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Auf dem Jakobsweg mit Don Carmelo und Cayetana (26)

Sechsundzwanzigste Etappe: O Cebreiro - Druidendorf und Traumpfad über dem Nebelmeer

Etappe von La Faba über O Cebreiro nach Triacastela: 26,5 Kilometer

Am 26. Juni 2013. Nach einer kurzen aber gottlob schlafintensiven Nacht gelingt uns wie gestern ein früher Aufbruch – und das wird auch nötig sein. Um 6 Uhr verlassen wir die Pilgerherberge von La Faba und treten den bei vielen Santiago-Pilgern gefürchteten Aufstieg nach O Cebreiro an. Der heutige Tag wird uns endlich nach Galizien und zu seinen grünen Wäldern führen, aber auch auf einer Wegstrecke von 26 Kilometern die drei letzten heftigen Aufstiege bereit halten. Es wird also einer der anstrengendsten Tage des gesamten Jakobsweges – aber vielleicht auch der schönste.

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Zunächst wirkt alles wie eine Kopie des gestrigen Tagesanfangs. Idyllische Umgebung bei Dämmerlicht kurz vor Sonnenaufgang, ein grauenhaft steiler Aufstieg, Cayetanas übliche Morgenklage.

Eigentlich wollten wir zum Sonnenaufgang schon oben im magischen Museumsdorf O Cebreiro sein. Immerhin schaffen wir es, noch vor dem ersten Sonnenstrahl die Landesgrenze nach Galizien zu überqueren. Der Grenzstein, der die Pilger in Galizien willkommen heißt, präsentiert sich als Granitblock mit rotem Santiago-Kreuz und leider auch mit zahlreichen aggressiven Graffiti, hinterlassen von Pilgern, die sich selbst zu wichtig genommen haben. Eilig stolpern wir weiter bergauf.

Als die Sonne aufgeht, stehen wir noch nicht auf dem Gipfel des Bergpasses von Cebreiro, sondern – vor einem Misthaufen neben einem Kuhstall. Die ersten Sonnenstrahlen begleiten uns auf dem keuchenden Endspurt zum 1306 Meter hohen Pass von O Cebreiro. Ziemlich außer Atem stehen wir vor dem düsteren Gipfelkreuz aus Granit und frieren. Hier oben weht selbst im Hochsommer am frühen Morgen ein eiskalter Wind. Da wir beim Aufstieg sehr ins Schwitzen gekommen sind, reagieren wir besonders empfindlich auf die plötzliche Kälte und vermögen kaum zu verweilen, um die Aussicht zu genießen. „Bloß raus aus diesem Sturm!“, brüllt Cayetana mir ins Ohr. „Und wo ist nun endlich das geheimnisvolle Druidendorf, das du mir versprochen hast?“ Direkt hinter uns, schemenhaft verhüllt von Nebelschwaden, die sie langsam freigeben, erscheinen die meist rund gemauerten Steinhäuser von O Cebreiro mir ihren pyramidenförmigen Strohdächern.

Auf dem schnellsten Weg steuern wir die einzige Bar an, die schon um 7 Uhr geöffnet hat. Und die wird gerade gestürmt von Pilgern, die alle aus Sturm und Nebel hinein flüchten. Dazu kommen die etwa hundert Pilger, die hier in diesem Museumsdorf übernachtet haben. Zwei tapfere Thekenkräfte und eine einsame Kaffeemaschine sind damit verständlicher Weise überfordert. Eine Alternative gibt es nicht, denn ohne heißen Kaffee und mit nüchternem Magen zurück in den Sturm kommt nicht in Frage. Kurz gesagt: wir warten fast eine halbe Stunde, bis wir endlich zwei Tassen Milchkaffee und Tarta de Santiago vor uns stehen haben.

Nach dem Frühstück erkunden wir das „Druidendorf“. Die Nebel sind weitgehend verschwunden und der Wind hat deutlich nachgelassen. Die charakteristischen strohgedeckten Rundhäuser von O Cebreiro sind keltischen Ursprungs, aber heute ist jedes Haus in diesem Freilichtmuseum entweder Pilgerherberge oder Souvenirladen. Außer dem Haus Gottes, das alle überragt. Wir stehen vor den burgartigen Mauern der ältesten Kirche des ganzen Jakobswegs, die hier am Eingangstor nach Galizien in einem Ausläufer des Kantabrischen Gebirges seit fast 1200 Jahren Stürmen, Nebel und im Winter oft meterhohem Schnee trotzt.

