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Cardenal Cisneros

Spaniens Schattenkönig - Humanist oder Hassprediger?

Detail der Universitäts-Fassade, Alcalá de Henares

„Ich, Francisco, der ich den Musen einen grandiosen Tempel baute,
liege nun hier in einem kleinen Sarkophag.
Ich vereinte Purpurmantel und Mönchskutte,
Ritterhelm und Kardinalshut,
denn ich war Mönch und General,
Bischof und Kardinal.
Mehr noch, durch meine Tugend
Setzte sich die Krone auf meine Mönchskapuze,
Als unter meiner Regierung ganz Spanien mir gehorchte.“

Dem Toten, der in einem Sarkophag ruht, den solch unbescheidene Worte (in lateinischer Sprache) schmücken, muss man zugute halten, dass er die Verse seiner Grabinschrift nicht selbst verfasst hat und in einem Punkt neigt diese Widmung zu fast lächerlicher Untertreibung.

Nein, es ist kein „kleiner Sarkophag“, in den der illustre Tote, gestorben 1517, gebettet worden ist. Vielmehr war es einer der größten und der bis dahin mit Abstand teuerste Sarkophag, der jemals in Spanien in Auftrag gegeben wurde. Der Preis für dieses größenwahnsinnige Grabmal betrug 2100 Golddukaten und geschaffen wurde das weiße Wunderwerk aus Carrara-Marmor von einem der berühmtesten Bildhauer jener Epoche, dem Florentiner Domenico Fancelli. Das Grab überlebte den Meister und wurde von Bartolomé Ordóñez vollendet. Doch für wen wurde posthum ein solcher Aufwand betrieben?

Der Würdenträger, dessen Leichnam unter dem reich verzierten Marmormonument hier in der Universitätskapelle San Ildefonso von Alcalá de Henares ruht, wurde 1436 im Dorf Torrelaguna nahe Madrid geboren und spaltet seitdem Historiker und Theologen.

Denn eine kontrastreichere Persönlichkeit hat es in Spaniens Geistesgeschichte nur selten gegeben.

Gonzalo Jiménez de Cisneros avancierte zum vielleicht berühmtesten Kleriker, der jemals den wichtigsten spanischen Bischofsthron in Toledo besetzte und schon bei der Frage, wie „fromm“ der spätere Kardinal wirklich war, teilen sich seine Bewunderer und Kritiker in zwei unversöhnliche Lager. Für die einen war er ein großer Humanist und Gründer einer der glanzvollsten Universitäten Europas, für die anderen ein fanatischer Großinquisitor, der Muslime und „Ketzer“ verfolgen ließ.

Aus heutiger Sicht kann nur darüber spekuliert werden, ob er aus echter Berufung und Überzeugung handelte, oder ob er ein Machtmensch war, der wie so viele andere die kirchliche Laufbahn als Karriereleiter betrachtete. Für beide Sichtweisen kann man – je nach Standpunkt – Hinweise in seiner bewegten Biographie finden.

Wie so viele andere erfolgreiche Kirchenfürsten seiner Zeit in Spanien beginnt er seine Universitätsausbildung zunächst mit

Patio der Universität, Alcalá de Henares

einem Theologie- und Jura-Studium in Salamanca bevor er die Chance erhält, seine Studien in Rom zu beschließen. Ob er dort Papst Paul II. persönlich kennengelernt hat, kann nicht geklärt werden. Jedenfalls ernennt dieser Cisneros nach seiner Rückkehr nach Spanien 1471 zum Erzpriester von Uceda. Lange kann Cisneros sich nicht an diesem hohen Amt erfreuen, denn der Erzbischof von Toledo und damit Herr der spanischen Kirche, Alfonso Carillo, wirft ihm vor, diese Stelle ohne seine Zustimmung besetzt zu haben. Im folgenden Streit, der mit viel kirchenrechtlichen Spitzfindigkeiten geführt wird und letztlich ein Kompetenzgerangel zwischen Kardinal Carillo und dem Papst widerspiegelt, zeigt sich Cisneros unnachgiebig. Schon damals offenbart sich sein stolzer und zur Sturheit neigender Charakter.

