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Auf dem Jakobsweg mit Don Carmelo und Cayetana (28)

Achtundzwanzigstes Etappe: Finsterer Hexenwald und dunkler Tempelritter

Etappe von Ventas de Narón über Melide bis Castañeda: 36 Kilometer
Etappe von Castañeda bis Arca do Pino: 25 Kilometer

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29. Juni 2013. Heute schaffen wir es, um Punkt 6 Uhr die Herberge in Ventas de Narón zu verlassen und müssen die ersten Schritte über galizische Feldwege noch im Dunkeln gehen. Aber dann werden wir belohnt mit dem schönsten Sonnenaufgang des ganzen Camino. Wie ein Feuerball durchdringt die Sonne den dichten, finsteren Wald. Fächerförmig breiten ihre immer helleren Strahlen sich aus und erleuchten die Nebelschleier Galiziens, lassen die grünen Täler und bewaldeten Hügel zuerst nur schemenhaft, dann immer klarer erscheinen.

Ein munteres Konzert aus Vogelgesang und vereinzeltem Hundegebell begleitet den Sonnenaufgang. Heute wirkt meine junge Begleiterin Cayetana deutlich weniger morgenmuffelig als sonst und marschiert beschwingten Schrittes, vom goldenen Morgenlicht getragen durch Alleen von hundertjährigen Eichen und über Feldwege vorbei an moosbewachsenen Granitmauern.

Kurz vor Ligonde müssen wir an einem isoliert stehenden Bauernhof vorbei. Schon von weitem hören wir heftiges Gekläffe. Und dann sehen wir mit wachsender Angst, wie ein wolfsähnlicher, riesiger Schäferhund über ein Gartentor springt und einen Pilger, der nur 50 Meter vor uns marschiert, nicht nur anbellt, sondern laut knurrend bedrängt. Cayetana bleibt abrupt stehen, will keinen Meter weiter gehen. Der schockierte Pilgerkollege vor uns redet mit zittriger Stimme auf das lauernde Ungetüm ein, in der Hoffnung, ohne Biss davon zu kommen. Langsam geht er rückwärts gewandt weiter, den Rucksack wie einen Schutzschild vor sich haltend. Der Wolfshund folgt ihm wild bellend, schnappt einmal sogar kurz zu und beißt in den Rucksack. Irgendwann – es kommt uns wie eine halbe Ewigkeit vor – lässt der Hund von seinem Beinahe-Opfer ab und legt sich vor das Gartentor. „An dem kommt keiner vorbei…“, flüstert Cayetana ängstlich neben mir. Minutenlang bleiben wir stehen und überlegen, was zu tun ist, während ein Paar gelbliche Augen uns abwartend anstarrt. Der Morgen ist plötzlich gespenstisch still. Von hinten nähern sich Schritte. „What`s the matter? A dog?“ Wir kennen die Fragestellerin. Es ist unsere schottische Berufspilgerin Maggie. Furchtlos geht sie weiter, blickt zurück und fordert uns auf, sich ihr anzuschließen. Zögernd folgen wir in ihrem Windschatten.

Und dann geschieht das Unglaubliche: der Wolfshund blickt beunruhigt, fast ängstlich auf Maggie und anstatt zu bellen oder zu knurren, fängt er leise an zu winseln, zieht sich etwas zurück und presst seinen massigen Körper an den Zaun. Ohne die Bestie eines Blickes zu würdigen, stolziert Maggie mit wehendem rotem Haar vorbei – und wir trippeln schnell hinter ihr her, bevor der Hund es sich anders überlegt. Alles geht gut und wir sind mehr als erleichtert, aber Cayetana flüstert mir zu: „Ich glaub, sie ist eine Hexe…“, bevor wir uns laut bei unserer Retterin bedanken. Maggie grinst. „Wisst ihr, ich kenne diesen Köter seit ein paar Jahren. Als ich das erste Mal hier vorbei wollte, ging es mir wie euch.“ Zum Dank laden wir Maggie in Palas de Rei zu Kaffee und Santiago-Torte ein. Allerdings hatte Cayetana aufgrund des Ortsnamens (Königspalast) etwas viel Spektakuläreres erwartet und ist zwangsläufig von diesem „furchtbaren Betonkaff“ sehr enttäuscht. Maggie verabschiedet sich, sie ist erschreckend fit und man sieht ihrer Gangart an, dass sie auf Wegen wie diesen schon Jahre lang zu Hause ist. Sie verschwindet wie Rotkäppchen pfeifend im finsteren Wald.

