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Auf dem Jakobsweg mit Don Carmelo und Cayetana (22)

Zweiundzwanzigste Etappe: Melancholie und Mandelschokolade in Astorga

Etappe von Hospital de Órbigo nach Astorga: 17,5 Kilometer

Am 20. Juni 2013 um 7 Uhr 30 brechen wir spät und zögernd von Hospital de Órbigo auf, noch erschöpft von der gestrigen Etappe des Grauens. Allerdings ist unsere heutige Etappe weniger als halb so lang, das sollte also spielend zu schaffen sein. Sogar die Sonne, die sich zwei Tage nicht hat blicken lassen, erleuchtet wieder unseren Weg. Es bleibt allerdings kühl und der flache, schneebedeckte Gipfel des 2.288 Meter hohen Teleno, südlichster Punkt der Montes de León, ist plötzlich recht nahe und sein Anblick begleitet uns die nächsten zwei Tage.

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Nachdem Cayetanas Blase am linken Fuß gestern abend optimal behandelt wurde, kann sie nun wieder fast normal marschieren. Ohne Pause kommen wir zügig voran durch eine Landschaft, die an steppenhafter Ödnis verliert und mit jedem Kilometer nach Westen grüner wird. Üppig blühender Ginster und zahlreiche Bäume lockern das Landschaftsbild auf. Schon gegen 11 Uhr taucht die alte Römerstadt Astorga am Horizont auf. Römisch ist heute nur noch ein Torso ihrer Stadtmauern. Von weitem wird diese nur 10.000 Einwohner zählende Kleinstadt im äußersten Westen Kastiliens dominiert von einem ungleichen Gebäudepaar: der mächtigen, doppeltürmigen Kathedrale und dem merkwürdigen Märchenschloss des berühmten Antonio Gaudí. Astorga ist eine „doppelte“ Camino-Stadt, denn hier treffen der Hauptweg, der sogenannte Camino Francés, und der längste Jakobsweg, die in Sevilla beginnende Vía de la Plata, zusammen. Bevor man als Pilger das schöne Astorga betreten darf, muss man noch eine letzte kuriose Hürde überwinden. Es gilt eine turmhohe Fußgängerbrücke zu erklimmen, die über die Eisenbahngleise führt und wahrscheinlich erst vor kurzem hier errichtet wurde (sieht sehr neu aus), um die immer noch weiter wachsenden Pilgerströme sicher und ohne großen Umweg über die Bahnlinie zu leiten.

Dann stehen wir vor dem „Mini-Neuschwanstein“ – Gaudís mit zahlreichen Türmchen und Gesimsen verziertem Bischofspalast, der am Ende nie von einem Bischof bewohnt wurde und heute als Jakobsweg-Museum dient. Wie kam der gefeierte Architekt Gaudí, der als patriotischer Katalane 98% seiner Werke nur in Barcelona und Umgebung realisierte, dazu, hier in diesem entlegenen kastilischen Kleinstädtchen einen Auftrag anzunehmen? Der Grund war katalanischer Klüngel, denn der Bischof Grau Vallespinós, der ihm 1886 den Auftrag zuteilte, war selbst Katalane und wollte mitten im mittelalterlichen Provinznest eine mondäne Behausung haben, die moderne Vorzüge mit historischem Erscheinungsbild vereinte. So schuf Gaudí direkt neben der Kathedrale diese kleine Granitburg in einem gotischen Fantasy-Stil, ein Frühwerk, das im Vergleich zu seinen bekanntesten Schöpfungen in Barcelona allerdings (zumindest von außen) noch etwas bieder und unentschlossen wirkt. Der Bischof erlebte die Fertigstellung seiner Prachtvilla nicht mehr und sein Nachfolger wollte hier nicht wohnen, der Bau war ihm „zu modern“.

Weil wir unsere Pilgerherberge nicht auf Anhieb finden, wenden wir uns jetzt noch nicht der Kathedrale zu, sondern lassen uns zuerst von ein paar eifrigen Damen im Tourismus-Büro den Weg dorthin erklären. Es ist zwar keine Eile geboten, denn die Herberge „San Javier“ wartet mit immerhin 100 Betten auf müde Pilger, die sollten zu dieser frühen Stunde um 12 Uhr mittags noch nicht alle belegt sein. Aber wir wollen bei der Stadterkundung lieber ohne schwere Rucksäcke unterwegs sein. Die Herberge befindet sich in einem ca. 450 Jahre alten Renaissancepalast, der mühsam an seine neue Funktion angepasst wurde. Eines wird uns schon beim Hinaufsteigen in die zweite Etage klar: die Jahrhunderte alte Holztreppe ist zwar romantisch, gibt aber bei jedem Schritt Geräusche von sich, die jedem Soundspezialisten von Gruselfilmen zur Ehre gereichen würden. Bei hundert Mitbewohnern, von denen zwei Drittel irgendwann nachts die Toiletten eine Etage tiefer benutzen müssen, bleibt es wohl eine vergebliche Hoffnung, hier Schlaf zu finden. Zudem gibt es in diesem alten Gemäuer keine Heizung – bei der noch immer herrschenden Kälte könnten wir in der nächsten Nacht zwei Schlafsäcke übereinander gebrauchen.

