Print

Posted in:

Auf dem Jakobsweg mit Don Carmelo und Cayetana (10)

Zehnte Etappe: Im Kloster von Nájera

26. August 2012. 6.15 Uhr. Es muss wohl nicht betont werden, wie schwer es war, Cayetana an diesem Sonntagmorgen bei Sonnenaufgang wach zu rütteln und zum Aufbruch zu bewegen. Das lag nicht nur an der guten Flasche Rioja, die sie am Vorabend genossen hatte, sondern vor allem daran, dass sie die halbe Nacht wach gelegen und vergeblich auf eine SMS des von ihr angebeteten Barmanns aus der Calle Laurel gehofft hatte. Entsprechend unerträglich ist ihre Stimmung jetzt. Dabei ist abgesehen von ihrem „Liebeskummer“ alles optimal: das Wetter ist sonnig und warm, aber nicht mehr so heiß wie vor dem gestrigen Gewitter, wir wandern durch den schönen Stadtpark von Logroño, als begleitet von Vogelgesang die Sonne aufgeht.

Camino-de-Santiago-2013-8661Cayetana hat keinen Blick für das erste Licht des Tages, die schöne Zypressen-Allee, durch die der Camino hinter dem Stadtausgang führt, oder den Stausee, der sich südlich des Weges ausbreitet. Seit anderthalb Stunden sind wir nun schon unterwegs und sie geht stur in gewissem Abstand hinter mir her, ohne auch nur ein Wort zu verlieren.

Stundenlang wandern wir durch die hügelige Weinlandschaft der Rioja, kommen vorbei an Eingangstoren, die zu den Kellern berühmter Weingüter führen. Als am Horizont der Hügel von Navarrete auftaucht, zerreißt plötzlich Cayetanas Stimme anklagend die Stille: „Jetzt sind wir schon 13 Kilometer gegangen und haben noch nicht mal Kaffee getrunken!“ Da hat sie allerdings recht, denn als wir in Logroño aufbrachen, waren noch alle Cafés geschlossen und seitdem haben wir nur Zypressen und Weinreben, aber kein Dorf gesehen. Ich versuche, meine demotivierte Begleiterin zu beruhigen und versichere ihr, dass wir in Navarrete bestimmt ein offenes Café finden würden.

Camino-de-Santiago-2013-8680In diesem zentralen Ort der Rioja werden wir mit Glockengeläut empfangen. Angeblich ist die riesige Renaissance-Dorfkirche Iglesia de la Anunciación, die fast die Dimensionen einer Kathedrale hat, ein Werk des Escorial-Architekten Herrera. Wir betreten das Gotteshaus, in dem die Gemeinde auf den Beginn der Sonntagsmesse wartet und bewundern den gigantischen vergoldeten Barockaltar, der den gesamten Chorraum ausfüllt. Leider sind alle meine Fotos von diesem Wunderwerk verwackelt – vielleicht ein Symptom des Koffeinmangels?

Als die Gemeinde sich erhebt und der Priester am Beginn der Messe zur Kanzel schreitet, verlässt Cayetana fluchtartig die Kirche und raunt mir beim Hinauseilen zu, dass sie unmöglich eine ganze Messe auf nüchternen Magen durchhalten könne. Ich folge ihr und wir marschieren durch die Hauptgasse von Navarrete. Es ist kein Café zu finden, sonntägliche Stille breitet sich aus. Nur in einem Luxushotel am Weg scheint es im Inneren auch eine Cafetería zu geben, aber Cayetanas kommunistischer Stolz verbietet ihr das Betreten eines solchen Etablissements.

Camino-de-Santiago-2013-8690„Eher werd ich auf dem Camino verhungern und dann heilig gesprochen!“

Ruft sie mir über die Schulter zu und lässt keinen Zweifel an ihrer dramatischen Entschlossenheit. Wenig später sind wir wieder inmitten von weitläufigen Weinfeldern und marschieren Richtung Nájera. Kein Kaffee, kein Brötchen oder Croissant. Nur Wasser und ein paar Mandeln und getrocknete Aprikosen. Cayetana schreitet nun voran, im Wut-Schritt-Modus. Als es mir mit einiger Mühe gelingt, sie einzuholen, registriere ich erschreckt ihren Gesichtsausdruck. Sie schreitet durch die unschuldigen Weinreben mit ihrem Amoklauf-Blick: „Keiner liebt mich und ich liebe sowieso keinen!“ Es wäre ein großer Fehler, sie jetzt anzusprechen.