Als wir in diesen vorromanischen, fast schmucklosen Tempel eintreten, fühlen wir uns beide in der mystischen Atmosphäre an die Templer-Kapelle von Eunate erinnert. Hier in Santa María la Real hat sich Ende des 12. Jahrhunderts ein Wunder ereignet. In einer eiskalten Winternacht erklomm ein armer Bauer den steilen Pfad zur Kirche, um an der Abendmesse teilzunehmen. Der faule Priester hatte wenig Lust, für einen Einzelnen die Messe zu zelebrieren und fragte den Gläubigen, warum er bei solchem Unwetter herauf gestiegen sei, nur um etwas Brot und Wein zu sehen. In diesem Moment verwandelten sich Hostien und Wein auf dem Altar in Fleisch und Blut. In der rechten Seitenkapelle der Kirche wird der Gralskelch dieses Wunders aufbewahrt und darüber wacht die Virgen del Milagro mit neugierigem Gesichtsausdruck. Im linken Seitenschiff steht einsam eine Statue des heiligen Franziskus, der von vielen brennenden Wünschen umgeben ist – Kerzenflammen, von Pilgern entzündet, die an diesem geheimnisvollen Ort um etwas bitten. Auch Cayetana nimmt jetzt eine Kerze und lässt sie an einer anderen entflammen. Dann kniet sie sich tatsächlich hin (das hat sie seit Eunate nicht mehr getan…), blickt der Statue ins Gesicht und verharrt eine halbe Ewigkeit leise flüsternd, kaum die Lippen bewegend. Neugierig frage ich Cayetana beim Hinausgehen, wofür sie denn vor der Franziskus-Statue so erstaunlich lange gebetet habe. Ihre Antwort kommt prompt und würde manchen Kirchenmann erbleichen lassen: „Für Papst Franziskus – damit Gott ihn beschützt und dafür sorgt, dass er die Giftanschläge des Opus Dei und der Vatikan-Mafia überlebt!“

Es fällt uns schwer, uns von dem „Druidendorf“ O Cebreiro zu verabschieden. Es ist zwar ein sehr touristischer, aber auch einzigartiger Ort. Ein unsichtbares Magnetfeld scheint uns hier zurück zu halten. Cayetana (sie ist heute beängstigend nachdenklich) verweilt schweigend vor einem Schaufenster, in dem hunderte von magischen Amuletten mit keltischen Mustern präsentiert werden. Endlich wählt sie eins aus. Sie hängt es sich um und betrachtet fasziniert die kunstvoll verschlungenen Linien auf dem himmelblauen Kreis. Ihr Gesichtsausdruck wirkt merkwürdig abwesend, wie unter Hypnose und als ich endlich wage, sie aus ihrer Trance zu wecken und zu fragen, ob der Verkäufer ihr die Bedeutung des Amuletts erklärt habe, antwortet sie stolz und entschieden: „Diese kreisförmige Verknotung von drei unendlichen Linien ist das Zeichen für den Wunsch nach Perfektion!“ Nachdem ich meine Sprachlosigkeit runter geschluckt habe, kann ich mein Erstaunen nur noch hinter leisem Spott verbergen: „Also ne Nummer kleiner haben wir`s heute wohl nicht?“

Unmittelbar hinter dem Ortsausgang von O Cebreiro führt der Weg kurz steil bergan und gibt dann den Blick frei auf grüne Unendlichkeit. Schon die Aussicht zurück nach Südosten war atemberaubend. Aber das Panorama, das sich nun plötzlich Richtung Nordwesten unter uns ausbreitet, ist ein Schock der Schönheit. Es ist, als ob die Welt uns wie am ersten Schöpfungstag zu Füßen liege. Noch unberührt, langsam auftauchend aus einem Nebelmeer, von Licht überflutete, paradiesisch grüne Hügel treiben wie schwimmende Inseln rund um den blaugelben Wegweiser mit den zwölf Sternen. Lautes Schluchzen an meiner Seite reißt mich aus meiner Landschaftsmeditation. Tränenüberströmt starrt Cayetana neben mir in die Tiefe. „Aber was hast Du denn jetzt plötzlich, um Himmels willen?“, frage ich sie. Sie greift nach ihrem neuem Talisman. Es vergeht eine lange Minute, bevor sie antworten kann: „Die Welt da unten …ist so krass schön. Das…sieht von hier aus, als ob wir über der Erde schwebten – wie Engel.“ Meine Weggefährtin erstaunt mich immer wieder. Zuerst wäre sie Mitte Juni beinahe zu einem weiteren Dolce Vita Urlaub nach Ibiza geflogen, bevor sie last minute stornierte und sich plötzlich entschloss, mich doch die zweite Hälfte des Weges ab Burgos zu begleiten. Und jetzt steht sie hier über dem Abgrund, heult sich die Seele aus dem Leib und weiß nicht mal warum – offenbar nach Eunate ihre zweite mystische Ekstase.

