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Auf dem Jakobsweg mit Don Carmelo und Cayetana (18)

Achtzehnte Etappe: Sahagún – romantische Ruinen und eine maurische Madonna

Etappe von Terradillos de los Templarios nach Sahagún: 13,5 Kilometer

15. Juni 2013 um 7 Uhr. Heute stehen wir mal spät auf und lassen es ruhig angehen, denn vor uns liegt – so zumindest der Plan – die kürzeste Tagesetappe unseres gesamten Camino: nur 13 Kilometer.

„Für so ne Ministrecke lohnt es sich ja kaum, die Wanderschuhe zu schnüren, das könnte ich auch mit Flip-Flops gehen.“ – Cayetanas Kommentar beim Frühstück. Aber das verbiete ich ihr kategorisch, schließlich hat sie schon zwei Blasen am linken Fuß.

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Während wir eifrig Magdalena-Biskuits in uns hinein stopfen, setzen sich zwei junge Pilgerkollegen aus den USA zu uns. Der begrenzte Platz in Pilgerherbergen ist sehr kommunikationsfördernd und so will es der Zufall, dass sich der 26-jährige Daniel (wir hatten ihn gestern beim Abendessen kennen gelernt und Cayetana hatte bereits beide Augen auf ihn geworfen) und sein jüngerer Bruder David mit uns den Tisch teilen. Es stellt sich heraus, dass Daniel perfekt Spanisch spricht, weil er schon seit zwei Jahren in Spanien lebt und als Lehrer arbeitet. Sein Bruder ist aus Seattle gekommen, um mit ihm den Camino zu gehen. Wir unterhalten uns über die Sehenswürdigkeiten, die uns im heutigen Zielort Sahagún erwarten.

Cayetana freut sich besonders auf eine andalusische Madonna, die von Spaniens größter Bildhauerin Luisa Roldán in Sevilla in der Epoche des Hochbarock geschaffen wurde. Cayetana liebt alle Werke von La Roldana (1652 – 1704) – daheim in der Kathedrale von Cádiz stehen drei ihrer Meisterwerke, ein Christus und zwei Heiligenstatuen. Und meine rebellische Freundin verehrt diese Künstlerin aus Sevilla auch als „große Feministin“, die sich damals in der Männerwelt der Kunst am spanischen Königshof durchsetzen konnte. Daniel wird hellhörig und zeigt großes Interesse an sämtlicher Kunst entlang des Camino. Und er ist – im Gegensatz zu den meisten seiner ahnungslosen Landsleute aus den USA – sehr gut informiert über Spaniens Geschichte und Kultur. Ich muss ihm nicht erklären, was Mudéjarkirchen sind, von denen es in Sahagún besonders viele gibt. Ungeduldig schiebt er die halbvolle Kaffeetasse von sich: „Worauf warten wir? Die Monumente von Sahagún warten auf uns!“

Auf dem Weg zu unserem Tagesziel versetzt Daniel uns immer mehr in Staunen, als er uns von Eindrücken bei seiner Lektüre des Codex Calixtinus berichtet. Dass ein US-Amerikaner überhaupt diesen ersten, im 12. Jahrhundert vom französischen Mönch Americ Picaud verfassten Reiseführer des Jakobswegs kennt, ist schon überraschend. Aber dass er die Beschreibungen dieses Mönchs kritisch hinterfragt, zeigt sein profundes Wissen über diese Epoche. Wir vertiefen uns in eine Diskussion über den Bedeutungswandel des Jakobswegs im Lauf der Geschichte von einer Propagandamaßnahme zur Besiedelung Nordspaniens im 11. und 12. Jahrhundert bis zum mystischen Massenphänomen heute.
Während unserer angeregten Gespräche haben wir kaum noch auf den Camino oder die hier eher langweilige Landschaft geachtet und sind überrascht, als wir plötzlich vor der Einsiedler-Kapelle hinter der kleinen Brücke am Ortseingang von Sahagún stehen.

Neben der Kapelle markiert eine Säule mit Santiago-Ritter die Stelle, an der genau die Hälfte des französischen Jakobswegs durch Spanien geschafft ist. „Für uns gilt das nicht, wir haben schon längst die Hälfte hinter uns“, kommentiert Cayetana stolz. Das ist richtig, weil wir die längere Anfangs-Variante des aragonesischen Weges gewählt hatten, lag schon vor zwei Tagen die Hälfte des Weges hinter uns.