„Guten Morgen, junge Pilger!“, tritt plötzlich ein fast hundertjähriger Greis aus den Reihen der Weinreben auf uns zu, mit der linken Hand gestützt auf einen Stock, in der rechten zwei sehr verlockend aussehende Weintraubenzweige.

Camino-de-Santiago-2013-8695Wie ein Bote des Himmels überreicht er jedem von uns die violette Köstlichkeit. Wir sollten uns die reifen Trauben schmecken lassen und in Santiago für ihn beten. Wir bedanken uns artig und Cayetana bemerkt, dass er großes Glück habe, dass ihm ein so schöner Weinberg gehöre. „Dieser Weinberg gehört gar nicht mir“, entgegnet der Alte schon im Fortgehen. Er dreht sich noch einmal um, lächelt und flüstert augenzwinkernd:

„Sagen wir, diese Trauben sind aus dem Weinberg Gottes…“

Cayetana, noch den Mund voller Trauben, ist zum ersten Mal an diesem Tag gut gelaunt und prustet los: „Voll cool, dieser Alte! Klaut und verteilt die Trauben von seinem Nachbarn an Pilger und lässt sich dafür feiern!“ Gestärkt mit den Früchten aus dem „Weinberg Gottes“ erreichen wir nach endlos langem Marsch von 31 Kilometern zur Siesta-Zeit Nájera, die ehemalige Residenzstadt der Dynastie des Königreichs Navarra, heute ein geschichtsträchtiges Dorf im Herzen der Rioja.

Camino-de-Santiago-2013-8736Camino-de-Santiago-2013-8724Camino-de-Santiago-2013-8729Camino-de-Santiago-2013-8734Camino-de-Santiago-2013-8749Camino-de-Santiago-2013-8745Begrüßt werden wir von einem merkwürdigen Graffito an einer Brücken-Unterführung: „Kölner here – Beim Brunnen“. Darunter steht eine Adresse, offenbar bietet mein Landsmann hier Massagen an.

Wir überqueren die Brücke, dann stehen wir vor dem monumentalen Mausoleum der Könige von Navarra, Santa María la Real. Vor allem der Kreuzgang dieses Klosters ist zu Recht weltberühmt. Wir gelangen in einen Paradiesgarten aus verschlungen wuchernden Steinschnörkeln, die ohne arabischen Einfluss kaum denkbar wären. Als letztes Glanzstück der monumentalen Klosteranlage wurde er um 1518 im plateresken Renaissancestil neben der Kirche errichtet.

Dann treten wir ein in die spätgotische Kirche, die in den 1420er Jahren erbaut wurde, als Erweiterung eines Gotteshauses, das an eine Höhle grenzt. In der Grotte erwartet uns die von Legenden umrankte romanische Marienstatue, die hier im 11. Jahrhundert vom König Navarras gefunden wurde und der wir dieses riesige Kloster verdanken. Vor ihr leuchten eine rote und eine grüne Kerze. Alles in dieser an Kunstschätzen reichen Klosterkirche ist beeindruckend: der golden glänzende barocke Hochaltar von 1690, die gotischen Gewölbe, die Höhle inmitten der Kirche, die vielen verzierten Sarkophage, in denen die sterblichen Überreste der Königsfamilien von Navarra ruhen.

„So viele Särge machen mich depressiv – ich muss hier sofort raus!“ Mit diesen Worten lässt Cayetana mich allein zwischen all den Steingräbern und ist auch schon ins Tageslicht entschwunden. Durch ihre voreilige Flucht verpasst sie die – nach dem Kreuzgang – größte Sehenswürdigkeit des Klosters: das spätgotische Chorgestühl im Hochchor der Kirche, vollendet kurz vor 1500.

