granada, Nasriden).

Schon das Haus Mohammeds in Medina hatte einen großen Innenhof, der auf zwei Seiten von Wohngebäuden und auf den beiden anderen Seiten von offenen Hallen aus Palmstämmen begrenzt wurde. Diese Hallen waren provisorisch mit Palmwedeln oder Strohmatten abgedeckt und dienten ursprünglich als Stall für Kamele und Pferde.

Nach Mohammeds Bekehrung (622 n. Chr.) wurde der große Hof umfunktioniert zum Gebetsraum unter freiem Himmel, weil im Haus selbst nicht genug Platz war für so viele Gläubige. So könnte der Innenhof von Mohammeds Haus mit der angrenzenden Laubenhalle aus schlanken Palmstämmen zum Modell geworden sein für die frühen Moscheebauten mit ihren weiten, scheinbar endlosen Säulenhallen (wie besonders ausgeprägt in Córdoba) und dem Sahn (Moscheehof), in dem das Freitagsgebet abgehalten wird.

Ähnliche Innenhöfe wie im Haus Mohammeds gab es in Arabien allerdings auch schon in vorislamischer und vorchristlicher Zeit, z.B. im Tempel von Hukka (2. Jahrhundert v. Chr.), in dessen Zentrum sich ein Brunnenhof mit Säulengängen befand.

Die „sakralen Patios“ von Tempeln oder in Form von Moscheehöfen oder Kreuzgängen christlicher Klöster haben immer schon eine Sonderrolle eingenommen, da sie eine wichtige Funktion im Rahmen der Glaubensdemonstration hatten: Reinigung vor dem Gebet, rituelle Waschungen am Brunnen im Zentrum des Hofs, religiöse Vorlesungen, Meditationen.

Ich möchte mich hier konzentrieren auf die „säkularen Patios“ von Wohnhäusern, die eine Kombination von funktionaler und dekorativ-repräsentativer Bedeutung für die jeweiligen Hausherrn hatten: je höher der soziale Rang, desto wichtiger die repräsentative Funktion. Dabei waren die ersten uns bekannten Innenhöfe aus vorchristlichen Zeiten bis zu den ersten Jahrhunderten islamischer Zeitrechnung von einfacher architektonischer Ordnung.

Oft handelte es sich um Höfe, die nur von glatten, einstöckigen Wänden umgeben waren und in einigen Fällen kleine Gärten und ein unterirdisches Wasserreservoir (Brunnen) im Zentrum beherbergten.

Wenn es an einer oder mehreren Seiten des Patio Arkaden gab, so waren diese meist provisorisch aus Baumstämmen und ohne gemauerte Gewölbe gefertigt. Bei Landhäusern herrschte die flache Bauweise vor (ein- bis höchstens zweistöckig und mit weiten Innenhöfen), während im Hochmittelalter (etwa seit dem 10. Jahrhundert) die Stadthäuser oft erstaunliche Höhe erreichten (vier-sechs Etagen) und die Innenhöfe dementsprechend hoch und eng waren (z.B. in Sanaa).

Nach den bescheidenen Anfängen gewannen dekorative Elemente bei der Ausgestaltung des Innenhofs im gesamten islamischen Herrschaftsgebiet immer mehr an Bedeutung. Dies zeigte sich auch im Andalusien des 10. Jahrhunderts, wo die Prachtentfaltung der Omaijaden in Córdoba auch die Innenhöfe eroberte, sie oft sogar zum krönenden Zentrum einer Palastanlage machte.

Man denke nur an die Patios von Medina Azahara, wo statt Holzstämmen prunkvoll verzierte Marmorsäulen die Innenhöfe begrenzen und die Wände nicht einfach weiß gekalkt, sondern mit Azulejos (Keramik-Fliesenteppichen) oder Mosaiken verziert wurden.

Nicht nur Kalifen und Adlige, auch die vielen reichen Kaufleute im arabischen Andalusien bestimmten zunehmend auch die Mode der Patio-Dekoration und beeinflussten damit auch den Geschmack der weniger reichen Bevölkerungsschichten, die solche „Pracht-Patios“ imitierten, soweit ihre finanziellen Mittel es zuließen. Neben Arkaden und Doppel-Arkaden gab es immer kunstvollere Fenstergitter aus Holz oder Stuck, durch die die Haremsdamen unbemerkt das Geschehen auf den Innenhöfen beobachten konnten.

Auch die Fläche des Patio wurde immer aufwändiger dekoriert: statt des rein funktionalen unterirdischen Wasserreservoirs baute man prächtige Brunnen mit sternförmigen Becken aus glänzenden Azulejos und Marmorfliesen bedeckten den Boden, der vorher oft nur aus gestampftem Lehm oder Ziegeln bestanden hatte. In vielen Fällen befand sich aber auch an Stelle des Marmorparketts ein Garten.