Nach diesem Höhepunkt folgt ein Marsch, der uns trotz anstrengender Abschnitte erscheint wie Traumwandeln durch eine waldreiche Bilderbuchlandschaft. Der Anstieg zum Alto de San Roque ist kaum der Rede wert, so beschwingt geht es bei bestem Wetter mit Sonne und 28° Grad vorwärts. Bis wir vor der dritten und letzten Bergetappe des heutigen Tages stehen, die uns auf den Alto de Poio führen wird (1337 Meter). Auf dem Gipfel lockt schon die Reklametafel der Bar mit „Tostadas und Raciones“ – sehr werbewirksam, weil man diese Reklame beim ganzen Aufstieg im Blick hat. Während wir den Hügel hinauf keuchen, verspreche ich Cayetana, dass dies definitiv die letzte steile Bergetappe unserer Pilgerreise ist. „Das sagst du immer – aber garantiert geht es nach der nächsten Kurve schon wieder steil bergauf!“, kommentiert meine Begleiterin ungläubig.

Es folgt ein langer Abstieg über Feldwege, vorbei an friedlich grasenden Kühen und zufriedenen Ziegen. Im Dörfchen Ramil erwartet uns ein Naturmonument: einer der ältesten Kastanienbäume Spaniens. Sein genaues Alter ist schwer zu schätzen, aber der bizarr verknotete Stamm wirkt wie ein expressionistisches Kunstwerk.

Endlich erreichen wir zur Zeit der Siesta unser Tagesziel Triacastela. Die ersten beiden Pilgerherbergen sind schon voll, wir quartieren uns in der dritten ein und halten eine kurze Siesta, nachdem wir vereinbart haben, zusammen die Pilgermesse im Ort zu besuchen. Als wir uns um 19 Uhr der Kirche von Triacastela nähern, kommen uns die Pilgerkollegen in Scharen entgegen: die Pilgermesse war um eine Stunde vorverlegt worden! Cayetana ist nicht unfroh darüber, denn sie hatte Angst davor, übersetzen zu müssen wie gestern in La Faba. Wir begeben uns zurück zur Pilgerherberge, setzen uns auf die Terrasse und lassen den gefühlsintensiven Tag mit Blick auf die ultragrüne galizische Landschaft ringsumher ausklingen. Und auf den letzten fünf Tagesetappen bis Santiago werden wir monumentale Kirchen kaum vermissen, denn eines wird uns klar werden: die eigentliche Kathedrale von Galizien ist der Wald.

Tipps und Links:
Etappe von La Faba über O Cebreiro nach Triacastela: 26,5 Kilometer

www.redalberguessantiago.com

Unterkunft und Verpflegung:
Übernachtung / Verpflegung in Triacastela: Private Pilgerherberge „Berce do Caminho“, Rúa Camilo José Cela 11 Tel. 982-548127 Küche, Waschmaschine, Internet, Getränkeautomaten, Aufenthaltsraum mit TV, große Terrasse. Freundliche Aufnahme, keine Sperrstunde. Übernachtung 8 Euro.

Verpflegung in Fonfría: Bar / Restaurant „Casa Lucas“: Pilgermenü (3 Gänge inkl. Wein): 10 – 12 Euro (z.B. Linseneintopf, Fischfrikadellen, Cebreiro-Käse). Sehr empfehlenswert, sehr freundliche Bedienung und das Essen köstlich und großzügig

Verpflegung in Triacastela: Restaurant „Complexo Xacobeo“ (auch Pilgerherberge): Pilgermenü (3 Gänge inkl. Wein): 10 Euro, sehr gut. Hier haben wir uns statt dem Menü-Wein eine Flasche „Rectoral de Amandis“ (Mencía-Rotwein der D.O. Ribeira Sacra, Galizien) gegönnt (8 Euro war für diesen großartigen Wein ein Spottpreis). www.complexoxacobeo.com

Souvenirs: im „Druiden-Museumsdorf“ O Cebreiro ist jedes der höchstens ein Dutzend Häuser entweder Bar / Herberge oder Souvenirladen. Der beste Souvenirladen ist: „Grialia“: große Auswahl hat dieser nach dem heiligen Gral benannte Laden, freundliche Bedienung trotz großen Andrangs, enorme Auswahl an „mystischen“ Amuletten mit Bedeutungserklärung und Schmuck. E-mail: grialart@gmail.com

Kirchen:
O Cebreiro: Kirche „Santa María la Real“: gilt als die älteste Kirche des ganzen Jakobswegs, erbaut im 9. Jahrhundert (!), z. T. vorromanisch, einfach und erhaben, mystische Atmosphäre. Im rechten Seitenschiff die „Jungfrau des Wunders“ (Virgen del Milagro) und der Kelch des Wunders, im linken die Franziskus-Statue.

Kirche Santiago in Triacastela: gotische Pfarrkirche mit romanischer Apsis und barockem Turm.