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Buenos Aires – Der Pianist und seine letzten Note

Es muss eine halbe Ewigkeit her sein, dass seine Hände über die weißen und schwarzen Tasten geflogen sind. Ende der 1940er Jahre war er das erste Mal im Gran Café Tortoni. Jenem Café, das die goldenen Zeiten von Buenos Aires aus der Jahrhundertwende bis spät in die 80er Jahre zu konservieren schien. Tango, nichts als Tango, wurde im Keller gespielt. Die Besucher lauschten, sie tanzten, sie feierten. Und auf dem weich gepolsterten Stuhl vor dem Klavier saß Edualdo, den sie alle nur Lalo riefen.

Wie oft muss er wohl an der Avenida de Mayo 825 durch die berühmte Flügeltür geschritten sein! Mal mit Lampenfieber, das nur mit einem kräftigen Rotwein und einer guten Zigarette zu bändigen war, mal mit einer seiner Angebeteten im Schlepptau, mal mit Liebeskummer. Im Café Tortoni war reichlich Platz für große Gefühle. Die Granden des argentinischen Tango haben hier gespielt. Natürlich Gardel, Goyeneche, Troilo und wie sie alle heißen. Und immer mal wieder saß Lalo am Klavier, um zusammen mit den beiden Bandoneonen, dem Kontrabass und den zwei Geigen emsig zu konkurrieren, den Tango durch die stickige Luft zu jagen.

Diese Zeiten sind jedoch schon etwas länger vorbei. Zwar wird im Keller des Café Tortoni heute noch Musik gemacht, wenngleich das Café darüber zumindest tagsüber den Namen Touristen-Falle nicht ganz zu unrecht trägt. Abends und nachts mischen sich jedoch die Porteños selbst unter das Volk und es entsteht diese typische argentinische Mixtur aus Einheimischen, Fremden, Zugereisten, Touristen. Seit über 150 Jahren werden dort regelmäßig die Musiker und das Publikum ausgetauscht. Was bleibt, ist der Mythos des Cafés, die Erinnerung – und der Tango.

Am 90. Geburtstag von Edualdo war auch ich geladen. Über zwei Ecken. Lalo nämlich war nicht nur ein hervorragender Pianist, sondern auch ein wunderbarer Mensch und mehrfacher Groß- und Urgroßvater. Und irgendwie auch Opa – oder genauer gesagt, Stiefopa, eines Freundes. Gefeiert wurde in einem kleinen Häuschen im Stadtteil Boedo, das einer Freundin der Familie gehört. Zwar war der Anfang etwas holprig, weil ich nicht einmal wusste, wer jetzt eigentlich der Gastgeber war und man mich erst nach einiger Überzeugungsarbeit hinein ließ, aber die älteren Herrschaften, die sich alle mächtig in Schale geschmissen hatten, tauten schnell auf. Ein bisschen Smalltalk auf dem Weg zum künftigen Jubilar – man wollte ja in den Geburtstag hineinfeiern. Dass der gute Mann 90 werden würde, spürte man lediglich am liebevollen Umgang mit ihm, ansonsten wurde gefeiert.

Doch Lalo sah noch nicht einmal aus wie 80. Rüstig, funkelnde Augen, fester Händedruck. „Du bist also ein Freund von Federico?! Aus Deutschland? Dann schnapp Dir doch ein Glas Wein, stoße mit uns an und genieße den Abend.“ So, oder so ähnlich lauteten seine Worte. Von einer greisen geriatrischen Veranstaltung konnte hier beim besten Willen nicht die Rede sein. Natürlich war auch die ganze Familie da, Tanten, Onkel, Stieftanten, Stiefonkel, Söhne, Töchter und auch deren Söhne und Töchter. Kleine Häppchen zur Einstimmung, dann Asado. Und natürlich so viel Wein, wie man eben trinken kann. An Nachschub sollte es nicht mangeln. Es war wie Tango ohne die dazugehörige Musik. Melancholie, Freude und jede Menge Energie.

Um kurz nach elf rückten dann die Überraschungsmariachis an. Sieben Mexikaner mit überdimensionierten Sombreros standen plötzlich im Garten, um dem Geburtstagskind ein Ständchen zu bringen. Unweigerlich fühlte man sich in die hinterste Ecke eines surrealen Cortázar-Textes geschleudert. Zwar erklärte man mir, dass es nicht unüblich sei, zu Festtagen auch mal die Mariachis antanzen zu lassen, aber war das wirklich richtig argentinisch? Der Stimmung tat es natürlich keinen Abbruch. Nachdem sich der gute Lalo von seiner Rührung erholt hatte, schnappte er sich auch schon die erste Dame und tanzte dann nacheinander mit allen anwesenden Frauen eine kurze Runde, ehe er sich wieder hinsetzte und erschöpft, aber glücklich, weiter an seinem stets gefüllten Weinglas nuckelte.

Um 12 gab es dann endlich das obligatorische Que lo cumplas feliz und sogar ein „Zum Geburtstag viel Glück“, was mich kurzzeitig in den Mittelpunkt des Abends rücken sollte. Der eigentliche Star aber war dieser soeben 90 Jahre alt gewordene Mann. Er sprühte nur so vor Energie, um die ihn so manch 40-jähriger beneiden dürfte. Ich bin mir sicher, dass das Fest auch um halb zwei, als ich es verließ, sich noch lange nicht dem Ende zuneigte…

90 Jahre, Pianist, Vater, Großvater, Urgroßvater, Onkel, Mensch. Er hat zahlreiche Diktaturen durchlebt und so manchen wirtschaftlichen Schlag gegen sein Land schlucken müssen. Der Tango aber floss ihm fortwährend durch die Adern. Er saugte das Leben auf und vergangene Woche das Leben ihn selbst. Nach 91 Jahren wollte das Herz nicht mehr seinen gewohnten Dienst verrichten und der letzte Akkord verstummte. Nicht nur der Tango wird Lalo vermissen. Ich und viele andere tun es auch.

Fotos: Andreas Dauerer