Überall in der Hauptstraße von Sahagún wird ein Volksfest mit Stierkampf und Konzerten angekündigt: Sahagún en Fiestas! In unserem Reiseführer wird das geschichtsträchtige Städtchen Sahagún als ein „unordentliches Dorf“ bezeichnet. Das ist leicht untertrieben. „Das sieht hier ja aus wie nach einem Bombenangriff!“, entfährt es Cayetana beim Anblick der Ruinenlandschaft im Westen der Altstadt neben der Kirche San Tirso. Das gewaltige Portal, das die meisten heute für ein Stadttor halten, wurde im Barock erbaut und war der würdige Eingang zum größten Benediktinerkloster Spaniens. Die Gebäude des Klosters San Benito nahmen ein Viertel des gesamten Ortes ein.

Nach einigen Bränden über die Jahrhunderte und Zerstörungen durch die Truppen Napoleons, die sich hier, wie vielerorts in Spanien schlimmer als die Vandalen aufführten, liegt der riesige Gebäudekomplex seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Trümmern und wurde auch manches Mal als Steinbruch genutzt. Übrig blieben nur das monumentale Eingangstor, eine Kapelle und der Uhrenturm. Und die romantischen Ruinen, die nun von vielen Storchennestern bevölkert werden. Neben den Klosterruinen wurden jetzt die Kirmes-Karussells fürs Volksfest platziert, so dass ein böse grinsendes Piratengesicht direkt neben dem Kirchturm auftaucht.

In unmittelbarer Nähe der Ruinen steht die imposante Mudéjarkirche San Tirso mit ihrem Turm, der wie ein rechteckiges Minarett wirkt. So lange wir außen herum gehen, sind wir von den harmonischen Proportionen und der scheinbaren Intaktheit dieses Backsteinbaus aus dem 13. Jahrhundert beeindruckt. Innen werden wir aber leider enttäuscht. Alle Gewölbe sind modern, die Wände weiß verputzt, nur der schlichte Altarraum, dekoriert mit Templerkreuzen, ist noch authentisch. „Das muss vor ein paar Jahrhunderten mal sehr schön gewesen sein“, bemerkt Daniel mit einem melancholischen Blick durch den Raum. Heute wird dieser Tempel kaum noch als Pfarrkirche, sondern als sakrales Museum genutzt. In San Lorenzo bietet sich uns ein ähnliches Bild. Der Turm ist noch höher und breiter als San Tirso, aber innen ist auch dieser Bau ein Torso.

Unsere Unterhaltung in diesem Dorf ruinöser Monumentalbauten auf dem Weg von einer Kirche zur nächsten kreist um Gott und die Welt, die eigene Vergänglichkeit und die Suche nach dem, was bleibt. Plötzlich greift Daniel unser Gespräch vom Marsch durch die Felder wieder auf und fragt mich, wie ich den Camino mit Mystik in Zusammenhang bringe. Ich muss ein paar Meter lang nachdenken, bevor ich antworte: „Die drei Schritte des mystischen Weges – Purificatio, Illuminatio und Communio – kann man in den drei großen Landschaften des Camino wieder finden. Die mühsamen Auf- und Abstiege durch die verschiedenen Bergketten im Osten Spaniens von den Pyrenäen bis zu den Montes de Oca entsprechen der Purificatio, die sonnenerfüllte Steppe Kastiliens symbolisiert die Illuminatio und in den paradiesisch grünen Tälern und Wäldern Galiziens kann man die Communio ansiedeln.“ Daniel gefällt dieser Gedanke und er macht sich eine Notiz in sein Tagebuch.

Inzwischen sind wir am Wegkreuz bei der Pilgerbrücke angekommen, setzen uns ans Ufer und unterbrechen die Besichtigungsrunde durch Sahagún für ein kurzes Eiweißriegel-Picknick. Cayetana erinnert mich daran, dass wir das Wichtigste noch nicht gesehen haben: La Peregrina, die andalusische Madonna. In diesem Moment schultern Daniel und sein Bruder ihre Rucksäcke und verabschieden sich. „Ich würde so gern noch länger hier bleiben“, erklärt uns Daniel, „aber wir müssen heute noch 15 Kilometer schaffen, denn wir müssen unbedingt in 12 Tagen in Santiago sein, weil mein Bruder dann seinen Rückflug in die USA hat.“ Traurig nehmen wir Abschied und blicken den beiden nach, wie sie über die Brücke nach Westen gehen. „Wie schade – endlich lerne ich mal einen sympathischen Yankee kennen und dann ist er gleich wieder weg“, murmelt Cayetana. „Naja, er gefällt Dir doch nur, weil er aussieht wie ein Boygroup-Sänger“, versuche ich die Schwärmerei meiner Begleiterin einzudämmen. „Nein“, protestiert sie heftig, „er ist so…intellektuell.“ Es ist das erste Mal, dass ich dieses Wort aus ihrem Mund höre. Jedenfalls Zeit, uns wieder unserem Ziel zu widmen.