In ärmeren Haushalten war dies oft ein Gemüsegarten oder ein Hof mit Obstbäumen, der zur Versorgung der Familie beitrug. In reichen Häusern handelte es sich fast immer um einen Ziergarten mit dekorativer Funktion, wobei man besonders auf die Pflanzung von stark duftenden Blumen achtete, die aphrodisierende Wirkung auf die Bewohner und besonders auf die Haremsdamen ausüben sollten: Jasmin, Orangenbäume, Rosen, Narden. Ein interessantes Phänomen der andalusischen Gartenarchitektur in Patios ist der sogenannte „Crucero“: die kreuzförmige Anlage von zwei Wasserkanälen, die vom zentralen Brunnen ausgehen und den Garten des Innenhofs in vier gleich große Gartenquadrate einteilen. Dieser in Sevilla, Córdoba und Granada dominierende Gartentyp ist persischen Ursprungs. Ihm liegt das Prinzip des „Tschahar Bagh“ (Vier Gärten) zu Grunde, das von Persien über die Araber nach Andalusien gebracht wurde und von den muslimischen Baumeistern als eine irdische Vision des jenseitigen Paradiesgartens verstanden wurde, dessen Anlage auf mathematischer Exaktheit beruhte. Genau in der Mitte steht der lebensspendende Brunnen – in reichen Häusern oder Moscheen oft unter einem prunkvollen Säulenpavillon – davon ausgehend verlaufen in die vier Himmelsrichtungen die Kanäle, mit denen die vier Gärten bewässert werden. Der Patio war das Herz des islamisch-andalusichen Hauses und der Herzschlag war die „Quelle Allahs“ – der sprudelnde Brunnen im Zentrum.

Auch nach der christlichen Reconquista (Sevilla 1248, Granada 1492) änderte sich an der zentralen Bedeutung des Patios für das andalusische Haus nichts. Gerade die christliche Oberschicht ließ weiter im maurischen Stil bauen, in den sie nur wenige Elemente der Gotik oder der Renaissance hineinmischte (Mudéjarstil).

Die Architekten und Dekorateure waren weiterhin moslemische Sevillaner oder Granadiner oder wurden sogar aus Marrakesch gerufen. Und sie bauten Arkadenpatios mit kunstvollen Sterngewölben oder Muqarnas-Gewölben, die wie Tropfsteinhöhlen wirken.

Zu den wenigen modischen Neuigkeiten, die im 15. und 16. Jahrhundert unter dem Einfluss der italienischen Renaissance auch im andalusischen Patio Einzug hielten, gehörten figürliche Darstellungen, die in der islamischen Kunst verboten gewesen waren: mythologische Fresken schmückten die Wände, Statuen, Reliefs und Medaillons mit Porträtbüsten, vorzugsweise aus Genueser Marmor, dekorierten die Portale – nicht nur im Patio, sondern auch am Haupteingang des Hauses. Dies ist ein weiterer Unterschied zur islamischen und mudejaren Architektur. Arabische Häuser waren stets nach dem Prinzip „schlichte Bescheidenheit nach außen – ungeahnte Prachtentfaltung nach innen“ gebaut.

Die Straßenfronten arabischer Paläste – nicht nur in Andalusien – waren schmucklos, beinahe abweisend, denn Reichtum öffentlich zur Schau zu stellen, war verpönt. Gäste, die das Vertrauen der Hausherrn genossen, sollten dagegen teilhaben am verborgenen Prunk, mit dem besonders verschwenderisch der Patio – das Herz des Hauses ausgestattet war.

Trotz der italienischen Elemente blieben die maurischen Besonderheiten tonangebend in Andalusien; und in der Patio-Architektur sind sie es bis heute. Dies ist nicht erstaunlich, denn im Vergleich zu den grazilen Säulen des Mudéjarstils und der eleganten Perfektion endlos ineinander verflochtener arabischer Sternenmuster wirkt ein Florentiner Renaissance-Innenhof beinahe plump.

Ein interessantes Detail arabischen Ursprungs hat sich bis heute in Andalusien behauptet: die Fenstergitter und Türgitter, oft kunstvoll geschnitzt, die immer noch das Harems-Prinzip aufrecht erhalten: die (weiblichen) Hausbewohner können durch diese dichten Gitter alles beobachten, was draußen im Patio oder auf der Straße geschieht, ohne selbst gesehen zu werden.

In den Touristenstädten wie Sevilla, Córdoba oder Granada hat man dieses Prinzip auf die Spitze getrieben.

Hier haben zur Steigerung der touristischen Attraktivität die meisten alten Häuser und Privatpaläste ihre Türen geöffnet (bei geschlossenem Türgitter) und gewähren wie in einer kulturellen Peep-Show einen kleinen Einblick in ihr intimes Paradies – die blumengeschmückten Patios. Es ist die Frage für wen der Unterhaltungsfaktor höher ist: für die Touristen, die durchs Gitter unerwartete Eindrücke in die Intimsphäre der Bewohner erhalten und über manch besonders kitschige Deko lästern oder aber den erlesenen Geschmack bewundern können oder die Hausbewohner, die versteckt hinter den Fenstergittern des Patio amüsierte Blicke auf neidvoll staunende Touristen werfen. Wohl jeder Tourist würde sich wünschen, zu Hause selbst einen Patio sein eigen nennen zu dürfen.

Auch wenn in den Mietskasernen des 20. Jahrhunderts der Patio auf einen engen Lichthof, der maximal zum Trocknen der Wäsche dient, degradiert wurde, ist er niemals aus der Mode gekommen. Wer es sich leisten kann, baut heute wieder im traditionellen Stil ein Haus, dessen Herz im Patio schlägt. Obwohl der Patio andalusischen Typs über 1000 Jahre alt ist, bleibt er kult und wurde erfolgreich von Andalusien in die neue Welt exportiert. Zu genial ist seine Kombination von nützlicher Funktion (Wasserversorgung, Schatten und Kühle) und Repräsentation. Durch zeitlose Schmuckelemente wie Azulejos, Brunnen und Blumen, Säulen und Sterngewölbe wird ein Raum der Schönheit, Stille und Meditation geschaffen: ein kleiner Paradiesgarten.