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Carnaval tanzt Religion (incl. Bildergalerie)

Stets hatte es bei den Sambaparaden in den letzten Jahren Ärger gegeben. Die katholische Kirche von Rio de Janeiro protestierte dabei meist lautstark gegen in Lumpen gekleidete Jesus-Darsteller und andere fragwürdige Anspielungen religiöser Art. Die Justiz und die Stadtoberen untersagten daraufhin meist die Aufführung der umstrittenen Passagen, woraufhin die kreativen Köpfe hinter den Sambaparaden laut „Zensur“ schrien und sich beleidigt zeigten. – Doch dieses Jahr scheinen sich die katholische Kirche und der Carnaval überraschend nahe gekommen zu sein.

Das Jahr begann schon mit einer Überraschung. Zum ersten Mal überhaupt stattete der Erzbischof der Stadt, Dom Orani Joao Tempesta, den Sambaschulen einen Besuch ab. Während der Feierlichkeiten zum Geburtstag Rio de Janeiros erschien der Erzbischof in der „Cidade do Samba“, einer von der Stadtverwaltung den Sambaschulen zur Verfügung gestellten Werkshalle. Dort schneidern und zimmern die 12 Schulen der ersten Sambaliga ihre Kostüme und Prunkwagen, und hier entsteht so einiges, was leicht den Anstoß von Hochwürden entfachen könnte.

Darunter ein Prunkwagen der Sambaschule Imperatriz Leopoldinense, der die „Erste Messe in Brasilien“ darstellt, abgehalten von den Portugiesen im Jahre 1500. Inmitten eines bunten Urwaldszenarios und umgeben von barbusigen Eingeborenen kniet ein katholischer Priester vor einem improvisierten Holzkreuz nieder. Ein anderer reicht den „Wilden“ den Kelch zum Abendmahl. Die Szene gehört zu der Parade „Brasilien und alle seine Götter“. Dabei soll die einzigartige Vermischung verschiedenster Religionen in Brasilien dargestellt werden. Der geistige Vater des Spektakels, Max Lopes, brachte dabei Juden, Buddhisten, Hindus und afro-brasilianische Religionen gemeinsam auf die Avenida des Sambódromos, Rios über ein Kilometer lange Paradestraße des Carnavals.

Gegen die Aufführung der „Ersten Messe“ begann sich in den Reihen der katholischen Kirche Protest zu formieren. Und nicht nur dagegen. So erklärte die Schule Grande Rio, dass man jene zerlumpte Jesusgestalt noch einmal hervorholen wolle, die bereits vor über 20 Jahren für einen Skandal im Sambódromo und einen Eklat mit der katholischen Kirche sorgte. Zudem machte eine andere Schule die Suche nach dem Paradies zu ihrem Motto. – Leicht hätte es ein Katastrophenjahr für die Beziehungen zwischen dem Carnaval und der Kirche werden können.

Doch dem Besuch des Erzbischofs in der Sambastadt, der die aufkommenden Spannungen milderte, folgte ein überraschendes Urteil. So hob ein Gericht in Rio das 2007 von der Stadtverwaltung erlassene Verbot der Zurschaustellung religiöser Symbole wie dem Cruzifix, Heiligenbilder etc. während der Carnavalsaufführungen auf.

Kurzerhand änderte die Sambaschule Unidos do Viradouro daraufhin Teile ihrer Präsentation über Mexiko und fügte einem Prunkwagen eine überlebensgroße Statue der Jungfrau von Guadalupe zu, der Schutzheiligen Mexikos und weiten Teilen Lateinamerikas. „Dieses Jahr wollten wir den Menschen ein wenig die mexikanische Kultur nahe bringen. Und da gehört die Jungfrau von Guadalupe einfach dazu“, so Junior Schall, einer der für die Gestaltung der Parade der Viradouro zuständigen Designer.

Zwar folgte die für die Ausrichtung der Paraden zuständige Liga der Sambaschulen offiziell nicht dem Gerichtsentscheid und beharrte auf der Einhaltung ihres internen Verbots der Verunglimpfung religiöser Symbole im Sambódromo. Aufgrund der Flut religiöser Darstellungen und der Schwierigkeit zu definieren, was erlaubt und was zu verbieten sei, ließ man die Schulen jedoch einfach walten. Max Lopes, der Gestalter der „Ersten Messe“, brachte es auf den Punkt: „Es gibt keinerlei Polemik. Die Kirche hat das verstanden und alle anderen ebenfalls. Was wir hier machen hat Herz und beinhaltet Respekt“, so Lopes.

Bildergalerie: Bunter Tanz im Sambodromo
Ganz nah beim Carnaval von Rio de Janeiro war dieses Jahr der Caiman. Die besten Momente des zweitägigen Spektakels haben wir in einer Reihe Fotos festgehalten.

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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