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Auf dem Jakobsweg mit Don Carmelo und Cayetana (25)

Fünfundzwanzigste Etappe: Ein harter Aufstieg, ein vergeblicher Calderón-Monolog

Etappe von Villafranca nach La Faba: 24 Kilometer

Am 25. Juni 2013. Heute schaffen wir es, sehr früh aufzubrechen, halb sechs, der Vollmond steht noch am Himmel über dem Tal von Villafranca del Bierzo, als wir die ersten Schritte bergauf Richtung Westen machen. Für die erste Hälfte der heutigen Etappe nach La Faba gibt es zwei Varianten: entweder auf einem Fußgängerpfad knapp zehn Kilometer immer entlang der autobahnartigen Nationalstraße 6 (bequem und furchtbar) oder elf Kilometer „Camino Duro“ (teils extrem steil bergauf, das totale Gegenteil von bequem, dafür aber ultra-romantisch).

 

Gestern Abend haben wir unsere Gastgeber in der Pilgerherberge von Villafranca gefragt, welchen der beiden Wege sie uns empfehlen würden.

Eigentlich entscheiden wir uns ja immer für Romantik, aber die abschreckenden Beschreibungen des Schwierigkeitsgrads der zweiten Variante hatten uns verunsichert. Das Ergebnis unserer Befragung war verblüffend. Während das Mädel uns eher zur bequemen Autobahn-Variante riet, blickte ihr Partner uns prüfend an und meinte dann: „Ihr schafft das, wählt lieber die harte Tour…“

Und die liegt jetzt vor uns im Dämmerlicht. „Das ist doch kein Weg, das ist ne Kletterwand – ohne Griffe!“, entfährt es meiner noch etwas verschlafenen Begleiterin Cayetana beim Anblick des Bergpfades, der hinter den letzten Häusern von Villafranca so steil empor steigt wie kein anderer Wegabschnitt bisher. Es ist jetzt 6 Uhr und der Sonnenaufgang kündigt sich an. Da kommen uns von oben zwei Pilgerinnen mittleren Alters entgegen gerutscht, eine von ihnen mit Tränen der Wut und Enttäuschung, die andere murmelt im Vorbeistolpern irgendwas von „unmöglich“. Wir blicken uns an, zweifelnd, doch dann geben wir uns einen Ruck. Mit Rucksack auf dem Rücken kann man diesen Anstieg definitiv nicht aufrecht gehend schaffen.

Wir ziehen uns die ersten Meter an den Zaunpfählen hoch, die links am Wegesrand stehen, als wären sie ein Klettergerüst. Dann krabbeln wir auf allen Vieren den steinigen Pfad empor, rutschen dabei öfter mal einen Meter zurück. „Gottseidank sieht uns hier keiner, das muss total bescheuert aussehen“, keucht Cayetana neben mir. Innerhalb von anderthalb Kilometern steigt man hier von 500 auf fast 900 Höhenmeter. Die „Krabbelstrecke“ kommt uns endlos vor. Doch plötzlich sind wir oben, in Schweiß gebadet, außer Atem und stolz, diesen heftigsten aller Camino-Aufstiege bewältigt zu haben. Hier auf dem Bergrücken steigt der Weg zwar noch weiter leicht an, aber das kommt uns nun wie ein Spaziergang vor. Im Licht der aufgehenden Sonne, die den kurz zuvor noch dominierenden Vollmond verdrängt, bieten sich uns grandiose Ausblicke nach Süden, zurück auf das dreiecksförmige Tal von Villafranca, und nach Westen. Tief unter uns im Abgrund die Tunnel der autobahnähnlichen Nationalstraße. Wir blicken uns an und sind heilfroh, dass wir den Weg da unten nicht gewählt haben. Dort wären im Minutentakt dröhnende Lastwagen dicht an uns vorbei gesaust.

