Print

Posted in:

Brasilianische Musik in den 60ern (05/2011)

Bossa Nova and the Rise of Brazilian Music in the 1960s

In den 1950er und 60er Jahren wurde Brasilien von einer Modernisierungswelle erfasst, die in der Errichtung der neuen Hauptstadt Brasilia ihren sichtbaren Höhepunkt fand. Neben Architektur, Literatur und Kunst ging auch die Musik seit 1958/59 neue Wege: die Bossa Nova, ein Gemisch aus Samba-Canção und Cool Jazz trat ihren Siegeszug in Brasilien und dann um die Welt an.

Gilles Peterson und Stuart Baker (Hrsg.)
Bossa Nova and the Rise of Brazilian Music in the 1960s
180 Seiten
Soul Jazz Books, London 2010

Dieser Musik huldigen der britische DJ Gilles Peterson und der Soul-Jazz-Records-Chef Stuart Baker mit einer Doppel-CD (oder zwei Doppel-LPs) sowie einem Buch mit Plattencovern im Vinyl-Format. Auf 180 Seiten sehen wir Cover von entrückt schauenden Musikern wie Rosinha, João Gilberto oder Marcos Valle, Sängern mit Gitarren, und, da das Buch bis in 70er Jahre reicht, als die Bossa Nova schon nicht mehr angesagt und von der Música Popular Brasileira (MPB) abgelöst worden war, auch Cover mit psychedelischen oder von Jazzlabeln wie „Blue Note“ beeinflussten Motiven. Herausragend und stilprägend sind die Cover des kleinen und exquisiten Labels „Elenco“. Ihre Coolness und Eleganz resultiert aus dem Minimalismus in Design und Farbgebung; neben Schwarz und Weiß schmücken die meisten Cover nur einige rote Tupfer. Plattencover in Bossa Nova-Ästhetik, an denen man sofort erkennt, was in ihnen steckt.

Hinter dieser Gestaltung mit schematischen Künstler-Porträts (auch schon mal im Taucheranzug), Scherenschnitten und geometrischen Elementen stecken der Designer César G. Villela und – meistens – der Fotograf Francisco Pereira, die mit raffinierten grafischen Mitteln erstaunliche Resultate erzielen. Sie wurden häufig kopiert, aber andere Labels entwickelten auch ihre individuellen Gestaltungsformen, wie z.B. das einsame Mädchen mit Gitarre am Strand auf der LP „Vagamente“ von Wanda Sa (RGB) oder coole Fotos von Studiosessions. Zu den Covern liefern Peterson und Stuart uns kurze inhaltliche und diskographische Informationen und ein längerer Essay zur historischen Einordnung ist vorgeschaltet. Denn der gesellschaftliche Aufbruch endete jäh im Jahr 1964 mit dem Militärputsch, der Brasilien für die nächsten 21 Jahre in seiner kulturellen Entwicklung hemmen sollte.

Various
Bossa Nova and the Rise of Brazilian Music in the 1960s
Doppel-CD / Doppel-LPs
Soul Jazz Records / Indigo

Die CD zum Buch enthält 34 Titel (auf den LPs sind es jeweils 17), die die Entwicklung der Musik von den Anfängen bis 1964 zeigen und darüber hinaus auch Titel der frühen MPB, denn die Grenzen sind fließend und die Künstler zu Beginn weitgehend identisch. Kraftvolle und lebhafte Titel wie „Roda“ von Elis Regina stehen neben eher sanften Liedern wie „Aguaverde“ von Edu Lobo; doch die partytauglichen Titel überwiegen. Die „Hits“ fehlen mehrheitlich, was der Qualität aber keinen Abbruch tut, denn dafür finden sich seltene Veröffentlichungen von Dom Um Romao oder dem Tamba Trio. Dazu gibt es ein ausführliches Mini-Fotobuch mit vielen Bildern aus der damaligen Zeit sowie Linernotes, die die Musik in die sozialen und kulturellen Umbrüche einbetten.