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Brasília – Im Grunde ganz einfach

Die Stadt organisiert sich entlang zweier Hauptstraßen: Der Monumentalachse und der, frei übersetzt, Riesenachse. Die Monumentalachse verläuft von Osten nach Westen, der Rumpf des Flugzeugs. Die Riesenachse kreuzt die Monumentalachse von Nord nach Süd, sie bildet die Flügel, die Wohngebiete. Diese sind in dreistellig nummerierte Superblocks aufgeteilt. Ungerade erste Stellen (100, 300, 500 …) liegen westlich, gerade erste Stellen (200, 400, 600 …) östlich der Riesenachse. Je weiter weg von der Riesenachse, desto höher die erste Stelle. Die zweite und dritte Stelle der Nummer entsprechen der Entfernung vom Stadtzentrum, also der Kreuzung der beiden Achsen.

Große Straßen durchziehen die Wohnblöcke parallel zur Riesenachse. Im Westen der Riesenachse heißen sie W1 bis W3, im Osten L1 bis L3.

Wer mag und alles verstanden hat, kann jetzt den Fußweg ausrechnen, den ich am Montag mit vollem Gepäck werde zurücklegen müssen, wenn ich vom Hotel Superblock 704 Abteilung K Haus 3 in meine schnieke Wohnschlafküche am Stadtpark, Superblock 905 Abteilung D Apartment 216 umziehe, vorausgesetzt, ich bin zu geizig für ein Taxi.

Dieses feine Organisationsprinzip hat in den letzten Jahren so gut funktioniert, dass per Dekret der Regierung Fernando Henrique Cardoso 1999 beschlossen wurde, das System auf die Bewohner Brasílias auszudehnen. Ich war diesbezüglich nicht ganz sicher, aber nach wenigen Dutzend Amtsgängen (ich wollte ja alles richtig machen in der neuen Stadt) habe ich herausfinden können, dass diese Regelung auch für Temporäre bindend ist. Also habe ich meinen altmodischen Vor- und Nachnamen abgelegt und heiße jetzt 169mbraunbraunbart0147 (GrößeGeschlechtHaarfarbeAugenfarbeBesonderheitLaufendenummer – Laufende Nummer, weil man ja davon ausgehen kann, dass es in Brasília mehr als einen 169cm großen, braunhaarigen und -äugigen Mann mit Bart gibt).

Ich war zunächst natürlich eher skeptisch, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, und mal ehrlich, es macht wirklich viele Dinge simpler. So konnte ich meiner Chefin in nie gekannter Einfachheit und Präzision von meinem baldigen Umzug berichten: „704K003:169mbraunbraunbart0147->905D216:169mbraunbraunbart0147.“
Darauf sie: „QI345:183wgraublau0023-702S34>905D216:169mbraunbraunbart0147-702S34.“ („Ist doch toll, von meinem Haus beim See ist es viel zu weit zur Arbeit (702S34), da ist ja dann deine neue Wohnung viel praktischer gelegen!“)

Damit hatte sie natürlich recht, und ich war froh, die Dinge so gut geregelt zu haben. Und weil das Wetter heute freundlich aussah, beschloss ich, zur Feier des Tages einen kleinen Spaziergang entlang der Prachtallee W3 zu machen. Was ich da alles zu sehen bekam! Das glaubt man gar nicht.

Ein langezogener, aus einem Stück Beton gegossener Klotz mit vielen kleinen Läden: Ein Computergeschäft. Ein Friseur. Ein Optiker. Haushaltsbedarf. Eine Saftbar. Eine Drogerie. Ein Kleidergeschäft. Dann, in einer Lücke zwischen dem Gebäude und dem nächsten, rechts neben zwei Telefonzellen, ein possierlicher Zeitungskiosk, darin ein Mann mit graugesprenkeltem Dreitagebart, Baseballmütze und freundlichen Augen, der sich gedankenverloren am Ohr kratzt. Im nächsten Gebäude verschiedene Banken und Kopierstuben. Dann ein Parkplatz voller Autos, Reifen auf Lehm. Dann eine große Videothek mit Plakaten der neuesten Film-Smash-Hits in den Schaufenstern. Dann eine Grünfläche, in die zahlreiche brasilianische Füße ein Netz aus roten Pfaden getrampelt haben. Dann ein langezogener, aus einem Stück Beton gegossener Klotz mit vielen kleinen Läden: Ein Computergeschäft. Ein Friseur. Ein Optiker. Haushaltsbedarf. Eine Saftbar. Eine Drogerie. Ein Kleidergeschäft. Dann, in einer Lücke zwischen dem Gebäude und dem nächsten, rechts neben zwei Telefonzellen, ein possierlicher Zeitungskiosk, darin ein Mann mit graugesprenkeltem Dreitagebart, Baseballmütze und freundlichen Augen, der in einem Groschenroman blättert. Im nächsten Gebäude verschiedene Banken und Kopierstuben. Dann ein Parkplatz voller Autos, Reifen auf Lehm. Dann eine große Videothek mit Plakaten der neuesten Film-Smash-Hits in den Schaufenstern. Dann eine Grünfläche, in die zahlreiche brasilianische Füße ein Netz aus roten Pfaden getrampelt haben. Dann ein langezogener, aus einem Stück Beton gegossener Klotz mit vielen kleinen Läden: Ein Computergeschäft. Ein Friseur. Ein Optiker. Haushaltsbedarf. Eine Saftbar. Eine Drogerie. Ein Kleidergeschäft. Dann, in einer Lücke zwischen dem Gebäude und dem nächsten, rechts neben zwei Telefonzellen, ein possierlicher Zeitungskiosk, darin ein Mann mit graugesprenkeltem Dreitagebart, Baseballmütze und freundlichen Augen, der sich mit zufriedenem Gesichtsausdruck in der Nase bohrt. Im nächsten Gebäude verschiedene Banken und Kopierstuben. Dann ein Parkplatz voller Autos, Reifen auf Lehm. Dann eine große Videothek mit Plakaten der neuesten Film-Smash-Hits in den Schaufenstern. Dann eine Grünfläche, in die zahlreiche brasilianische Füße ein Netz aus roten Pfaden getrampelt haben.