Also zurück in die Sonne, die zumindest mittags die Höhenluft erwärmt. Und die grandiose Barockfassade der eigentlich spätgotischen Kathedrale Santa María ins beste Licht rückt.

Staunend verweilen wir vor diesem Wunderwerk, das alle Register barocker Effekte zieht: tanzende und musizierende Engel beleben die Fassade ebenso wie ein ganzer Wald von himmelwärts strebenden Fialen, kleine, verschnörkelte Brücken, die sie mit den Türmen verbinden, zerbrechlich wirkende Balkongeländer, die aus unzähligen Engeln, Nymphen und Fabelwesen bestehen. Das Ganze wird gekrönt von einer durchbrochenen Fensterrose zwischen eleganten, von Säulchen getragenen Baldachinen. Gegen diesen Phantasiereichtum des Barocks verblasst Gaudís Granitpalast nebenan. Und auf der rechten Seite des gewaltigen Portalbogens der Kathedrale entdeckt Cayetana zwei halbnackte, sich lässig räkelnde Engelsgestalten als Eskorte für ein fliegendes Jesuskind, dem ein Spruchband aus dem Mund wächst. Natürlich versteht meine jugendliche Begleiterin die lateinische Inschrift auf diesem Spruchband nicht (was lernen die Kinder eigentlich überhaupt noch in der Schule?). Ich muss also übersetzen: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein…“ So lauteten die berühmten Worte von Jesus an die Adresse der selbsternannten Richter, die eine Ehebrecherin steinigen wollten (und nach diesen Worten die Steine fallen ließen).

Dieses Motto gefällt Cayetana und angesichts der erotischen Barockengel auf der Fassade redet sie sich in Rage, weil sie sich über die Doppelmoral der Kirche aufregt. „Das ist wieder typisch – jetzt guck Dir nur diese Fassade an – mit so viel Sex hat die Kirche Werbung für sich gemacht: schon in der Renaissance hat nicht nur Michelangelo Christus als nackten olympischen Muskelprotz dargestellt und im Barock so wie hier wirken die Engel wie aus einem Dolce & Gabbana Werbespot gefallen. Und dann geht dieselbe Kirche seit Jahrhunderten hin und redet uns ein, wie böse und schlecht alles sei, was mit dem Körper zu tun hat und auf den Körper blickt – und das alles nur weil die Pfaffen neidisch sind, weil sie ja selbst Körper nicht genießen dürfen!“ „Nicht so laut!“, mahne ich und werfe einen besorgten Blick auf das Fenster wo die Eintrittskarten verkauft werden. Ich habe Angst, dass man uns wegen ihrer aufrührerischen Reden am Ende den Eintritt ins Allerheiligste verweigern könnte.

Pünktlich als die Kathedrale um 16 Uhr nach der Mittagspause wieder öffnet, treten wir ein. Und da noch Siesta ist, genießen wir das seltene Privileg, in diesem riesigen Tempel fast eine halbe Stunde ganz allein umher wandeln zu dürfen.

Eine viertelstündige Meditation widmen wir allein dem gigantischen, ca. 20 Meter hohen Renaissance-Hauptaltar (1553 – 1558) von Gaspar Becerra, nachdem Cayetana einen Euro geopfert hat, um die Beleuchtungsmaschinerie anzuwerfen, die diese Altarwand mit goldenem Glanz anstrahlt.

