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Auf dem Jakobsweg mit Don Carmelo und Cayetana (19)

Neunzehnte Etappe: Marathon auf der Römerstraße durch das große Nichts

Etappe von Sahagún über die Calzada Romana nach Reliegos: 32 Kilometer

Am 16. Juni 2013 um 6 Uhr verlassen wir die Herberge der Dreifaltigkeit und suchen während der Morgendämmerung in den Gassen von Sahagún den Weg nach Westen. Heute ist der frühe Aufbruch besonders heroisch, denn ich habe aufgrund der nächtlichen Trompetenattacke der städtischen Blasmusik zum Volksfest höchstens zwei Stunden geschlafen und Cayetana, die sich heimlich hinaus in die lärmende Dunkelheit geschlichen hatte, hat wahrscheinlich gar kein Auge zugetan.

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Um dem großen Donnerwetter vorzubeugen, wirkt sie jetzt wenigstens sehr diszipliniert, sattelt ohne Murren ihren Rucksack und protestiert auch nicht, als es kein Frühstück gibt.

Die Gassen des kastilischen Kleinstädtchens sind noch immer voller junger Menschen in unterschiedlichen Betrunkenheitsstadien, die unter zünftigem Gegröle in den Buden und Kneipen ihr Katerfrühstück nach durchzechter Nacht einnehmen (meist Tortilla oder Ziegenschinken). Die ganz Mutigen frühstücken sogar „Churros con Chocolate“ (heißes Spritzgebäck mit dickflüssigem Kakao) – ob sie diese Kombination nach einem Dutzend Gin-Tonic oder was auch immer bei sich behalten, wäre eine lokale Medizinstudie wert gewesen. Immer wieder auf unserem Spießrutenlauf Richtung Pilgerbrücke brüllen uns von fröhlichem Alkoholkonsum gezeichnete Jugendliche lallend ein „Buen Camino!“ entgegen oder hinterher. Wir entschließen uns gnädig, dabei allein den guten Willen und weniger die mangelhafte Form zu würdigen.

Endlich können wir die Brücke über den Río Cea Richtung Santiago überqueren. Ausgerechnet heute, nach einer schlaflosen Nacht, erwartet uns das, was ich Cayetana als „ultimativen Härtetest“ angekündigt hatte: der endlose Marsch durch die Einsamkeit über einen Abschnitt der alten Römerstraße Richtung León. Da ahnte ich noch nicht, dass dieser Härtetest nur zwei Tage später noch dramatisch übertroffen werden sollte.

Aber der Tag beginnt gut – bei Sonnenaufgang wandern wir zunächst über einen schönen Pfad unter üppig blühenden Bäumen hindurch bis Calzada de Coto. Zunächst ist die Landschaft noch nicht so eintönig wie befürchtet. Ein paar vereinzelte, mächtige Steineichen und Futter suchende Störche lockern die Monotonie der kastilischen Steppe hier auf. Cayetana wirkt am Anfang noch entspannt, sogar fröhlich, und fotografiert alle Arten exotischer Wiesenblumen am Wegesrand, als wollte sie Botanikerin werden.

Gegen 10 Uhr erreichen wir das 150-Einwohner-Dorf Calzadilla de los Hermanillos, das unerwartet plötzlich an diesem Sonntagmorgen aus der endlosen Weite der Ebene auftaucht. „Dieses Kaff hat ja noch nicht mal ne Kirche“, bemerkt Cayetana, während wir das einzige Sträßchen entlang gehen.“Aber wenigstens eine Kneipe“, deute ich auf das stattliche Hotel-Restaurant „Casa el Cura“. Hier erfahren wir, dass es immerhin eine winzige Kapelle im Dorf gibt, die der Jungfrau der Schmerzen gewidmet ist (allerdings geschlossen). Auf der schönen Terrasse des für dieses winzige Dorf überdimensionierten Landgasthofs erwarten uns ein sehr freundlicher Kellner und ein Trio alter Damen, die uns neugierig betrachten. Wir bestellen Bocadillos mit zünftigem Ziegenschinken (Cayetana begnügt sich mit Käse, denn angeblich ist sie ja seit ein paar Wochen Vegetarierin). Das Damen-Trio besteht aus Rentnerinnen aus Barcelona, die erschreckend fit sind: beiläufig erwähnen sie, dass sie gestern 35 Kilometer geschafft haben. Der Kellner flirtet mit ihnen – oder sie mit ihm, das wird nicht ganz klar. Sie fragen ihn scherzhaft, ob er nicht schon mal ihre Rucksäcke im Wagen bis León transportieren könnte. Aber angesichts des unerwartet hohen Preises für diesen Transport beschließen sie, ihr Gepäck lieber selbst weiter zu schleppen.

Als wir das Dorf auf der Römerstraße Richtung León verlassen, begegnen wir einer alten Frau ganz in Schwarz, die gestützt auf ihren Stock mitten auf dem Weg steht und mit in Gedanken verlorenem Blick nach Westen schaut. Vielleicht starrt sie auf die schneebedeckten (!) Gipfel der Montes de León, die in der Ferne wie eine Fata Morgana über der Steppe schweben. Wir folgen dem Schild, das die Pilger mit der stolzen Aufschrift „Calzada Romana“ mitten ins Nichts führt. „Das sieht ja hier aus wie in Kasachstan!“, meint Cayetana nach einem Rundumblick in die gnadenlose Weite der Landschaft. Cayetana war noch nie in Kasachstan, aber hörte immer neugierig zu, wenn ich von meinen Eindrücken von dort berichtete. Seitdem findet sie es schick, ständig irgendwas mit Kasachstan zu vergleichen, weil sie weiß, dass ihre Freundinnen in Cádiz da nicht mitreden können.