Wir folgen in gemütlichem Tempo und als der Wald sich lichtet, kommen wir vorbei an zahlreichen Bauernhöfen mit den typischen Kornspeichern auf Stelzen und üppigen Kuhweiden. Die Siedlungen und Kuhdörfer, durch die der Camino in Galizien führt, sind unspektakulär. Dafür entschädigt die Schönheit der Landschaft mit tausend Grüntönen, uralten Eichen und dichten Wäldern voller Geheimnisse.

Kurz hinter der romanischen Kirche von Mélide beginnt ein besonders düsterer Waldweg. Es dringt kaum Sonnenlicht durch das Dickicht aus Eichen, Eukalyptusbäumen und Farnen und plötzlich sind wir ganz allein in diesem dunkelgrünen Labyrinth. Merkwürdige Geräusche aus dem Dämmerdunkel ringsumher lassen uns die Schritte beschleunigen. Cayetana behauptet sogar, ein merkwürdiges Kichern aus dem Dickicht zu hören und fragt mich dann, ob ich an Hexen glaube. „Natürlich nicht!“, antworte ich entrüstet.

In diesem Moment wird es ganz dunkel im Wald, es müssen sich Wolken vor die Sonne geschoben haben. Langsam stolpern wir weiter über den matschigen Waldboden. „Es riecht verbrannt…irgendwo brennt hier was“, raunt Cayetana. Wir gehen noch schneller. Eine Flucht vor einem Waldbrand ist eine Erfahrung, auf die wir gern verzichten würden. Jetzt höre auch ich das Kichern, es klingt leicht hysterisch und geistert als Echo durch den finsteren Wald. Und dann kommt die Urheberin der seltsamen Laute geradewegs auf uns zu. Eine bizarre Erscheinung. Gestützt auf einen Stock, gehüllt in ein hellrotes Gewand aus glänzendem Stoff, das aber stark verschmutzt ist, trippelt eine alte Frau auf uns zu. Ihr faltenreiches Gesicht wird umrahmt von wirrem, grauweißem Haar. Auf dem Kopf trägt sie einen schief hängenden schwarzen Schleier. Als sie dicht vor uns ist, blinzelt sie uns böse an und lässt wieder dieses unheimliche Kichern ertönen. Wir weichen zur Seite, Cayetana krallt sich in meinen Arm und flüstert in Panik: „Das ist eine Hexe…“ Die Alte geht vorbei, dreht sich nochmal zu uns um und krächzt völlig unerwartet: „Was wollt ihr alle hier? Santiago ist ein Hurensohn!“ Dann folgt ein heiseres Lachen, das ringsherum als Echo widerhallt. Im nächsten Moment ist die Hexe verschwunden, als hätte sie jemand hinweg gebeamt. „Das glaubt uns kein Mensch…“, meint Cayetana mit zitternder Stimme. Im Laufschritt stürzen wir dem Waldrand entgegen, wo die Sonne wieder scheint und sind erleichtert, das Dorf Castañeda zu erreichen. Hier setzen wir uns auf die Terrasse der Pilgerherberge und trinken zur Beruhigung einen eiskalten Wein von der Ribeira Sacra.

