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Auf dem Jakobsweg mit Don Carmelo und Cayetana (3)

Dritte Etappe: Zum Geisterdorf Arrés

17. August 2012. Nach der sakralen Strapaze am gestrigen Tag lassen wir es heute ruhig angehen. Diese Tagesetappe wird mit 17,5 Kilometern unsere kürzeste werden. Also gönne ich mir mit meiner Begleiterin Cayetana zuerst ein üppiges Frühstück im Hotel von Santa Cruz de la Serós – das erste und einzige während unserer zwei Wochen. Denn in den Pilgerherbergen gibt es in der Regel kein Frühstück: man marschiert morgens um sechs Uhr los und bis man in einen Ort mit gastronomischer Infrastruktur kommt, kann es oft Mittag werden.

Jakobsweg-45Also genießen wir das Frühstück, das schon ein halbes Mittagessen ist. Vor dem Aufbruch kaufen wir im einzigen Dorfladen neben sechs Litern Wasser noch Mandeln und Kartoffelchips. Wir müssen vorsorgen, denn das kulinarische Angebot für die nächsten zwei Tage ist ungewiss, unser Weg wird uns durch eine weitgehend unbewohnte Gegend und die verlassenen Ruinendörfer Arrés und Ruesta führen.

Eine ungewöhnliche Hitzewelle hat den Norden Spaniens fest im Griff. Aktuell ist es hier heißer als in Andalusien, für die ganze Woche wurden Höchsttemperaturen von mindestens 40° Grad angekündigt und die beiden heißesten Tage sollen mit 42° heute und morgen werden. Wenigstens geht es heute meist bergab; romantische Feldwege vorbei an Ginster und Lavendel und Hunderten von Schmetterlingen. Kurz vor Santa Cilia erreichen wir wieder die Nationalstraße 240.

Jakobsweg-46 Für die Santiago-Pilger hat man ein paar Dutzend Meter neben der N240 einen schönen Wanderweg durch Wald und Wiesen angelegt, damit sie dem weltlichen Straßenlärm entfliehen und sich besser auf die Meditation konzentrieren können. Das Problem: dieser Weg liegt auf der anderen Seite der viel befahrenen N240. Zwar gibt es Zebrastreifen und den Hinweis an Autofahrer „Pilger überqueren die Straße“, aber Zebrastreifen haben in Spanien eigentlich rein dekorative Funktion – man sollte sich als Fußgänger besser nie darauf verlassen, dass Autos davor anhalten.

„Sie müssen anhalten, schließlich sind wir Pilger! Wer uns überfährt, kommt in die Hölle!“, verkündet Cayetana, die Hand Gottes über sich, und marschiert ohne links oder rechts zu schauen, stur über den Zebrastreifen. Gottloses Gehupe. Um ein Haar wäre meine mutige Begleiterin von einem silberglänzenden Seat erfasst worden, der sie in letzter Sekunde rasant umkurvt. Sie wirbelt herum, zeigt den Mittelfinger und schleudert ihm einen andalusischen Fluch hinterher, der mit christlicher Nächstenliebe und Vergebung gar nichts zu tun hat und deshalb hier nicht wiederholt werden soll.

Jakobsweg-53Auf dem schattigen Pfad erholen wir uns von diesem Schrecken und wandeln plötzlich durch eine ganze Armee von Steinmännchen. Normalerweise findet man diese von Pilgern errichteten Symbole überwundener Strapazen eher auf Gipfeln, die nach steilen Aufstiegen erreicht wurden. Aber hier mitten in der Ebene? „Da hat offenbar jemand richtig viel Zeit gehabt“, kommentiere ich diese kunstvolle Ansammlung. „Und vielleicht Langeweile“, ergänzt Cayetana. Dann fragt sie ungeduldig: „Können wir nicht mal länger Pause machen? Ich habe das Gefühl, die Luft beginnt zu brennen.“ Inzwischen haben wir vier Uhr nachmittags und die angedrohten 42° erreicht. „Aber Du musst doch Hitze gewohnt sein, Du kommst aus Andalusien, der heißesten Region Europas“, entgegne ich. „Ja, aber da laufe ich zur Siesta nicht durch glühende Straßen, sondern liege auf dem Sofa im schattigen Patio.“

Nicht viel später folgt der Endspurt, der uns durch einen sehr schönen Wanderweg mit Blick auf Ebene und Hügel des Canal de Berdún führt. Wie jeden Tag erscheinen uns die letzten drei Kilometer bis zum Ziel wie eine Ewigkeit und natürlich geht es wieder bergauf. Reichlich erschöpft und schweißüberströmt stolpern wir vom Waldweg mitten hinein in das „Geisterdorf“ Arrés, das heute allerdings sehr lebendig wirkt. Man scheint uns erwartet zu haben. Vor der Pilgerherberge, die den schönen Namen „La Casa de las Sonrisas“ (Das Haus des Lächelns) trägt, sitzt auf einer langen Holzbank ein Dutzend Pilger und blickt uns entgegen. „Buenas tardes“, krächzen wir mit vor Durst heiseren Stimmen.

