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Cap Norfeu – der Kopf des Orfeus

Vor nicht allzu langer Zeit war Orfeus nach Spanien aufgebrochen, um das nach ihm benannte Kap, das Cap Norfeu auf der Halbinsel Cap de Creus, zu begutachten, ob es seiner würdig sei. Eigentlich frohgemut hatte er kurz vor seinem Aufbruch erfahren, dass er sich die für Gottheiten reservierte Residenz in Katalonien zwei lange Nächte mit Dionysos, einem Zeitgenossen, der zwar um Orfeus Gunst buhlte, diesem aber zuwider war, würde teilen müssen.

So trafen an diesem Abend Dionysos, Gott des Rausches und der zügellosen Gelage, und Orfeus, Gott der Musik und des Tanzes, aufeinander. Und wie nicht anders zu erwarten, labten sich die beiden über alle Maßen an Trank und Speis. Der eine aus Hochgefühl, der andere aus Unbehagen. An der Seite des Dionysos feierten ausgelassen die Mänaden, seine dem Weine zugeneigten Anhängerinnen. Zurückhaltend präsentierten sich die um das Wohl Orfeus bemühten Nymphen. Denn nur der liebliche Gesang und das verzaubernde Spiel der Leier eines gut gestimmten Orfeus vermochte ihrer unbändigen und ständig präsenten Lust Erleichterung verschaffen.

In Anbetracht der langen Nacht schliefen die beiden Gottheiten und ihr Gefolge bis tief in den Nachmittag des nächsten Tages hinein. Und obwohl es Dionysos in der vom Kater beseelten Aufbruchsstunde keinen Deut besser ging als Orfeus, bestand er darauf, den Musikus auf seinem Ausflug zu begleiten. Auf der Cap Norfeu angekommen, wusste Orfeus nicht, wie seinen Mitstreiter noch länger zu ertragen und griff erneut zum Wein. Dieser aber glich in Nichts dem edlen Tropfen des Vorabends, sondern bestach durch eine fiese, schwere Süße.

Da konnte Orfeus nicht mehr länger an sich halten, abrupt verstummte sein Gesang und die widerwärtigsten Beschimpfungen gegen den verlogenen Gott des Weines brachen aus ihm heraus. Doch noch ehe sein wütender Erguss versiegte, hatten sich die von der Liebe zu Dionysos berauschten Mänaden auf ihn gestürzt, um ihn in Stücke zu zerreißen.

In diesem Moment, dem Moment des Todes, erkannte Orfeus, dass er der Frauen – und zwar aller Frauen – überdrüssig war und fortan nur noch für Knaben schwärmen würde. Und so kam Orfeus umgehend mit sich und auch der Welt ins Reine und er begann zu singen mit Engelszungen. Augenscheinlich tat es dem Volumen seiner Stimme keinen Abbruch, dass der Kopf dem Körper entrissen worden war und nun ohne Rumpf über die hohen, hart im Wind stehenden Klippen hinabkullerte und ins Meer stürzte.

Die geschockten Nymphen folgten ihrem Geliebten auf seinem Ritt über die Wellen bis dieser auf der Ägäisinsel Lesbos anstrandete. Und wäre nicht eines Tages Apollon, der leibliche Vater Orfeus erschienen und hätte seinem Sohn geboten zu schweigen, so würde der alles betörende Gesang, mit dem Orfeus schon auf der Odyssee die Sirenen übertönt hatte, noch heute von Lesbos zum Cap Norfeu herüber wehen.

Written by dirk klaiber

dirk klaiber

dirk klaiber, geb. 1969, lebt in berlin, ist herausgeber des online kultur- und reisemagazins caiman.de / internet: www.caiman.de

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