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Argentinien kompakt (05/2009)

Ingo Malcher, Tango Argentino. Porträt eines Landes

Die Geschichte Argentiniens beginnt – wie die anderer lateinamerikanischer Länder auch – mit einem Irrtum: Silber hätte es im Fluss in Hülle und Fülle geben sollen, weswegen er 1526 von Sebastián Caboto den Namen Río de la Plata erhielt, wovon später „Argentinien“ (Silber = lat. Argentum) abgeleitet wurde.

Das erfährt man im Buch von Ingo Malcher über Argentinien, wo er zehn Jahre als Korrespondent tätig war. In dieser Zeit hat er viele Reportagen über das Land geschrieben, und einige davon, z.B. über die dort untergetauchten Nazis oder über eine von Arbeitern übernommene Fabrik, hat er zwischen die Sachtexte gestellt, die alles Wichtige über das Land vermitteln sollen. Eine gute Idee, wird auf diese Weise doch die Materie aufgelockert und so können auch nicht rein wissenschaftlich interessierte Leser für ein Sachbuch gewonnen werden. Die Auswahl ist subjektiv, meiner Meinung nach ein wenig exotisch, aber nachvollziehbar, wenn man weiß, dass der Autor dem links-progressiven Lager hierzulande entstammt und keinen Hehl aus seinen Sympathien für linke Parteien, Wirtschaftstheorien, Revolutionäre und Reformer macht. Umso unerklärlicher der in die Irre führende und meiner Ansicht nach dumm gewählte Titel des Buches, der den Durchschnittsbetrachter an eines der vielen Bücher über Tango denken lässt. Dabei handelt nur ein Kapitel über diese, für Argentinien typische, Musik.

Ingo Malcher
Tango Argentino. Porträt eines Landes
Beck
München 2008
Seiten 208
12,95 Euro

Nach den ersten zehn Seiten, auf denen Malcher die Geschichte der Region bis zur Unabhängigkeit von Spanien schildert, wird das Buch richtig interessant. Denn schon während der Unabhängigkeitskämpfe bilden sich Phänomene heraus, die bis heute prägend für das alsbald „Argentinien“ getaufte Land sein sollten. So musste der Befreier José San Martin sehr schnell seine Vision vom geeinten Land begraben, die Politik kleinkarierten Parteigängern überlassen und ins Exil gehen. Lektion 1: Bis heute sind Männer mit Visionen in Argentinien – wenn überhaupt – nur gefragt, solange sie keine Machtansprüche erheben!

Als Folge wurde der junge Staat von verschiedenen Provinzgrößen (caudillos) beherrscht. Lektion 2: Bis heute beherrscht „provinzielles“ Denken die Machtelite, die nicht fähig und willens ist, ihr Land zu entwickeln, sondern nur in die eigenen Taschen wirtschaftet, koste es auch Menschenleben (mit einigen rühmlichen Ausnahmen wie Domingo Faustino Sarmiento). Dieses arbeitet der Autor in den folgenden Kapiteln immer wieder gut heraus. Sarmiento schrieb 1845: „Die Gesellschaft ist völlig verschwunden, was bleibt ist die feudale Familie […] und da es kein gesellschaftliches Band gibt, wird jede Art von Regierung unmöglich…“ Das liest sich wie aus einem aktuellen politischen Kommentar.

Hinzu kam, dass es der großen Zahl von Einwanderern aus Europa nicht möglich war, das von den vertriebenen indígenas gestohlene Land zu erwerben, da die Elite es für sich beanspruchte. So konnte nie, wie zum Beispiel in den USA, eine auf Pioniergeist und einer starken Mittelschicht basierende Gesellschaft entstehen, die für eine funktionierende Volkswirtschaft und eine stabile Demokratie die beste Voraussetzung darstellt.

Der bis heute wichtigsten politischen Strömung im Land, dem Peronismus, widmet Malcher viele Seiten. Die sind aber auch nötig, um eine so heterogene, in sich widersprüchliche und erneut von caudillos geprägte Organisation zu verstehen. Das einzige, was sie gemeinsam hatten bzw. haben sind ein „strammer Nationalismus“ (Malcher), der Wille zum Machterhalt und „meistens“ der Hang zu Nepotismus und Korruption. Es folgen Kapitel zur Diktatur der Massenmörder ab 1976 und deren schwierige Aufarbeitung nach der Rückkehr zur Demokratie 1983.