Am Tisch neben uns wirft sich ein junger Mann Mitte Zwanzig in den Stuhl, der sofort Cayetanas geballte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Athletisch und tiefbraun gebrannt, Vier-Tage-Bart und statt der üblichen Baseball-Kappe ein Piraten-Kopftuch als Sonnenschutz. Als er seine Sonnenbrille auszieht, blickt man in ein Paar fast schwarze Zigeuneraugen. Cayetana wird den ganzen Abend damit beschäftigt sein, ihn gierig anzustarren. Der Pilger-Pirat stellt sich vor als „Benny aus Belgien“ und beichtet uns, dass er „ein schwerer Junge“ sei. Er komme gerade aus dem Jugendknast und man habe vor ein paar Wochen den Rest seiner Strafe zur Bewährung ausgesetzt – unter der Bedingung, dass er den Jakobsweg gehen müsse. Damit hat man offenbar in Belgien eine schöne mittelalterliche Tradition wieder aufleben lassen, nämlich Kriminelle zur Besserung auf den Camino zu schicken, und ihm selbst einen großen Gefallen getan. „Das hier – ich meine der ganze Weg – ist das Beste, was mir seit langem passiert ist“, erklärt uns Benny. Unser Abendessen wird fast kalt, so interessant ist das Gespräch mit dem belgischen Piraten. Wir erfahren, dass er wegen mittelschwerer Körperverletzung ins Gefängnis musste, weil er „ein paar Leute verprügelt habe.“ Er gibt zu, in seinem Leben bisher wenig auf die Reihe bekommen zu haben. Und alles sei noch schlimmer geworden, als seine Freundin und Mutter seines Sohnes ihn vor einem Jahr verlassen habe und sein Kind vor einem halben Jahr gestorben sei. Traurig starrt er nach Westen in die untergehende Sonne und ohne uns dabei anzublicken, sagt er mit leiser Stimme, dass er die Asche seines kleinen Sohnes mit sich führe und sie am Kap Finisterre, am „Ende der Welt“, ins Meer streuen wolle. „Krass!“, entfährt es Cayetana und auch ich bin schockiert. Es ist schon heftig, von welchen Schicksalsschlägen manche Pilgerkollegen dazu getrieben werden, diesen Weg zu gehen. Und man muss sich fragen, ob der Weg all die riesigen Hoffnungen erfüllen kann, die in ihn gesetzt werden.

Benny greift sein Weinglas, schlägt mit der Faust auf den Tisch und meint: „Vergessen wir jetzt die Vergangenheit! Freuen wir uns darauf, dass wir übermorgen endlich ankommen. Und trinken wir darauf, dass das Jahr nach dem Camino ein glückliches für uns wird!“ Um diesen besonderen Moment zu feiern, bestellen wir das Beste, was der Herbergsvater zu bieten hat – ich habe im Regal der Bar eine Flasche Cardenal Mendoza entdeckt. Nach dem Preis gefragt, entgegnet uns der freundliche Wirt grinsend, dass dieser Cognac gar nicht auf der Karte stehen würde, er hätte ihn nur hier, um ihn ab und zu mit Freunden zu trinken, deshalb wolle er uns ein Gläschen schenken. Cayetana und ich trinken „Bruderschaft“ mit Benny – wobei sie ihn danach mehr auf den Mund als auf die Wange küsst. Zum Glück übernachtet Benny im anderen Schlafsaal und ich muss meine Begleiterin von ihm losreißen. Durch die lange sexuelle Enthaltsamkeit während des ganzen Pilgerweges scheint sich bei ihr heftig was aufgestaut zu haben, da droht den braven Galiziern nach Cayetanas Ankunft in Santiago ein Vulkanausbruch…

30. Juni 2013: Um 7 Uhr – die Sonne ist schon aufgegangen – brechen wir ohne Frühstück auf von Castañeda. Nur noch knapp 47 Kilometer bis Santiago! Benny, unser neuer Bruder, ist zur großen Enttäuschung Cayetanas offenbar schon längst auf dem Weg. Wir werden ihn den ganzen Tag lang nicht einholen können, er scheint joggend unterwegs zu sein. Nach acht Kilometern gibt es in Arzúa endlich den dringend ersehnten Bankautomaten (wir hatten zusammen nur noch drei Euro) und danach ein üppiges Frühstück. Bei schönstem Wetter wandern wir durch die hügelige Bilderbuchlandschaft Galiziens und wundern uns, dass hier seit fünf Tagen in dieser regenreichsten Region Spaniens immer noch kein einziger Regentropfen gefallen ist. Cayetana lässt den Blick über die Wiesen und Wälder schweifen und meint, so langsam sei sie den Anblick dieser ewigen Kuhdörfer etwas leid.

