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Das Hieronymus-Kloster in Lissabon

Ein Besuch in der schönsten Kirche Portugals

Allerheiligen 1755. Das katastrophalste Erdbeben, das jemals Europa heimsuchte, verwandelte eine der schönsten Städte der Welt, die heutige portugiesische Hauptstadt Lissabon, in ein trostloses Trümmermeer und forderte allein im Stadtzentrum 30.000 Opfer; hundert Kirchen und unzählige Paläste wurden zerstört. Nur ein großer Gebäudekomplex überstand diese Katastrophe fast unbeschädigt: das Hieronymus-Kloster. Damit blieb das bedeutendste Monument Lissabons verschont und kann noch heute in authentischer Pracht bewundert werden.

Aber versetzen wir uns ein halbes Jahrtausend zurück. Damals war der direkt an der Mündung des Tejo gelegene Stadtteil Belém noch ein Ort weit vor den Toren Lissabons, erst später wurde er von der wachsenden Metropole der aufstrebenden Kolonialmacht geschluckt. Und damals stand hier am Flussufer auch noch kein monumentales Kloster, sondern eine kleine Kapelle. Im Morgengrauen des 8. Juli 1497 kniete ein bärtiger Kapitän betend in dieser Kapelle der Jungfrau von Bethlehem (Belém) und bat um himmlischen Segen für sein bevorstehendes Abenteuer. Vasco da Gama hatte von König Manuel I., der den schönen Beinamen „Der Glückliche“ bekam, die Erlaubnis zu einer Entdeckungsfahrt erhalten, die dem Ziel diente, Indien und seine Schätze auf dem Seeweg zu erreichen.

Als der skrupellose Vasco da Gama 1499 erfolgreich und mit einer Schiffsladung kostbarer indischer Gewürze nach Lissabon zurückkehrte, beschloss König Manuel I., zum Dank für die neuen portugiesischen Handelsniederlassungen im fernen Indien eine repräsentative Klosteranlage an der Stelle der kleinen Kapelle zu errichten. Im Jahre 1500 wurde das ehrgeizige Bauvorhaben begonnen und in Rekordzeit konnten die Architekten Diogo Boytac und Joao do Castilho bereits 1522 große Teile des Mammut-Projekts vollenden. Bis zur vollständigen Ausstattung des Klosters sollte allerdings ein Jahrhundert vergehen (1604).

Es war kein Zufall, dass man die Tejomündung als Standort für das Kloster wählte: von hier aus brachen die Schiffe der mutigen Entdecker auf ins endlose Blau, um auf Routen, die noch niemals zuvor befahren worden waren, vorzudringen in Territorien, auf die noch kein Europäer den Fuß gesetzt hatte. Und hier legten sie wieder an, wenn sie mit Gewürzen aus Indien oder Gold und Perlen von den soeben von Cabral und Amerigo Vespucci entdeckten Küsten Brasiliens zurückkehrten. Die Regierungszeit Manuel des Glücklichen war das Goldene Zeitalter Portugals. Eine Epoche des Überflusses und kultureller Höchstleistungen, in der das kleine Land am westlichen Rand Europas zur Weltmacht aufstieg, auf allen Kontinenten Kolonien eroberte und ein globales Handelsimperium errichtete. An so exponierter Stelle, an der Tejomündung, die das Tor zu all diesen (aus europäischer Sicht) neu entdeckten Welten wurde, entstand ein einzigartiger Sakralbau, der schon Zeitgenossen in Staunen versetzte, und noch im 21. Jahrhundert die Besucher in seinen Bann zieht.

Nicht nur die Dimensionen dieser Gottesburg sind beeindruckend – allein die der Flussmündung zugewandte Hauptfassade ist über 300 Meter lang – sondern vor allem die prunkvolle Dekoration und überreiche Ausgestaltung der Klosterkirche und des Kreuzgangs halten einige Überraschungen bereit. Schon von weitem imponiert die strahlend weiße Südfront, die aufgrund des filigranen Fassadenschmucks nie festungsartig oder zu pathetisch wirkt. Wenn man die Klosterkirche von Sao Jerónimo betritt, wird man im ersten Augenblick überrascht sein, wie wenig lichtduchflutet dieses weiße Gebäude im Innern ist.

Nachdem man sich an das mystische Dunkel gewöhnt hat, fallen zuerst die wunderbaren Mosaikfenster auf, die in kräftigen Farben leuchten. Die Lichtstrahlen malen bunte Muster auf die Mauern und die eleganten 25 Meter hohen Säulen.

Wie schlanke Stämme von Palmbäumen sehen sie aus und hoch oben gabeln sich ihre „Äste“ und gehen über in prachtvolle Sterngewölbe. Diese einzigartigen Säulen sind mit platereskem Reliefschmuck überzogen, was sie noch zerbrechlicher wirken läßt. Es ist kaum zu glauben, dass ausgerechnet eine so instabil scheinende Konstruktion das große Erdbeben überstanden hat.