Doch der Erzbischof von Toledo hat die Macht auf seiner Seite und lässt den Erzpriester Cisneros ins Gefängnis werfen.

Diese Kerkerhaft dauerte fast sechs Jahre. Vielleicht liegt in dieser demütigenden und entbehrungsreichen Phase der Schlüssel zum Verständnis für die asketische Grundhaltung, die gepaart mit oft hochmütigem Stolz und unerbittlicher Strenge alle Handlungen des späteren Kardinals und Regenten Cisneros prägen sollte.

Nach seiner Freilassung ernennt Kardinal Mendoza, Carillos Nachfolger auf dem Erzbischofssitz von Toledo, Jiménez de Cisneros 1480 zum Kaplan an der Kathedrale von Sigüenza und dessen so unangenehm unterbrochene kirchliche Karriere kann, begleitet vom Wohlwollen des neuen Erzbischofs und der Gunst Königin Isabellas, ihren Fortgang nehmen. Allerdings hat die persönliche Krise während der Gefängnisjahre den Ehrgeiz des stolzen Cisneros gebremst und in ihm ist der Entschluss gereift, dem Bettelorden der Franziskaner beizutreten. Fortan trägt er die einfache braune Wollkutte der Franziskaner, ändert sogar seinen Vornamen von Gonzalo zu „Francisco“ – zu Ehren des Ordensgründers. Und er zieht sich zurück und lebt jahrelang als Eremit in einer einfachen Hütte bei Toledo, widmet sein Leben der Askese und Meditation und verzichtet scheinbar auf eine klerikale Karriere.

Nachdem er schon während des Studiums Latein und Griechisch erlernt hat, nutzt er seine Zurückgezogenheit, um weitere Sprachen zu erforschen: Hebräisch und Chaldäisch.

Andererseits tritt er immer wieder in der Öffentlichkeit als glühender Prediger in Erscheinung und fordert bei verschiedenen Anlässen die Bekehrung aller Andersgläubigen in Spanien zum Katholizismus. Schließlich erliegt er doch der Verlockung der Macht, als er 1492 – im Jahr der Rückeroberung Granadas und der Entdeckung Amerikas – auf Wunsch Königin Isabellas der Katholischen zu ihrem Beichtvater wird.

Die mächtige Königin zählt zu den Bewunderern des asketischen Predigers und setzt durch, dass Cisneros nach dem Tod von Kardinal Mendoza am Karfreitag 1495 zum neuen Erzbischof von Toledo ernannt wird. Isabellas Ehemann Ferdinand von Aragón ist keineswegs begeistert von dieser Verfügung seiner Frau, hätte er doch gerne seinen unehelichen Sohn als neuen Erzbischof gesehen.

Angeblich nimmt Cisneros das höchste Kirchenamt Spaniens nur widerwillig an, lässt sich von der Königin bitten.
Er, der auf Befehl einer seiner Vorgänger etwa sechs Jahre im Gefängnis verbringen musste, ist nun selbst der mächtigste Kirchenfürst in Spanien und seine Entscheidungen sollten nicht von übertriebener christlicher Nächstenliebe beeinträchtigt werden.

Wenn man die folgenden Jahre seines Wirkens als Führer der spanischen Kirche analysiert, wird man ihn von den Todsünden des Hochmuts und des Zorns nicht ganz freisprechen können. Nur der in Kirchenkreisen jener Epoche allzu verbreiteten und in allen Schattierungen erscheinenden Todsünde der Wollust schien der „eiserne Kardinal“ Cisneros gänzlich abgeneigt – im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern Carillo und Mendoza, die beide eine muntere Kinderschar hinterließen. Wie normal ein solch heuchlerischer Lebensstil von Kirchenführern den Zeitgenossen erschien, zeigt eine verständnisvolle Äußerung von Königin Isabella, von der die Kinder des Erzbischofs Mendoza schmunzelnd „die schönen Sünden unseres Herrn Kardinal“ genannt wurden.

