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Auf der Suche nach einem Stück Geschichte

Ein Winter in Barcelona ist einfach herrlich. Da gibt es sogar im Januar Tage, an denn ein T-Shirt schon zu viel des Guten sein kann. Zwar ist das Meer noch zu kalt, um darin zu baden, aber ein kleiner Spaziergang an die Muelle kann nicht schaden. Im Gegenteil. Es belebt den müden Geist, gibt viel zu gucken und wenn man eine Stärkung braucht, geht man in die Champañería – unweit der Barceloneta.

 

Das Schöne daran ist, dass sich hierhin zwar mittlerweile immer mehr Touristen verirren, aber auch alteingesessene Katalanen dort regelmäßig verkehren.

Schon beim Betreten des kleinen Ladens riecht man diese wunderbare Mischung aus Cava, Serrano Schinken und Feuer. Das Interieur hat Charme: von der Decke hängen zig Schinkenkeulen und Würste herab, die Regale an den Seiten sind vollgestopft mit allerlei Leckereien und an die Theke kommt man nur schwerlich, weil die Champañería scheinbar immer überfüllt ist. Aber auf ein Bocadillo und zwei, drei Cava lässt sich das gut aushalten.

Ich presse mich vorbei an einem dicken Katalanen, der nicht die kleinsten Anstalten macht, mich vorbei zu lassen. Aber ich schaffe es dennoch, lächle ihn an und wünsche ihm einen guten Appetit. Seine Augen leuchten ebenso sehr wie der rosa gefärbte Cava in seiner linken Hand und er erwidert irgendetwas Unverständliches. Natürlich auf Catalán. Als ich ihm kurz zu verstehen gebe, dass ich der hiesigen Landessprache nicht mächtig bin, geht es schließlich auf Spanisch weiter. Zumindest glaube ich das. Er spricht mit vollem Mund so schnell und undeutlich, dass ich außer „Alemania, que puta madre“, oder so ähnlich, nichts verstanden habe. Es ist eine feucht-fröhliche Runde hier und die Katalanen, so stolz sie auch auf Ihr kleines Fleckchen Land sein mögen, freuen sich im Allgemeinen dennoch, wenn jemand kommt und mit ihnen auf Spanisch kommuniziert. Das gilt aber nur für Touristen. Wer länger in der Stadt bleibt und geschätzte zehn Mal beim gleichen Supermarkt einkaufen geht, der wird irgendwann zwangsläufig ganz subtil darauf hingewiesen, dass es jetzt an der Zeit sei, Catalán zu erlernen.

Daraufhin wird er dort entweder nur noch in der Landessprache angesprochen oder aber es werden Witzchen gerissen. Mich erstaunt es ohnehin, dass sich seit jeher viele Studenten Barcelona als Studienort aussuchen.

Für ein halbes Jahr Erasmus mag das ja noch in Ordnung sein, weil alles so anders ist als in Deutschland. An der Uni allerdings kommt es nicht selten vor, dass einige Professoren ihre Vorlesungen nur in Catalán halten und auch durch persönliches Vorsprechen nicht dazu bewegt werden können, vielleicht ins Spanische zu wechseln. Ja, es ist eine stolze Stadt mit vielen stolzen Bürgern.

Der perlende Sekt zeigt unterdessen nicht nur bei mir Wirkung. Die Leute sind ausgelassen, über meinen Kopf hinweg schwirren allerlei Wortfetzen – von Catalán über Spanisch, Deutsch, Englisch, Italienisch und Russisch ist alles dabei – und ich spüre eine wohlige Wärme, die mit dem sich in der Mitte des Raums befindenden Feuer eher nichts zu tun hat. Ganz ohne mein Zutun werde ich langsam durch die kleine Stube gedrückt bis ich schließlich an der Cava-Verkaufstheke lande. Ein Schweiß gebadeter Mann im blauen Polohemd schaut mich erwartungsvoll an. Nach kurzem Zögern tue ich ihm schließlich den Gefallen und nehme zwei Flaschen. Nicht zuletzt ist das eine der vielen Spezialitäten hier in Barcelona und die gilt es schließlich auch zu genießen. So etwas verkommt ja nicht.