Dann lassen wir uns von allen Seiten von sakraler Kunst berieseln. Über uns die filigranen gotischen Sterngewölbe, darunter wetteifert die berühmte Inmaculada im Strahlenkranz von Gregorio Fernández (1626) mit der kunsthistorisch eher unbedeutenden, aber auch entzückenden Madonna, die über einen Dschungel von Lilien hinweg Strahlen aus ihren Händen sendet. Ein magischer Sonnenstrahl erleuchtet die Figur des auferstandenen Christus in einem Seitenaltar und irgendwo versteckt auf dem Sockel eines Altars entdecken wir die minimalistische Darstellung eines einsamen Segelbootes, das dem Morgenstern entgegen steuert. Nur unsere Schritte hallen im riesigen Raum und wir geben uns in einem meditativen Rundgang vielen erstaunlichen Entdeckungen hin, bis plötzlich eine Invasion von drei spanischen Schulklassen die heilige Stille gründlich beendet. Aber bis dahin haben wir schon alles gesehen.

Als wir von der Kathedrale hinüber zum Gaudí-Palast marschieren, hat der Himmel schon wieder düstere Gewitter-Wolkenberge aufgetürmt. Mit einem Schlag wirkt die ganze Stadt wie die Kulisse für einen Vampirfilm und Gaudís Schloss wie eine Dracula-Burg. Aber die beiden schönen Bronze-Engel vor dem Portal scheinen alle bösen Kreaturen abzuwehren. Wir treten ein in Gaudís Zauberwelt – und sind schon nach ein paar Augenblicken tief beeindruckt. Die Raumwirkung ist magisch. Genial die Lichtführung durch die Säle, die hohen, farbigen Fenster schaffen eine geheimnisvolle Atmosphäre und dadurch, dass die Räume nicht voneinander abgetrennt sind, eröffnen sich immer neue Perspektiven des Schauens, auch über mehrere Etagen von der Balustrade hinunter in die Kapelle. Besonders beeindruckend sind die „Menschenfenster“ (so nennt Cayetana Gaudís farbige Jugendstil-Fenster in stilisierter Menschengestalt).

Plötzlich lässt ein heftiges Donnergrollen den Phantasiepalast Gaudís erzittern. Das Gewitter ist kurz, aber es regnet noch, als wir uns wieder hinaus in die Kälte wagen. Die Plaza Mayor mit dem prächtigen Barock-Rathaus wird vom Regen überflutet, wir flüchten uns unter die Arkaden und Cayetana flucht. Der abendliche Regen lässt Temperatur und Stimmung sinken, auf dem Weg zurück zur Herberge breitet sich Melancholie aus über dem Städtchen am Fuße der Montes de León. Wenig später sitzt Cayetana missmutig mit angewinkelten Beinen auf ihrem Schlafsack, unschlüssig, ob sie da schon vor Sonnenuntergang hinein schlüpfen soll. Mir fällt nur eine Möglichkeit ein, um sie aufzuheitern. „Schokolade?“ flüstere ich ihr zu, erkläre ihr, dass Astorga früher Spaniens Schokoladen-Hauptstadt war und biete ihr an, sofort in dem alten Laden hinter der Kathedrale ein paar Tafeln zu kaufen. Sie gibt zwar keine Antwort, aber ihr Gesichtsausdruck erhellt sich gnädig bis zu einem kaum angedeuteten Lächeln. Dies ist mir Befehl genug und so spurte ich zu Álvarez Benedi und kaufe die klassische Vollmilchschokolade mit ganzen Mandeln, für die Astorga berühmt war. Der Name dieser Mandelschokoladentafeln von erfreulicher XXL-Größe ist „Angélicas“ (die Engelshaften).

Bei ihrem Anblick löst sich Cayetana sofort aus ihrem Zustand lethargischer Depressivität und greift zu. Die köstlichste und gesündeste Droge der Welt, für die wir Mexiko auf ewig dankbar sein müssen, wirkt wahre Wunder.

Noch bevor die erste Tafel ganz aufgegessen ist, lacht Cayetana schon wieder und als wir durchs Fenster blicken, wird uns ein größeres Wunder präsentiert. Die Gewitterwolken sind weiter gezogen und ungefähr zehn Minuten, bevor sie hinter den Berggipfeln im Westen versinkt, überflutet die Abendsonne Astorga mit einem überirdisch wirkenden Licht. Wir packen unsere Kameras und stürmen hinaus. Die Gassen, das alte Kloster des Heiligen Geistes neben unserer Herberge, die Türmchen und Engel der Kathedralfassade – alles wird angestrahlt von rotgoldenem Licht. Ein Versprechen für den morgigen Tag?

Cayetana träumt in dieser Nacht gar nichts, weil sie nämlich überhaupt nicht schläft. Das knarzende Konzert der dreihundertjährigen Holztreppe reißt sie immer wieder aus verzweifelten Bemühungen des Einschlummerns, bevor sie auch nur die erste Traumphase erreichen kann.