Es ist nicht nur sehr kunstvoll geschnitzt, sondern präsentiert eine Schwindel erregende Fülle an Überraschungen: Charakterköpfe, die verschiedene Rassen darstellen, Heilige mit Pestbeulen, Fratzen, die dem erstaunten Betrachter die Zunge rausstrecken, eine Madonna mit einem schwarzen Jesuskind.

Und der Blick von hier oben hinab auf das gesamte Kirchenschiff ist großartig. Man fühlt sich kurz wie im Himmel – dann klatscht die Führerin in die Hände und bittet die Besichtigungsgruppe resolut zum rasanten Abstieg über die Wendeltreppe.

Draußen finde ich Cayetana am Fluss ein Sonnenbad nehmend. Entkleidet bis auf einen grell pinkfarbenen Bikini räkelt sie sich auf einer Bank am Ufer. Ich erinnere sie daran, dass wir uns langsam eine Bleibe für die Nacht suchen sollten. Viel Auswahl gibt es nicht mehr. Nachdem wir in zwei kleineren privaten Herbergen abgewiesen wurden, weil schon jedes Bett belegt war, stehen wir jetzt vor der turnhallenartigen 100-Betten-Herberge der Stadtverwaltung. Und bekommen die Nummern 90 und 91 zugewiesen. Nun ja, „suboptimal“ sei diese Massenherberge, findet Cayetana nach einem schnellen und leicht ängstlichen Blick auf die ansehnliche Warteschlange vor den Toiletten. (Suboptimal ist eines der neuen Lieblingswörter von Cayetana – von mir hat sie das nicht – sie benutzt es fast täglich, um ihren Unmut in einer bestimmten Situation sanft aber deutlich Ausdruck zu verleihen). Wir flüchten aus diesem Turnhallen-Saal, um uns zumindest ein üppiges Abendmahl vor dem kargen Nachtlager zu gönnen.

Im 15. Jahrhundert schrieb ein deutscher Pilger, der in Nájera Station machte: „Die Frauen der Herberge lärmen mit den Pilgern, aber die Essenrationen sind gut bemessen.“ Das gilt auch heute noch, denn hier bekamen wir in stattlichen Portionen eines der besten Pilgermenüs des ganzen Camino vorgesetzt, so dass wir sehr zufrieden zum riesigen Schlafsaal zurückkehren. Trotz des befürchteten Schnarchkonzerts schlafen wir erstaunlich gut in Nájera. Cayetana hat allerdings einen Albtraum, in dem sie in einer finsteren Dracula-Gruft an einer endlosen Galerie von Baby-Särgen entlang gehen muss, in denen hunderte von kleinen Prinzen mit Vampirzähnchen liegend aufs Aufwachen warten.

Tipps und Links:

www.bodegasbaigorri.com

Etappe von Logroño nach Nájera: 31 Km

Unterkunft in Nájera:
Städtische Pilgerherberge, Plaza de Santiago 90, unmittelbar hinter der Brücke am Ufer entlang links, Tel. 941-360675. Übernachtung freiwillige Spende. Großer Saal mit eng gestellten Betten, Turnhallen-Atmosphäre und gemessen an der Bettenzahl sehr wenige Duschen/WCs.

Private Pilgerherberge „Puerta Nájera“, Calle Carmen 4, Tel. 941-896009: neu und relativ komfortabel, Wäscheservice. Übernachtung 10 Euro

Verpflegung in Nájera:
Empfehlenswert: Restaurant „Los Panales“, Calle Mayor: dreigängiges Pilgermenü inkl. Wein 12 Euro, sehr gut und großzügig (Chorizo-Kartoffel-Eintopf, Carillada (Gulasch), Joghurt)

Schräg gegenüber: „La Taberna de Manú“: Bodega, die preiswert beste Rioja-Weine bietet, z.B. Viña Berneda

Kirchen:
Iglesia Santa María Asunción, Navarrete: geöffnet: nur vor und nach den Messen ca. 11.30 – 13.30 und 18.00 – 20.00, evtl. hat man Glück und es wird auch zwischendurch aufgeschlossen

Klosterkomplex Santa María la Real, Nájera: Geöffnet Di. – Sa. 10.00 – 13.00 und 16.00 – 19.00 Uhr, Mo. Geschlossen!, So. 10.00 – 12.30 und 16.00 – 18.00, Eintritt: 3 Euro