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Auf dem Jakobsweg mit Don Carmelo und Cayetana (9)

Neunte Etappe: Im Schlaraffenland der Rioja

25. August 2012. Wir brechen früh auf in der Pilgerherberge von Torres del Río. Besonders Cayetana hat es sichtlich eilig, nach all den entbehrungsreichen Wanderungen durch arkadische Einsamkeiten in die Hauptstadt der Rioja zu kommen: „Logroño – endlich mal eine richtige Stadt nach all den…“ „Jetzt sag nicht wieder Käffer“, falle ich ihr vorsorglich ins Wort.

Sie ist wirklich sehr ungeduldig, mit großen Schritten marschiert sie gen Westen, ich kann kaum mithalten, normalerweise ist es früh morgens umgekehrt. Sogar als es jetzt anfängt zu regnen (!), warte ich vergeblich auf ihre Klagen, unbeirrt setzt sie ihren Logroño-Eroberungsmarsch fort.

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Zugegeben: bei über 30° Grad ist ein Regenschauer auch nicht wirklich beeinträchtigend, sondern eher erfrischend. Allerdings wird der Regen resoluter, so dass er uns in Viana, dem letzten Ort in Navarra, zu einer Frühstückspause zwingt. Die Kirche ist leider geschlossen, aber davor erinnert eine Gedenktafel an die berühmteste Person, die hier ihr Unwesen getrieben hat: Cesare Borgia. „Dieser Hurensohn“, entfährt es Cayetana beim Anblick des eingravierten Namens. Der „Hurensohn“ ist hier allgegenwärtig, zum Beispiel im Papstwappen gegenüber dem Stadtpalast. Und er war eher ein Papstsohn zu einer Zeit, als Papst Alexander VI. die Kirche zur Hure der Macht degradierte und den Vatikan zu einem Familienbetrieb. Auf einem Schlachtfeld vor den Toren Vianas fand Cesare Borgia, der Mörder, der es fast bis zum Papstthron geschafft hätte, seinen frühen – und doch viel zu späten Tod. „Und falls es eine Hölle gibt, wird er dort noch heute brennen“, urteilt Cayetana gnadenlos.

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Dann will sie ganz schnell weiter, als ob allein der Name Borgia eine Allergie gegen den Ort ausgelöst hätte. Es ist noch bewölkt, aber der Regen hat aufgehört und eine kunstvoll in Blau gesprühte Santiago-Muschel grüßt die Pilger zum Abschied von Navarra, bevor man offiziell die Grenze zu La Rioja, dem berühmtesten spanischen Weinanbaugebiet überschreitet und in der Hauptstadt ankommt.

Cayetana ist so voll euphorischer Erwartung, ich hoffe nur, sie wird nicht enttäuscht von Logroño. Ich weiß ja nicht, welche Wunder sie sich erhofft. Was soll schon anders sein? Die Herbergen und Kirchen werden größer sein als in den Dörfern. – Aber Logroño wird uns nicht enttäuschen. Zwar bietet die Rioja-Hauptstadt keine Mega-Monumente wie Burgos, León oder Santiago, präsentiert sich aber als sehr sympathische Schlemmer-Metropole. Schon am Ortseingang grüßt ein riesiges Graffito von einer Hauswand: „El Camino de Santiago se hace por Etapas“ („Den Jakobsweg absolviert man in Etappen“). Dabei ist das E von Etapas durchgestrichen, daraus wird also Tapas. Und illustriert wird dieses genießerische Motto durch eine durchaus feiste, von Weinreben umrankte Hand, die einen Spieß mit kleinen Köstlichkeiten wie ein Banner empor hält. Hier versteht man zu leben. Von Tapa zu Tapa – schlemmend dem großen Ziel entgegen.

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Nicht umsonst belegte das unscheinbare Logroño in den 90er Jahren bei einer Untersuchung der renommierten Tageszeitung EL PAÍS über Lebensqualität in spanischen Städten einen der drei ersten Plätze. Es ist eine grüne Stadt mit wenig Industrie, mit der angeblich besten Luft aller spanischen Provinzhauptstädte, vielen Sport- und Freizeitmöglichkeiten, köstlichem Essen und natürlich dem besten Wein der Welt. Um das Premium-Produkt der Region wird ein Kult getrieben und zahlreiche Schaufenster sind dekoriert mit Magnumflaschen vom Rotwein der besten Jahrgänge und Erzeuger.