Auf der Suche nach der Madonna von La Roldana klopfen wir an die Tür des Benediktinerklosters Santa Cruz, wo uns eine sehr übel gelaunte Nonne mitteilt, die Jungfrau weile nicht mehr bei ihnen, sondern in ihrer fertig restaurierten Kirche drüben auf dem Berg. Aber für zwei Euro könnten wir an der Führung durch das Klostermuseum teilnehmen, die in fünf Minuten beginne. Diese Führung durch die drei Säle ist eine Geisterveranstaltung. Kein Mensch, nur eine gespenstische Tonbandstimme dirigiert uns von Saal zu Saal und spult spärliche Erklärungen zu dem einen oder anderen Kunstwerk ab. „Das war jetzt aber nicht der Hit. Und diese Dienerin Gottes war ja so schlecht drauf, die sollte dringend mal eine Smiley-Pille einwerfen…“, resümiert Cayetana trocken und drängt darauf, nun endlich die Madonna von La Roldana zu finden, die nach ihrem Exil bei den Benediktinerinnen zu den Franziskanern zurück gekehrt ist.

Das ehemalige Franziskanerkloster erhebt sich auf einem Hügel nahe der Pilgerbrücke über dem Río Cea am westlichen Ortsausgang. Seiner Errichtung im späten 13. Jahrhundert war ein Streit mit dem mächtigen Benediktiner-Orden voraus gegangen, der kein Kloster der „Rivalen“ im Ortszentrum dulden wollte, so dass das Kloster San Francisco vor den Toren Sahagúns erbaut wurde. Der einschiffige hohe Ziegelsteintempel im Mudéjarstil wurde im 17. Jahrhundert innen barockisiert. Bei der erst 2012 abgeschlossenen Restaurierung der schon ruinösen Kirche wurden alle barocken Hinzufügungen wieder entfernt. Nur die berühmte barocke Madonna blieb. Und im Zentrum des Chorraums platziert, beherrscht sie als „La Peregrina“ mit Pilgerstab in der rechten Hand, schickem Handtäschchen und Jesuskind auf dem linken Arm den ganzen Sakralbau. Wie eine maurische Prinzessin sieht sie aus, diese „Macarena des Nordens“, um 1687 von Spaniens Hofbildhauerin Luisa Roldán in Sevilla geschaffen. Wir sind begeistert. Cayetana fotografiert diese andalusische Schönheit aus vielen Perspektiven, zum Schluss sogar von der hoch oben gelegenen Empore.

Kurz vor Sonnenuntergang stehen wir völlig erschöpft nach diesem monumentalen Tag vor der Pilgerherberge von Sahagún, die unter dem Dachgewölbe der ehemaligen Kirche La Trinidad installiert wurde. Enge Hochbetten drängen sich in dichten Reihen vor einem weinroten Theatervorhang, der die Herberge vom städtischen Konzertsaal trennt. Dieses Kirchengebäude ist also jetzt sehr multifunktional. Cayetana, die wie immer nach oben will, hat Angst, aus dem schmalen Bett ohne Gitter zu fallen. Ich tröste sie mit der Bemerkung, dass sie immerhin auf heiligen Grund – den Kirchenboden – fallen würde. Es kommt aber ohnehin niemand in die Verlegenheit zu schlafen, denn in diesem Moment beginnen die Kirchenmauern zu beben.

