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Das Guayana-Projekt: Ein deutsches Abenteuer am Amazonas (07/2009)

Ein Buch von Jens Glüsing

Die Nazis am Amazonas? Der Urwald als Teil eines Plans zur Erlangung der Weltherrschaft? Verdutzt reibt man sich die Augen. Kann das wohl so gewesen sein?

Es kann, und es war auch so, wie der Journalist Jens Glüsing, Spiegel-Korrespondent in Lateinamerika mit Wohn- und Arbeitssitz Rio de Janeiro, auf 240 Seiten belegt. Sein Buch „Das Guayana-Projekt. Ein deutsches Abenteuer am Amazonas“ (Ch. Links Verlag, Berlin 2008) erzählt die Geschichte des deutschen Biologen Otto Schulz-Kampfhenkel und seiner Mitstreiter, die sich zwischen 1935 und 1937 durch den Dschungel Nordbrasiliens kämpften.

Schulz-Kampfhenkels Idee: die Möglichkeit für die Errichtung eines Brückenkopfs Nazi-Deutschlands in Südamerika auszukundschaften. Genauer gesagt in Französisch Guayana, dem fernen Übersee-Departement des Erzfeindes. Jahrelang wühlte sich Glüsing durch längst vergessene Archive in den USA, Brasilien und Deutschland. Zutage kam Erstaunliches.

Die Kapitel über den späteren SS-Offizier Schulz-Kampfhenkel wechseln sich ab mit Schilderungen einer Reise, die der Autor 70 Jahre später durch dieselbe Region machte. Gemeinsam mit dem deutschstämmigen Wissenschaftler Christoph Jaster, Leiter des größten Regenwaldschutzgebietes der Erde, dem Tumucumaque-Nationalpark, gelegen an der Grenze Brasiliens zu Französisch Guayana, folgt Glüsing den Spuren von Schulz-Kampfhenkels „Jary-Expedition“ durch den gefahrenvollen Busch.

Neben einem mit einem Hakenkreuz verzierten Grabkreuz eines der Expeditionsteilnehmer fand Glüsing viele bewegende und spannende Geschichten über die Menschen dieser entlegenen Region; über Indios, Goldgräber und sonstige Glücksritter.

Jens Glüsing
Das Guayana-Projekt: Ein deutsches Abenteuer am Amazonas
Ch. Links Verlag
Berlin 2008
Seiten 240

Schulz-Kampfhenkel verstarb 1989, kinderlos und nahezu in Vergessenheit gearten. Zwar hatte er 1938 seine Erinnerungen in Buchform unter dem Titel „Rätsel der Urwaldhölle“ veröffentlicht und einen Dokumentarfilm über die „Jary-Expedition“ mit Hilfe der UFA realisiert. Doch nach dem Krieg tauchte der SS-Offizier aus der Öffentlichkeit ab.

Was ihn tatsächlich an den Amazonas trieb, nahm er mit ins Grab. Bis Jens Glüsing die spannende Geschichte wieder ans Tageslicht förderte.

Foto: Thomas Milz

Buchcover: Ch. Links Verlag

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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