Das Epizentrum der kulinarischen Genüsse der Rioja befindet sich in einer in ganz Spanien berühmten Restaurantmeile – der Calle Laurel. Cayetana würde am liebsten sofort dorthin marschieren. Aber erstens ist es mit 12 Uhr noch viel zu früh fürs Mittagessen, zweitens ruft zunächst die Pilgerpflicht: die Glocken der Kathedrale laden uns ein. Wir betrachten die schöne Fassade mit den eleganten barocken Zwillingstürmen. Innen hat die Kathedrale eine spätgotische Struktur, während Dekoration und Altäre der Seitenkapellen eher barock sind. Insgesamt hat sie im Vergleich mit anderen spanischen Kathedralen (Sevilla, Burgos, Toledo) nicht viele Kunstschätze zu bieten. „Total leer“, meckert Cayetana prompt – vielleicht auch nur, um Beten und Besichtigung abzukürzen, und sich von weltlichen Gelüsten lenken zu lassen.

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ls unser Gepäck in der Herberge verstaut ist, marschieren wir zur Calle Laurel, wo die Bedürfnisse der Seele draußen bleiben müssen und alles von den Launen des Leibes beherrscht wird. Ein Paradies der Gaumenfreuden. Nach guter Sevillaner Tradition drängen wir uns in die Bar, die schon am vollsten ist und erobern eine Handbreit Raum – gerade genug, um einem der Barmänner zu winken. Mir ist ganz schwindelig, noch bevor ich überhaupt bestellt habe. An einer hohen Wand türmen sich Hunderte von Rioja-Flaschen mit verheißungsvollen Namen, die meisten habe ich noch nie gelesen. Die Auswahl ist erschlagend. Und als der Kellner mich nach meinem Wunsch fragt, sage ich das Blödeste, was man in diesem Weintempel mit dem Namen „D.O. Laurel“ überhaupt sagen kann: „Ich hätte gern einen richtig guten Rioja.“

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Der Barmann grinst, dann muss er lachen: „Also, wir haben natürlich nur richtig supergute Riojas…“ Ob er mir etwas empfehlen könnte? „Nein“, sage ich trotzig und bestelle einen Marqués de Alvar, um zu stolz zu demonstrieren, dass ich sehr wohl ein Kenner bin. „Auf jeden Fall!“, bittet Cayetana eine Spur zu laut und zwickt mich dabei in den Arm. Während der Kellner gekonnt unsere Gläser füllt, flüstert Cayetana mir völlig aufgeregt zu: „Jetzt guck doch mal…“ Ich entgegne, ich würde ja schon die ganze Zeit gucken, ob ich in den Regal-Kilometern noch einen besseren Wein entdecken könnte. „Aber nein, nicht die Flaschen – auf IHN!“ Ich hätte es mir denken können, aber erst jetzt registriere ich ihren selig lächelnden Gesichtsausdruck. So muss die heilige Theresa von Ávila inmitten ihrer mystischen Ekstase ausgesehen haben. Aber die widmete ihre Gefühle immerhin Jesus und nicht – einem unbekannten Barmann.

Bei näherer Betrachtung muss ich zugeben, dass er wirklich gut aussieht: groß gewachsen und sehr dunkle Haut, fast wie ein Mulatte, mit fast schwarz glänzenden Augen und einem Lächeln, dessen Wirkung er sehr geübt einzusetzen weiß. Das kann ein anstrengender Abend werden. „Welchen Rioja trinkst Du da eigentlich?“, versuche ich das Thema wieder auf den Wein zu bringen. „Baigorri de Garage – die Empfehlung von IHM… Hast Du den Blick gesehen?“ Mit „diesem Blick“, der angeblich nur ihr galt, beschenkt der Beau im schwarzroten Baigorri-T-Shirt alle Kunden, die seine Theke belagern und seine Empfehlung befolgen. Auch ich folge ihr nun und bestelle die Geschmacksexplosion der Baigorri-Reserva, was er mit zufriedenem Lächeln quittiert (zufällig ist es auch der teuerste Wein im Regal).

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„Darf es auch für Dich noch etwas sein?“, wendet er sich mit einem tiefen Blick aus schwarzen Augen an Cayetana, die vor Aufregung kaum einen Ton hervor bringt, immerhin einen weiteren Knopf ihrer Bluse öffnet und sich endlich mit heiserer Stimme zu einem „Nochmal dasselbe“ durchringt. Ich befürchte, dass sie im nächsten Augenblick wie hypnotisiert vom Barhocker gleiten könnte. Bevor sie das vierte Glas bestellen kann, mahne ich energisch zum Aufbruch: „Wir müssen morgen um 6 Uhr aufstehen und über 30 Kilometer schaffen!“ Ich muss sie fast unter Gewaltaufwendung aus der Bodega zerren, kann aber nicht verhindern, dass sie ihre Handy-Nr. auf einem Zettel unter dem leeren Glas hinterlässt.

