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Cadaqués mit seinen Augen

Eigentlich müsste man nicht weiter belohnt werden für den kurzen Aufstieg auf 250 Meter Höhe, denn die Halbinsel Cap de Creus im äußersten Nord-Osten Spaniens gelegen und an Frankreich grenzend ist aus jedem Winkel betrachtet eine Augenweide. Vorherrschend sind das zarte Grün der Olivenbäume, des Rosmarins und des Thymians, das Braun der verschiedenen, oft trockenen Erdschichten und natürlich die Blauschattierungen des immer zum Greifen nahen Meeres. Kaum 40 Minuten nach Verlassen der Bucht Cala Joncols erspäht man das Mittelmeer-Städtchen Cadaqués und weiß sich schon jetzt zur Erholung in einem der wassernahen Restaurants am Weine labend.

 

Je näher es rückt, desto bezaubernder sein Lockruf und dann ist Cadaqués auch schon erreicht. Auf zwei kleine Buchten und einen felsigen Weg entlang zwischen Wasser und Häuserfront folgt ein kurzer Gang durch die engen Gassen vorbei an der Kirche zur Hauptbucht. Auf der anderen Seite der Bucht führt der Weg immer am Wasser entlang und das Panorama, die Komplettansicht der Stadt, zeigt sich in immer neuem Sichtwinkel.

Es ist die einzigartige Lage und der Blick vom Wasser aus, vom Strand, von der Promenade oder von einem der unzähligen kleinen Stege, der Blick auf die Stadt mit den kleinen Booten zu Wasser und an Land, den Tischen und Stühlen vor den Tapabars, den weiß getünchten Häusern mit den blauen Fensterläden im gleißenden Licht der wärmenden Sonne. Es ist genau dieser Panoramablick, der die Ruhe und den alles bestechenden Charme Cadaqués zunächst ausmacht.

Brutal aber, wie es nur der Mensch gegenüber seines Gleichen und einer Stadt sein kann, wird der Blick immer wieder dem Panorama entzogen und anhand einer rigiden Bildblicklenkung nicht nur auf Details, sondern auf einen Vergleich dieser mit ihren Abbildungen gelotst. Manch einer mag sich unweigerlich mit der Frage konfrontiert sehen: „Wessen mächtiges Kleinhirn war von solch imagepolitischer Fehlzündung geleitet?“

Der Erklärung im Detail soll schuldig geblieben werden, nicht aber der Nennung des beraubten Künstlers, der – völlig unabhängig davon, ob gemocht oder gehasst, genial wirr oder rein ökonomisch agierend, politisch korrekt oder faschistoid – sich der Verballhornung seiner Werke, die in Cadaqués einem disneyfizierten Konzept zum Opfer fallen, nicht mehr erwehren kann. Salvador Dalí, der sich zu Lebzeiten sein eigenes Museum erschaffen hat – in Figueras und nicht in Cadaqués -, würde nun miterleben müssen, wie Touristen zur Saison in Heerscharen mit den Fingern auf seinen Bildern herumtatschend nach Gemeinsamkeiten mit der in den Hintergrund gedrängten Stadtansicht forschen.

Wozu dieser gesteuerte Bilderblick auf die Stadt? Zum Aufbau eines konkreten Images und zur Erzeugung von Massentourismus durch Musealisierung. Allein der Name lockt: Salvador Dalí. Im Volksmund ist der Begriff Surrealismus unweigerlich gekoppelt mit Dalí. Die Imagepolitiker aus Cadaqués wünschen sich einen ähnlichen Erfolg für das Begriffspaar: Cadaqués / Salvador Dalí. Cadaqués ist Dalí-Stadt. Wohnstadt. Figueras hat es vorgemacht. Figueras ist auch Dalí-Stadt. Geburtsstadt und Museumsstadt. – Erzählt man, man fahre nach Figueras, so bringt man Licht auf die Stirnfalten seines Gegenübers, erwähnt man im Anschluss den spanischen Künstler: Aha! Dalí-Museum. Kenne ich.

Warum aber sollen noch mehr Touristen in das bezaubernde kleine Städtchen gelockt werden? Im Sommer zur Hauptferienzeit gleicht ein Besuch Cadaqués einem Einkaufsbummel auf der Haupteinkaufstraße einer deutschen Großstadt am letzten Samstag vor Weihnachten. Mehr Touristen kann Cadaqués gar nicht verkraften. Wählt man nicht den Weg zu Fuß, sondern mit dem Auto, so gelangt man nach Cadaqués über die Landseite und trifft zunächst auf einen riesigen unprätentiösen Touristrom-Parkplatz. Auch das verträumte fehlt, denn Cadaqués hat sich hinten raus vergrößert. An den charmanten Gässchen der Altstadt wird man vorbeigeleitet. Schon glaubt man sich in einer der rein für den Tourismus erbauten Costa-Brava-Orte. Der Weg zum Wasser führt vorbei an Maklerbüros, die Wohnungen und Häuser in Millionenhöhe anbieten.

Am Wasser angekommen stößt man auf die Statue des Aushängeschild-Künstlers, der im Anschluss an ein Herzliches Willkommen die Besucher einlädt, die Stadt modifiziert durch die rosarote Brille der Tourismuspolitik zu betrachten und seinem Blick, der ihm von den Imageverantwortlichen Cadaqués zugedacht ist, zu folgen.

Written by dirk klaiber

dirk klaiber

dirk klaiber, geb. 1969, lebt in berlin, ist herausgeber des online kultur- und reisemagazins caiman.de / internet: www.caiman.de

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