Langsam schreitet man zwischen diesen Palmbäumen aus Stein hin zum Höhepunkt des Klosterinneren: dem spektakulären Renaissance -Hochaltar, der den gesamten Chorraum ausfüllt, und aus Gemälden des Hofmalers Lourenço de Salzedo besteht. Etwas dunkel wirkt dieser Altarraum, solange er nicht angestrahlt wird. Doch die Illumination bringt die warmen Farben der Gemälde und die vergoldeten Rahmen und Säulen zum Strahlen. Unter diesem Goldglanz haben viele der berühmtesten Portugiesen standesgemäß ihre letzte Ruhestätte gefunden: König Manuel der Glückliche (gest. 1521) und seine Nachfolger bis hin zum unglücklichen König Sebastiao, der mit nur 24 Jahren in der Schlacht von Ksar-el-Kebir in Marokko fiel, sind hier begraben. An anderen Stellen des Hieronymus-Klosters sind der Entdecker Vasco da Gama (in der Krypta), der Renaissance-Dichter Luis Vaz de Camoes, der seine Entdeckungen im Nationalepos „Os Lusíadas“ verewigte, und der Dichter Fernando Pessoa bestattet.

Kein Wunder, dass vielen Portugiesen dieses Kloster als nationales Heiligtum gilt. Es ist nicht zu übersehen, dass bei diesem Prachtbau an nichts gespart wurde, denn König Manuel belegte gleich nach der Rückkehr von Vasco da Gama aus Indien alle importierten Gewürze und andere Luxusgüter mit einer Sondersteuer, um den Bau der gigantischen Klosteranlage zu finanzieren. Und als ob man zurück zu den Wurzeln all dieses Prunks und Reichtums gehen wollte, wurde nach der teilweisen Säkularisierung des Klosters in einem großen Teil der Räume das nationale Seefahrtsmuseum untergebracht. Denn die heute so klein wirkenden Schiffe der Entdecker Bartolomeo Díaz, Cabral oder Vasco da Gama waren im 16. Jahrhundert der Grundstein für den Aufstieg Portugals zu einem mächtigen Imperium.

Doch alle Räume von Sao Jerónimo, sogar die Kirche, werden noch übertroffen vom phantastischen Kreuzgang des Klosters, der zu den schönsten der Welt gehört.

Er besteht aus zwei Stockwerken und wurde erst 1517, deutlich später als der Kirchenbau, begonnen. Er ist wie die gesamte Anlage ein Hauptbeispiel des Manuelinischen Stils, der zur Regierungszeit Manuels I. in etwa zeitgleich mit dem Estilo Plateresco in Spanien entstand und gotische Strukturen mit Renaissance und feinen, an Goldschmiedearbeiten erinnernden Reliefs verband. Jeder Besucher wird begeistert sein von der filigranen Dekoration der Fensterbögen dieses Kreuzgangs, in dem man immer neue, überraschende Details entdecken kann, die man nicht unbedingt mit einem christlichen Kloster assoziiert. Da sind zahlreiche Symbole aus der Seefahrt, Anker und Schiffstaue, die wieder an die Entdecker und den Ursprung des plötzlichen Reichtums erinnern. Und auch viele Anspielungen auf die neu entdeckten Gebiete: es ist keine Einbildung, wenn hier einiges im exotischen Fassadenschmuck an indische Tempel oder orientalische Bauten denken lässt. So flossen Eindrücke, die von den Übersee-Expeditionen aus allen Winkeln der Welt mitgebracht wurden, ein in diesen großartigen Gebäudekomplex, der 1983 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden ist.

Soviel Aufwand wurde nicht nur getrieben, um einen Raum für Gebet und Meditation zu schaffen. Die expandierende Weltmacht Portugal, die sich damals mit der iberischen Schwester Spanien auf dem Globus übermütig die Welt teilte (Vertrag von Tordesillas 1494, Vertrag von Zaragoza 1529), brauchte Bauten, um diese neu gewonnene Macht und ihren globalen Herrschaftsanspruch zu manifestieren. So wurde das Mosteiro dos Jerónimos von Beginn an nicht nur als fromme Pilgerstätte, sondern als repräsentatives Nationalmonument konzipiert. Das Bildprogramm mit seiner Pracht und seinen exotischen Einflüssen sollte allen, die hier ein und aus gingen, vor Augen führen, dass Portugal sich auf alle Kontinente ausgedehnt hatte. Und es ist kein Zufall, sondern Programm, dass die offizielle Adresse dieses National-Klosters auch heute noch heißt „Praça do Império“.

Fotos: Camila Uzquiano