Am frühen Abend in Arca do Pino treffen wir Benny wieder. Er sitzt mit Sonnenbrille und Piratentuch in einem Straßencafé, schmökert in „Game of Thrones“ und zieht wieder alle Blicke auf sich. Wir umarmen uns zu dritt als würden wir uns schon eine Ewigkeit kennen. Benny legt das Buch weg und erzählt uns, dass seine Mutter den Camino schon zweimal gegangen sei und ihn dazu ermutigt habe, sich darauf einzulassen und das Angebot des Bewährungshelfers anzunehmen. Und jetzt ist er begeistert und – ganz ähnlich wie bei uns – haben das Keltendorf O Cebreiro und die Templerkirchen von Eunate und Torres del Río den tiefsten Eindruck bei ihm hinterlassen. Und dann überrascht Benny uns mit seiner Sicht der Templer: „Die Tempelritter waren echt cool…zuerst haben sie nur um Jerusalem gekämpft, aber dann haben viele von ihnen Freundschaft mit den muslimischen Feinden geschlossen und haben neue Ideen und viel Gutes aus dem Heiligen Land nach Europa gebracht. Deshalb hab ich mich entschlossen, mir auf den Rücken, wo noch Platz ist, einen kompletten Tempelritter tätowieren zu lassen. Bisher ist da ja (er zeigt auf sein linkes Schulterblatt) nur ein einsames Engelchen zu sehen, das dringend von einem starken Ritter beschützt werden sollte…“, wie er lächelnd erklärt. Kurz vor Mitternacht sinken wir übermüdet in unsere Schlafsäcke, nicht ohne vorher vereinbart zu haben, dass derjenige, der morgen als erster die Kathedrale von Santiago sieht, einen Wunsch frei hat.

In dieser Nacht träumt Cayetana, dass sie bei Dämmerung allein durch einen düsteren Wald gehen muss und plötzlich ein riesiger Wolfshund zähnefletschend vor ihr steht. Da erscheint die dunkle Gestalt von Benny neben ihr, bewaffnet mit Helm, Lanze und dem großen Schild der Tempelritter und ansonsten völlig nackt. Die Bestie zieht sich knurrend zurück und verschwindet im Dickicht. Der Tempelritter lässt den Schild fallen, Cayetana umarmt ihn stürmisch und es folgt ein Kuss, der die ganze Nacht andauert.
Tipps und Links:
Etappe von Ventas de Narón über Melide bis Castañeda: 36 Kilometer
Etappe von Castañeda bis Arca do Pino: 25 Kilometer

Unterkunft und Verpflegung:
Übernachtung in Castañeda: Private Pilgerherberge „Santiago“, Tel. 981-501711, Waschmaschine, Trockner, Internet, gutes Restaurant (s.u.), kleine und familiäre Herberge (telefonische Reservierung empfohlen, da nur wenige Betten), freundliche Aufnahme, auch Zweibettzimmer gegen höheren Preis, normale Übernachtung 10 Euro.

Verpflegung in Castañeda: Bar/Restaurant „Santiago“: sehr großzügiges Pilgermenü mit riesigen Portionen (3 Gänge inkl. Wein für 10 Euro: Riesen-Salat, Thunfisch-Tortilla, Cebreiro-Käse mit Quittengelee oder Honig)

Übernachtung in Pedrouzo/Arca do Pino: Private Pilgerherberge „Edreira“, Rúa da Fonte (südlich unterhalb des Ortskerns), Tel. 981-511365, geöffnet bis 23 Uhr, modernes Gebäude mit Waschmaschine, Trockner, Internet, Terrasse. Übernachtung 12 Euro. www.albergue-edreira.com

Verpflegung in Pedrouzo/Arca do Pino: ein halbes Dutzend Bars/Restaurants am Ortseingang links an der Hauptstraße (Camino): sehr ähnliche Angebote vom üblichen Pulpo in diversesten Zubereitungen bis zu Muschelsuppe. Bei großem (Pilger-)Ansturm bei schönem Wetter und Wochenende sind die Kellnerinnen hier etwas überfordert: lange Wartezeiten, falscher und 20 Grad warmer Weißwein sind leider die Folgen.

Kirchen:
Mélide: Kirche Santa María, schon außerhalb hinter dem Ort am Camino, romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert

Arzúa: Magdalena-Kapelle (gotisch, 14. Jahrhundert)

Arca do Pino: Iglesia de la Concha – Kirche, deren Chor innen aus einer riesigen Jakobsmuschel besteht.