Durch den daran anschließenden Abschnitt zur Wirtschaftsgeschichte des Landes zieht sich erneut wie ein roter Faden die Weigerung der Großgrundbesitzer(elite), ihr Land zu entwickeln, indem sie sich lieber von Großbritanniens Importen abhängig machten (die gesamte Ausstattung des argentinischen gauchos, Seil, Poncho, Messer, Sporen, stammte Ende des 18. Jahrhunderts von dort). Malcher versteht es, an den richtigen Stellen kurze Anekdoten oder Zusatzinformationen einzuflechten (wie z.B. über die gaucho-Ausrüstung oder über deutsche Brauereigründungen), die aus wissenschaftlicher Sicht wohl nicht nötig gewesen wären, die aber die oft trockenen Fakten plastischer und lebendiger werden lassen (etwas, das die deutsche Wissenschaftselite! wohl nie verstehen wird). In diesem Kapitel lobt Malcher – wir erinnern uns seiner Sympathien – die importsubstituierende Industrialisierung Argentiniens seit den 20er Jahren, vergisst dabei aber, genau wie deren größter Verfechter, der argentinische Ökonom Raul Prebisch, dass in einer, auch damals schon, globalisierten (Handels)Welt, solche Konzepte nicht von langer Dauer sein konnten. Eine stufenweise Anpassung aller Wirtschaftszweige an den Weltmarkt wäre wohl eine bessere Lösung gewesen als die Isolierung der heimischen Industrie durch Schutzzölle, staatliche Lenkung und der damit verbundene Aufbau riesiger Bürokratien. Denn die so durch die unvermeidliche Öffnung verursachte Wirtschaftskrise (inkl. Korruption etc.) nach der Militärdiktatur traf vor allem die erste demokratische Regierung.

Der Autor erwärmt sich auch für den (in der Theorie schönen) Gedanken eines Wirtschaftsbundes und glaubt, weil die Länder ähnliche Probleme haben, könnten sie diese auch gemeinsam lösen. Er lässt dabei leider außer Acht, dass das ja schon in den einzelnen Ländern nicht funktioniert (siehe Lektion 1 und 2). Wie soll man sich in von Korruption geprägten Ländern ernsthaft grenzüberschreitende Kapitalverkehrskontrollen oder eine gemeinsame Sozialpolitik vorstellen? In diesem Abschnitt fehlt mir außerdem ein Kapitel zur Umweltproblematik und -politik des Landes – Stichworte Sojaanbau oder Vernichtung des Pantanal –, das den Leser über die riesigen Umweltsünden dort informiert.

Der Abschnitt zur Kultur enthält Texte über den Tango, die Medien(konzentration), die Cafés von Buenos Aires, die als verlängertes Wohnzimmer fungieren und in denen wohl so manche Wendung im Lauf der Geschichte des Landes ihren Anfang nahm, sowie ein Kapitel über die Intellektuellen und die Literatur. Er beschreibt die quantitativ und qualitativ hohe Produktion von Büchern und Medien sowie die enorme Kreativität und betont, dass diese sich auch in Zeiten der Krise irgendwie hält, eine Erfahrung, die ich bestätigen kann. „Die argentinische Gesellschaft suchte und fand in ihren Intellektuellen und Künstlern die moralischen Reserven, um ihre Identität und ihr verlorenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen“, schrieb dazu Mempo Giardinelli.

Dabei klebt der Autor sehr stark an den (linken) universitären Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, deren Leistungen für die Entwicklung der Demokratie er lobt. Und dafür, dass die argentinische Literatur so bedeutend ist, erscheint die Auswahl der Schriftsteller-Journalisten Martin Caparrós und Rodolfo Walsh, Roberto Arlt sowie der international bekannten Autoren Victoria Ocampo, Jorge Luis Borges und Julio Cortázar, etwas dürftig. Auswahl muss sein und jeder vermisst etwas anderes, aber ob unter solchen Beschränkungen einige Seiten über eine Randfigur wie Felix Weil (einen Förderer der Frankfurter Schule) für Leser, die ein Land und seine Eigenheiten kennen lernen wollen, wichtiger sind als mehr Informationen zur Literatur oder zum Film, zur Malerei oder Musik bzw. zur Folklore, die gänzlich fehlt, möchte ich bezweifeln. Immerhin der Fußball kommt zum Zug. Malcher berichtet von korrupten Funktionären und gewalttätigen Fans. Und davon, dass dieser Sport, übrigens von den Briten in Argentinien eingeführt, den „30 Millionen Trainern“ im Land trotzdem mehr bedeutet als vieles andere. Beim Derby „River Plate“ gegen „Boca Juniors“ sind die Straßen im Land wie leer gefegt.

Fazit: Seinen Anspruch, den Leser Argentinien anzunähern, löst Malcher ein und das in gut verständlicher Art und Weise. Allerdings setzt er manchmal nicht nachvollziehbare, nur für eine Minderheit interessante, Schwerpunkte, die den ein oder anderen potenziellen Mainstream-Käufer wohl eher abgeschreckt haben und die Platz beanspruchen, der für ein „Landesporträt“ sinnvoller Weise anderen Themen zur Verfügung hätte stehen sollen. Die anhängende Literaturliste enthält – neben der verwendeten Literatur – zu wenige deutschsprachige Quellen für die anvisierte Leserschaft (interessierte Laien) und inhaltlich zu wenig über kulturelle Themen.

Fotos: amazon