Kurz bevor wir die Herberge erreichen, verkündet Cayetana plötzlich in die Abenddämmerung hinein: „Ich bleibe hier! Ich geh morgen nicht weiter!“ Sie meint es natürlich todernst. Ich bin eigentlich zu müde für diese Diskussion. „Mein liebes Kind, und was soll ich dann Deinen Eltern erzählen?“ „Sag ihnen einfach, ich bleibe im Paradies!“ – „Das Paradies gibt es nicht in diesem Leben. Und diesen Weg darf man nicht abbrechen, wir müssen ihn bis zum Ende gehen! Außerdem: glaubst Du im Ernst, dass Du bei diesem Baigorri-Schönling eine Chance hast? Der macht doch jeder schöne Augen…“

Schweigend gehen wir ein paar hundert Meter weiter, dann mache ich ihr einen gewagten Vorschlag: „Also wenn er bis morgen früh um 7 anruft oder eine SMS schickt, darfst Du hier bleiben – falls nicht gehen wir morgen um 7 weiter.“ Zu meiner großen Überraschung ist sie nach kurzem Zögern einverstanden. Und ich bin sehr erleichtert, dass ihr Handy stumm bleibt, obwohl sie es die ganze Nacht in der Hand hält. Nachdem sie endlich eingeschlafen ist, träumt sie davon, durch die Wüste zu gehen und plötzlich vor einer turmhohen Weinflasche zu stehen. Eine riesige weiße Hand bringt die Flasche zum Umkippen, doch dann sprudelt nicht Wein, sondern Wasser aus ihr heraus.

Tipps und Links:

www.bodegasbaigorri.com

Etappe von Torres del Río nach Logroño: 21 Km
Guía Turística de Logroño

Unterkunft in Logroño:
Städtische Pilgerherberge, C. Ruavieja 32, Tel. 941-248686: Küche, Waschmaschine, Trockner, Internet, Terrasse. Übernachtung 8 Euro. Schließt schon um 21.30.
Daher sollte man evtl. überlegen, stattdessen eine günstige Pension im Stadtzentrum zu nehmen:
z.B. Hostal „La Redonda“, C. Portales 21, Tel. 941-272409, nur einen Steinwurf von der Kathedrale entfernt, kleine, einfache Zimmer, EZ 25 Euro

Verpflegung in Logroño: www.callelaurel.org/
In der berühmten Calle Laurel ist jedes Haus eine Bar/ein Restaurant und mittags und abends gibt es hier zwar keine Pilgermenüs, aber Tapas vom feinsten für jeden Geschmack und jede Menge vom besten Wein der Welt – alles aufgrund des großen Angebots zu moderaten Preisen. Nicht durch die große Menschenmenge abschrecken lassen: im Gegenteil am besten genau dorthin, wo die meisten sind. Zwei selbst ausprobierte Empfehlungen:
„Taberna del Volapie“, C. Laurel 4: eine andalusische Tapas-Bar in der Rioja, sehr freundliche Bedienung, weniger hektisch als in vielen anderen Bars der Straße und wohl die einzige hier, die mehr Fischspezialitäten als Fleisch und auch nicht nur Rot- sondern auch andalusische Weißweine anbietet
„D.O. Laurel“: ein Tempel, an dem kein Rotwein-Freund vorbei gehen darf. Ausgesuchte, teils deftige Köstlichkeiten werden hier begleitet von den erlesensten Produkten der alten Weinberge der Bodegas Ramón Bilbao oder Baigorri – hier finden selbst Rioja-Kenner noch Namen, die sie vorher nie gelesen haben und wer mal „Baigorri de Garage“ getrunken hat, muss erkennen, dass die Riojanos ihre allerbesten Weine gar nicht exportieren, sondern einfach selbst trinken. Der „Baigorri de Garage“ (Gran Reserva) ist vielleicht der beste Wein, den ich überhaupt je getrunken habe.

Kirchen:
www.arteguias.com/catedral/logrono.htm
Kathedrale Santa María de La Redonda, Logroño, Geöffnet: Mo. – Sa. 8.00 – 13.00 und 18.00 – 20.45, So. 9.00 – 14.00 und 19.00 – 20.45 Uhr (eine der wenigen spanischen Kathedralen, für die man keinen Eintritt zahlen muss)
Iglesia de Santiago, Logroño: im Ortszentrum, Geöffnet: täglich 8.30 – 13.00 und 18.30 – 19.30 Uhr