Wir hatten während der letzten Tage ja schon viele Etappen durch die monotone Hochebene Kastiliens absolviert, aber das hier übertrifft alles. Das große Nichts. Leere soweit die Blicke reichen (und das ist ziemlich weit!). Stille. Das einzige, was man hört, ist der Wind, der fast niemals schweigt. Fast drei Stunden sind wir nun seit der Frühstückspause unterwegs und die Landschaft sieht immer noch gleich aus. Plötzlich lässt sich Cayetana am Wegesrand fallen, blickt trotzig zu mir hoch und dann zum Horizont und brüllt: „Wir kommen überhaupt nie an! Seit Stunden sieht hier alles total gleich aus. Wenn der Weg nicht so gerade wäre, würde ich sagen, wir sind im Kreis gegangen.“ In der Tat ist dies vielleicht die „leerste“ Strecke des ganzen Camino: auf den 20 Kilometern zwischen Calzadilla und Reliegos, die einem wie 200 vorkommen, gibt es soweit das Auge reicht, nicht ein einziges Haus und auch keine anderen Spuren menschlicher Zivilisation zu entdecken. Da kann man schon mal in ein Motivationsloch fallen.

Zum Glück dauert Cayetanas Sitzstreik diesmal nur fünf Minuten. Und als wir schon glauben, in einer Zeitschleife auf einer windumtosten Wiese im Nirgendwo gefangen zu sein, taucht unser Ziel in einem Tal auf: Reliegos, ein Dörfchen mit 30 Häusern. Kurz vorher eine Abzweigung. Hier könnte man der Römerstraße noch bis zum nächsten Dorf folgen, das wären aber weitere sieben Kilometer. „Na, wie wärs, noch ein Stückchen?“, frage ich meine Begleiterin und zeige nach Westen. Cayetana stemmt die Hände in die Hüfte und holt ganz tief Luft – „Ist ja schon gut“, umarme ich sie lachend, bevor sie einen Schrei der Empörung von sich geben kann, „wir bleiben natürlich hier, für heute reicht es wirklich…“

In der Pilgerherberge von Reliegos treffen wir im Innenhof auf eine sonntägliche Skatrunde der Senioren des Dörfchens: ein Dutzend mumienhafter Greise, die zu erstaunlich lauter Musik ihre Karten neben einen Kreis von Cognac-Gläsern auf den Tisch knallen. In solchen Dörfern sind viele der Herbergen nicht nur für die Pilger da, sondern auch soziale Treffpunkte für die Einwohner, die hier im Austausch mit sich und der Welt gegen ihre Langeweile ankämpfen. Cayetana übernimmt das auf ihre Art. Nach dem Duschen stolziert sie in ihrem Bikini betont langsam diagonal durch den Patio, so dass jemand in der Skat-Runde vor Aufregung einen Domino-Effekt auslöst: fast alle Cognac-Gläser gegen mit lautem Klirren zu Bruch. Na, das kann ja noch heiter werden.
Tipps und Links

Etappe von Sahagún über die Calzada Romana nach Reliegos: 32 Kilometer
www.redalberguessantiago.com
www.turismocastillayleon.com

Unterkunft und Verpflegung:
Unterkunft in Calzadilla de los Hermanillos: Private Herberge (eher Hotel) „Casa el Cura“, Carretera Nr. 13, Tel. 979-337647 oder 619-137764: gediegenes Landhotel, bietet in dieser Einöde schon fast bizarren Luxus. 2-, 3- und 4-Bett-Zimmer, alle mit Bad, keine Küche, nur Verpflegung im gleichnamigen Restaurant. Übernachtungspreise siehe: www.lacasaelcura.com

Unterkunft in Reliegos: Private Pilgerherberge „La Parada“, Calle Escuela Nr. 7, Tel. 987-317880; alles sehr neu und sauber, kleine Zimmer mit je drei Hochbetten (Übernachtung 7 Euro), Waschmaschine und Trockner, Bar und Restaurant mit Terrasse im Innenhof, kleiner Laden: www.alberguelaparada.com

Verpflegung in Calzadilla de los Hermanillos: Bar/Restaurant „Casa el Cura“ (s.o.), begrenzte Auswahl, aber gut und günstig. Vor dem Marathon über die Römerstraße sollte man hier in jedem Fall einkehren und sich stärken und mit Getränken eindecken.

Verpflegung in Reliegos: Restaurant der Pilgerherberge „La Parada (s.o.)“: Pilgermenü (3 Gänge inkl. Wein) 10-12 Euro.

Kirchen:
Nur eine Kapelle an der Dorfstraße von Calzadilla de los Hermanillos (Ermita Virgen de los Dolores, geschlossen), ansonsten: nichts! Hier ist der Tempel die Natur und die Einsamkeit der Steppe!