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Auf den Spuren Che Guevaras und Bruce Chatwins (Teil 2)

Im Rahmen eines Auslandssemesters innerhalb des Biologiestudiums arbeitete Lennart Pyritz für vier Monate auf der biologischen Station „Los Volcanes“ in den bolivianischen Ostanden an einem ornithologischen Projekt. Währenddessen unternahm er mit bolivianischen Freunden auch einige kurze Fahrten durch die Anden.

Teil II: Mit Jesus auf dem Berg und Larven im Fuß
Nach ungefähr einer Woche des Reisens ein kleiner Rückblick: Ich schreibe gerade aus Cochabamba, der viertgrößten Stadt Boliviens, wunderschön gelegen in einem breiten Andental auf 2600 Meter Höhe, doch dazu später mehr.

In Santa Cruz habe ich in der vergangenen Woche zunächst ein paar Spanischstunden genommen, auf einen Aushang an einem Blumenladen im Zentrum hin. Marlén, die Tochter des Blumenhändlers, war auf der Deutschen Schule in Santa Cruz und später zweimal für einige Monate in Deutschland; in Münster und Krefeld. Jetzt studiert sie Kommunikationswissenschaften in Santa Cruz und gibt nebenher Sprachunterricht.

Das Ganze findet im Innenhof des Wohnhauses statt und verläuft gemütlich und familiär: Oft gibt es zum Einstieg irgendwelche exotischen Früchte zum Probieren, und ein sehr niedlicher Hund namens „Shakira“ wedelt im Haus umher.

Nach der ersten Spanischstunde will ich ein paar Unterlagen kopieren. Beim Kopierladen meiner Wahl – einer von Hunderten hier, Bolivianer lieben Kopierläden – ist allerdings die Markise kaputt und hängt tief über der Straße. Ich helfe, das Ding wieder hochzukurbeln, wofür mir die runde Kopierladenmama die ganzen Zettel kostenlos kopiert. Ein guter Anfang.

Mittlerweile wohne ich mit Sebastian und einigen anderen deutschen und bolivianischen Biologen in einer Haus-WG in einem Außenbezirk von Santa Cruz. Weitere Untermieter sind drei große Schildkröten. Am Dienstagabend waren ein paar Gäste zu Besuch und es gab selbstgemachten Pisco Sour, Salat mit Avocado und bolivianisches Bier. Später am Abend wurde im geräumigen Wohnzimmer auch Salsa getanzt. Ansonsten habe ich in den vergangenen Tagen Caroli beim Präparieren der in Los Volcanes gefangenen Insekten geholfen. Allerdings sind wir immer noch bei der ersten taxonomischen Gruppe, den Käfern, von denen wir bereits über 1000 Stück präpariert und in den Trockenschrank verfrachtet haben.

Beim Thema Insekten fällt mir ein: Ich habe seit dem letzten Feldaufenthalt „boro“, d.h. eine Fliegenlarve, die in meinem Fuß frisst und lebt. Der Übertragungsweg ist einigermaßen kompliziert. Eine Dasselfliege fängt sich eine Mücke und befestigt ein Ei an ihr.

Sticht die Mücke dann ein Opfer, bleibt das Ei an dessen Haut haften, und die Larve schlüpft – ausgelöst durch die Hautwärme – und bohrt sich in den Wirt.

Ich habe so einen Stich im rechten Fuß, neben dem Knöchel. Anfangs dachte ich, es sei ein aufgekratzter Mückenstich, aber in der Nacht von Donnerstag auf Freitag bin ich von den Schmerzen zweimal aufgewacht: Wenn die Larve frisst, fühlt es sich an, als stecke eine Nadel innen im Fuß. Caroli hat mich verarztet, d.h. die Larve mit Nikotin abgetötet und dann versucht, sie durch Drücken und mit Hilfe einer Pinzette heraus zu holen. Leider hat das nicht geklappt, und so vertraue ich nun darauf, dass mein Körper das Insekt selbstständig abbaut.

Am Freitagabend bin ich schließlich mit Victor per Nachtbus nach Cochabamba gefahren, wo er wohnt und studiert hat: Elf Stunden Gegondel in einem „Coche Semi Cama“ oder besser „Semi Coma“ durch die Nacht in einem überfüllten Bus mit einem Coca-kauenden Fahrer. Am ersten Tag in Cochabamba hatte ich etwas Probleme mit der Höhe, Schwindel und Übelkeit, obwohl die Stadt auf noch nicht einmal 3000 Meter Höhe liegt. Vielleicht war auch die kurvige Busfahrt schuld, während der wir fast nichts getrunken und gegessen haben.

Cochabamba ist wesentlich kleiner als Santa Cruz, ruhiger, im Zentrum auch etwas dreckiger.

Insgesamt aber eine hübsche Stadt. Am zweiten Tag bin ich mit Victor bei strahlend blauem Himmel auf einen kleinen Berg neben der Stadt gewandert, auf dem eine über 33 Meter hohe Christusfigur aus weißem Stein steht: der „Cristo de la Concordia“.

r ist sogar ein paar Meter höher als der in Rio de Janeiro, wie mir Victor – nicht ohne stolzen Unterton – unterbreitet. Von hier hat man einen wunderbaren Blick auf die Stadt im Tal, die Laguna Alalay, einen kleinen See im Süden Cochabambas und den Cerro Tunari, mit gut 5000 Meter der höchste Berg in der Umgebung.

Bald geht es wieder zurück ins Tiefland nach Santa Cruz für die nächste Feldzeit. Bis dahin alles Gute, L.

Fotos: Lennart Pyritz