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Auf den Spuren Che Guevaras und Bruce Chatwins (Teil 1)

Im Rahmen eines Auslandssemesters innerhalb des Biologiestudiums arbeitete Lennart Pyritz für vier Monate auf der biologischen Station „Los Volcanes“ in den bolivianischen Ostanden an einem ornithologischen Projekt. Währenddessen unternahm er mit bolivianischen Freunden auch einige kurze Fahrten durch die Anden.

Nach Beendigung der biologischen Freilandarbeit reiste er schließlich mit einem Freund in den Süden des Kontinents bis nach Patagonien. In den folgenden Ausgaben erzählt er von seinen Arbeits- und Reiseerlebnissen in Bolivien, Brasilien, Uruguay und Argentinien.

Teil I: Auf in die Anden
Am vorletzten Montag wollen wir eigentlich los, hinauf zum ornithologischen Forschungscamp „Los Volcanes“ in den Anden. Allerdings hat es in der Nacht stark geregnet, so dass einige Straßen in Santa Cruz de la Sierra – hier wohnt der befreundete Biologe Sebastian, Leiter der biologischen Station, auf der ich die nächsten vier Monate lang arbeiten will – bis zu einem Meter überflutet sind.

Zu meiner Bleibe, dem Residencial Ballivian im Stadtzentrum unweit der Plaza, komme ich ebenfalls nur mit bis zu den Knien hochgekrempelter Hose.

Der Legende nach soll auch Che Guevara, der nach Kuba versuchte, die Revolution weiter nach Bolivien zu tragen, einmal hier übernachtet haben; die Großmutter der Herbergsleiter schwört mir hoch, heilig und mehrfach, Che damals selbst im üppig begrünten Innenhof sitzen gesehen zu haben. Zusätzlich zum ungünstigen Reisewetter ist auch noch Sebastians Jeep kaputt und muss in die Reparatur. So starten wir erst mit einer guten Woche Verspätung nach Los Volcanes.

Los Volcanes. Eine zweistündige Autofahrt westlich von Santa Cruz in Richtung des Bergdorfes Samaipata, in dessen Nähe Che Guevara 1967 vom bolivianischen Militär erschossen wurde, wird es schnell bergig, der Altiplano rückt näher, die Dörfer werden winzig. Ab der Ortschaft Bermejo ist man allein auf der Piste, es geht noch zehn Kilometer über eine ausgewaschene, steile, unbefestigte Bergstraße, die der Jeep nur im Allradmodus bewerkstelligt, dann liegt die Feldstation im Tal vor unseren Augen: Rote, aufragende Sandsteinfelsen, dazwischen bewaldete Täler. Auf einer Lichtung ist das Stationsgebäude als kleiner weißer Fleck zu erkennen, am Himmel kreisen schwarze Kondore.

Los Volcanes besteht aus einem Haupthaus mit Arbeitsraum, Küche und einem Zimmer für Sebastian und seine bolivianische Frau Caroli. Daneben befindet sich eine kleine Hütte mit drei Doppelstockbetten, in der ich und die vier bolivianischen Studenten Miriam, Victor, Daniel und Marcos aus Santa Cruz und Cochabamba, die ebenfalls hier arbeiten, schlafen. Gekocht und gewaschen wird mit Wasser aus einem kleinen Bergbach hinter der Station. Abends wird es zwischen halb sieben und sieben schnell dunkel, so dass wir meist bei Kerzenlicht zusammen kochen und in der Küche sitzen, während draußen in völliger Nachtschwärze ohne störendes elektrisches Licht ein überwältigender Sternenhimmel funkelt.

Ich habe in der letzten Woche bei diversen laufenden Projekten geholfen: Victor und
Miriam fangen Vögel mit feinmaschigen Japan-Netzen, die zwischen den Bäumen aufgestellt werden. Die Tiere werden bestimmt, beringt, vermessen und anschließend wieder in die Freiheit entlassen. Es gibt eine atemberaubende Vielfalt an Federvieh: winzige, bunte Kolibris, grüne Papageien, Tukane mit mächtigem, gebogenem Schnabel, schillernde Tauben und hühnerartige Laufvögel der Gattung Crypturellus.

Daniel und Marcos befestigen als die „Señores de los anillos“ elastische metallene Zuwachsringe an Bäumen in unterschiedlichen Waldtypen des Gebietes und bestimmen die Strauchvegetation, Caroli fängt und bestimmt Insekten, Sebastian ist Projektleiter und koordiniert.

Neben den zahlreichen Vogelarten gibt es hier riesige blaue Schmetterlinge, Kapuzineraffen, Agutis und Nasenbären. Sogar Tatzenabdrücke von Pumas und Jaguaren findet man im weichen roten Sand des Flussbettes. Allerdings sind viele der hübsch anzusehenden Tiere recht wehrhaft: So ziemlich alle Insekten außer den wunderschönen Schmetterlingen stechen oder alternativ, wenn das anatomisch nicht möglich ist, beißen; einige Ameisen sind so groß, dass die Bisse bluten. Auch die Vögel hacken und knabbern, wenn man sie zum Beringen und Untersuchen in der Hand hält, so dass sich auf meinen Händen eine Mondlandschaft aus Stichen und Bissen gebildet hat. Neulich haben wir für Caroli mit Schwarzlicht in der Nacht Insekten angelockt: Ein unglaubliches Gesumme und Gebrumme. Riesige Wanzen kamen vom Fluss herauf. Sebastian ist ein kleiner Nachtfalter ins Ohr geflogen, der mit verdünntem Alkohol ausgeschwemmt werden musste – es ist ein Abenteuer.

Meist arbeite ich gemeinsam mit Miriam und Victor bei den Netzfängen. Miriam hat bereits ein Kind – es gibt viele sehr junge Mütter hier, weil über Verhütung aus religiösen Gründen nicht gesprochen wird. Sie führt ein strenges Regiment beim Kochen und Verwenden der Lebensmittel, die aus Santa Cruz oder Bermejo herbeigeschafft werden müssen. Ich nenne sie zum Spaß „Mama Miriam“. Dann lacht sie und quatscht zur Rache auf Quechua los, das sie fließend spricht und wovon ich kein Wort verstehe.

Die Natur bestimmt unseren Tagesablauf: Morgens mit Sonnenaufgang um fünf, halb sechs gehen wir los und kommen irgendwann am späten Nachmittag wieder. Spätestens um 21:00 Uhr sind alle so müde, dass wir schlafen gehen.

Es ist hier auch kälter als im subtropisch schwülen Santa Cruz, dazu weht gerade ein starker Südwind aus Argentinien herauf. In den letzten Tagen hat die Regenzeit begonnen, täglich schauert es mehrfach kurz und heftig.

Nach der nächsten Feldzeit will ich mit Victor etwas das Hochland Boliviens bereisen. Ich melde mich dann wahrscheinlich aus einer anderen Stadt!

Bis dahin alles Gute aus Bolivien, L.

Fotos: Lennart Pyritz