Hier oben gibt es nur Vogelgezwitscher und taumelnde Schmetterlinge. Und als es beginnt, heiß zu werden, bietet uns wie bestellt ein schöner Wald aus hoch gewachsenen Esskastanien Schatten und Kühle. In diesem Märchenwald treffen wir auf Catherine und Magdalene, zwei Pilgerinnen aus Irland, die mit enormem Tempo marschieren, und auf Gabriel aus Valencia, der gemütlicher unterwegs ist. Trotz des ungleichen Schritt-Tempos formen wir zu fünft eine kurze Schicksalsgemeinschaft. An einer Weggabelung zeigen plötzlich gelbe Pfeile in beide Richtungen. Ratlos diskutieren wir, welche nun die richtige sei. Schließlich spricht alles dafür, dass es der Pfad Richtung Nordwesten sei muss. Mit dem anderen Pfeil will irgendjemand die Pilger nordöstlich zu seiner Bar nach Pradela locken. Und ein paar werden sicher über diesen Umweg in seine Falle laufen. Leider ist solche Irreführung von Pilgern aus niederen kommerziellen Motiven inzwischen kein Einzelfall. So ein gelber Pfeil ist schnell auf einen Stein gepinselt und zeigt dann manchmal in Richtung einer Gaststätte, die weitab des offiziellen Weges liegt.

Jetzt müssen wir uns auf den steilen Abstieg durch loses Geröll konzentrieren. Catherine rutscht mutig als erste voran abwärts und ruft mahnend zu Gabriel, der als letzter unsere Fünferkette beschließt: „Wenn ich falle, ist nicht so schlimm. Aber Gabriel muss aufpassen: wenn er stürzt, fallen wir alle wie Dominosteine in den Abgrund!“ Gabriel wirkt sichtlich gestresst aufgrund dieser auf ihm lastenden Verantwortung. Aber alles geht gut, ganz ohne Domino-Effekt, obwohl wir den gerölligen Pfad mehr runter rutschen als gehen. Unten in Trabadelo belohnen wir uns im Café der Pilgerherberge mit großzügigen Stücken „Tarta de Santiago“, einer köstlichen Mandeltorte, die man in den USA im Regal für „energy food“ einsortieren würde. Danach wandern wir mit gebremstem Tempo durch ein idyllisches, sehr waldreiches Tal, vorbei an zahlreichen Kühen und Kapellen.

Während des Aufstiegs zum heutigen Ziel La Faba erzähle ich Cayetana, dass man in der von Schwaben betriebenen Pilgerherberge von La Faba gratis übernachten darf, wenn man fehlerfrei ein Gedicht eines schwäbischen Dichters rezitieren kann. Da ich aber nun mal spanische Literatur studiert habe, will ich die schwäbischen Herbergsväter mit einem Werk des großen Calderón de la Barca überraschen: dem berühmtesten Theater-Monolog der spanischen Literaturgeschichte, dem Kerker-Monolog des Prinzen Segismundo aus „Das Leben ist ein Traum“ (La Vida es Sueño; uraufgeführt im Jahr 1635). Cayetana ist begeistert von der Idee und so spreche ich ihr die Verse des Monologs ein paar Mal vor, allerdings immer keuchender, denn der düstere Waldweg ist sehr steil und zudem rutschig und voller Pferdeäpfel, erfordert also „högschde“ Konzentration.

Endlich stehen wir dreckig und verschwitzt vor dem schwäbischen Empfangskomitee, das ankommenden Pilgern die Betten-Nummer zuweist und jeweils fünf Euro dafür einsammelt. Ich erinnere sie an das Versprechen der Gratis-Übernachtung bei gelungener Gedichtrezitation und lege los. Mit theatralischer Pose schmettere ich auf Spanisch die ehrwürdigen Barockverse des genialen Calderón in das Licht der Abendsonne. Die beiden Schwaben vor mir rutschen nervös auf ihren Stühlen, denn der Calderón-Monolog ist recht lang und ich sehe keinen Grund, meine feierliche Rezitation zu beschleunigen. Nach dem letzten Vers („…denn das ganze Leben ist ein Traum…“) applaudieren Cayetana und zwei neben ihr wartende Spanier, aber die beiden Schwaben schauen streng und der eine meint: „Sie wissen, dass die Frei-Übernachtung nur fürs Zitieren schwäbischer Dichter gilt – und das ist hier wohl nicht der Fall.“ Cayetana stemmt empört die Hände in die Hüften und flüstert mir zu: „Da sieht man wieder, wie geizig diese Schwaben sind. Was bilden die sich bloß ein? Sind wir hier im Schwabenland oder in Spanien? Und überhaupt: so einen Mega-Dichter wie unseren Calderón haben die nun echt nicht zu bieten.“ (Allerdings werde ich den Verdacht nicht los, dass Cayetana selbst diesen Monolog bis heute gar nicht kannte).

