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Auf dem Jakobsweg mit Don Carmelo und Cayetana (17)

Siebzehnte Etappe: Ein Don Quijote aus dem Fernen Osten

14. Juni 2013 um 6 Uhr verlassen wir die Herberge des Heiligen Geistes und wandeln noch etwas verschlafen durch die Gassen von Carrión de los Condes. Und da verweilen wir länger als uns lieb ist, denn irgendwo hinter der Plaza Mayor hatten die Bewohner offenbar keine Lust mehr, die üblichen gelben Pfeile als Wegweiser für die Pilger an Hauswände zu pinseln.

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Wir drehen eine unfreiwillige Ehrenrunde. Als wir zum Ortsausgang kommen, sehen wir links wieder die Kirche, die neben unserer Pilgerherberge liegt: wir sind im Kreis gegangen. Und wir sind nicht die einzigen. Wir treffen noch zwei orientierungslose Kleingruppen von Pilgern, die einen aus Freiburg, die anderen aus den USA, sonst ist niemand unterwegs, nur Pilger stehen in Kastilien so früh auf.

Inzwischen fällt das Licht der aufgehenden Sonne durch die Gassen, in die wir nun zurück gehen, um endlich auf dem richtigen Weg hinaus zu finden. Immer noch keine gelben Pfeile oder Muscheln in Sicht. „Anscheinend wollen die, dass wir hier bleiben“, meint Cayetana, meine andalusische Begleiterin, in gereiztem Ton. Noch ein Umweg, dann gelangen wir endlich durch Zufall auf den Weg, der Richtung Westen aus Carrión heraus führt.

Im Morgenlicht das erste Monument des Tages: ein Kilometer hinter Carrión erheben sich direkt am Camino die prächtige Fassade und der originelle, verschnörkelte Glockenturm des Klosters San Zoilo. Es wird auch das letzte Monument für heute bleiben, denn nun folgt ein Gewaltmarsch durch weitgehend baumlose Felder, um eine der ödesten Etappen des ganzen Jakobswegs zu absolvieren. Auf einer Strecke von fast 27 Kilometern wird es nur zwei Ortschaften geben, ansonsten unter gleißender Sonne liegende Leere. Sehr mürrisch hat Cayetana heute früh auf meinen Befehl hin noch eine dritte 1,5-Liter Flasche Wasser eingepackt, so dass jeder von uns allein viereinhalb Kilo Wasser schleppt. Aber bis zum ersten der zwei Dörfchen sind es allein schon 18 Kilometer, ohne jede Einkaufsmöglichkeit und ohne Brunnen. Diese gnadenlosen Fakten haben auch Cayetanas Respekt vor dieser Etappe gesteigert, mir scheint, sie hat ein wenig Angst davor. Während der ersten zwei Stunden marschiert sie tapfer und erstaunlich diszipliniert und leert nur eine Wasserflasche.
Während beim Kloster San Zoilo noch ein paar Baumgruppen die Landschaft auflockerten, wandern wir inzwischen durch eine öde Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckt.

Trotz der Sonne, die vom wolkenlosen Himmel brennt, ist es nicht heiß, denn der heftige Steppenwind ist kühl und so schwankt man ständig zwischen Trainingsjacke aus- und wieder anziehen.

Meine Begleiterin bemerkt in die Stille hinein: „Diese Landschaft ist so langweilig, dass man sich über jede einzelne Mohnblume freut. Und über jeden Hügel – so lange man ihn nur von weitem sieht und nicht hoch steigen muss.“ Cayetana hatte mir gestern Abend stolz von ihren zwei Blasen am linken Fuß erzählt. Jetzt wird sie etwa einmal pro Stunde quengelig wegen der Schmerzen, aber insgesamt beißt sie in ungewohnter Selbstkontrolle die Zähne zusammen. Sie weiß, dass wir diesen Steppenmarathon so schnell wie möglich und ohne großes Selbstmitleid hinter uns bringen müssen. Durch die von orgelndem Wind erfüllte Weite schreiten wir voran und nähern uns einem Punkt auf dem Weg, der sich bald als menschliches Wesen entpuppt. Auf den ersten Blick sieht dieser Pilgerkollege aus wie viele: ausgestattet mit Pilgerstab, rotem Rucksack mit Trinkflasche und Strohhut. „Aber mit wem redet der?“, flüstert Cayetana mir zu. Wir sind jetzt schon nah bei ihm. Es ist ein kleiner Koreaner, der sein Gesicht zu seltsamen Grimassen verzieht und auch sein Fortbewegungsstil ist bizarr: ein paar Schritte voran, dann zwei zurück, dabei macht er Täuschungsmanöver wie in einem Kung-Fu-Kampf. Er führt laute Selbstgespräche in einem wirren Gemisch aus Englisch, Spanisch und vermutlich Koreanisch und fuchtelt mit seinem Pilgerstab wild in der Luft herum, als ob er ein Schwert in den Händen halte. Vielleicht hält er sich für Don Quijote, der sich in einen Kampf gegen imaginäre Windmühlen am Horizont stürzen will. „Bloß schnell vorbei“, raunt Cayetana zu mir, um eine Sekunde später dem blind um sich Schlagenden ein beherztes „Buen Camino“ ins Gesicht zu brüllen, als sie an ihm vorbei hastet.