Jakobsweg-59Bevor wir unsere Stimmen weiter quälen müssen, tritt ein stämmiger Mann mittleren Alters – offenbar der Herbergsvater – hervor und gießt uns einen Willkommenstrunk ein, den er in einem großen Krug bereithält. Es ist wie ein Cocktail für Verdurstende und schmeckt köstlich: eisige und zuckerfreie Zitronen-Minze-Limonade. In dem Wasserkrug schwimmen Eiswürfel, frische Minzblätter und Zitronenstückchen. Ich habe vergessen zu zählen, wie viele Becher wir davon getrunken haben, aber der Krug ist fast leer, als unser Durst gestillt ist. Zufrieden lächelt der Herbergsvater über unser euphorisches Lob seiner Getränke-Kreation (er hat ein Patent darauf angemeldet) und schlägt dann vor: „Jetzt wo ihr wieder bei Stimme seid, können wir uns ja etwas unterhalten – versteht ihr vielleicht ein wenig Spanisch?“ Bevor Cayetana klar stellen kann, dass sie Spanierin ist, platzt es – arroganter als es klingen soll – aus mir heraus: „Ich habe in Spanisch über San Juan de la Cruz promoviert…“ Fast lässt der Herbergsvater den Krug fallen. Er zieht die Augenbrauen hoch und meint dann in die Runde blickend: „Na, dann sprecht ihr wohl besser Spanisch als unsere anderen ausländischen Gäste.“ Die anderen, das sind ein junges Paar aus Holland, Luuk und Mareike, der 20-jährige Engländer Ben und Paulo* (*alle Namen von der Redaktion geändert), ein Brasilianer fortgeschrittenen Alters, kommend aus dem schwarzen Rom Salvador da Bahía. Die Spanier, die mit uns das Dutzend komplettieren, stellen aber doch die Mehrheit: eine Gruppe von Lehrern aus Valencia und zwei ältere Herren aus Barcelona.

Schnell befinden wir uns im Mittelpunkt einer mehrsprachigen Konversation, die natürlich kreist um das Woher und das (bis) Wohin – das Ziel ist zwar klar, aber die wenigsten haben soviel Zeit (Urlaub), um den Camino ganz zu Ende zu gehen. Von allen Seiten schlägt uns große Anerkennung entgegen, als wir von unserer gestrigen Bergetappe nach San Juan de la Peña erzählen. Unter Kennern gilt sie als eine der drei schwierigsten des ganzen Weges (dabei ist sie nicht Teil des „offiziellen“ Jakobsweges, sondern nur ein „Abstecher“). Paulo der Brasilianer tritt lächelnd auf uns zu und ohne ein Wort bindet er gelbe Stoffbänder um unsere Armgelenke – alle anderen hat er schon damit versorgt. Auf dem Band lesen wir „Senhor do Bomfin“. Paulo umarmt uns und murmelt dabei eine Erklärung auf Portugiesisch. Wir verstehen, dass der Christus dieses Namens uns auf dem ganzen Weg beschützen soll und dass wir gute Menschen seien (na hoffentlich hat er da mal recht). Gerade als wir uns mit den Holländern auf Englisch über die wichtigste aller Fragen, das Warum des Camino unterhalten wollen, klatscht der Herbergsvater in die Hände und ruft: „Wir müssen Tische und Stühle aufstellen, das Abendessen ist fertig!“ Es gibt einen riesigen Salat, Nudeln mit Tomaten und Schafskäse und reichlich Rotwein.

Zufrieden blickt der Herbergsvater auf die Tafel und fragt in die Runde: „Bevor alle anfangen zu essen, die große Preisfrage: woran erkennt man Santiago-Pilger (außer an der Jakobsmuschel)?“ Ein paar Sekunden Schweigen. „Naja, daran, dass sie abends todmüde ins Bett fallen“, meint Mareike unter Gelächter. „Daran, dass sie ständig mit leeren Wasserflaschen auf irgendwelche Brunnen zustürzen“, ergänzt Cayetana. „Oder an ihrem entrückten Blick?“, fragt Luuk. „Ja, das im besten Fall auch“, erwidert unser Gastgeber. „Aber ich meine etwas anderes, achtet mal darauf: zumindest im Sommer sind alle Pilger auf der linken Körperhälfte – am besten sieht man es an den Armen und Schultern – braun gebrannter als auf der rechten – weil sie immer nach Westen gehen und die Mittagsonne von Süden etwas mehr auf die linke als auf die rechte Hälfte scheint!“ Alle blicken an sich herab, vergleichen Arme und Beine und müssen lachen: links ist dunkler als rechts, es stimmt tatsächlich!