Mit den Nummern für die Betten erhalten wir den Hinweis, dass Frauen- und Männerschlafsaal hier strikt getrennt sind. Daher wundere ich mich, als fünfzehn Minuten später eine Invasion von drei Frauen in unseren Männerschlafsaal eindringt – und die vierte ist meine andalusische Begleiterin. Cayetana wirft achselzuckend ihren Rucksack aufs obere Bett und meint: „Die Geschlechtertrennung wurde soeben aufgehoben, weil der Frauenschlafsaal total überfüllt ist.“

Um halb neun abends sitzen wir in der Kapelle und nehmen teil an der Pilgerandacht. Tiefste Stille. Alle versuchen auf ihre Art mehr oder weniger erfolgreich zu meditieren. Plötzlich donnert der Klingelton von Cayetanas Handy durch das sakrale Schweigen – die Melodie von Shakiras „Ojos Así“! Verzweifelt kramt sie in den Tiefen ihres Rucksacks, der ganze Refrain wird abgespielt, bevor sie es endlich findet und ausschalten kann. Cayetana ist rot wie eine Chilischote und murmelt eine Entschuldigung. Der Priester lächelt gnädig (er scheint Shakiras Lied über schwarze Augen auch zu kennen) und fragt unsere Klingelton-Sünderin, ob sie Englisch könne und ob sie bereit für eine kleine Buße sei. Cayetana nickt stumm – was bleibt ihr auch anderes übrig? Zur Strafe muss sie nun die Pilgererfahrungen der englischsprachigen Pilger ins Spanische übersetzen und die Worte des Priesters ins Englische. „Voll anstrengend“, stöhnt sie nach der Messe.

Es ist schon fast halb zehn und da unsere Herberge um 22 Uhr die Pforten schließt, muss das Abendessen teilweise ausfallen. Für das übliche 3-Gänge-Pilgermenü bleibt jedenfalls keine Zeit, deshalb bestellen wir in der einzigen Bar des Dorfes La Faba nur eine „Blitz-Linsensuppe“, allerdings eine riesige Portion, die wir hastig innerhalb von zehn Minuten in uns hinein löffeln. Dann folgt ein Wettrennen – so gut das mit einem Topf Linsensuppe im Bauch geht – zurück zur Herberge, wo wir um drei Minuten vor 22 Uhr unter dem gestrengen Blick der schwäbischen Türhüterin einlaufen. Diese Nacht hat Cayetana keinen Traum, an den sie sich erinnern könnte. Dafür spricht sie im Schlaf: „…das ganze Leben…ist doch alles bloß ein Traum…“ Viva Calderón!
Der Monolog aus Calderons „La Vida es Sueño“ (Das Leben ist ein Traum)

Tipps und Links:
Etappe von Villafranca nach La Faba: 24 Kilometer

www.ccbierzo.com

Unterkunft und Verpflegung:
Unterkunft in La Faba: Pilgerherberge des deutschen (schwäbischen) Jakobsvereins „Ultreya“, neben der von dieser Gesellschaft renovierten Kapelle San Andrés (sehr schöne Pilgermesse gehalten von Franziskanermönchen wochentags 20.00 Uhr), Tel. 630-836865: Küche, Heizung, Waschmaschine, Terrasse. Freundliche Aufnahme. Übernachtung: 5 Euro. Wer ein Gedicht eines schwäbischen (und nur schwäbischen!) Dichters rezitieren kann, darf kostenlos übernachten. Schließt 22.00 Uhr.

Verpflegung in La Faba: Die Dorf-Bar (sie hat keinen Namen, denn es gibt nur eine, am der Pilgerherberge entgegen gesetzten Ortsende): Pilgermenü mit drei Gängen für 10 Euro, sehr große Portionen, empfehlenswert v.a. die Linsensuppe, sehr herzliche Bedienung.

Kirchen:
Kapelle San Andrés in La Faba: am Ortseingang rechts, erbaut im 18. Jahrhundert, einfaches Gebäude aus Bruchsteinen mit Glockenwand. Im 20. Jahrhundert in ruinösem Zustand und vom Jakobsverein „Ultreya“ restauriert.