Nach einer knappen halben Stunde trete ich wieder hinaus in die warme Sonne. Es ist an der Zeit, der Sagrada Familia einen Besuch abzustatten. Was wäre ein Barcelona Besuch ohne Gaudís berühmte Kirche gesehen zu haben? Da mit Unterbrechungen ständig daran gebaut wird, hoffe ich, ein paar neue Details zu entdecken.

Ich entschließe mich mit dem Bus hinauszufahren, damit ich nicht gänzlich das Flair der Stadt im Untergrund verliere. Beim Aussteigen kann ich eine gewisse Enttäuschung nicht verleugnen. Das Bauwerk ist phantastisch, aber es sieht eben genauso aus, wie ich es einerseits von meinen vorherigen Barcelonaaufenthalten kenne. Oder von den vielen Postkartenmotiven, die einem überall in der Stadt, ob man will oder nicht, begegnen. Ich umrunde die Kirche gemächlich, setze mich in den kleinen Gaudí Park und lasse meine Gedanken schweifen. Ganz in der Nähe wohnt ein alter Freund, den ich in Peru vor fünf oder sechs Jahren kennen gelernt habe. Ich hatte noch versucht ihm zu schreiben, aber auf meine kurze Mail kam keine Antwort. Wahrscheinlich arbeitet er schon lange nicht mehr für seine alte Firma und er hat mein Geschreibsel nie erhalten. Sei’s drum.

Ganz so einfach will ich mich aber nicht zufrieden geben. Ich beschließe in die Richtung zu gehen, wo ich sein Appartement vermute. Nein, die Richtung weiß ich sicher, nur an den Straßennamen kann ich mich partout nicht mehr erinnern. Er wohnte zusammen mit seiner Freundin irgendwo zwischen der Sagrada Familia und dem Torre Agbar, einem modernen Turm gleich an der Plaça de les Glòries Catalanes.

Es könnte die Independéncia gewesen sein. Aber ebenso die Xifré, die Dos de Maig oder doch die Cartagena. Während ich durch die einzelnen Straßen irre und auf mir bekannte Merkmale achte, wird mir immer klarer, wie naiv mein Unterfangen ist. Im Zick Zack durchquere ich das komplette Viertel von L’Eixample. Immer wenn ich glaube auf der richtigen Straße zu sein, finde ich auf der gegenüberliegenden Seite keinen kleinen Supermarkt. An den erinnere ich mich beispielsweise ziemlich genau. Als ich zum ersten Mal nach Barcelona kam und bei Albert, so heißt mein verschollener Freund, nächtigte, haben wir in dem kleinen, aber sehr, sehr feinen Supermarkt eingekauft. Ein bisschen Wein, guten Käse und ein paar Oliven. Fisch holten wir uns dann vom Markt in der Innenstadt und zum Abendessen gab es, na klar, Paella. Und zwar eine gemischte mit Fleisch und Fisch. Ich war skeptisch, weil ich zum einen kein großer Fischfreund bin, mir zum anderen eine Fleisch-Fisch-Mischung schwer vorstellen konnte. Ich wurde eines Besseren belehrt. Es war die bei weitem beste Paella, die mir bis heute untergekommen ist.

Ich glaube, gerade in diesem Moment jage ich genau dieser Vorstellung nach. Einen alten Freund wieder sehen und mit ihm gemeinsam den Abend verbringen. In der Hoffnung, dass wir erneut eine zauberhafte Paella zubereiten und alte Zeiten aufleben lassen.

Gedankenspiele sind erheiternd und wunderbar, helfen allerdings nur bedingt bei der Suche nach einem alten Kollegen und noch älteren Zeiten. Ich mache es kurz: ich hab weder seine Wohnung, noch den Supermarkt gefunden. Zumindest stellte mich das nicht vor die Herausforderung, in einem zehn Parteien Haus mindestens sechs durchzuklingeln. Immerhin hab ich damit einen Grund erneut in diese wunderbare Stadt zurückzukehren.