Als wir uns nach ein paar Minuten nochmal umblicken, folgt uns dieser Don Quijote aus dem Fernen Osten, malt weiter Schwerthiebe mit seinem Stab in die Luft und stößt ab und zu laute Schreie in einem Kauderwelsch aus, in dem einzelne spanische Worte vorkommen. Cayetana macht eine Scheibenwischer-Geste und wir beeilen uns, den Abstand zu ihm zumindest konstant zu halten. „Der war ja total gestört! Verwechselt den Camino wohl mit einer Casting-Show für ne chinesische Quijote Verfilmung!“ „Koreanische – ich glaub der Mann ist Koreaner“, verbessere ich meine Freundin. „Na ist ja auch egal, jedenfalls ein Quijote aus dem Osten und ganz ohne Sancho Pansa…“, entgegnet Cayetana. Wir bauen unseren Vorsprung aus. Dann ist wieder Schweigen über der Steppe.

Nach zwei Dritteln des Weges wird die Weizenwüste abgelöst durch nackte, braune Äcker. Gerade als ich den interessanten Rundturm eines Kornspeichers fotografieren will, trampelt eine mit Skistöcken bewaffnete US-Amerikanerin in hektischem Eiltempo grußlos an uns vorbei. Auf das von Cayetana betont freundlich geschmetterte „Buen Camino!“ zeigt sie keine Reaktion. Sie hat es vielleicht gar nicht gehört, denn sie absolviert ihren Marathon mit Kopfhörern. „Die spinnt wohl, die Alte, was bildet die sich ein?!“, platzt es aus Cayetana heraus. Sie nimmt es als persönliche Beleidigung, wenn man ihren Gruß nicht erwidert. „Los, hinterher! Die holen wir noch ein. Und was macht die überhaupt hier? Wenn sie ein Fitnessprogramm durchziehen will, kann sie das zu Hause in ihrem Gym machen, dafür muss sie nicht zu uns nach Spanien kommen! Wenn sie weder links noch rechts guckt, ist es ihr am Ende egal, ob sie über den Camino läuft oder irgendeinen kalifornischen Highway entlang joggt…“ Unser Ehrgeiz ist zwar geweckt, aber etwas enttäuscht muss ich zugeben, wir haben es nicht geschafft, die „gedopte Yankee-Tussi“ (Originalton Cayetana) einzuholen. Aber dafür sind wir eine Viertelstunde später – und deutlich früher als befürchtet – endlich am Ziel: Terradillos de los Templarios.

Nicht gerade eine Weltstadt. Als wir die ersten Häuser abschreiten, kommentiert Cayetana böse, sie müsse noch überlegen, ob man sowas hier überhaupt schon Dorf nennen könne. Es ist 13 Uhr, als wir den mit den üblichen Storchennestern besiedelten Kirchturm mit schief sitzendem Kreuz passieren. Das 55-Seelen-Nest döst in der Mittagssonne und wirkt wie die staubige Filmkulisse für einen Western in der Prärie. Dann stehen wir vor unserer Pilgerherberge, deren Portal mit dem Mosaikbild eines Tempelritters dekoriert ist. Die Ländereien dieser Gegend haben im 13. Jahrhundert dem Orden der Tempelritter gehört und die Herberge erinnert daran mit ihrem Namen: Jacques de Molay, der letzte Großmeister des Ordens, der 1307 nach einer widerlichen Intrige zwischen dem raffgierigen französischen König Philipp dem Schönen und dem Marionetten-Papst Klemens V. auf dem Scheiterhaufen hingerichtet wurde. Danach teilten König und Papst die Reichtümer der Tempelritter unter sich auf. Hier im Herzen Kastiliens konnten sich die Ritter dieses mysteriösen Ordens noch ein paar Jahre länger gegen ihre Verfolger behaupten und die Bewohner von Terradillos sind stolz auf das Erbe der Templer. Im Garten der Herberge weht eine Fahne mit dem blutroten Kreuz der Tempelritter.