Auch anderen weltlichen Freuden und Bequemlichkeiten war Cisneros durchaus abgeneigt. Zwar wohnte er im Erzbischofspalast in Toledo, schlief aber nicht im Himmelbett, sondern auf einem harten Holzbrett und zog die braune Franziskanerkutte dem Purpurmantel vor. Er widmete sich mit grimmigem Eifer der Reform seines Ordens, hielt die Mönche zu asketischem Lebenswandel an und warf ihre Geliebten beiderlei Geschlechts aus den Klöstern. Und er ging mit gutem Beispiel voran, indem er Spanien – als Erzbischof von Toledo! – zu Fuß durchwanderte, um alle Franziskanerklöster zu inspizieren. Papst Alexander VI., einer der sündigsten und unwürdigsten „Stellvertreter“, den Christus jemals auf Erden hatte, war peinlich berührt von den publikumswirksamen Aktionen seines allzu eifrigen Erzbischofs und bat die Königin (vergeblich), ihn zu „prunkvoller Hofhaltung“ zu ermahnen.

Das Jahr 1499 markiert einen wichtigen Wendepunkt im Leben und Werk von Cisneros und liefert sowohl seinen Anhängern als auch seinen Kritikern reichlich Munition zur Auseinandersetzung mit seiner Person.

Am 13. April jenes Jahres gründet der Erzbischof mit päpstlicher Erlaubnis die Universität von Alcalá de Henares, der Lehrbetrieb beginnt 1508.

Und sehr schnell sollte diese Universität nach Salamanca zur zweitwichtigsten Spaniens und zu einer der berühmtesten in Europa werden. Die grandiose Renaissance-Fassade wurde allerdings erst nach dem Tod des Gründers vom Architekten Rodrigo Gil de Hontañón zwischen 1537 und 1553 erschaffen, der zentrale Patio dann 1618 von Juan Gómez de la Mora angefügt. Nur die Aula mit ihrem wunderbaren Mudéjar-Artesonado stammt noch aus der Zeit von Cisneros.

Im Jahr 1499 widmet sich Cisneros aber noch einem anderen großen Ziel: der „Mission“ von Granada. Der größte Teil der sieben Jahre zuvor von den Mauren zurück eroberten Stadt ist zu dieser Zeit immer noch islamisch, was den Erzbischof von Toledo erzürnt. Er begibt sich persönlich nach Granada, wirft dem dortigen Erzbischof Untätigkeit vor und beginnt eine beispiellose Bekehrungsoffensive.

Dazu gehören politischer Druck und Bestechung ebenso wie das stundenlange Besprengen von großen Menschenmengen mit Weihwasser, die danach als rechristianisert gelten.

Der Papst beglückwünscht Cisneros zu seinen dubiosen „Bekehrungserfolgen“, die muslimische Bevölkerung ist weniger amüsiert. Es kommt zu Aufständen, das Haus von Cisneros in Granada wird nachts von aufgebrachten Muslimen belagert. Er selber wird beinahe gelyncht, doch schließlich werden die Belagerer in letzter Minute vertrieben. Danach bekommt ganz Granada den unheiligen Zorn des Erzbischofs zu spüren. Er veranlasst die öffentliche Verbrennung vieler arabischer Bücher (nur die medizinischen Werke verschont er) und die Vertreibung aller nicht zur Bekehrung bereiten Muslime.

Trotz allem war Cisneros für seine Bewunderung der arabischen Kunst berühmt. In seinem Schlafzimmer in Toledo ließ er einen Leuchter aus der Alhambra aufhängen, die mozarabische Kapelle der Kathedrale von Toledo ließ er ebenso wie die Universitätskapelle von Alcalá im Stil islamischer Architektur erbauen (Mudéjarstil) und als Bischofsstab benutzte er fortan das Zepter des letzten islamischen Herrschers von Granada.

Wappen Karl V.