Dann kommt die Rede auf die ernste Frage nach der Motivation, den Camino zu gehen und Ben, der junge Engländer meint dazu, für ihn sei der Camino wie ein „walking comment“ zur europäischen Bankenkrise. Jetzt meldet sich wieder unser Herbergsvater zu Wort: „Ja in der Tat sollten wir es nicht zulassen, dass jemand Europa nur als ein gescheitertes Wirtschaftsprojekt definiert. Europa ist doch sehr viel mehr als Hin- und Hergeschiebe von Geldern. Und der Camino erinnert uns daran, wie viele Kulturschätze und Naturwunder wir hier in unserem alten Europa auf engstem Raum haben.“

Und seine Frau hebt ihr Glas und ergänzt unter dem Applaus aller: „Lasst uns darauf trinken, dass wir ein Europa der Menschen und nicht ein Europa der Banken haben werden!“

Und genau das wird hier in diesem „Haus des Lächelns“ zelebriert: es kommen Menschen aus den verschiedensten Ländern Europas (und der Welt) zusammen, lernen sich kennen und teilen alles, wussten heute morgen noch nicht, wo sie heute Nacht schlafen können und feiern jetzt ein gemeinsames Abendmahl inmitten der Ruinen eines halb verfallenen Dorfes, das so wieder zu neuem Leben erweckt wird. So ähnlich hatte sich das vor zweitausend Jahren wohl ein charismatischer Prediger gedacht, dessen Worten fast die halbe Welt folgte.

Jakobsweg-67Es ist wie beim Heiligen Abendmahl, eigentlich fehlt nur noch der Wichtigste. „Da kommt Jesus!“, ruft Cayetana plötzlich und blickt zum Waldweg. Tatsächlich sieht der müde Wanderer, der in der Abendsonne auf unsere Tafel zusteuert, so aus, wie wir uns Jesus normalerweise vorstellen: Anfang 30, längere schwarze Haare und kurzer Vollbart, engelhaftes Lächeln. Etwas schüchtern grüßt er in die Runde. Sofort weist ihm der Herbergsvater einen Platz zu. Er ist Italiener und sein Name Pietro. Als er den dringendsten Hunger gestillt hat, wird er gefragt, ob er etwas zum Tischgespräch beitragen wolle. Pietro antwortet in exzellentem Spanisch, dass er kein Freund großer Worte sei. „Nur soviel: Ich wünsche allen, die mit mir an diesem Tisch sitzen, dass für jeden von Euch der sehnlichste Wunsch während oder nach dem Camino in Erfüllung gehen wird.“ Cayetana bekommt leuchtende Augen und belohnt seinen schönen Satz mit einem sehr lauten „¡Olé!“. Danach wird sie ganz rot, weil sich alle zu ihr umdrehen. Der Herbergsvater rettet die Situation, indem er zum Sonnenuntergang bittet. Wir steigen ein paar Meter zum höchsten Punkt von Arrés und kommen fast zu spät. Die Sonne, halb verdeckt von Wolken, verabschiedet sich mit dem Versprechen, morgen mit rekordverdächtiger Intensität zurückzukehren. Zur Abrundung dieses schönen Tages führt man uns in die kleine Dorfkirche, die entzückend ausgestattet ist – mit vielen kleinen Madonnen und Engeln im Stil eines naiven Barocks, der mich an lateinamerikanische Kirchen erinnert.

Nachts im Hochbett ist allerdings Schluss mit Romantik. Denn die Nacht im engen Schlafraum wird erfüllt von einer Schnarch-Sinfonie in Dur, begleitet von einem furiosen Hundekonzert, das von draußen durch die offenen Fenster dringt. Stundenlang versuche ich vergeblich, vor meinem inneren Auge zur Erschießung aufgereihte Hunde zu zählen, und irgendwann schlafe ich doch ein.

 

Tipps und Links:
Warnung:
Auf der gesamten fast 30 Km langen Strecke zwischen Arrés und Ruesta gibt es KEINE Verpflegungsmöglichkeit, d.h. keinen Laden und nur einen Brunnen im Dorf Artieda. Deshalb wird empfohlen, in Arrés und Artieda mindestens je 3 Liter Wasser zu „tanken“ und Trockenfrüchte wie z.B. Mandeln mitzunehmen. Der Abschnitt zwischen Artieda und Ruesta ist der einsamste des Camino Aragonés. Wer hier an einem heißen Sommertag kein Wasser mehr hat, kann in ernste Lebensgefahr geraten.

Etappe Santa Cruz de la Serós bis Arrés: knapp 18 Km

Pilgerherberge in Arrés:
Sehr freundlicher Empfang und schöne Atmosphäre, es gibt keinen Preis, aber man sollte etwas spenden, zumal das Abendessen, das die Herbergsbetreuer kochen, von Spenden der Pilger finanziert wird. Gemeinsames Abendessen und gemeinsames „Sonnenuntergangs-Gebet“ auf dem Hügel neben der entzückend geschmückten Dorfkirche, die man anschließend besichtigen kann. Tel. 974-3773074