Ich lief eine ganze Weile und bestaunte die Vielfalt wie ein Kind. Ich pfiff und hopste, denn ich war guter Dinge. Die Menschen, die mir begegneten, waren fröhlich und lächelten. Ich vergaß die Zeit und hörte nicht auf zu laufen, immer geradeaus, viele Stunden, wie es schien, obwohl die Sonne sich kaum vom Fleck bewegte.

Als ich mich schließlich auf den Heimweg zum Hotel machte, war ich an einer Abzweigung nicht ganz sicher, ob ich nicht eine oder zwei oder drei oder vier Straßen früher oder eine oder zwei oder drei oder vier Straßen später hätte einbiegen müssen, aber zu meiner Erleichterung stand ich schon nach wenigen Minuten vor dem Haus, in dem ich die letzten Tage verbracht hatte. Ich konnte mich gar nicht mehr genau erinnern, wie viele es gewesen waren… Natürlich fand ich mein Zimmer genau so vor, wie ich es verlassen hatte. Ganz genau so. Nehme ich an. So genau hatte ich es mir ja nicht eingeprägt, bevor ich gegangen war.

Was mich jedenfalls ein wenig irritiert, sind die Bewegungen, die ich aus dem Augenwinkel zu sehen glaube, während ich hier sitze. Unsinn, sicherlich. Die kleinen Geräusche, wie Schatten von wirklichen Geräuschen. Die flüchtigen Gerüche, wie Echos von wirklichen Gerüchen.

Vielleicht ist es nichts.
Vielleicht ist es niemand.
Vielleicht ist es 169mbraunbraunbart0146.
Vielleicht ist es 169mbraunbraunbart0145.
Vielleicht ist es 169mbraunbraunbart0144.
Vielleicht ist es 169mbraunbraunbart0143.
Vielleicht ist es 169mbraunbraunbart0142.
Vielleicht ist es 169mbraunbraunbart0141.
Vielleicht ist es 169mbraunbraunbart0140.
Vielleicht ist es 169mbraunbraunbart0139.

Ich bin nicht einmal annähernd damit fertig, mir vorzustellen, wer es alles vielleicht sein könnte, als ich hinter mir eine laute Stimme poltern höre.
„Was machen Sie in meinem Zimmer?“, fragt erzürnt der dicke nasse Mann, der soeben nur mit einem Handtuch bekleidet das Bad verlässt.

Richtig, fällt mir plötzlich ein, ich hatte ja gar keine zwei Betten, und auch kein Badezimmer, und auch kein Fenster zur Waschküche, und auch keinen Tisch, und auch keinen Stuhl, und auch keinen Computer, an dem ich diesen Text hätte schreiben können. Ich entschuldige mich hastig, gehe nach nebenan, Nummer 5206, nicht 5602, ich Trottel, lege mich in mein Bett und schlafe augenblicklich ein. Was für ein Tag!

Was ich nicht weiß und vermutlich nie erfahren werde: In Zimmer 5602 lässt 169mglatzebraunbart(dick)0147, nun allein und unbeobachtet, sein Handtuch fallen, damit er die Hände frei hat, um sie genüsslich aneinander zu reiben. Nackt und tropfend steht der dicke Mann im Raum, das kalte weiße Licht der Neonröhre an der Decke fällt auf den unbehaarten Kopf und den Stiernacken und bringt sie kalt und weiß zum Glänzen, seine kleinen Schweinsäuglein funkeln diabolisch, und seiner Kehle entringt sich ein tiefes, böses, selbstzufriedenes Lachen, erst leise, dann immer lauter.

Was das bedeuten soll, könnte ich nicht einmal erklären, wenn ich davon wüsste.

Fotos: Nico Czaja