Auf diesem Stab, den Erzbischof Cisneros täglich in die Hand nahm, waren die Worte eingraviert: „Es gibt keinen Sieger außer Allah.“

So befiehlt er ab 1507 mehrere Militärexpeditionen gegen Nordafrika und leitet 1509 persönlich an der Spitze des kastilischen Heeres die blutige Eroberung der algerischen Stadt Oran. Diese militärische Aktion eines Erzbischofs ist beklagenswert und entspricht sicher nicht unserem heutigen Berufsbild, war aber nichts Außergewöhnliches in einer Epoche, in der auch der Papst selbst Heerführer war.

Überhaupt konzentrierte Cisneros neben seiner klerikalen nun immer mehr weltliche Macht in seinen Händen, denn 1504 war Isabella von Kastilien gestorben und ihre Tochter Johanna für wahnsinnig erklärt worden. Als 1506 auch deren Ehemann Philipp der Schöne stirbt, wird Cisneros provisorisch als Stellvertreter von Isabellas Gemahl Ferdinand von Aragón für ca. ein Jahr zum Regenten über Kastilien ernannt – mit der Machtfülle eines Königs. Das Volk bezeichnet ihn bald als „König Jiménez“. Dazu kommen 1507 noch das Amt des Großinquisitor und die Ernennung zum Kardinal.

Nach Ferdinands Tod übernimmt Cisneros am 23. Januar 1516 noch einmal die Königsherrschaft in Spanien – bis zu seinem Tod am 8. November 1517 in der Nähe von Burgos. Er war auf dem Weg zur Machtübergabe an den neuen Herrscher Spaniens Karl I. (bald auch deutscher Kaiser Karl V.), der per Schiff an der Nordküste landete.

Es war, als ob Cisneros seinen Tod programmiert hätte: denn er starb vor dem Treffen mit Karl – und damit blieb ihm die demütigende Abgabe der Herrschaft erspart: er starb quasi als spanischer König.

Zweifellos hat Spanien ihm viel zu verdanken: er gründete eine der wichtigsten Universitäten Europas in Alcalá und war Herausgeber des edelsten und erfolglosesten Buches der spanischen Renaissance: der ersten viersprachigen (Latein, Griechisch, Hebräisch und Chaldäisch) und kritischen Bibelausgabe überhaupt, von der allerdings die Hälfte der Exemplare auf dem Weg nach Rom bei einem Schiffbruch untergingen. Die Tatsache, dass er – im Gegensatz zu vielen anderen Mächtigen der Kirche – die Askese, die er predigte, auch selbst praktizierte, lässt ihn punktuell fast sympathisch erscheinen. Als Großinquisitor war er erstaunlich zurückhaltend: während seiner Herrschaft wurden „nur“ sechs Ketzer verbrannt. Seine Nachfolger sollten viel großzügiger in der Einberufung von Autodafes und der Aufschichtung von Scheiterhaufen sein.

Aber jemand der Bücher – noch dazu so wertvolle – verbrennen lässt, hat die Bezeichnung Humanist definitiv nicht verdient. Die von ihm propagierte Ausweisung von Muslimen, die nicht konvertieren wollten, war für Spanien eine kulturelle Katastrophe. Und wahrscheinlich spielte er auch schon bei der Vertreibung der spanischen Juden 1492 eine Rolle.

Dennoch war sein Grabmal für Studenten wie ein Reliquienschrein und es kam in Mode, kleine Marmorbröckchen seines Sarkophags als Glücksbringer abzuhämmern. Im Jahr 1530 wurde Cisneros sogar selig gesprochen – heilig gesprochen aber wurde er Gott sei dank nie.

Die Widersprüchlichkeiten seiner Biographie verließen ihn auch nach dem Tod nicht. Heute liegt er, der Erzbischof mit den Koransprüchen auf dem Hirtenstab, der die Anhänger Mohammeds unerbittlich verfolgen ließ, in seinem Sarkophag unter einem „islamischen Sternenhimmel“ der Mudéjarkuppel in der Kapelle der von ihm gegründeten Universität von Alcalá.