Es ist kurz vor Mitternacht und Trommelwirbel und schräg schmetternde Trompeten der städtischen Blaskapelle sorgen für einen Lärm, der die dicken Mauern der Kirchenherberge vibrieren lässt. Und dieser Spaß dauert nicht nur fünf Minuten, denn Sahagún en Fiestas ist ein nachtfüllendes Ereignis. Entnervt schreit eine holländische Pilgerin gegen die Trompetenattacke: „Wie soll denn ein normaler Mensch bei sowas schlafen und um sechs Uhr aufstehen?“ „Gar nicht“, murmelt Cayetana. Die meisten Pilger vergraben ihre Köpfe unterm Schlafsack, aber ohne Erfolg. Die Blaskapelle und ihr ebenso lautstarkes Publikum fühlen sich auf dem Plätzchen vor der Pilgerkirche sehr wohl und denken gar nicht daran, weiter zum Marktplatz zu ziehen.
Aus dem Halbdunkel bei der Treppe ertönt plötzlich die sonore Stimme des Herbergsvaters: „Also da hier wahrscheinlich niemand schlafen kann, lassen wir heute Nacht ausnahmsweise die Türe auf. Allen, die sich jetzt unten in die Fiesta stürzen, wünsch ich viel Spaß – und den anderen viel Glück beim Versuch, trotzdem einzuschlafen…“

Ich bin zu müde für die Fiesta, bleibe einfach liegen und schlafe irgendwann nach Stunden dröhnender Beschallung ein, während die Kirchenmauern weiter durch Trommelwirbel zum Beben gebracht werden. Cayetana aber schleicht sich raus und ich werde wohl nie erfahren, was genau in jener Nacht geschah…

Tipps und Links

Etappe von Terradillos de los Templarios nach Sahagún: 13,5 Kilometer
www.redalberguessantiago.com
www.turismocastillayleon.com
www.sahagun.org
www.villadesahagun.es

Unterkunft und Verpflegung:
Unterkunft in Sahagún: Städtische Pilgerherberge „Peregrinos de Cluny“ in der ehemaligen Dreifaltigkeits-Kirche, C. Arco 87; Tel. 987-782117. Einfach, aber freundliche Betreuung und einzigartiges Ambiente mit den Hochbetten unter den Kirchengewölben. Keine Heizung (!), kleine Küche, Waschmaschine, Internet. Übernachtung 4 Euro. (Ein anderer Teil der Kirche wird heute als Konzertsaal genutzt, so dass an manchen Tagen musikalische Begleitung je nach Musikgeschmack genossen oder ertragen werden kann.)

Verpflegung in Sahagún: Restaurant „La Robles“, direkt am Camino (öffnet schon um 6 Uhr für Pilger, die nicht ohne Frühstück aufbrechen wollen), mittags und abends Pilger-Menü für 12 Euro (mit Flyer der Pilgerherberge 10% Discount): drei Gänge inkl. Wein,. v.a. für deftige kastilische Spezialitäten, besonders köstlich der Salat mit Ziegenkäse und Cecina (luftgetrockneter Ziegenschinken) sowie die Schoko-Mousse, sehr gut auch der Rotwein „Caneiro“ von der Mencía-Traube.

Kirchen:
San Tirso (Sahagún): Mudéjarkirche mit romanischen Elementen, vollendet 1180, außen spektakulär durch den interessanten rechteckigen Turm, der allerdings 1945 neu aufgemauert werden musste, innen enttäuschend, nur in den Absiden die Originalstruktur erhalten, heute Museum mit sakralen Kunstwerken. Öffnungszeiten 10.00 – 13.30 Uhr und 16.30 – 19.30 Uhr). Eintritt frei!

Iglesia de San Lorenzo (Sahagún): Mudéjarkirche mit gotischen Elementen (spätes 13. Jahrhundert), leider nur noch ein Torso, herausragend allein der kolossale, arabisch wirkende Turm, der San Tirso an Größe übertrifft, innen wurde die ruinöse Kirche teils modernisiert und beherbergt heute Reliefs von Juan de Juni und ein kleines Semana Santa Museum (Öffnungszeiten: 10.00 – 14.00 Uhr und 16.30 – 20.00 Uhr, im Winter nur bis 18.00 Uhr).

Iglesia de la Peregrina (Sahagún): monumentale gotische Mudéjarkirche (frühes 14. Jahrhundert, im 17. Jahrhundert innen barockisiert, durch die Restaurierung 2011 wurden die barocken Hinzufügungen weitgehend entfernt), Portale mit maurischen Bögen, in der Sandoval-Kapelle maurisches Sternendekor, im Zentrum des Altarraums die namensgebende, viel geliebte „Pilger-Madonna“, ein barockes Meisterwerk der Hofbildhauerin Luisa Roldán aus Sevilla, 1687). Öffnungszeiten: 10.00 – 13.00 Uhr und 16.00 bis 19.00 Uhr. Eintritt: 3 Euro.