Freudig überrascht nehmen wir ein besonderes Angebot dieser Pilgerherberge an: Übernachtung in richtigen Betten in einem Vierbettzimmer statt im großen Schlafsaal mit Hochbetten. Während der Siesta gibt es die übliche Rollenverteilung: während ich unsere Sachen ordne und dreckige Klamotten wasche, räkelt sich Cayetana in purpurfarbenem Bikini auf der windgeschützten Terrasse in der Sonne. Als ich die Wäsche aus dem Trockner zerre, steht sie plötzlich wutentbrannt mit gepacktem Rucksack vor mir, stemmt die Hände in die Hüften und schnaubt: „Rat mal, wo ich grad herkomme!“ – „Du riechst nach Nivea, also vom Sonnenbaden?“ – „Nein, aus unserem Zimmer – und jetzt rate mal, wer heut Nacht direkt neben uns liegt in Bett Nr. 3? Dieser Verrückte! Auf der Stelle packe ich jetzt meinen Rucksack und wechsle in die andere Herberge, ich habe Angst vor diesem Kung-Fu-Quijote! Am Ende hält er uns für maurische Eindringlinge und köpft uns im Schlaf mit seinem Schwert!“ Ich versuche, sie zu beruhigen und meine, so weit würde es wohl nicht kommen, obwohl mir der Gedanke an diesen bizarren Schlafnachbarn auch nicht behagt. Nach zehn Minuten kommt Cayetana zurück, wirft ihren Rucksack wieder aufs Bett und berichtet, dass in der anderen Herberge nichts mehr frei sei. Dabei schielt sie auf unseren Nachbarn, der friedlich in seinem Bett liegt, das Gesicht mit Strohhut bedeckt.

Beim Abendessen kommt das Gespräch irgendwann auf den koreanischen Don Quijote. „Habt ihr auch diesen Gestörten gesehen, der seinen Pilgerstab mit einem Schwert verwechselt?“ „Leider bleibt es nicht beim Sehen“, verkündet Cayetana in die Runde – „er schläft direkt neben uns und eins ist damit klar: ich werde heute bestimmt kein Auge zutun!“ Aufgeregtes Gemurmel und mitleidige Blicke aller sind die Reaktion auf diese Nachricht. Daniel, ein braun gebrannter US-Boy aus Seattle, fragt scherzhaft, ob er neben ihr Nachtwache halten solle. Zudem hat er eine abenteuerliche Theorie über unseren Quijote, die weinseliges Gelächter erntet: „Ich glaube ja, den hat vielleicht die Stadtverwaltung von Carrión bezahlt, um für Entertainment der Pilger auf dieser eintönigen, langweiligen Wegstrecke zu sorgen…“ Cayetana wirft dem hübschen Daniel einen langen Blick zu und ich ahne schon das Schlimmste. Aber jetzt wird erst mal in den Schlafsack gekrochen, und zwar allein. Entgegen ihrer Befürchtung schläft Cayetana irgendwann ein und träumt in dieser Nacht, dass sie mitten auf dem Weg eine kleine, demnächst Schatten spendende Pinie pflanzt und gießt.

Tipps und Links

Etappe von Carrión de los Condes nach Terradillos de los Templarios: 26,5 Kilometer
www.redalberguessantiago.com
www.turismocastillayleon.com

Unterkünfte:
Unterkunft in Calzadilla de la Cueza: Private Pilgerherberge „Camino Real“, Calle Francesa Nr. 26, Tel. 979-883 041: Waschmaschine, Trockner, Internet, Garten mit Pool, keine Küche, Verpflegung in der gleichnamigen Bar. Übernachtung 7 Euro.

Unterkunft in Terradillos de los Templarios: Private Pilgerherberge „Jacques de Molay“, im Zentrum: Calle La Iglesia Nr. 18, zu erkennen an Tempelritter auf der Fassade und Templerfahne, Tel. 979-883679; großer Schlafsaal mit Hochbetten (Übernachtung 7 Euro) sowie kleines Zimmer mit vier „richtigen“ Betten (Übernachtung 9 Euro), Waschmaschine und Trockner, Bar und Restaurant, schöne Terrasse, kleiner Laden, freundliche Atmosphäre. yacquesdemolay@hotmail.com

Essen und Trinken:
Verpflegung in Calzadilla de la Cueza: Bar/Restaurant der Pilgerherberge „Camino Real“ (s.o.), begrenzte Auswahl, aber gut und günstig.

Verpflegung in Terradillos de los Templarios: Restaurant der Pilgerherberge „Jacques de Molay (s.o.)“: Pilgermenü (3 Gänge inkl. Wein) 12 Euro.

Kirchen:
Kloster San Zoilo: anderthalb Kilometer hinter Carrión de los Condes am Camino, (Öffnungszeiten: 10.30 – 14.00 Uhr und 16.30 – 19.00 Uhr).