Tipps und Links:
Etappe von Hospital de Órbigo nach Astorga: 17,5 Kilometer

www.aytoastorga.es/turismo-y-ocio/
www.arteguias.com/catedral/astorga.htm
www.redalberguessantiago.com
www.turismocastillayleon.com

Unterkunft und Verpflegung:
Private Pilgerherberge „San Javier“, in einem Renaissancepalast aus dem frühen 16. Jahrhundert installiert, Calla Portería 6, Tel. 987-618532, Waschmaschine, Trockner, Küche, Internet, Frühstück. Zu empfehlen nur im Sommer, da keine Heizung. Massenherberge, aber im Ambiente eines historischen Monumentalbaus, der nur einen Steinwurf von der Kathedrale entfernt ist. Übernachtung: 8 Euro

Restaurant „El Capricho“, C. Santiago (Ecke C. Santiago Crespo): Pilgermenü (3 Gänge inkl. Wein) – es gibt verschiedene Varianten 12 – 18 Euro, zu empfehlen ist die teurere, z.B. Kichererbsensuppe, Kalbsfilet mit Käsesoße, Trüffeltorte.

Schokoladengeschäft Álvarez Benedi (hinter der Kathedrale, C. Doctor Mendo Perez): ein Laden wie vor hundert Jahren, überhaupt nicht chic, eher Lagerhallen-Flair, dafür sehr authentisch und die XL-Schokoladentafeln mit oder ohne Mandeln sowie andere Süßwaren sind hier preiswert und in zumeist großen Packungen erhältlich.

Kirchen und Monumente:
Kathedrale Santa María von Astorga: ein das ganze Städtchen beherrschender spektakulärer Monumentalbau, in den Grundformen ein spätgotischer Tempel (Baubeginn 1471), bei der Innenausstattung überwiegt neben dem gotischen Chorgestühl von Johann von Köln der Renaissancestil (grandioser Hochaltar von Gaspar de Becerra; 1553 – 1558 und Inmaculada von Gregorio Fernández, 1626). Barocke Doppelturm-Fassade mit ultrabarockem Mittelteil voller tanzender Engel. Im erstaunlich großen Kathedralmuseum gibt es von frühchristlichen Sarkophagen aus dem 3. Jahrhundert über gotische Passionsgemälde bis hin zu Goldschmiedearbeiten des 19. Jahrhunderts so ziemlich alles. Öffnungszeiten (Kathedrale und Museum): Dienstag – Samstag 11.00 – 14.00 Uhr (Sommer ab 10.00 Uhr) und 16.00 – 18.00 Uhr (Sommer bis 20.00 Uhr), Sonntag nur vormittags 11.00 – 13.00 Uhr geöffnet, Montag geschlossen. Eintritt 3 Euro (Kathedrale/Museum). Sehr empfehlenswert das „Kombi-Ticket“: Kathedrale + Bischofspalast + beide Museen (Kathedrale und Camino): 5 Euro

Bischofspalast von Antonio Gaudí (mit Museum des Jakobswegs im Innern): eines der wenigen Werke des großen katalanischen Architekten hier im Westen Spaniens, Baubeginn 1889. Von außen vielleicht nicht restlos überzeugend (wirkt wie eine spanische Mini-Version von Neuschwanstein), ist die Raumwirkung im Inneren phänomenal, vor allem beeindrucken die „Fenster mit Menschengestalt“ und die Gesamtkomposition, die immer wieder schöne Perspektiven eröffnet (z.B. von der Balustrade hinunter in die Kapelle). Eines der schönsten Profangebäude am Camino. Im Untergeschoss Sarkophage und archäologische Fundstücke, im Erdgeschoss Exposé der Geschichte des Jakobsweges und historische Kunstwerke, im Obergeschoss moderne Kunstwerke, die sich auf den Camino beziehen. Öffnungszeiten: Dienstag – Samstag: 10.00 – 14.00 Uhr und 16.00 – 20.00 Uhr, Sonntag nur vormittags geöffnet, Montag geschlossen. Eintritt: 3 Euro. Empfehlenswert das „Kombi-Ticket“: Kathedrale + Bischofspalast + beide Museen: 5 Euro

Kirche San Bartolomé: romanisch-gotischer Bau (11. – 13. Jahrhundert) mit teils barocker Innenausstattung

Schokoladenmuseum (C. José María): Öffnungszeiten: 10.30 – 14.00 Uhr und 16.30 – 19.00 Uhr. Sonntag nur vormittags geöffnet, Montag geschlossen. Eintritt: 2,50 Euro